Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    Jean-Marc Moriceau, Histoire du méchant loup (Julia Breittruck)

    Francia-Recensio 2013/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jean-Marc Moriceau, Histoire du méchant loup. 3000 attaques sur l’homme en France XV e –XX e siècle, Paris (Fayard) 2007, 623 p., ISBN 978-2-213-62880-6, EUR 30,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Julia Breittruck, Bielefeld

    Der Wolf als »Menschenfresser« wurde in den vergangenen Jahren angesichts des Wiedererscheinens dieser wilden Tiere in Teilen Europas und so auch im Département Lozère in Frankreich mit neuem Interesse kontrovers diskutiert 1 . Als umwelt- und landwirtschaftspolitisch relevanter Beitrag erscheint in diesem Rahmen die umfassende Studie des Historikers Jean-Marc Moriceau zur Geschichte wölfischer Überfälle auf Menschen seit dem Mittelalter. Auf 600 Seiten fasst der Spezialist ländlicher Geschichte die existierenden Schriften zum Thema des »méchant loup« zusammen und erarbeitet eine quantitative, sozial- und wirtschaftshistorisch fundierte Studie zum Wolf und seinen 3069 zählbaren Opfern vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. Dabei geht es Moriceau zunächst darum, auf Basis von Dokumenten aus Regionalarchiven ( archives départementales ) eine Statistik und Datenbank aller Angriffe auf den Menschen durch Wölfe in Frankreich zusammenzustellen. Methodisch klar strukturiert bringt der Autor Chroniken und Memoiren, administrative Erhebungen, Zeitungen und Druckgraphiken, notarielle Akten sowie Krankenhausbuchführungen ins Spiel. Den umfangreichsten und aufschlussreichsten Korpus bilden die Beerdigungsbescheinigungen von Kirchenregistern, in denen etwa 40 000 Priester die Gründe angaben, unter welchen Umständen ein Tod zustande kam, wenn der Tote keine Letzte Ölung erhalten konnte. Anhand dieser großen, erstmals umfassend erhobenen Datenmenge teilt Moriceau die Wolfsdichte und Angriffe chronologisch in drei Epochen ein: Während sich im 16. und 17. Jahrhundert eine generelle Angst vor Wölfen unter den Menschen manifestierte und die Tiere ihrerseits angesichts der auf Schauplätzen des 30-jährigen Krieges verstreuten Toten einen anhaltenden Geschmack für Menschenfleisch entwickelten, kam es in der Regierungszeit Ludwigs XIV. zahlenmäßig zu einem Höhepunkt tragischer Angriffe. Am Ende dieser zweiten Periode (1661–1763) erhielt schließlich die »grande affaire de la bête du Gévaudan« (1764–1767) über die Grenzen Frankreichs hinaus gehende Aufmerksamkeit. Im 19. Jahrhundert, der dritten Phase, nahmen Wolfsangriffe rapide ab, bis die Tiere schließlich 1920 in Frankreich nicht mehr in freier Wildbahn zu finden waren. In 15 Kapiteln legt Moriceau die Umwelten und Orte der Attacken dar, analysiert die Deutungen des mythologisierten Kollektivsingulars »Wolf«, der sich auf Basis mittelalterlicher Bestiarien entwickelt habe, widmet sich ausführlich den Reiß- und Tötungsmethoden durch die Wölfe (Opfer waren hauptsächlich Kinder und Frauen) und den daraus resultierenden psychosozialen Folgen für die traumatisierten Beiwohnenden. Die zwei letzten Kapitel sind dem Verhalten tollwütiger Wölfe und den Bewältigungsstrategien in den ländlichen Bevölkerungen gewidmet. In seinem Buch geht es Moriceau vor allem um das Studium der Vorstellungen und des kollektiven angstgeprägten Gedächtnisses der ruralen Bevölkerungsschichten im Hinblick auf den »méchant loup«. Mit diesem beeindruckend gründlichen und aufschlussreichen Werk schafft der Autor eine Interpretation frühneuzeitlichen bäuerlichen Lebens mit der Natur sowie eine Grundlage für weitere Untersuchungen.

    Diese historisch exzellente Studie führt eine umweltpolitisch wenig opportune Botschaft mit sich: Der Lesende kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Wölfe durchaus für den Menschen gefährliche Tiere darstellen, auch wenn Moriceau dies in seinem Schlusswort relativiert. Zur Beruhigung wäre aber für alle Wolfsfeinde wie auch -schützer beruhigend hinzuzufügen: Auch Wölfe sind durchaus historische Wesen und ihr Verhalten ist historischem Wandel unterworfen.

    1 Zum Auftreten frei lebender Wölfe im Departement Lozère siehe jüngst: http://www.independent.co.uk/environment/nature/rebirth-of-the-wolf-sees-french-greens-at-each-others-throats-8008873.html . Zum "nationalen Wolfsplan" der französischen Regierung siehe auch neuerdings: http://www.sueddeutsche.de/panorama/woelfe-in-frankreich-ernaehrungskunde-fuer-raubtiere-1.1622559

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Julia Breittruck
    Jean-Marc Moriceau, Histoire du méchant loup (Julia Breittruck)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Spätes Mittelalter (1350-1500), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Frankreich und Monaco
    Geschichte der Naturwissenschaften
    20. Jh., Mittelalter, Neuzeit bis 1900
    4018145-5 4142472-4 4038639-9 4190195-2
    1400-2000
    Frankreich (4018145-5), Angriff (4142472-4), Mensch (4038639-9), Wolf (4190195-2)
    PDF document moriceau_breittruck.doc.pdf — PDF document, 104 KB
    Jean-Marc Moriceau, Histoire du méchant loup (Julia Breittruck)
    In: Francia-Recensio 2013/3 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-3/FN/moriceau_breittruck
    Veröffentlicht am: 12.09.2013 12:20
    Zugriff vom: 17.02.2020 20:17
    abgelegt unter: