Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    J. Beleth, Summe der kirchlichen Offizien (Karin Ganss)

    Francia-Recensio 2013/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Johannes Beleth, Summe der kirchlichen Offizien. Einleitung, Übersetzung und Anmerkungen von Lorenz Weinrich, Turnhout (Brepols) 2012, 333 S. (Corpus Christianorum in Translation, 11), ISBN 978-2-503-54334-5, EUR 60,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Karin Ganss, Frankfurt am Main

    Der Übersetzung sind eine Vorbemerkung, eine Einleitung und die Bibliographie vorangestellt (S. 11–38). Dabei wird die »Einleitung« unterteilt in »Leben und Werk« Beleths, »Johannes Beleths Summa« sowie »Beleths Arbeitsweise« und die »Benutzung des Werkes«. Darauf folgt die »Einrichtung des Bandes«, abschließend wird der Passus »Indizes« (Heilige Schrift, Quellen, Liturgie) dargelegt. Die »Bibliographie« bildet somit die Schnittstelle zwischen Einleitung und Übersetzung; sie enthält ein Verzeichnis der »Abkürzungen«, eine Darlegung der »Autoren«, sowie eine Agenda »Ausgewählte Literatur«.

    Die »Summe der kirchlichen Offizien« wird gemäß dem lateinischen Text in drei Aspekte gegliedert: »Die Kirche als Institution«, »Die Gottesdienste der betenden Kirche« und »Die Heilsgeschichte im Spiegel des Kirchenjahres«. Entsprechend den Richtlinien der Reihe dient die Einleitung der Übersetzung einem anderen Zweck als die der kritischen Edition, und zwar »eine gebildete nicht fachspezifische Leserschaft« anzusprechen.

    Beleths Summa habe, wie kaum ein Werk des Hochmittelalters, eine große Verbreitung erfahren, so lautet der erste Satz der Einleitung in »Leben und Werk« (S. 13). An dieser Stelle bietet der Verfasser aber keine Belege dazu an, diese folgen später und verweisen auf Douteil, den Editor (S. 21). Diskutiert wird nun in »Leben und Werk« Beleths Herkunft, sein Geburtsjahr und seine mögliche Schülerschaft bei Gilbert de la Porrée (S. 14). Dem Bischof von Poitiers schenkt Lorenz Weinrich im Vergleich zum Leben Beleths fast ein größeres Gewicht. Die »Summa ecclesiasticorum officiorum« (S. 15) deutet Weinrich als Zeugnis der universitären Tätigkeit des Autors. Auch stelle Beleth sich durch die einzelnen Begriffe des Titels in die Traditionslinie liturgischer Schriften des Mittelalters. Beginnend mit dem Begriff der »Kirche«, dann übergehend zu dem des »Offizium« erklärt Weinrich kurz deren jeweiliges Verständnis. »Es schwingt bei Beleth also der biblische Begriff ›Gemeinde‹ durchaus mit, auch im Adjektiv ecclesiasticus « (S. 16). Dem Leser bleibt nun überlassen, was unter dem Begriff »Gemeinde« und gleichfalls zu ecclesiasticus gedacht werden könnte.

    Die im Internet nachzulesenden Richtlinien der Reihe »Corpus Christianorum in Translation« 1 vom März 2009 fordern eine »problemorientierte Diskussion des Textes«: Diese kommt hier nicht zum Tragen. Man fragt sich: Was ist eine biblische Gemeinde? Bezogen auf das Alte oder das Neue Testament? Welche Auslegung vertritt Beleth? Wie verarbeitet er sie in seinem Text? All diese Fragen bleiben offen. Beleths Auslegung zum Begriff »Offizium« richtet sich, so Weinrich, nach der Interpretation Isidors, ausgehend vom Verb efficio . Allerdings habe Beleth die Bedeutung weit gefasst, sie sei mit »Amt, Aufgabe, speziell Stundengebet und Messe, Hochamt« zu umschreiben. Beleths Anliegen: »Die Verherrlichung Gottes darf nicht verstummen wegen der Unwissenheit von Klerus und Volk« (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis [CCCM], 41, S. 32*; vgl. Prooemium von Douteil), ließ ihn eine Gesamtdarstellung des liturgischen Gottesdienstes verfassen. Summen sind literarische Gattungen, die im 12. Jahrhundert als Gesamtdarstellungen des christlichen Glaubens (vgl. Hugos von Sankt Viktor »De sacramentis christiane fidei«, ed. Corpus Victorinum, 2008) entstanden sind, bei Beleth nun als Kompendium der Feier der Liturgie. Beleth gibt uns durch seine Schrift ein lebendiges liturgisches Zeugnis. Er gewährt durch sein Werk einen Einblick und die Möglichkeit einer Rekonstruktion der mittelalterlichen Liturgie der Kirche (von Paris?). Nach Weinrich geschieht dies »[i]n schlichter Darlegung der Einrichtungen der Kirche, also der diversen Rituale ...« (S. 16). Wie soll dies vom heutigen Leser aufgefasst werden? »Die Kirche als Institution«, so lautet der Titel des ersten Teils; demgegenüber spricht der Belethsche Text von triplicis lectionis adhibeamus remedium et primo dicamus de ecclesiasticis institutionibus, secundo de expositionibus diuersorum semonum, tertio de rationibus dierum « (CCCM 41A, S. 2). Ecclesiasticis institutionibus wäre hier eventuell als »Anweisung« oder gar »Unterricht« zu verstehen, nämlich: »zuerst sprechen wir vom kirchlichen Unterricht«. Dieser Unterricht kann verstanden werden als die gelebte Praxis der Kirche, als die Liturgie selbst. Beleths Begriff des »Offizium« steht meines Erachtens immer für die Gesamtheit des liturgischen Dienstes der Kirche: Dicitur etiam missa totum officium illud, ... (CCCM 41A, S. 64); Officium misse siue missa totum dicitur a principio usque ad finem, scilicet ab introitu usque ad Ite, missa est. « (CCCM 41A, S. 62f.). Weinrich arbeitet zudem auch mit Begriffen wie »Amt« (S. 66f.), »das kirchliche Offizium« (S. 67) oder »Offizium« (S. 68, 139), »das allgemeine Offizium« (S. 82), »das Opfer am Altar« (S. 85). Sicherlich möchte sich Weinrich dem Begriff vielfältig annähern, allerdings erschwert dies das Textverständnis.

