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    J. Cottier / M. Gravel / S. Rossignol, Ad libros! (Jens Schneider)

    Francia-Recensio 2013/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jean-François Cottier, Martin Gravel, Sébastien Rossignol (dir.), Ad libros! Mélanges d’études médiévales offerts à Denise Angers et Joseph-Claude Poulin, Montréal (Les presses de l’université de Montréal) 2010, 412 p., ISBN 978-2-7606-2202-9, EUR 45,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jens Schneider, Marne-la-Vallée

    Ad libros – zu den Büchern! Dieser einem Kartäusermönch des 14. Jahrhunderts zugeschriebene Ausruf zur Rettung der Bücher vor dem Feuer ist in mehrfacher Hinsicht programmatisch für die anzuzeigende Festschrift. Zum einen wird er im Vorwort der drei Herausgeber als Motto zweier Forscherleben beschrieben, in kanadischen Bibliotheken wie europäischen Manuskriptbeständen. Zum anderen erscheint er gleichsam als Leitmotiv persönlicher Erfahrungen und Erinnerungen an die Einführung in das Studium des Mittelalters durch Denise Angers und Joseph-Claude Poulin. Und schließlich wird bei der Lektüre der 19 Untersuchungen deutlich, dass dies auch die freundschaftliche Vorgabe (»injonction amicale«, S. 9) an die Beiträger war, nämlich jeweils einen Text oder eine andere zeitgenössische Quelle ins Zentrum zu stellen.

    Durch diese chronologische Reihung von Artikeln, in denen jeweils eine Quelle oder ein Quellendossier vorgestellt, historisch eingeordnet und unter je nach Autor oder Autorin verschiedenen Fragestellungen analysiert wird, ist eine für eine Festschrift wohl maximal erreichbare Kohärenz gegeben. Vom 8. bis zum 17. Jahrhundert, von Bayern (Sébastien Rossignol) und Italien (Élisabeth Crouzet-Pavan) bis zur kanadischen Nouvelle-France (Dominique Deslandres) geht die Reise zu den Büchern, die auch als ein Manifest für den methodisch umfassenden Zugang zu den Quellen gelesen werden kann. Am schärfsten formulieren dies wohl Hedwig Röckelein und besonders Didier Méhu, wenn er die Zusammenschau von inhaltlichem Kontext und materiellem Befund der Text- und Bildquellen anmahnt (S. 83f.). Aber auch in den meisten anderen Beiträgen wird der Überlieferungsträger in die Argumentation einbezogen: mal demonstrativ, mal selbstverständlich, mal in Form von Verweisen, mal bis zur hilfswissenschaftlich fundierten Diskussion der Lagensituation einer Handschrift. Man lernt viel über methodische Zugänge und handwerkliches Basiswissen historischer Teil- oder Nachbardisziplinen, die Darbietung schwankt zwischen elegant und (seltener) deskriptiv. Darüber hinaus kann man eine gewisse Häufung von Texten im Bereich Nordwestfrankreichs feststellen, was nicht überrascht: Normandie (Monique Goullet, Francis Gingras, Mathieu Arnoux, Claude Gauvard) aber auch das Tours der Kaiserin Judith des 9. Jahrhunderts (Martin Gravel) oder das Chartres Bischof Fulberts im 11. Jahrhundert (Didier Méhu). In den zwei letztgenannten Beiträgen geht es um Manuskripte aus Chartres, die den Brand im Mai 1944 in einem Fall überstanden, im anderen nicht.

    Die insgesamt 21 Beiträger aus Kanada, Deutschland und Frankreich, zählt man die Autoren der zwei mehrseitigen freundschaftlichen Würdigungen der Geehrten mit, sind Schüler und Weggefährten von Denise Angers und Joseph-Claude Poulin. Den Anfang macht ein Auszug aus den Miracula sancti Goaris in der réécriture des 9. Jahrhunderts (Stéphane Lebecq, »Les Frisons de Saint-Goar. Présentation, traduction et bref commentaire des chapitres 28 et 29 des Miracula sancti Goaris de Wandalbert de Prüm«). Die beiden nur in französischer Übersetzung präsentierten Kapitel haben die wundersame Errettung friesischer Kaufleute oder eines ihrer servi auf dem Mittelrhein durch den in St. Goar bestatteten und verehrten Heiligen zum Gegenstand. Neben dem Propagandacharakter für die Kirche und ihren Patron arbeitet Lebecq heraus, wie außerordentlich präzise und kenntnisreich hier Landschaft und Flussschiffahrt dokumentiert sind. Hedwig Röckelein (»Des ›saints chachés‹: les reliques dans les sépultures d’autel. Quelques problèmes de recherche«, 7 s/w-Abb.) beschreibt verschiedene Formen von Reliquiaren, die zum Schutz der Heiligengebeine verwendeten Textilien und zugehörige hagiographische und liturgische Texte als visuelle und textuelle Hüllen oder Schichten, unter denen die Heiligen bewahrt wurden. Da die nunmehr unsichtbaren Reliquien ihren eigentlichen Zweck, nämlich die Gegenwart Christi zu bezeugen, nicht mehr erfüllen können, bilden die zunehmend aufwändiger gestalteten Reliquiare und ihre Inschriften eine Art Interface zwischen den Gläubigen und dem Heiligen. Ab dem 10. Jahrhundert verdrängt so der Text den authentischen Kontakt mit dem Heiligen und ersetzt ihn für die Masse der Gläubigen, so wie im Spätmittelalter die schriftlich fixierte Echtheit der Reliquien den mündlich überlieferten Glauben daran überlagern wird. Rituelle Handlungen und Gebräuche der Kirche bieten hier ein chronologisch übereinstimmendes Beispiel für die Geschichte der Schriftlichkeit.

    Der bereits erwähnte Beitrag von Martin Gravel (»Judith écrit, Raban Maur répond. Premier échange d’une longue alliance«) bietet einen Brief des Hrabanus Maurus an Judith († 843), die zweite Frau Kaiser Ludwigs des Frommen. Der Brief fehlt in der einschlägigen Sammlung der MGH (Epistolae Karolini aevi 3, 1899) und wurde erstmals 1922 durch André Wilmart in der »Revue bénédictine« abgedruckt. Gravel übernimmt dessen Edition des Briefs aus der Handschrift Chartres ms. 124 (1944 verbrannt) und stellt seine französische Übersetzung daneben. Die mustergültige Einrichtung des von ihm in zwölf Abschnitte unterteilten Briefs nimmt etwa vier Seiten im Druckbild ein und macht zahlreiche einzeln nachgewiesene Parallelstellen zu anderen Briefen Hrabans sichtbar. Gravel folgt der hypothetischen Zuweisung Wilmarts und kann durch textuelle und stilistische Vergleiche und Auswertung inhaltlicher Details (Reliquienschenkung) Hraban als Autor, durch den systematischen Ausschluss anderer zeitgenössischer Königinnen Judith als Empfängerin bestätigen. Der Brief erscheint somit als Auftakt der Korrespondenz zwischen Abt und Kaiserin, die Gravel als Strategie Judiths zur Bildung eines belastbaren eigenen Netzwerks deuten kann. Sébastien Rossignol äußert sich »À propos du manuscrit de l’opuscule du ›Géographe de Bavière‹« und bietet eine gründliche Beschreibung der Überlieferung dieses auch als ostfränkische Völkertafel bekannten Texts, der von Bernhard Bischoff ins frühe 10. Jahrhunderts datiert wurde. Er ist einzig in der Handschrift München, clm 560 (fol. 149v‑150r) aus einem südwestdeutschen Skriptorium erhalten. Wegen ihres astronomischen, arithmetischen und geometrischen Inhalts wie auch wegen des kleinen Formats wird die Handschrift von Rossignol als Handbuch für den Unterricht des Quadrivium charakterisiert, das möglicherweise auf ein in Corbie zusammengestelltes Kompendium zurückgeht. Zwei Anhänge geben Auskunft über die enthaltenen Texte und ihre Druckorte sowie über die Lagensituation der Handschrift (S. 66‑68).

    Michel Parisse, »Un évêque réformateur: Gauzelin de Toul (922‑962)« versucht eine biographische Skizze auf der Basis der erhaltenen Quellen über die 40-jährige Amtszeit dieses Bischofs, über den vergleichsweise wenig bekannt ist. Er zeigt Gauzelins aktive Rolle bei Reform und Gründung religiöser Gemeinschaften und unterstreicht den lotharingischen Charakter der Reformbewegung, die vor Gorze in Toul ihren Anfang nahm. Ein urkundenkritisches Resümee der erhaltenen oder anders überlieferten elf Urkunden Gauzelins und eine französische Übersetzung der ihm gewidmeten drei Kapitel der Gesta episcoporum Tullensium sind als Anhang beigegeben.

    Didier Méhu beschreibt einen dem Brand 1944 entgangenen Codex, heute Chartres, Bibl. mun., nouv. acq. 4, als Gesamtkunstwerk zur Memoria Bischof Fulberts: »Constructions de mots, de figures et de pierres. L’exemple de la cathédrale de Chartres au temps de Fulbert«. Mit seiner Analyse der Texte und Abbildungen der Handschrift (5 s/w-Abb.) kann er sie als kohärentes Zeugnis für das zeitgenössische Verständnis der Kirche ausweisen, das sich im Bau der Kathedrale des 11. Jahrhunderts als »processus constructeur et ordonnateur« (S. 99) versinnbildlicht, als deren Erbauer der 1028 gestorbene Fulbert nachträglich noch erhöht wird. Auch Régine Le Jan, »Mémoire, compétition et pouvoir. Le manuscrit de la Vie de Mathilde de Toscane (Vat. Lat. 4492)«, geht für ihre Überlegungen zur Politik und Memoria Mathildes von Tuszien von einer Handschrift aus. Die Handschrift enthält das von Mathilde bestellte Preisgedicht auf die Familie der Markgrafen von Tuszien und Herzöge von Canossa, das von Donizo im dortigen Apollonius(!)-Kloster kurz vor ihrem Tod 1115 fertig gestellt wurde. Neben den zweimal 1400 Versen des nach Le Jan zu Unrecht als Vita Mathildis bezeichneten Textes werden auch die anderen kleineren wohl im Anschluss zugefügten Teile der Handschrift beschrieben, darunter acht ganzseitige Ausmalungen, die das Bild einer Gedenkschrift abrunden. Da sich weder Mathilda noch ihre Eltern in der zugleich erneuerten Grablege des Klostergründers Atto-Adalbert († 988) in Canossa bestatten ließen, wird der Ort zum Verlierer des Wettstreits mit anderen Klöstern, mehr noch mit den aufstrebenden Städten wie Pisa oder Mantua; ein Vergleich mit der Konstruktion ottonischer Memoria in Gandersheim, Quedlinburg und Merseburg bietet sich an. Die vormals einflussreiche Mediatrix zwischen Kaiser und Papst erscheint als Stifterin, die das Fehlen eigener Nachkommenschaft durch genealogisch, baulich und spirituell abgesicherte Memoria ihrer Familie ersetzt.

