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C. Lutter, Zwischen Hof und Kloster (Andrea Zech)

Francia-Recensio 2013/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Christina Lutter, Zwischen Hof und Kloster. Kulturelle Gemeinschaften im mittelalterlichen Österreich, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2010, 140 S. (Stabwechsel. Antrittsvorlesungen aus der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 2), ISBN 978-3-205-78574-3, EUR 19,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Andrea Zech, Freiburg im Breisgau

In diesem schmalen Bändchen von lediglich 138 Seiten skizziert Christina Lutter gleichwohl ein weit ausgreifendes, ambitioniertes Forschungsprogramm: Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, die Zwischenräume zwischen Hof und Kloster auszuloten und deren Überlappungszonen nachzugehen. Sie begründet dies damit, dass »die textuellen, bildlichen und performativen Strategien der Repräsentation zwischen Hof und Kloster einander teilweise sehr ähnlich« (S. 20) seien. In verschiedenen Einzelvorstellungen präsentiert sie Räume, die sie nicht allein als topographische Schauplätze, sondern vielmehr als Denk- und Wahrnehmungsräume begreift. Von diesem Verständnis ausgehend, verortet sich die Autorin in dem »interdisziplinären Netzwerk der Kulturgeschichte« mit Schwerpunkt auf der »Genderforschung und der zeitgemäßen Kulturgeschichte« (S. 5f.). In den einzelnen Kapiteln verfolgt sie die fließenden Übergänge zwischen weltlichen und monastischen Bereichen in der Umbruchzeit des 12. und 13. Jahrhunderts anhand der konkreten Räume Hof und Kloster, der Repräsentationen von Geschlecht in beiden Bereichen, der Didaktik des sozialen, kulturellen und affektiven Lernens, der kulturellen und emotionalen Gemeinschaften, abschließend der Menschen zwischen Hof und Kloster, was den Bogen zum Anfang zurückspannt.

Christina Lutter basiert ihre aktuellen Forschungsvorhaben auf der These, dass »Hof und Kloster als Platzhalter für weltliche und geistliche Lebensformen […] nur scheinbar und aus moderner Perspektive getrennte Räume« (S. 15) seien. Sie konzentriert sich, um diese Behauptung zu erhärten, auf die damit verknüpften Lebensformen, die sich beispielsweise um elitäre Abgrenzung bemühen und diese entsprechend visualisieren. Ebenso verweist die Autorin darauf, dass häufig Angehörige des Adels sich in ein Kloster begaben und natürlich ihre bisherige soziale und kulturelle, oft auch ihre materielle Ausstattung mitnahmen. Somit entstanden soziale Beziehungsgeflechte und Verhaltensmuster in der Praxis, die einander überlagerten und in Wechselwirkungen beeinflussten. Ein Beispiel hierfür ist die Gemeinschaft auf dem Rupertsberg, welcher Hildegard von Bingen vorstand. Sie setzte sich größtenteils aus Frauen des Adels zusammen, die an größeren Feiertagen mit offenem Haar, Ringen und goldbesetzten Kronen in weißen Seidengewändern als Bräute Christi auftraten, doch damit zugleich ihren herausgehobenen Stand visualisierten. Die Kritik, die diese Inszenierung provozierte, ebenso die Tatsache, dass Hildegard ihre Position erfolgreich verteidigte, bestätigt die Vielfältigkeit der Entwürfe zwischen Hof und Kloster und zeigt die Widersprüche und Ambivalenzen, die diese hervorrufen konnten.

Die Autorin hat es sich zum Ziel gesetzt, fundierte Quellenanalyse mit aktuellen kulturhistorischen Fragestellungen zu verbinden, was besonders bei dem Kapitel über die Neukonzeption von Geschlechterrollen im Zuge der Reformbewegungen deutlich wird. So konnte die »Braut Christi« sowohl männlich als auch weiblich besetzt werden, und eine Frau konnte im Kampf der Tugenden gegen die Laster zugleich in Rüstung und weiblicher Kleidung abgebildet werden. Diese Fälle von gender crossing , denen Christina Lutter ihre Aufmerksamkeit widmet, zeigen eine flexible Handhabung von Geschlecht und eine Möglichkeit, zwischen männlichen und weiblichen Modellen zu oszillieren, ohne sich verbindlich auf eines festzulegen, sobald die militia Christi ins Spiel kam. Solche Überkreuzungen sind auch beim Lernen zu bemerken, da beispielsweise eine Initiale zur Vita Mariae , die einen Lehrer mit seinem Schüler abbildet, Parallelen zu höfischen Darstellungen desselben Themas aufweist (S. 57). Diesen Überlappungen, Widersprüchen und Ambivalenzen hat sich die Autorin allgemein verschrieben und sie ist durchweg in der Lage, solche aufzuzeigen und zu belegen. Jedoch verfolgt sie diese Paradoxien nicht konsequent genug, denn diese setzen sich meistens noch sowohl im innermonastischen als auch im innerhöfischen Raum fort.

Insgesamt gewinnt man nach der ergiebigen Lektüre eines Programms, das zwischen Adelskultur und Armutsideal kulturell ebenso nach Überlappungen forscht wie zwischen höfischem und monastischem Raum einen sehr positiven und überzeugenden Eindruck, dass die Autorin an einer entscheidenden Schnittstelle ansetzt, die in der höfischen Literatur ebenso klar als Desiderat erkennbar ist wie in der geistlichen. Besonders fruchtbar erscheint in dem Zusammenhang die Vermittlung zwischen Text und Bild, die zusammen erst eine Kultur der Sichtbarkeit ergeben. Das Vorhaben ist nur zu begrüßen, doch weist es im theoretischen Design gewisse Unschärfen auf. So genügt es nicht, Kulturwissenschaft und Quellenanalyse verbinden zu wollen, wenn man deren Theorieansätze nicht diskutiert und eigene entwickelt. Was z. B. ist in diesem Programm genau mit gender gemeint? Judith Butler, eine der aktuell bedeutendsten Vertreterinnen der Gender Studies 1 , welche die Existenz eines biologischen Geschlechts ( sex ) zugunsten des kulturell erlernten ( gender ) generell in Frage stellt, wird nicht einmal in der Bibliographie erwähnt, ebenso wenig wie der Medizinhistoriker Thomas Laqueur, mit dessen Thematisierung von sex und gender die Debatte einen ersten starken Aufschwung nahm 2 . Caroline Walker-Bynum, die solche Ansätze rezipiert hat, wird zwar erwähnt, ohne dass jedoch explizit auf sie Bezug genommen und mit ihr gearbeitet wird. Es reicht nicht, gender crossing zu umschreiben und zu belegen, ohne dies theoretisch gründlich zu fundieren.

Dieser theoretische Mangel eines generell überzeugenden und aufschlussreichen Konzepts mit stichhaltigen Thesen setzt sich auch in den anderen Kapiteln fort. So werden »Performanz« und »Performativität« wie feststehende Begriffe behandelt, ohne miteinzubeziehen, dass die Theorieansätze hierzu und dementsprechend die Definitionen schier unübersehbar geworden sind 3 . Es wird überhaupt nicht klar, mit welchem Begriff des Performativen Christina Lutter überhaupt arbeitet und von welchen sie sich demzufolge abgrenzt. Es reicht nicht, kulturwissenschaftliche Modelle und Begriffe nur anzutippen und gleichsam ein Namedropping zu betreiben, sondern es ist gerade in diesem Bereich unabdingbar vonnöten, sich theoretisch zu profilieren, um nicht in Vagheit und Beliebigkeit abzugleiten – umso mehr, wenn man wie Christina Lutter ein wirklich lohnenswertes Forschungsvorhaben verfolgt. Selbstverständlich kann man bei dem Umfang und dem Ansatz des Bändchens nicht erwarten, dass dies in voller Breite erfolgt, jedoch hätte ein Theoriekapitel zu den kulturwissenschaftlichen Ansätzen, welches die theoretischen Prämissen klärt und präsentiert, das gesamte Niveau präzisiert. Doch sollte diese theoretische Grundlegung noch erfolgen, wäre der Gewinn aus einem Forschungsprogramm, das die kulturellen, sozialen und emotionalen Räume von Hof und Kloster erforscht, sich den Paradoxien, die aus dem Bestreben erfolgen, sich elitär und egalitär zugleich zu inszenieren, tatsächlich enorm und vielseitig verwertbar zu nennen.

1 Judith Butler, Gender Troubles. Feminism and the Subversion of Identity, New York 1990. In diesem viel beachteten Text verknüpft Butler Geschlecht und Performanz.

2 Thomas W. Laqueur, Making Sex. Body and Gender from the Greeks to Freud, Cambridge 1990.

3 Vgl. exemplarisch: Erika Fischer-Lichte, Carsten Colpe (Hg.), Kulturen des Performativen, Berlin 1998; Sybille Krämer (Hg.), Performativität und Medialität, München 2004; kürzlich: Felicitas Thun-Hohenstein, Performanz und ihre räumlichen Bedingungen. Perspektiven einer Kunstgeschichte, Wien u. a. 2012.

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PSJ Metadata
Andrea Zech
C. Lutter, Zwischen Hof und Kloster (Andrea Zech)
CC-BY-NC-ND 3.0
Österreich und Liechtenstein
Kirchen- und Religionsgeschichte
13. Jh., 6. - 12. Jh.
4043271-3 4122200-3 4034863-5 4043735-8 4227561-1
1100-1300
Österreich (4043271-3), Höfische Kultur (4122200-3), Lebensform (4034863-5), Ordensleben (4043735-8), Soziokultureller Wandel (4227561-1)
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C. Lutter, Zwischen Hof und Kloster (Andrea Zech)
In: Francia-Recensio 2013/2 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/MA/lutter_zech
Veröffentlicht am: 21.06.2013 10:50
Zugriff vom: 28.09.2020 09:44
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