    Das Kirchenjahr ordnet Beleth heilsgeschichtlich ein, indem er die einzelnen Festkreise und das restliche Kirchenjahr in den Heiligenkalender eingliedert. Die Heiligenlegenden nehmen dabei einen großen Raum ein (S. 17), denn sie spiegeln die Nachfolge Jesu wider. Weinrich zeichnet anhand der liturgischen Ordnung im Werk Beleths gut verständlich die Ausrichtung der »Summa« nach: Die Liturgie prägt das gesamte christliche Leben.

    Bemängelt wird von Weinrich, die Quellen seien zwar »vielfach namhaft« gemacht (S. 17), allerdings »nicht eigentlich wörtlich« zitiert (S. 18). Dazu bietet der Verfasser drei mehrspaltige Tabellen an. Bei den Autoren des Mittelalters war es allerdings selbstverständlich, dass ihre Quellen in den Text einflossen, ohne dies direkt kenntlich zu machen. Wörtliche Zitate sind ein Phänomen unserer Zeit und sollten nicht zum Maßstab für einen mittelalterlichen Kontext gewählt werden. Für uns ist es aber von Vorteil, dass sich der Quellenapparat bei Beleth so präzise eingrenzen lässt.

    Unter der Überschrift »Beleths Arbeitsweise« nimmt Weinrich Bezug auf die Fülle der erhaltenen Handschriften, daraus seien »die Grundrezensionen leidlich rekonstruierbar« (S.19). Ein Kapitel weiter (S. 21) wird dieser Begriff auf Douteil, den Editor zurückgeführt; vermisst wird eine Erklärung des Begriffs. Ein Blick auf die Methode der kritischen Edition von Douteil und demgegenüber auf andere Editionsformen, z. B. auf einen Textus historicus (vgl. Corpus Victorinum) wäre hier angebracht.

    Der Verfasser wünscht eine »neuere Gesamtwürdigung der Summa«. Diesem Wunsch schließe ich mich gerne an, denn die »Summa« bietet einen reichen mittelalterlichen liturgischen Schatz. Die vorliegende Übersetzung ist prinzipiell zu begrüßen, denn sie erleichtert dem Lateinunkundigen den Zugang zum Werk Beleths. Dieser wollte mit seinem Text dem Unwissen seiner Zeit entgegenwirken durch erklärende Anweisungen und Hilfen zum Verständnis der liturgischen Praxis. Eine tiefere liturgische Erschließung des Textes würde dem Leser der Einleitung eine wertvolle Hilfe im umfassenden Verständnis des »Offizium« sein.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de


    PSJ Metadata
    Karin Ganss
    J. Beleth, Summe der kirchlichen Offizien (Karin Ganss)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    6. - 12. Jh.
    4015701-5 4073438-9 4132719-6
    1150
    Europa (4015701-5), Kirchenfest (4073438-9), Stundengebet (4132719-6)
    PDF document beleth_ganss.doc.pdf — PDF document, 107 KB
    J. Beleth, Summe der kirchlichen Offizien (Karin Ganss)
    In: Francia-Recensio 2013/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-3/MA/beleth_ganss
    Veröffentlicht am: 12.09.2013 09:25
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:40
    abgelegt unter: