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    W. Pohl, B. Zeller, Sprache und Identität im frühen Mittelalter (Andreas Fischer)

    Francia-Recensio 2013/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Walter Pohl, Bernhard Zeller (Hg.), Sprache und Identität im frühen Mittelalter, Wien (Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) 2012, 302 S. (Forschungen zur Geschichte des Mittelalters, 20), ISBN 978-3-7001-7006-8, EUR 59,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Andreas Fischer, Berlin

    Schriftliche Zeugnisse der Vergangenheit bieten über die Sprache Einblicke in die vielschichtigen Identitäten der Zeitgenossen. Dies gilt insbesondere dann, wenn in den Texten Sprache selbst als Motor der Gemeinschaftsbildung durch Verständigung oder (im Falle von Kommunikationsproblemen) als Hindernis thematisiert wird, das die Menschen – Individuen wie Gruppen – trennt. Es sind vor allem diese Passagen aus frühmittelalterlichen Zeugnissen, die zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Sprache und Identifikation bzw. Distanzierung und der Ausbildung ethnischer Identitäten im Frühmittelalter anregten. Eine im Januar 2009 in Wien veranstaltete Tagung ging daher der Frage nach, welche Rolle Sprache auf die Formierung von Ethnien nach dem Ende des römischen Reiches spielte. Um ihre mögliche identitätsstiftende Wirkung historisch einordnen zu können, sollte dabei den Kontexten, in denen die in den Quellen herausgestellten sprachlichen Unterschiede begegneten, sowie den Zwecken, denen ihre Formulierung in den erhaltenen Texten diente, besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Ergebnisse dieser Analysen liegen nun in den insgesamt 21 Beiträgen des anzuzeigenden Bandes vor.

    Nach einer Einleitung von Walter Pohl, in der das Thema begrifflich, konzeptionell und methodisch eingegrenzt wird (S. 9–22), hebt Wolfgang Haubrichs in seiner Untersuchung die Mehrsprachigkeit der auf dem ehemals römischen Gebiet lebenden Menschen hervor (S. 23–38): in den regna formierten sich »komplexe multilinguale Gesellschaften«. Dabei darf die Identitätsleistung der einzelnen Sprachen für Gruppen und Gesellschaften allerdings nicht übersehen werden, deren »gentile Identität« als »akzentuierte (und immer neu aktualisierte) Differenz in einer stets in Transformation begriffenen Kultur« erscheint (S. 33, 38). Herwig Wolfram wendet sich in seinem Beitrag Sprache und Identität über die Kategorien Eigenwahrnehmung oder Selbstbezeichnung, Fremdwahrnehmung oder Fremdbezeichnung, Mehrsprachigkeit und Sprachwechsel sowie Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu (S. 39–59). Er betont, dass ethnische Identitäten vor allem dann wahrgenommen werden, wenn es zu Veränderungen kommt, und unterstreicht im Gefolge von Patrick Geary den situativen Charakter von Sprache und Identität (S. 49). Hans Werner Goetz gelangt in seiner Untersuchung zu Indizien und Grenzen einer Identität durch Sprache im frühen Mittelalter, unter anderem anhand von Namen und Namensgebung sowie historiographischen Zeugnissen, zu dem Schluss, dass die Zeitgenossen zwar einen Bezug zwischen Sprache und einer gens herstellen konnten ( nostra lingua ), sich die sprachlichen Unterschiede jedoch nur bedingt und nicht in erster Linie als identitätsstiftend erweisen lassen (S. 61–73). Mit den letzten Worten Ludwigs des Frommen nach dem Bericht des Astronomus befasst sich Patrick Geary. Er erkennt in der volkssprachlichen Äußerung »Huz, Huz«, die der Biograph Ludwig in seinem Text in den Mund legt, ein Element der auch sonst im Werk nachweisbaren Christomimese des Protagonisten – Jesus hatte seine letzten Worte am Kreuz ebenfalls in seiner Muttersprache gesprochen (S. 75–80). Ian N. Wood richtet den Blick auf die von Gregor von Tours festgehaltene Sage von Attalus und den Vergleich mit den modernen Bearbeitungen des Stoffs (S. 81–91). Jörg Jarnut bewertet in seinem Beitrag den Edictus König Rotharis aus dem Jahr 643 als »das vielleicht erfolgreichste Instrument zur Integration der Römer in das regnum Langobardorum «, dessen Adressatenkreis alle freien Untertanen des Herrschers umfasste. Der – ohnehin nur sporadisch im Text des Gesetzbuchs nachweisbaren – Unterscheidung von »römisch« und »langobardisch« ließ er letztlich keinen Raum mehr (S. 93–97).

    Die komplexe, in einzelne Regionen differenzierbare Sprachentwicklung auf der Iberischen Halbinsel zeichnet Roger Wright in seinem Beitrag nach und kommt zu dem Schluss, dass sich die Verbindung zwischen sprachlichen und ethnischen Identitäten zwischen 400 und 1000 bis zu ihrem völligen Verschwinden auflöste (S. 99–108). Dem französischen Raum widmet sich Michel Banniard, der lateinische Texte aus der Karolingerzeit analysiert und in fünf unterschiedliche Sprachniveaus einteilt (S. 109–120). Dabei stellt er fest, dass die Texte zwar ein vergleichweise niedriges sprachliches Niveau aufweisen, eben diese Sprachform aber für die Durchführung sozialer Handlungen äußerst prestigeträchtig sein konnte. Auch als Folge eines Anspruchs auf sprachliche Identität ist daneben das Romanische Banniard zufolge in der Karolingerzeit, einer sprachlichen »zone de transition critique« (S. 112), gewissermaßen zur neuen Standardsprache geworden.

