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    W. Deimann, Christen, Juden und Muslime im mittelalterlichen Sevilla (Thomas Czerner)

    Francia-Recensio 2013/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Wiebke Deimann, Christen, Juden und Muslime im mittelalterlichen Sevilla. Religiöse Minderheiten unter muslimischer und christlicher Dominanz (12. bis 14. Jahrhundert), Münster (LIT) 2012, 368 S. (Geschichte und Kultur der Iberischen Welt, 9), ISBN 978-3-643-11554-6, EUR 39,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Thomas Czerner, Göttingen

    Es mag aktuellen Debatten über die unterschiedlichen Modelle zur Integration von Minderheiten geschuldet sein, dass sich das wissenschaftliche Interesse wieder verstärkt Fragestellungen nach der Geschichte interkultureller und interreligiöser Beziehungen und dem Umgang mit Minoritäten in der Gesellschaft widmet. Insbesondere die Iberische Halbinsel bietet für Mediävisten ein hervorragendes Forschungsgebiet, da sich hier die wechselhaften Beziehungen der Religionen untereinander und zu der jeweils herrschenden Glaubensgemeinschaft über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren gut untersuchen lassen. Trotz dieser positiven Ausgangslage sind zahlreiche Forschungsdesiderate zu beklagen, und insbesondere in der deutschsprachigen Ibero-Mediävistik fehlen bislang detaillierte Studien, die diese oft mit Convivencia umschriebenen Beziehungen zum Gegenstand haben. Wiebke Deimann legt mit ihrer 2010 in Erlangen verfassten Dissertation jetzt eine Untersuchung vor, die am Beispiel der andalusischen Stadt Sevilla und anhand vor allem muslimischer und christlicher Rechtsquellen die Entwicklung dieses Zusammenlebens vom 12. bis ins 14. Jahrhundert behandelt und damit einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der vielfältigen Geschichte interreligiöser Beziehungen auf der Iberischen Halbinsel im Mittelalter leistet (S. 17).

    Als einen Kernaspekt ihrer Arbeit formuliert Deimann einleitend die Frage, was sich für die Minoritäten mit der Eroberung Sevillas 1248 wirklich geändert hat und inwiefern sich überhaupt klare Grenzen zwischen der christlichen und islamischen Welt konturieren lassen (S. 13): »Endete mit der christlichen Eroberung Sevillas 1248 abrupt die islamische Epoche der Stadtgeschichte und begann etwas völlig Neues?« Um dieser Frage nachzugehen, untersucht sie anhand zentraler normativer Quellen muslimischer und christlicher Provenienz wie einer Marktordnung ( hisba ) des Ibn Abdun oder des bekannten Rechtswerks »Siete Partidas«, das Leben der religiösen Minderheiten innerhalb einer erst islamischen, dann christlich beherrschten Stadt und geht Hinweisen nach ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung nach (S. 20). Durch die Berücksichtigung lateinischer, arabischer, altspanischer und katalanischer Quellen, welche in ihrer Originalsprache ausgewertet werden, trägt Deimann dabei den Verflechtungen der beiden zumeist getrennt voneinander betrachteten Einflusssphären auf der Iberischen Halbinsel Rechnung und öffnet den zuletzt häufiger geforderten Blick auf trans- und interkulturelle Forschungsansätze. Sie weist dabei ausdrücklich darauf hin, dass die vorgelegten Ergebnisse nicht repräsentativ sind, sondern möchte ihre Arbeit als Fallstudie verstanden wissen (S. 17), wobei Sevilla wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Bedeutung im Untersuchungszeitraum sowie der günstigen Überlieferung ein hervorragend gewähltes Beispiel ist.

    Methodisch hat sich Deimann für einen weitgehend chronologischen Aufbau ihrer Dissertation entschieden, etwa beginnend mit der christlichen Eroberung Toledos 1085 bis zur Zerstörung der Judería 1391. Die Eroberung der Stadt durch die Christen 1248 markiert sowohl den zeitlichen Mittelpunkt der Untersuchung als auch die Trennlinie zwischen den beiden circa gleich umfangreichen Teilen der Arbeit, eine Phase christlicher und eine muslimischer Dominanz. Ihrerseits sind beide Teile in Einzelabschnitte untergliedert, die sich wiederum an herrschaftspolitischen Strukturen orientieren: die Herrschaftsphasen der Almoraviden (Kap. 3) und der Almohaden (Kap. 4), die Eroberung der Stadt (Kap.5), Alfons X. (Kap. 7) und schließlich die in einem Wechsel der Dynastie gipfelnden Auseinandersetzungen zwischen Peter I. und Heinrich II. (Kap. 8). In zwei den großen Abschnitten vorangestellten Kapiteln (Kap. 2 und 6) wird im Sinne des Spatial Turn der städtische Raum vor und nach der Eroberung dargestellt. Obwohl Deimann die Ergebnisse der einzelnen Kapitel in einer Schlussbetrachtung zueinander in Bezug setzt, spricht sie sich ausdrücklich gegen einen komparatistischen Ansatz aus und verweist auf die Asymmetrien in der Untersuchung, die zum einen in der zeitlichen Abfolge der Vergleichsgegenstände, zum anderen in den gänzlich unterschiedlichen Rahmenbedingungen der muslimischen zur christlichen Herrschaft sichtbar werden (S. 46). Hinzu tritt eine disparate Überlieferung, die keine durchgehende Betrachtung aller drei Religionsgruppen über den gesamten Zeitraum erlaubt. Letzteres erklärt auch die zum Teil sehr unterschiedliche Gewichtung in den jeweiligen Kapiteln.

    Vor der Darstellung ihres eigentlichen Forschungsgegenstands bietet Wiebke Deimann einleitend einen Überblick über den rechtlichen und sozialen Status der religiösen Minderheiten in der islamischen Welt und der Praxis der dhimma , deren Funktion sie für das Gelingen der raschen Expansion des Islam als sinnvolle Notwendigkeit ansieht. Durch Gewährung von Schutz und weitgehender Autonomie in Glaubensangelegenheiten sollte die Loyalität der Schutzbefohlenen sichergestellt, der innere Friede gewahrt und damit die Herrschaft stabilisiert werden. Gestützt werden die Aussagen durch Verweis auf Koranstellen, die immer wieder in Auszügen dargeboten werden. Diese Form behält die Verfasserin auch im Folgenden bei, wenn sie etwa im anschließenden Abschnitt am Beispiel der bereits genannten Marktordnung des Ibn Abdun eine Verschärfung der Vorschriften vor allem gegenüber den Christen unter almoravidischer Herrschaft feststellt. Einzelne Punkte dieser Ordnung werden in deutscher Übersetzung der analytischen Darstellung vorangestellt, wobei in den Anmerkungen die Zitate in Originalsprache geboten werden. Auch wird die Quelle als solches kritisch betrachtet, wenn Wiebke Deimann trotz des unbestrittenen Wertes des Textes für sozial-, kultur- und rechtsgeschichtliche Fragestellungen darauf hinweist, dass keineswegs sichergestellt sei, ob diese Ordnung lediglich ein Reformvorschlag war oder tatsächlichen Rechtscharakter besaß. Unabhängig davon setzte sich die Repression der Minoritäten unter den Almohaden fort und verschärfte sich derart, dass das bis dahin noch existierende Bistum von Sevilla zusammen mit der christlichen Gemeinde zeitweise nicht mehr bestand. Inwiefern die Beteiligung Sevillaner Mozaraber an einem Kriegszug des aragonesischen Königs Alfons I. 1125 die Verschlechterung der Lage für die Christen bedingte oder ihr vorausging, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

    Nach Darstellung der Ereignisse, die schließlich 1248 zur Eroberung Sevillas durch die Christen führten, wendet sich die Autorin der räumlichen Neuordnung innerhalb der Stadt zu und nutzt hier den » Libro de Repartimiento « als Quelle, die sie sorgfältig auswertet. In gleicher Weise wie in den vorangegangenen Kapiteln verfährt sie bei der Untersuchung des großen unter Alfons X. entstandenen Rechtswerkes »Siete Partidas«, dessen Bestimmungen hinsichtlich des Status von Muslimen und Juden sie anhand zweisprachiger Zitate analysiert und dadurch die Entwicklung und ihre Argumentation leicht nachvollziehbar macht. Während der jüdischen Gemeinde auch durch Etablierung eines eigenen Viertels ein fester Platz innerhalb der christlichen Gemeinschaft zugewiesen wurde, war das Verhalten gegenüber der muslimischen Bevölkerung weitgehend durch Misstrauen gekennzeichnet (S. 238). Der Aufstand der Mudejaren 1264 markiert dann auch das faktische Ende einer größeren muslimischen Gemeinde, sodass in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nur noch eine unbedeutende Minderheit in der Stadt verblieb. Nach einer friedlichen Phase im 13. Jahrhundert verschlechterte sich die Situation für die jüdische Gemeinde während des kastilischen Bürgerkriegs hingegen zunehmend, verschärft durch eine antijüdische Propaganda des Thronprätendenten Heinrich von Trastámara, die vor allem die Politik von König Peter I. in Misskredit bringen sollte. Nach einem tödlichen Unfall Johanns I. und den damit bedingten zeitweiligen Wegfall des königlichen Schutzes gipfelte dieser sich stetig radikalisierende Antijudaismus in dem Pogrom von 1391 und brachte damit das jüdische Leben in Sevilla nahezu zum Erliegen.

    Wiebke Deimann legt mit ihrer Dissertation eine eindrucksvolle Studie vor, welche die Entwicklung der Minoritäten unter wechselnden Herrschaften fundiert nachzeichnet. Sorgfältig analysiert sie die christlichen und muslimischen Quellen und setzt sie zueinander in Bezug, was zu differenzierten Aussagen führt und Kontinuitäten und Diskontinuitäten aufzeigt. So offenbart ein Vergleich des »Siete Partidas« mit muslimischen Rechtstexten viele Ähnlichkeiten christlicher Vorschriften zum islamischen dhimma -Recht (S. 298). Zudem spielten sowohl bei Christen als auch Muslimen Bestimmungen zur rituellen Reinheit eine vergleichbar große Rolle (S. 299). Gerade aus dieser breiter angelegten Quellenkritik schöpft die Arbeit ihren besonderen Wert und zeigt das Potential für weitere Forschungen. Auf Basis dieser Studie können in einem nächsten Schritt anhand bisher unberücksichtigter Archivbestände die durch Untersuchung der normativen Quellen gemachten Befunde mit anderen Quellengruppen verglichen und überprüft werden. Gleiches gilt für weiterführende Arbeiten über andere Städte und Regionen der Iberischen Halbinsel, für die Wiebke Deimanns methodischer Ansatz eine gute Vorlage liefert.

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    PSJ Metadata
    Thomas Czerner
    W. Deimann, Christen, Juden und Muslime im mittelalterlichen Sevilla (Thomas Czerner)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Spanien
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    Mittelalter
    4054671-8 4010071-6 4028808-0 4040921-1 4140292-3
    1091-1391
    Sevilla (4054671-8), Christ (4010071-6), Juden (4028808-0), Muslim (4040921-1), Religiöse Minderheit (4140292-3)
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    W. Deimann, Christen, Juden und Muslime im mittelalterlichen Sevilla (Thomas Czerner)
    In: Francia-Recensio 2013/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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    Veröffentlicht am: 12.09.2013 09:45
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:35
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