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    A. Wieviorka / M. Lafitte, À l’intérieur du camp de Drancy (Michael Mayer)

    Francia-Recensio 2013/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Annette Wieviorka, Michel Laffitte, À l’intérieur du camp de Drancy, Paris (Perrin) 2012, 382 S., ISBN 978-2-262-03423-8, EUR 23,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Michael Mayer, Tutzing

    1931 begann der Bau der Modellstadt »cité de la Muette« in Drancy im Norden von Paris als eine der insbesondere seit den zwanziger Jahren in der Region errichteten »cité-jardin«. Die hochfliegenden Pläne des sozialen Wohnungsbaus, die mit der cité de la Muette umgesetzt werden sollten, verwandelten sich jedoch rasch in einen Albtraum. Das 1939 halbvollendete Bauprojekt weckte nämlich die Begehrlichkeiten von sicherheitspolizeilichen Organen, die große Menschenmengen zu internieren planten. Die vierstöckigen Gebäude, die um einen weitläufigen rechteckigen Innenhof angesiedelt waren, mussten nur mit einem Zaun umgeben und ausreichend bewacht werden. Leichter ließ sich kaum ein Internierungslager errichten, das noch dazu durch seine Nähe zu drei wichtigen Bahnhöfen verkehrstechnisch günstig gelegen war.

    Nach dem Verbot des Parti communiste français wurden seit September 1939 vor allem Kommunisten in Drancy interniert. Seit Juni 1940 nutzte die Wehrmacht den Gebäudekomplex für wenige Monate als provisorisches Kriegsgefangenenlager. Im August 1941 wurde Drancy erneut den französischen Behörden mit der Auflage übertragen, hier die bei der geplanten Großrazzia in Paris ab dem 20. August 1941 zu verhaftenden Juden zu internieren. 4230 Männer wurden schließlich in das Lager gebracht, das in keiner Weise dazu geeignet war, eine derart große Anzahl an Menschen unterzubringen und zu versorgen. Die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht hatten bei ihrem Abzug sogar die vorhandenen Einrichtungsgegenstände, insbesondere mehrere hundert Matratzen, abtransportiert. Die französischen Behörden mussten nun in aller Eile die Nahrungsmittelversorgung und Unterkunft der ankommenden Menschen organisieren.

    In den ersten Wochen sorgten Unstimmigkeiten innerhalb der zuständigen französischen Organe, aber auch generelle Probleme aufgrund der Lage im teilweise zerstörten Frankreich dazu, dass die Internierten kaum Lebensmittel erhielten, manchmal nur 350 bis 400g pro Tag. Erst im Verlauf des Herbstes verbesserte sich die Versorgung. Vorerst schliefen die Menschen auf dem nackten Boden, da die französischen Behörden keine provisorischen Strohlieferungen zulassen wollten und erst nach Wochen Betten und Matratzen organisieren konnten. Nach einer Periode als Internierungslager ab August 1941 wurde Drancy seit Beginn der Massendeportationen aus Frankreich am 27. März 1942, besonders aber seit den Massenverhaftungen in Paris sowie der unbesetzten Zone im Sommer 1942 zu einem Transitlager für die Deportationen nach Auschwitz.

    Annette Wieviorka und Michael Laffitte konzentrieren sich in ihrem Werk auf den Alltag der Internierten und ihre Lebensbedingungen im Lager. Hierzu haben sie insbesondere Briefe und Tagebuchaufzeichnungen ausgewertet. Beiden gelingt es damit, ein anschauliches, zugleich aber auch bedrückendes und tief berührendes Bild des alltäglichen Überlebenskampfes der Menschen im Lager Drancy, aber auch der Konflikte zwischen den Internierten zu zeichnen. Die Zeugnisse der Menschen sind zwar teilweise schon veröffentlicht, so etwa die eindrücklichen Tagebuchaufzeichnungen von Benjamin Schatzmann 1 , jedoch werden diese ergänzt durch bisher nur Fachleuten bekannten Quellen, vor allem die beeindruckenden Schilderungen von Paul Zuckermann. Wieviorka und Laffitte verwenden diese Dokumente sehr geschickt und können damit den Eindruck erwecken, als sprächen die Opfer erneut zum Leser. Der vielfach zu Recht erhobenen Forderung, den Menschen erneut eine Stimme zu geben, kommen sie damit in vorbildlicher Weise nach.

