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    V. Leclerc Lafage, Montpellier au temps des troubles de Religion (Ruth Schilling)

    Francia-Recensio 2013/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Valérie Leclerc Lafage, Montpellier au temps des troubles de Religion. Pratiques testamentaires et confessionnalisation (1554–1622), Paris (Honoré Champion) 2010, 512 p., ill; fac-sim. (Vie des huguenots, 52), ISBN 978-2-7453-1877-0, EUR 90,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ruth Schilling, Berlin

    Valérie Leclerc Lafages Studie über Montpellier in der Zeit der Konfessionskriege entstand aus ihrer im Jahre 2004 an der Université de Bordeaux III verteidigten Doktorarbeit. Diese wurde von Anne-Marie Cocula und Jean-Pierre Dedieu betreut. Methodisch ist sie durch das Interesse an dem Zusammenhang zwischen Schriftkultur und Sozialstruktur geprägt sowie dem Versuch, Informatik und Geschichtswissenschaften trotz des eher gegenläufigen Trends zur Mikro-Perspektive miteinander zu vereinen.

    Valerie Leclerc Lafage möchte konfessionelle Unterschiede in der Praxis der Testamente analysieren. Hierfür hat sie ein Untersuchungssample von 1556 Testamenten für den Zeitraum von 1554–1622 ausgewählt. In ihrer Fragestellung vereint sie zwei unterschiedliche Forschungsansätze: das theoretisch-methodische Konzept der Konfessionalisierung, dessen Übertragbarkeit auf die französische Geschichte zu diskutieren ist 1 , und das aus der Annales-Tradition herrührende Interesse an einer Erforschung der Testamente. Diese Methode erlaubt es, über einen längeren Zeitraum hinweg die Haltung sowohl zu religiösen Fragen zu beobachten als auch aufgrund der jeweiligen Erbregelungen die Mentalität gegenüber sehr irdischen Dingen. Im Gegensatz zu den klassischen Studien von Pierre Chaunu 2 und Michel Vovelle 3 begrenzt Leclerc Lafage den Zeitraum auf die Zeit, in der sich in Montpellier zwei unterschiedliche Konfessionsgruppen mit einer stark antagonistisch geprägten Identität herausgebildet hatten: Sie beginnt sechs Jahre vor der Gründung der reformierten Gemeinde in Montpellier und endet mit der Eroberung Montpelliers durch die Truppen Ludwigs XIII. im Jahre 1622. Die akute Krisenerfahrung dieser Jahre und die Testamentspraxis bedingten einander sowohl bei Hugenotten als auch Katholiken: Leclerc Lafage zeigt dies sehr plastisch an dem Höhepunkt der Testamentspraxis auf beiden Seiten im Jahr 1622.

    Den ersten Hauptteil ihrer Untersuchung betitelt Leclerc Lafage mit »le monde des testateurs«. Hier untersucht sie die soziale Gliederung, die sich in den Testamenten ausdrückt. Außerdem analysiert sie die Bedeutung von Geschlecht und Raum für die Testamentspraxis. Im zweiten Hauptteil widmet sie sich den religiösen Praktiken, die sich in den Testamenten und ihrem Umfeld, beispielsweise in den Begräbnisriten, wiederfinden. In ihrem Fazit kommt sie zu dem Ergebnis, dass sich in der Testamentspraxis kein abgeschlossener Prozess der Konfessionalisierung ausdrücke. Vielmehr hätten die meisten »entre Rome et Genève« »balanziert« (S. 423). Zwischen Katholiken und Hugenotten hätte es eine »zone mouvante« gegeben (S. 352), eine gemeinsame Schnittmenge von Vorstellungen und Praktiken wie die Verwendung von traditionellen Formeln in reformierten Testamenten oder der Rückgang von Seelenmessen bei den Katholiken. Beide Gruppen bildeten zwar äußerst distinkte Identitäten aus. Sie näherten sich aber infolge des konfessionellen Antagonismus eher einander an, als dass es zu einer hermetischen Abgrenzung gekommen wäre.

