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G. Saint-Paul, L’agenouillement au ghetto (Bernd Rother)

Francia-Recensio 2013/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Gérard Saint-Paul, L’agenouillement au ghetto, Paris (Éditions Michel de Maule) 2012, 120 p., (Je me souviens), ISBN 978-2-87623-473-4 , EUR 9,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Bernd Rother, Berlin

Gérard Saint-Paul erläutert als Zeitzeuge die Auswirkungen von Brandts Geste auf die Geschichte Europas. Der Journalist und Mitgründer von »France 24« war lange Zeit Deutschlandkorrespondent von »France 2« und »La Cinq«, darüber hinaus arbeitete er für »Arte«. Sein Büchlein ist in der Reihe » Je me souviens « erschienen, die Reminiszenzen an historische Ereignisse versammelt. Willy Brandts Kniefall in Warschau ist der Titel und das Leitmotiv dieses Buches, aber zur Überraschung der Leser enthält es zugleich eine präzise Kurzbiographie des deutschen Staatsmannes. Der Autor erinnert sich sehr persönlich an Brandts Kanzlerschaft. Für ihn war der Kniefall vor dem Mahnmal der Helden des Ghetto-Aufstandes ein Wendepunkt, der Deutschland den Weg zurück in den Kreis der geachteten Nationen ermöglichte.

Was gestern aktuell war, wird nur selten geschichtsmächtig. Außer – und das ist der Subtext der Retrospektive des Autors – ein besonderes Ereignis trifft auf eine einzigartige Persönlichkeit; in der Summe entsteht so Historizität, ein Zeitpunkt mit Alleinstellungsmerkmal. Brandt schrieb für Saint-Paul Geschichte; deutsche und europäische, prägte darüber hinaus maßgeblich die Aussöhnung mit Israel und den Alliierten, verkörperte für ihn Demut und Schuldanerkennung. »L´Allemagne moderne de l’après-guerre avait besoin d’un Willy Brandt pour sa reconstruction morale« (S. 45). Saint-Paul erwähnt aber auch, dass gerade in Frankreichs Eliten nicht alle von diesem Wandel des Deutschlandbildes zum Positiven begeistert waren.

Das Buch wird vor allem von Anekdoten und persönlichen Anmerkungen des Verfassers getragen, der so Geschichte gewissermaßen noch einmal neu rezipiert und zusammenfügt. Kurze Kapitel, häufig nur zwei bis drei Seiten lang, formen die Struktur eines Textes voller Momentaufnahmen, in dem die Biografie Brandts als roter Faden dient – Kindheit und Jugend werden als Grundlage und Leitlinie für seinen weiteren Lebensweg begriffen. Mit Bedacht zeichnet der Autor sinnfällige Bilder: Brandt als staatenloser Emigrant, später als Europa- und Weltbürger – international bekannt; Brandt als » homme à femmes « (S. 66). Saint-Paul imaginiert auch einen Film über Brandts Leben, in Schwarz-Weiß, gedreht von einem Künstler wie Wim Wenders oder wie Rainer Werner Fassbinder.

Wenn Brandts Schaffen als Journalist umrissen wird, verschwimmt die Distanz zwischen Autor und Text zunehmend, fast schicksalhaft kommt dann die Gemeinsamkeit Saint-Pauls mit dem Friedensnobelpreisträger daher. » L’agenouillement au ghetto « wird so zu einem überaus persönlichen Buch, dem ein nahezu leidenschaftlicher Zugriff zugrunde liegt. An einigen Stellen spürt man deutlich die schier überbordende Bewunderung des Autors für Brandt. Detailgenau beschreibt er den für ihn persönlich – und auch aus historischer Sicht – so einzigartigen Moment des Kniefalls. Schon in der ersten Sekunde habe Saint-Paul gewusst – so betont er, der nur einige Meter von Brandt entfernt stand, mehrfach –, dass dieser Moment ihm in allen seinen Facetten unvergesslich bleiben wird, dass ein Journalist wohl nur einmal in seiner Karriere, ein Mensch nur einmal im Leben die Chance hat, mit eigenen Augen zu beobachten, wie Geschichte geschrieben wird, gar Teil davon zu sein. Das erinnert an Goethes Urteil über die Kanonade von Valmy. Wahrscheinlich werden manche Leser von der Unmittelbarkeit der Schilderung ergriffen sein, während bei anderen der Eindruck zurückbleiben mag, der Autor wolle sich mit Hilfe Brandts selbst zu einer historischen Persönlichkeit stilisieren. Auf jeden Fall ist Saint-Pauls Text gerade in solchen Passagen ein Beleg für Brandts Fähigkeit, Menschen zu faszinieren; manche verwenden dafür den Begriff des Charisma.