    Allein ein Sachverhalt schränkt dieses positive Bild ein. Wurde lange Jahre hindurch die Geschichte des Holocaust aus Sicht der Täter und ihrer mörderischen Verwaltungen geschrieben und die Opfer dieser Verbrechen beinahe völlig übersehen, so erscheinen nun die Täter und ihre ausführenden Bürokratien merkwürdig blass. Das Internierungslager Drancy scheint ein wenig vom Himmel gefallen zu sein, von der Lagerverwaltung und den zuständigen deutschen und französischen Behörden hört man kaum etwas. Von den Autoren sicherlich nicht so beabsichtigt, entsteht doch beim Leser ein wenig der Eindruck, als würden die Verantwortlichkeiten der Täter nicht wirklich deutlich. Der generelle Verweis auf die Einrichtung des Lagers durch deutsche Stellen und die Verwaltung Drancys durch französische Behörden reicht hierzu nicht aus. Zur Gründungsgeschichte des Lagers erfährt man z. B. im Grunde nichts. Gerade die bezeichnenden Debatten zwischen deutscher Besatzungsmacht und französischer Administration im Sommer/Herbst 1941 wären eine wichtige Basis für die Geschichte Drancys gewesen. Das Schreiben des Präfekten des Departements Seine vom 10. September 1941 an den französischen Generalkommissar für Judenfragen, Xavier Vallat, bietet ein eindringliches Beispiel für die Versorgungsschwierigkeiten im Lager, die vor allem von deutscher, teilweise aber auch von französischer Seite zu verantworten sind 2 .

    Das relativ geringe Interesse an Verwaltungsstrukturen macht sich leider in kleineren Unkorrektheiten bemerkbar. So wird der Militärbefehlshaber in Frankreich (MBF), Otto von Stülpnagel, als »Chef de l’administration militaire allemande« (S. 23, 81 etc.) bezeichnet. Bis zum 25. Oktober 1940 gab es tatsächlich einen Militärverwaltungschef, Alfred Streccius, der in Vertretung des Oberbefehlshabers der Wehrmacht, Walther von Brauchitsch, vor Ort die deutschen Besatzungsorgane aufbaute. Mit der Ernennung Stülpnagels fiel die Position des Militärverwaltungschefs weg, nunmehr wurden dem MBF ein Kommandostab für die militärischen Belange sowie ein Verwaltungsstab für die zivilen Aufgaben der Besatzung unterstellt. Stülpnagel muss somit korrekt als »Commandant militaire allemand« bezeichnet werden. Zudem wird Stülpnagel von den Autoren als »Gouverneur militaire de Paris« (S. 23) eingeführt. Zwar war der Dienstsitz des MBF Paris, jedoch unterstand die französische Hauptstadt dem Kommandanten von Gross-Paris, Ernst Schaumburg. Daneben heißt es, der »Judenreferent« des Beauftragten des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Theodor Dannecker, sei bis zum Frühjahr 1942 dem MBF unterstellt gewesen (S. 28). Seit einer Vereinbarung zwischen dem Oberkommando der Wehrmacht und dem Reichssicherheitshauptamt am 4. Oktober 1940 erhielten die Vertreter Reinhard Heydrichs in Paris begrenzte Kompetenzen zur Überwachung der »weltanschaulichen Gegner« der Nationalsozialisten. Dannecker war dem MBF seit diesem Zeitpunkt zwar weiterhin territorial unterstellt, jedoch nicht mehr weisungsgebunden.

    Insgesamt ändert diese Vernachlässigung der »großen Geschichte« jedoch nichts daran, dass Annette Wieviorka und Michel Laffitte ein erschütterndes Lesebuch zu den Lebensbedingungen im Lager Drancy vorgelegt haben.

    2 Abdruck in: Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.), Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933‑1945, Bd. 5: West- und Nordeuropa 1940 bis Juni 1942, München 2012 (Dok. 280).

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    PSJ Metadata
    Michael Mayer
    A. Wieviorka / M. Lafitte, À l’intérieur du camp de Drancy (Michael Mayer)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Frankreich und Monaco
    Jüdische Geschichte, Militär- und Kriegsgeschichte
    20. Jh.
    4018145-5 4294891-5 4028814-6 4079167-1
    1939-1945
    Frankreich (4018145-5), Internierungslager Drancy (4294891-5), Judenverfolgung (4028814-6), Weltkrieg 1939-1945 (4079167-1)
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    A. Wieviorka / M. Lafitte, À l’intérieur du camp de Drancy (Michael Mayer)
    In: Francia-Recensio 2013/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/ZG/wieviorka_mayer
    Veröffentlicht am: 21.06.2013 16:35
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:35
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