    Dieses klare, aber auch sehr differenzierte Ergebnis ist Leclerc Lafages Studie als Stärke anzurechnen. Methodisch hat sie damit bewiesen, dass es sinnvoll ist, die Frage der konfessionellen Abgrenzung anhand einer bestimmten Praktik und an einem bestimmten Ort innerhalb eines bestimmten Zeitraums nachzuvollziehen. Sie nivelliert damit die Bedeutung der unterschiedlichen konfessionellen Prägung keineswegs. Vielmehr kann sie aufzeigen, wie sehr diese die Lebens- und Erfahrungswelt der Bevölkerung von Montpellier neu strukturierte. Die wechselseitige Abgrenzung verlief prozessual und immer in Abhängigkeit der Wahrnehmung der jeweils anderen Gruppe – ein Phänomen, das Montpellier anderen bikonfessionellen Städten an die Seite stellt (die Leclerc Lafage nicht erwähnt). Positiv ist ihr außerdem anzurechnen, dass sie anhand der Testamente versucht, einen neuen Blick auf das meist als Universitäts- und Juristenstadt beschriebene Montpellier zu werfen. So arbeitet sie die hohe Anzahl der Handwerker heraus oder fragt nach der Rolle der Frauen und Familienverbände. Dennoch ist ihrer Annahme, anhand der Testamente Konfessionalisierung auch auf den unteren Ebenen der städtischen Gesellschaft zu erfassen nicht ganz zuzustimmen, hat sie doch selbst den Überhang an schriftkundigen männlichen Mitgliedern der Oberschichten quantitativ erfasst. Wäre es wirklich ihr Anliegen gewesen, auch andere Gruppen einzubeziehen, wäre es notwendig gewesen, die Untersuchung auf Bruderschaften und andere Formen der Gedenksicherung auszuweiten.

    Insgesamt ist die Beschränkung auf die Testamente im oben beschriebenen Sinne somit zwar eine Stärke der Untersuchung, aber gleichzeitig auch ihre Schwäche: Montpellier als Stadt bleibt seltsam unkonturiert. Die Kontextualisierung der Forschungsergebnisse vor dem Hintergrund weiterer Informationen zu sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Strukturen fehlt gänzlich. Montpellier war ja immerhin eine der wichtigsten Universitätsstädte Frankreichs. Die zu vermutende Konkurrenz zwischen Universität und Stadt trat aber nicht in Leclerc Lafages Blickfeld. Es fehlt zudem eine Ausweitung der stark frankreichzentrierten Perspektive. Möglichkeiten hierzu hätten sich über die Fragestellung des Zusammenhangs von Bikonfessionalität und Stadtstruktur oder auch über vergleichbare Studien zu Testamenten und Stadtgesellschaft ergeben 4 . Die Ergebnisse, zu denen Leclerc Lafage hauptsächlich auf der Basis der Testamente gelangt, hätten so eine Allgemeingültigkeit erlangt, die sie allein auf der empirischen Grundlage dieser Studie nicht beanspruchen können.

    1 Siehe Peter Hersche, »Klassizistischer« Katholizismus. Der konfessionsgeschichtliche Sonderfall Frankreich, in: HZ 262 (1996), S. 357–389.

    2 Pierre Chaunu, La mort à Paris. XVI e , XVII e et XVIII siècles, Paris 1978.

    3 Michel Vovelle, Piété baroque et déchristianisation en Provence au XVIII e siècle, Paris 1978.

    4 Vgl. etwa Stefanie Rüther, Prestige und Herrschaft. Zur Repräsentation der Lübecker Ratsherren in Mittelalter und Früher Neuzeit, Köln, Weimar, Wien 2003.

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    PSJ Metadata
    Ruth Schilling
    V. Leclerc Lafage, Montpellier au temps des troubles de Religion (Ruth Schilling)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    19. Jh.
    4018145-5 4160768-5 4030720-7
    1554-1622
    Frankreich (4018145-5), Hugenottenkriege (4160768-5), Kirchengeschichte (4030720-7)
    PDF document leclerc-lafagef_schilling.doc.pdf — PDF document, 90 KB
    V. Leclerc Lafage, Montpellier au temps des troubles de Religion (Ruth Schilling)
    In: Francia-Recensio 2013/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/FN/leclerc-lafage_schilling
    Veröffentlicht am: 21.06.2013 12:05
    Zugriff vom: 25.02.2020 07:59
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