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    S. Fuhrmann / R. Grundmann, Martyriumsvorstellungen in Antike und Mittelalter (Hans-Werner Goetz)



    Francia-Recensio 2013/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Sebastian Fuhrmann, Regina Grundmann (Hg.), Martyriumsvorstellungen in Antike und Mittelalter. Leben oder sterben für Gott?, Leiden (Brill) 2012, 324 S. (Ancient Judaism and Early Christianity, 80), ISBN 978-90-04-22630-2, EUR 121,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Hans-Werner Goetz, Hamburg

    Das Martyrium zählt zu den (nach-evangelischen) Kernelementen des älteren Christentums, gilt der Märtyrer doch geradezu als Urbild des weit verbreiteten Heiligenkultes. Die Berichte darüber sind jedoch durchweg legendenhaft. Von der früheren Geschichtswissenschaft deshalb ganz vernachlässigt, feiern sie seit mehreren Jahrzehnten eine Renaissance im Zuge der Erforschung mittelalterlicher Religiosität und Mentalität. In diesem Zusammenhang ist es ein glücklicher Einfall der Herausgeber, die mittelalterlichen Vorstellungen vom Martyrium in einen größeren Kontext zu stellen und, in 15 chronologisch angeordneten, aus einer 2010 in Münster abgehaltenen Tagung erwachsenen Beiträgen, zum einen von der Antike an bis ins späte Mittelalter zu verfolgen und sich zum andern nicht auf das Christentum zu beschränken, sondern (philosophisches) Heidentum, Judentum und Islam einzubeziehen. Leider fehlt jedoch jedes Konzept, das den Einzelbeiträgen eine gemeinsame Ausrichtung verleihen könnte, und der Bezug zum Thema erschließt sich nicht in allen Aufsätzen auf den ersten Blick. Die Einleitung fasst lediglich deren Inhalt zusammen. Ein Ergebnis des Bandes, wäre es formuliert, müsste freilich feststellen, dass das Martyrium doch eine spezifisch christliche Angelegenheit ist.

    Zeigt Martin Leuenberger nämlich im ersten Beitrag auf, wie marginal der Todes-, geschweige denn ein Martyriumsdiskurs im frühen Judentum war und erst allmählich mit den Jenseitsperspektiven ins Bewusstsein rückte, ohne dass ein Sterben für Gott zu einer jüdischen Option wurde, so bestätigt Heinz-Josef Fabry mit seiner Untersuchung der einzigen diesbezüglichen Schrift, des »Lehrers des Rechts«, deren Ausnahmecharakter: Die Schrift will tatsächlich zum Gehorsam gegenüber der Tora erziehen. Anna-Maria Schwämer wiederum zeigt auf, dass der Tod des Propheten Jeremia durch Zersägen nicht schon in der jüdischen Tradition, sondern erst in der christlichen Weiterbildung als Martyrium, parallel zum Tod Christi, verstanden wird, während Joseph Sievers erste Martyriumskapitel, als Tod infolge bewaffneten Widerstandes, im zweiten Makkabäerbuch festmacht, das aber noch problematisch ist; erst das vierte Kapitel ist dann ganz dem Martyrium gewidmet. Hier lägen dann wohl die ältesten Wurzeln eines christlichen Märtyrergedankens.

    Noch weniger Anhaltspunkte bietet die griechisch-römische Antike. Jan Willem van Henten sieht eine gewisse Parallele aber in der antiken Vorstellung vom »edlen«, nämlich heroischen Tod, gegebenenfalls auch als Selbstmord, der hier allerdings nirgends aus religiösen, sondern aus patriotischen Motiven oder aus Fragen der Ehre erwuchs. Wolfgang Spickermann vertritt sogar die These, dass Lukan den Tod des Peregrinos, der dem großen Vorbild Herakles nacheifern will, als Scharlatanerie entlarven will und dass er gegen mehrfach vertretene Ansichten nicht christlichen Vorbildern folgt (sondern umgekehrt). Ebenso wenig kennt der Neuplatonismus ein Sterben für Gott, doch bildet die ins Christentum eingeflossene neuplatonische Seelenlehre dafür, wie Rainer Thiel zeigt, immerhin eine Grundlage. Der Philosoph strebt zwar nach dem Tod als Trennung von Leib und Seele, nicht aber nach gewaltsamem Ende. Aber auch die Evangelien fordern mit der Nachfolge Christi noch nicht zum Martyrium, sondern zum Leben auf, auch wenn sie den Märtyrertod nicht ausschließen (Sebastian Fuhrmann), und auch die Paulustradition (Clemensbrief, Acta Pauli) empfiehlt den Tod des Paulus nicht eigens zur Nachahmung (Hermann Löhr). Ein Martyriumsideal ist tatsächlich jünger. Im 2. Jahrhundert zeigt sich am Beispiel Polycarps, wie sich das christliche Märtyrerverständnis des von Gott ausgewählten Zeugen vom noblen Tod der Antike unterscheidet. Ein Vergleich mit den Ignatiusbriefen deckt aber auch Differenzierungen innerhalb der christlichen Vorstellungen auf (Boudewijn Dehandschutter).

    Die folgenden Beiträge widmen sich ganz dem mittelalterlichen Judentum (und manche Autoren machen es dem Leser nicht leicht, indem sie voraussetzen, dass Namen und Begriffe jedem geläufig und zeitlich einzuordnen sind). Die rabbinische Auslegungsgeschichte von Deuteronomium 6,5 (»Du sollst Gott mit ganzem Herzen lieben«) lässt gelegentlich zumindest die Möglichkeit offen, auch für Gott zu sterben (Dagmar Börner-Klein). Auf der anderen Seite deutet das rabbinische Schrifttum ein Martyrium aber auch als Zweifel an Gott, auch wenn es gelegentlich ewigen Lohn verspricht. Die Opferung des eigenen Lebens ist hier jedoch erneut kein wirkliches Martyrium, und die diesbezüglichen Erzählungen folgen keinem einheitlichen Paradigma und entwickeln erst recht keine Martyriumsideologie (Regina Grundmann). Ein Wandel dieser Auffassung wird erst in der – allerdings sehr spezifischen – Selbstaufopferung für Gott, dem Kiddusch-ha-Schem, angesichts der Pogrome des Ersten Kreuzzugs greifbar und seither, in verschiedenen Modellen, immer wieder gerechtfertigt oder gar propagiert (Karl-Erich Grözinger). Das bewirkt einen Wandel im jüdischen Bild des Märtyrers, wie er sich im späten Mittelalter etwa an der Geschichte der zehn Märtyrer zeigt. In allen zehn Überlieferungen sind die Märtyrer vorzugsweise gelehrte, zumeist bereits betagte Rabbiner mit makellosem Leben und Gottvertrauen, die durch das Martyrium gekrönt werden (Gottfried Reeg). Der letzte Beitrag ist dem Islam gewidmet, der ein Selbst- und gegenseitiges Töten verbietet und daher wiederum kein eindeutiges Martyrium kennt, das deshalb »zwischen Heilsvergehen und Heilserwartung« einzustufen ist und zuerst in der Schia bezeugt ist. Auch hier findet sich daneben ein Martyrium als Opferbereitschaft des Einzelnen erst im hohen Mittelalter (Jan-Peter Hartung).

    Die Beiträge zeugen insgesamt von der Andersartigkeit bis Unmöglichkeit nichtchristlicher Martyrien. Parallelen betreffen jeweils nur allgemeine Einschätzungen oder einzelne Aspekte, nicht das Gesamtkonzept. Nennenswerte Annäherungen scheint es überhaupt erst seit dem hohen Mittelalter zu geben. Wieweit dabei christlicher Einfluss auf die Minderheitsreligion mitwirkt, bleibt offen, müsste aber wohl erfragt werden. Das eindeutige Schwergewicht des Bandes liegt mit der Hälfte der Beiträge auf dem vor- und nebenchristlichen Judentum. Dem Islam ist nur ein einziger Beitrag gewidmet. Vor allem aber bleibt es zu bedauern, dass christliche Martyriumsvorstellungen nur in frühchristlicher Zeit behandelt und weder in die Epoche der großen, spätantiken Christenverfolgungen noch ins Mittelalter hinein weiter verfolgt werden, als Märtyrer zwar weiterhin als Urbild des Heiligen gelten, echtes Martyrium infolge der sich ausbreitenden Christianisierung aber selten wird (sodass František Graus von »merkwürdigen Märtyrern« gesprochen hat). Es wäre nicht nur interessant gewesen, solche Rückwirkungen auf die christlichen Vorstellungen vom Martyrium zu untersuchen, sondern erst das hätte auch einen historisch passgenauen, zeitgerechten Vergleich mit den hier behandelten jüdischen und islamischen Phänomenen ermöglicht. Das Interesse der Herausgeber und Beiträger zielt jedoch eher auf theologische oder religionswissenschaftliche als auf historische Fragen ab.


    PSJ Metadata
    Hans-Werner Goetz
    S. Fuhrmann / R. Grundmann, Martyriumsvorstellungen in Antike und Mittelalter (Hans-Werner Goetz)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Antike (1200 v.Chr.-600 n.Chr.)
    Weltgeschichte
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    1 - 5. Jh. n. Chr., Mittelalter
    4015701-5 4168985-9
    30-1500
    Europa (4015701-5), Martyrium (4168985-9)
    PDF document fuhrmann-grundmann.doc.pdf — PDF document, 87 KB
    S. Fuhrmann / R. Grundmann, Martyriumsvorstellungen in Antike und Mittelalter (Hans-Werner Goetz)
    In: Francia-Recensio 2013/2 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/MA/fuhrmann_goetz
    Veröffentlicht am: 21.06.2013 10:40
    Zugriff vom: 09.07.2020 03:23
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