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M. Ponso, Una storia particolare (Daniela Neri-Ultsch)

Francia-Recensio 2013/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Marzia Ponso, Una storia particolare. » Sonderweg « tedesco e identità europea, Bologna (Società editrice il Mulino) 2011, 600 p. (Fondazione Bruno Kessler. Annali dell Istituto storico italo-germanico in Trento. Monografie, 59), ISBN 978-88-15-14988-6, EUR 38,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Daniela Neri-Ultsch, München

Marzia Ponso untersucht in Ihrer Studie, welche Faktoren der spezifisch deutschen Geschichte sich für eine europäische Identität fruchtbar machen lassen bzw. welche Elemente des »deutschen Sonderwegs« Einfluss genommen haben auf den Prozess der Europäischen Integration nach 1945 bis heute.

Zunächst konzentriert sie sich auf die historiographische Debatte der deutschen Sonderwegthese, wie sie sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat. Ein großes Verdienst dieser Studie ist, die verschiedenen Zweige der Sonderwegdebatte herauszukristallisieren und in kritischer Analyse gegeneinander abzugrenzen. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen zwei Stoßrichtungen der »Sonderwegthese«, die unter einer positiven und unter einer negativen Variante subsumiert werden können. Letztere entwickelte sich vor allem nach 1945, als es darum ging, nach Erklärungsmustern zu fragen, die die fatale Entwicklung der deutschen Geschichte hin zum Nationalsozialismus zu deuten suchte. Der deutsche Weg zum Nationalstaat wie zur parlamentarischen Demokratie wurde hier als Sonderweg im Vergleich zu den beiden »klassischen Wegen« Englands und Frankreichs interpretiert, welcher dann in seiner verhängnisvollen Entwicklung im Nationalsozialismus gipfelte. Folgende Unterschiede in der Entwicklung Deutschlands im Vergleich zu England und Frankreich werden bestimmt: Die späte Nationalstaatsgründung, die späte Industrialisierung und die späte Einführung der Demokratie sowie dann das Scheitern der Weimarer Republik und die Ablösung durch die NS-Diktatur. Ein ganzes Bündel an Fragen brachte zahlreiche Publikationen und Debatten hervor: Wem war die Schuld für die Entwicklung hin zum Nationalsozialismus mit dem Zivilisationsbruch des Genozids anzulasten? Welche Hauptfaktoren führten zu dieser fatalen Entwicklung der deutschen Geschichte? Und vor allem die Frage, warum ausgerechnet Deutschland, die Heimat Kants und Goethes zu diesem Zivilisationsbruch fähig war? Die Autorin verifiziert im Lichte der neuesten Forschung die bisherigen Ergebnisse dieses Forschungsansatzes und hinterfragt anhand der Entwicklung des Selbstverständnisses des deutschen Volkes die bisherigen Erklärungskonstrukte. Sie nimmt somit eine kritische Überprüfung der verschiedenen historiographischen Interpretationen vor, die im deutschen Sonderweg eine fatale Entgleisung sehen, welche zwangsläufig zum Nationalsozialismus führen sollte.

In einem zweiten Schritt, der den Schwerpunkt der vorliegenden Studie darstellt, unterzieht sich Ponso der Aufgabe, ein alternatives Konzept des Sonderwegs zu analysieren, welches die »via speciale« nicht mehr als pathologische Anomalie versteht, sondern als Fortbestehen eines charakteristischen Spezifikums. Mit diesem Ansatz werden Kontinuitätslinien sichtbar, die das deutsche Territorium seit der frühen Neuzeit charakterisieren und einen spezifisch deutschen Beitrag zur Bildung der europäischen Identität und des europäischen Integrationsprozesses nach 1945 repräsentieren. Zu nennen sind hier: der konfessionelle Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Föderalismus, Sozialreformen, Verfassungspatriotismus anstelle eines national geprägten Patriotismus und einer Erinnerungspolitik. In zehn Kapitel spürt die Autorin den deutschen historischen Spezifika nach. Beginnend mit der Bedeutung Luthers für die deutsche Geschichte und der historiographischen Interpretation Luthers innerhalb der Sonderwegdebatte. Es folgt die Analyse des Erbes aus der Reichsgeschichte; der Weg Preußens in die Moderne, der deutsche Weg der Nationsbildung vom Reichspatriotismus zur Kulturnation, die von oben gelenkte Nationalstaatsgründung durch Bismarck, die Probleme der ersten parlamentarischen Republik in Deutschland sowie die Erfahrung der NS-Diktatur. Ebenso einbezogen in die Analyse werden der Umgang mit der Vergangenheitsbewältigung nach 1945 sowie die Bewährungsprobe durch die Entwicklung der zweiten parlamentarischen Demokratie, der Bundesrepublik Deutschland. Diese Befunde werden in einem abschließenden Kapitel in Bezug zum europäischen Modell, d. h. der Entwicklungslinien und -ergebnisse des europäischen Einigungsprozesses nach 1945 gesetzt.

Auch, wenn das Thema »deutscher Sonderweg« historiographisch als aufgearbeitet gilt, offenbart dieser Ansatz eine neue Kraft, wenn er einer Untersuchung der immensen Spannungen, welcher die Europäische Union durch die gravierende wirtschaftliche und politische Krise seit 2008 ausgesetzt ist, zugrunde gelegt wird. Deutschland zählt zu den Gründungsmitgliedern des europäischen Einigungsprozesses und war aktiv an der Konstruktion der europäischen Gemeinschaftsinstitutionen beteiligt. Außerdem wird bei näherer Betrachtung des europäischen Integrationsprozesses deutlich, dass aus der historischen Erfahrung Deutschlands wichtige Elemente in die Entwicklung der europäischen Staatsbürgerschaft eingeflossen sind, wie z. B. der Wohlfahrtsstaat und die sozialen Sicherungssysteme, die Bildung und Erweiterung der Rechtstaatlichkeit, das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, die Erfahrung des Föderalismus und Regionalismus, die Ausprägung eines Verfassungspatriotismus anstelle eines nationalen Patriotismus sowie das System des rheinischen Kapitalismus in Abgrenzung zum amerikanisch geprägten Kapitalismusmodell.

Gerade diese Elemente sind es, die heute von den Mitgliedern der EU heftig diskutiert werden, da die Überwindung der europäischen Wirtschaftskrise nach einer Neuordnung verlangt. Die profunde und umfangreiche Studie liefert durch ihre Analyse des »deutschen Sonderwegs« und der Verknüpfung der oben genannten Elemente des deutschen mit den Elementen des europäischen Modells Ansätze, wie die deutsche Erfahrung problemlösend zur Überwindung der europäischen Wirtschafts- und Politikkrise beitragen kann. Deutschland ist ein Hauptakteur der Geschichte des europäischen Kontinents gewesen und ist es auch heute noch, vor allem auch wegen der hervorgehobenen Stellung im europäischen Integrationsprozess u.a. durch die geopolitische Lage, der deutschen Wirtschaftskraft sowie auch durch das Agieren der politischen Eliten. Gerade jetzt in der europäischen Krise wird dies nochmals deutlich. Auch wenn sich in der Forschung die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es nicht nur einen »deutschen Sonderweg« gegeben hat, hat sich dennoch gezeigt, dass sich die Wege der Modernisierung oft in der deutschen Erfahrung niedergeschlagen haben.

Die Untersuchung von Marzia Ponso verdient großes Interesse, da in Bezug auf die Europäische Union und ihre Herausforderungen durch die Analyse der Spezifika der deutschen Geschichte und die Fruchtbarmachung der positiven Variante der deutschen »Sonderwegthese« ein neuer Erkenntnisgewinn für die Lösung der Krise und der Weiterentwicklung der EU gewonnen werden kann. Die in italienischer Sprache verfasste Studie verdient eine größere Rezeption, deshalb wäre eine englische Übersetzung wünschenswert. Bemerkenswert ist vor allem die umfangreiche Bibliographie, die die Arbeit abrundet und die profunde Beherrschung des Forschungsgegenstandes durch die Autorin eindrucksvoll unter Beweis stellt.

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PSJ Metadata
Daniela Neri-Ultsch
M. Ponso, Una storia particolare (Daniela Neri-Ultsch)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Geschichte allgemein, Politikgeschichte
19. Jh.
4011882-4 4149303-5
1800-2010
Deutschland (4011882-4), Deutscher Sonderweg (4149303-5)
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M. Ponso, Una storia particolare (Daniela Neri-Ultsch)
In: Francia-Recensio 2013/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/ZG/ponso_neri-ultsch
Veröffentlicht am: 21.06.2013 14:55
Zugriff vom: 20.01.2020 16:08
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