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    D. Peschanski, Mémoire et mémorialisation (Helga E. Bories-Sawala)

    Francia-Recensio 2013/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Denis Peschanski (dir.), Mémoire et mémorialisation. Vol. 1: De l’absence à la représentation, Paris (Éditions Hermann) 2013, 338 S. (Mémoires), ISBN 978-2-7056-8105-0, EUR 28,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Helga E. Bories-Sawala, Bremen

    Der hier vorliegende erste Band, der 20 Beiträge zu einem 2009–2010 gehaltenen franko-amerikanischen Kolloquium vorstellt, will sich dem Thema Erinnerung in einem explizit interdisziplinären Ansatz nähern. Sind die Modelle, die sich die Geisteswissenschaften, fußend auf Maurice Halbwachs und Marc Bloch, von der Funktionsweise des menschlichen Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Erinnerung und des Sich-Erinnerns machen, mit den Erkenntnissen der Kognitionswissenschaften vereinbar oder müssen wir bestimmte Vorstellungen revidieren, uns neuere Erkenntnisse zu eigen machen und sie möglicherweise auch in einer präziseren Sprache formulieren?

    Diese Fragestellungen sind so neu nicht, wie der Band postuliert; sie wurden schon Ende der 1980er/Anfang 1990er Jahre im Zusammenhang mit der Debatte um die mündlichen Quellen ausführlich und auch interdisziplinär diskutiert 1 . Indes blieben durchaus noch Fragen offen und in der Tat könnte die neuere Hirnforschung, eines der dynamischsten Wissensgebiete der letzten Jahrzehnte, hier interessante Hinweise geben.

    Wir dürfen also auf die folgenden Bände gespannt sein, denn im vorliegenden geht es zunächst einmal nicht primär darum – und der Graben zwischen den wenigen neurowissenschaftlich- psychologischen Beiträgen auf der einen und den historisch-kulturwissenschaftlichen auf der anderen Seite bleibt zunächst unüberbrückt. Vielleicht wäre es interessant gewesen, neben den einzelnen Aufsätzen auch die anschließende Diskussion zu dokumentieren, um Konsense und Dissense zwischen den beiden Ansätzen dingfest zu machen oder in einer Einführung eine Synthese zum Stand der Debatte zu liefern.

    So wird z. B. die Frage nach der Zulässigkeit von Personifizierungen kollektiver Erinnerungssubjekte – »die Stadt New York« erinnert sich an den 11. September 2011 – zwar gestellt, aber dann doch einfach praktiziert und mit pathetischen Sätzen garniert (»Wir wissen doch noch, dass wir an jenem Tag alle zu Amerikanern wurden.«, S. 92), die sich in einer kritischen Geschichtswissenschaft ein wenig deplatziert ausnehmen.

    Dennoch sind, auch wenn sie zu dieser theoretische Eingangsfrage wenig beitragen, eine Reihe der sehr unterschiedlichen Aufsätze für Historiker/innen höchst lesenswert. Geht es zunächst um genauere Blicke auf das Vergessen, Verschweigen und Verdrängen als notwendige Korrelate zur Erinnerung, sind auf einer anderen Ebene Beispiele zu konkreten Erinnerungskulturen sehr aufschlussreich: das Ende eines langen Schweigens in Peru, Chile und Argentinien, die nun die überwundenen Diktaturen und ihre Opfer zum Inhalt von Mahnmalen haben, oder der Vergleich, der zwischen Frankreich und Martinique hinsichtlich kollektiven Erinnerung bzw. Verdrängung von Sklaverei und ihrer Abschaffung gezogen wird.

    In einem Großteil der Texte stehen, wie zu erwarten, der Zweite Weltkrieg und die Shoah im Mittelpunkt. So zeichnet ein Beitrag die Kontroversen über deren Thematisierung im Film und auf Fotos unter der Fragestellung »Darf man alles zeigen?« nach. Ein anderer verbindet den Bericht über Besuche in Gedenkstätten in Begleitung der eigenen Kinder und Enkel mit plausiblen Überlegungen zu altersgerechten Annäherungen an das Thema Holocaust für Kinder und Jugendliche. Die Aussagekraft von Zeitzeugenberichten wird am Thema der Enteignung jüdischen Besitzes in Polen eindrücklich belegt – übereinstimmend haben etliche polnische Juden erleben müssen, dass ihre Nachbarn den Todgeweihten ihr Hab und Gut mit dem Argument abzuschwatzen trachteten, dass es so wenigstens nicht den Deutschen in die Hände fiele.

    Eine ganze Gruppe von Beiträgen ist schließlich Gedenkstätten gewidmet. Ein sehr informativer und theoretisch fundierter Aufsatz gibt einen Überblick über die wichtigsten französischen Mahnmale, Gedenkstätten und Museen zum Zweiten Weltkrieg seit Kriegsende und zeichnet dabei ihren Funktionswandel nach von ehrendem Andenken ( mémoire-révérence ), Wissenschaft und Information ( mémoire-référence ) zu den neueren Herausforderungen einer Pädagogik im Übergang zum kulturellen Gedächtnis nach, die ohne überlebende Zeitzeugen auskommen muss. Vom ehemaligen Internierungslager Drancy, das auch aus Gründen der Staatsräson (die Gemeinde war lange kommunistisch) nicht als zentrales Mahnmal erhalten blieb, sondern wieder als Sozialwohnungskomplex fungiert, über Oradour und Struthof bis zum erst jüngst errichteten Mahnmal für die malgré-nous im elsässischen Schirmeck und zum Mémorial von Caen, das mit seinem Motto »Verstehen, entdecken, sich entspannen« (S. 270) unverblümt auch den Museumstouristen anspricht, lassen sich die Vektoren der Erinnerungspolitik in den letzten Jahrzehnten eindrücklich erkennen.

    Gleich mehrere Aufsätze beschäftigen sich am Ende des Bandes mit Gedenkstätten zur Shoah: Washington und Skokie (bei Chicago) in den USA und Berlin. (Dass diese oft in einem Atemzug mit dem für 2014 geplanten Museum über das Attentat auf das New Yorker World-Trade-Center 2001 genannt werden, dürfte nicht nur bei Nicht-Amerikanern erklärungsbedürftig sein.) Auch diese Texte tragen eher wenig zur Theorie der Erinnerung bei, sind aber sehr lesenswert, zumal aus der Feder von »Praktikern« in der Leitung und Konzeption von Museen und Gedenkstätten. Sie erlauben einen Einblick in die Planungsphasen und die sie begleitenden Konflikte, sowie in praktische Erfahrungen mit Besuchern. Der Beitrag zum Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas arbeitet sehr überzeugend heraus, dass das Informationszentrum (wiewohl vom Architekten Eisenman zunächst ganz abgelehnt) von den Besuchern, die den ziemlich verborgenen Weg dahin finden, als wirkungsvoller und inhaltsreicher empfunden wird als das sehr abstrakt anmutende Kunstwerk, das Opfer und Täter gleichermaßen symbolisieren könnte und in seiner Ambivalenz als »Monument des Anti-Gedenkens« (S. 280) wirkt, ganz abgesehen von den unangemessenen Verhaltensweisen der Besucher, die es offensichtlich provoziert.

    Auch hinsichtlich dieser Beiträge hätte man sich gewünscht, dass sie nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern in eine Diskussion münden und vielleicht sogar Bezug nehmen zu den aktuellen museumspädagogischen Diskussionen. Werden sie diesseits und jenseits des Atlantiks gegenseitig wahrgenommen?

    Fazit: Der Band enthält eine Reihe hochinteressanter Texte zu den verschiedensten Aspekten von Erinnerung und Erinnerungskulturen, allerdings noch wenig dazu, was wir daraus über das Funktionieren von Erinnerung lernen. Auf die weiteren Bände darf man gespannt sein.

    1 La bouche de la vérité? La recherche historique et les sources orales, Les Cahiers de l’Institut d’histoire du temps présent 21 (novembre 1992); Questions à l’histoire orale. Table ronde du 20 juin 1986, Les Cahiers de l’Institut d’histoire du temps présent 4 (Juin 1987); Croire la mémoire? Approches critiques de la mémoire orale. Actes des Rencontres internationales, Saint-Pierre (Val d’Aoste) 16–18 oct. 1986, Aosta 1988.

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    PSJ Metadata
    Helga Bories-Sawala
    D. Peschanski, Mémoire et mémorialisation (Helga E. Bories-Sawala)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Europa
    Politikgeschichte
    20. Jh.
    4015701-5 4015272-8 4200793-8
    1900-2000
    Europa (4015701-5), Erinnerung (4015272-8), Kollektives Gedächtnis (4200793-8)
    PDF document peschanski_bories-sawala.doc.pdf — PDF document, 102 KB
    D. Peschanski, Mémoire et mémorialisation (Helga E. Bories-Sawala)
    In: Francia-Recensio 2013/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/ZG/peschanski_bories-sawala
    Veröffentlicht am: 21.06.2013 17:15
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:01
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