    Weitere Beiträge: Isabelle Cochelin, »Le pour qui et le pourquoi (des manuscrits) des coutumiers clunisiens«, Ende 10. bis Ende 11. Jahrhundert; François Dolbeau, » La prédication pour les fêtes de reliques « , mit reichen Textbelegen vom 11. bis 14. Jahrhundert und Erstedition einer Predigt über die Reliquien von Saint-Bénigne de Dijon aus dem 11. Jahrhundert nach Paris, Bibl. nat. de France, lat. 3801; Monique Goullet, »Poésie et mémoire des morts. Le rouleau funèbre de Mathilde, abbesse de la Sainte-Trinité de Caen († 1113)«, mit umfangreichen Textauszügen des 20 Meter langen, beidseitig beschriebenen und bemalten Rotulus; Jean-François Cottier, »Du bon usage des recueils apocryphes. Les manuscrits Lyon, B. M. 622 et 456, et les éditions modernes des ›Prières ou Méditations‹ de saint Anselme«, mit Beschreibung der zwei Handschriften des 14. und 17. Jahrhunderts mit Texten des Anselm von Canterbury († 1109); Francis Gingras, »Réponse de Normand. Pour et contre le ›roman‹ d’après un recueil tiré de la bibliothèque du Mont-Saint-Michel (Londres, British Library Additional 10 289)«, 13. Jahrhundert; Francine Michaud, »Famille, femmes et travail. Patronnes et salariées à Marseille aux XIII e et XIV e siècles«, mit quantifizierender Auswertung von Lehr- und Arbeitsverträgen; Élisabeth Crouzet-Pavan, »Les eaux noires. Essai sur le miasme et la salubrité dans la ville médiévale« am Beispiel von Venedig, Ferrara und Lucca, 13.–15. Jahrhundert; Geneviève Ribordy, »Pierre, Jean, Jacques. La contribution des lettres de rémission à l’histoire des noms et de l’identité en France à la fin du Moyen Âge«, untersucht die Aussagekraft statistischer Anthroponymie anhand von 1082 Begnadigungsbriefen, 14.–15. Jahrhundert; Mathieu Arnoux, »Histoire et mémoire normandes. Une enquête à Amblie en 1401«, mit dem Abdruck eines Untersuchungsberichts im Auftrag des Herzogs von Orléans nach Paris, Bibl nat. de France, ms. fr. 26031; Claude Gauvard, »La justice royale en Normandie et la peine de mort. À propos d’un grand criminel en 1406 « , mit Abdruck des Prozessberichts nach Paris, Arch. nat., X2a 14; Annick Brabant, » Charles VI et son clergé pendant le Grand Schisme d’Occident. L’opinion du Religieux de Saint-Denis sur l’influence des clercs dans le royaume de France dans les années qui suivirent le début de la folie du roi«, stellt Beobachtungen zum Autor dieser Chronik an; Dominique Deslandres, »La religieuse et ses livres. La cas de Marie Guyart de l’Incarnation au début de la Nouvelle-France«, gibt Einblick in religiösen Auftrag und Schriftkultur von Frauen am Sankt-Lorenz-Strom im 17. Jahrhundert.

    Im Anschluss finden sich zwei Denise Angers und Jospeh-Claude Poulin gewidmete »Postfaces«, Bibliographien, Listen der von ihnen betreuten Magister- und Doktorarbeiten sowie Informationen über die Beiträger. Die Autoren der lesenswerten Würdigungen, Véronique Gazeau und Martin Heinzelmann, sucht man im Inhaltsverzeichnis leider genauso vergebens wie die nicht mehr paginierte, 97 Einträge umfassende Tabula gratulatoria.

    Das Buch ist ansonsten sehr sorgfältig betreut und gesetzt, wozu auch die Umschlagabbildung gehört: Albrecht Dürers Hieronymus bei der Übersetzungsarbeit inmitten von Büchern verschiedener Schriften und Sprachen.

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    PSJ Metadata
    Jens Schneider
    J. Cottier / M. Gravel / S. Rossignol, Ad libros! (Jens Schneider)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Allgemeine Organisationen und Museumswissenschaft
    Mittelalter
    4018145-5 14248606X 138028842 4006432-3 4125698-0
    700-1500
    Frankreich (4018145-5), Angers, Denise (14248606X), Poulin, Joseph-Claude (138028842), Bibliografie (4006432-3), Kultur (4125698-0)
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    J. Cottier / M. Gravel / S. Rossignol, Ad libros! (Jens Schneider)
    In: Francia-Recensio 2013/2 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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    Veröffentlicht am: 21.06.2013 10:15
    Zugriff vom: 23.02.2020 04:22
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