    Michael Richter stellt anhand von slawischen, irischen und deutschen Zeugnissen dar, wie sich die Beschränkung auf die Grapheme des glagolitischen bzw. lateinischen Alphabets auf die Wiedergabe der Laute in den jeweiligen Sprachen auswirkte (S. 121–130). Der Beitrag von Anton Scharer führt nicht nur die in Bedas Werk dokumentierte Vielsprachigkeit in Britannien und Irland vor Augen, sondern macht die Bedeutung der Volkssprachen für die Vermittlung von Glaubensinhalten im Rahmen der Mission auf den Inseln insbesondere im 7. Jahrhundert deutlich (S. 131–136). Einer irokeltischen Gelehrtengruppe, die sich »einer neuen, transethnischen Kommunität« (S. 141) zugehörig fühlte, spürt Kurt Smolak in seiner Analyse der von griechischen und hebräischen Begriffen durchdrungenen Hisperica famina nach (S. 137–144). Helmut Birkhan widmet sich mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Theorien zur Herkunft der Kelten auf den Britischen Inseln, die teilweise mit linguistischen Argumenten begründet wurden (S. 145–159). Dieter Geuenich macht anhand der wenigen erhaltenen alemannischen volkssprachlichen Zeugnissen und Namen deutlich, dass sich eine alemannische Sprachgemeinschaft erst nach der Eingliederung der Provinz Alamannia in das fränkische Reich im 8. Jahrhundert entwickelte (S. 161–170).

    Peter Štihs Abhandlung über das Slowenische, Alpenslawische oder Slawische zwischen Donau und Adria arbeitet zum einen in einer rezeptionsgeschichtlichen Perspektive die spätere Instrumentalisierung der Sprachzeugnisse auf und legt zum anderen dar, dass man die im Frühmittelalter im Ostalpenraum gesprochene Sprache nicht als Sonderform des Slawischen im Sinne eines Alt- bzw. Urslowenisch oder Alpenslawisch identifizieren kann (S. 171–183). Giuseppe Albertoni erkennt in den in einem Tridentiner placitum genannten Langobardi und Teutisci im Etschtal angesiedelte Langobarden und später hinzugezogene Franken, deren Unterscheidung er in politisch-rechtlichen Ursachen begründet sieht (S. 185–203). Fritz Lošek befasst sich mit den in der »Vita Severini« des Eugippius nachweisbaren Begriffen für Freunde, Feinde und Fremde (S. 205–210). Dem bisweilen manierierten Stil der »Variae« und einer Lobrede Cassiodors, vor allem aber dem Panegyricus des Ennodius auf Theoderich den Großen gewinnt Christian Rohr die Erkenntnis ab, dass letzterer an gebildete Senatoren gerichtet war und den Ostgotenkönig »als einen in der Tradition der weströmischen Kaiser stehenden Herrscher Italiens zu legitimieren« versuchte (S. 211–217, Zitat S. 215). Corinna Bottiglieri untersucht die Verwendung von Ethnonymen in der »Historia Normannorum« des Amatus von Montecassino und stellt den dort beobachteten Gebrauch der Termini Befunden aus anderen zeitgenössischen Quellen gegenüber (S. 219–237). Uta Goerlitz zeigt am Beispiel der Darstellung der Bewohner des Gebietes nördlich der Alpen in der frühmittelhochdeutschen Kaiserchronik des anonymen Regensburger Klerikers auf, wie deren Identität in wechselnden Perspektiven des Narrativs konstruiert wird (S. 239–250). Abschließend behandelt Daniela Fruscione die Frage der germanischen Identität und Sprache in einem Überblick, der früh- und hochmittelalterliche Quellen ebenso einbezieht wie die Äußerungen von Gelehrten des 19. Jahrhunderts (S. 251–264). Auf ein Abkürzungsverzeichnis (S. 265) folgt die Zusammenstellung der zitierten Quellen und der Literatur am Ende des Bandes (S. 267–302), der leider nicht durch ein Register erschlossen wird.

    Wie der Überblick über die Beiträge zeigt, bietet der Band zahlreiche wertvolle Erkenntnisse zum Zusammenhang von Sprache und Identität. Zugleich lassen die einzelnen Aufsätze auch deutlich werden, wo noch weiterer Forschungsbedarf besteht. Zum einen könnte der Quellenbestand um weitere Belege vor allem aus hagiographischen Quellen erweitert werden. Zum anderen ließe sich die insbesondere von Patrick Geary thematisierte Analyse der Bedeutung volkssprachlicher Begriffe im Rahmen der narrativen Struktur eines Textes noch vertiefen. Insgesamt ist künftigen Forschungen mit diesem anregenden Band eine solide Grundlage geschaffen worden.

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    PSJ Metadata
    Andreas Fischer
    W. Pohl, B. Zeller, Sprache und Identität im frühen Mittelalter (Andreas Fischer)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050)
    Europa
    Sozial- und Kulturgeschichte, Sprachgeschichte
    6. - 12. Jh.
    4015701-5 4026482-8 4033542-2 4056449-6
    500-900
    Europa (4015701-5), Identität (4026482-8), Kulturelle Identität (4033542-2), Sprache (4056449-6)
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    W. Pohl, B. Zeller, Sprache und Identität im frühen Mittelalter (Andreas Fischer)
    In: Francia-Recensio 2013/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-3/MA/pohl_fischer
    Veröffentlicht am: 12.09.2013 10:30
    Zugriff vom: 25.02.2020 02:50
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