Der Kniefall gefiel bei Weitem nicht allen Deutschen – auch der Preis des Kniefalls findet so Beachtung. Brandts Schuldeingeständnis im Namen des deutschen Volkes ist für Saint-Paul ein Wendepunkt in der Geschichte der jungen Bundesrepublik. In Rekurs darauf, wie er selber jene Situation in Warschau erlebte, erzählt er vom großen Einfluss dieses historischen Ereignisses auf die Kanzlerschaft Brandts und seine erfolgreiche Ostpolitik, die knapp zwanzig Jahre später zur Wiedervereinigung Deutschlands führte. Immer wieder wird der Kniefall reflektiert, direkt oder indirekt . So beschreibt der Autor eindringlich, dass aus seiner Sicht in Warschau jemand kniete und Schuld anerkannte, der als Antifaschist vom norwegischen Exil aus gegen das NS-Regime angekämpft hatte – ein Unschuldiger, dessen wirkungsmächtiges Handeln bis in die Gegenwart nachhallt. »[Willy Brandt] payait pour eux [les Allemandes] le prix d’un improbable péage conduisant à une Allemagne ›normale‹« (S. 106). Hervorzuheben ist, dass Saint-Paul nicht dem in Deutschland weit verbreiteten Irrtum erliegt, das Denkmal sei für die Opfer des Ghettos errichtet worden. Tatsächlich erinnert es vorrangig an die Kämpfer und nimmt daher in der Erinnerung an die Shoah einen besonderen Platz ein. »Willy Brandt savait tout cela. Son a genouillement était aussi un hommage de combattant « (S. 15).

Das Buch ist eine intime Rückblende, die jeden Winkel der Erinnerung ausleuchtet. Neben Rekursen auf die Nazizeit in Berlin und das geteilte Deutschland lässt Saint-Paul auch Vergleiche mit US-Präsident John F. Kennedy, wie sie früh schon gezogen wurden, nicht aus: » Certains […] ont pu dire de Willy Brandt qu’il était une sorte de Kennedy allemand « (S. 60). Anschließend beschreibt er das Aufeinandertreffen dieser beiden besonderen Staatsmänner, die in die Geschichte eingingen. Brandts Biografie wird von Saint-Paul auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt als Konglomerat persönlicher und historischer Fakten, in deren Spiegel sich der Autor selbst nachzeichnet. Ein Heraufbeschwören vergangener Zeiten, manchmal mystisch, poetisch, voll von sprachlichen Bildern, fast eine Predigt, eine Heiligsprechung, auf jeden Fall eine Hommage ‑ Brandt, » le rédempteur de l’Allemagne « (S. 113).

Auf dem Waldfriedhof Zehlendorf schließt sich der Kreis, an der Grabstätte F 24. Dort hat Gérard Saint-Paul eine Notiz hinterlassen, hat Geschichte gewissermaßen aufgeschrieben: »W. B. Je me souviens de Varsovie« (S. 111).

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PSJ Metadata
Bernd Rother
G. Saint-Paul, L’agenouillement au ghetto (Bernd Rother)
CC-BY-NC-ND 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Polen
Jüdische Geschichte, Politikgeschichte
1940 - 1949, 1970 - 1979
4079048-4 11851444X 4011453-3 4157319-5 7525051-2
1940-1979
Warschau (4079048-4), Brandt, Willy (11851444X), Denkmal (4011453-3), Getto (4157319-5), Kniefall (7525051-2)
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G. Saint-Paul, L’agenouillement au ghetto (Bernd Rother)
In: Francia-Recensio 2013/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/ZG/saint-paul_rother
Veröffentlicht am: 21.06.2013 17:05
Zugriff vom: 27.01.2020 01:39
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