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    K. Schmuki, F. Schnoor, E. Tremp, M. Berger, Im Anfang war das Wort (Peter Stotz)

    Francia-Recensio 2013/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Karl Schmuki, Franziska Schnoor, Ernst Tremp, Maximiliane Berger, Im Anfang war das Wort. Die Bibel im Kloster St. Gallen. Katalog zur Jahresausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen (2. Dezember 2012 bis 10. November 2013), St. Gallen (Verlag am Klosterhof) 2012, 120 S., 46 Abb., ISBN 978-3-905906-06-6, CHF 25,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Peter Stotz, Bülach bei Zürich

    Die Stiftsbibliothek St. Gallen, ein wahrer Gnadenort frühmittelalterlicher Textüberlieferung, zeigt in ihrem prächtigen barocken Bibliothekssaal Jahr um Jahr, je unter einem bestimmten Leitgedanken, eine Auswahl ihrer reichen Handschriftenschätze. Dabei stehen manchmal mehr die örtlichen Verhältnisse im Vordergrund, vielfach jedoch geht es um Themen von allgemeiner Bedeutung und so nun auch bei der Ausstellung von 2012/13, die der Geschichte der Bibel von der Spätantike bis in die Neuzeit gewidmet ist. Dank ihren hervorragenden Abbildungen und den einführenden und erläuternden Texten – aber auch dank der ausführlichen »Bibliographie raisonnée« im Anhang – behalten die Kataloge dieser Ausstellungen ihre Bedeutung über den aktuellen Anlass hinaus: als anregende Lektüre für interessierte Laien wie als wissenschaftliches Arbeitsinstrument.

    Das bekannte Wort aus dem Prolog des Johannesevangeliums, unter dem die diesmalige Ausstellung steht, hat auch in ganz vordergründiger Weise Gültigkeit: das Wort der Bibel stellt den unbestreitbar wichtigsten Ausgangspunkt mittelalterlicher Literatur und Geistigkeit dar. In neun Themenkreisen wird dessen Bedeutung vergegenwärtigt: zunächst jeweils durch einen einführenden Text, dann durch die Abbildungen der Exponate, je von einem ausführlichen Kommentar begleitet. Ausgestellt werden Bibeln und Bibelteile, liturgische Bücher, Übersetzungen, Kommentare und sonstige Bearbeitungen.

    Unter dem Gesichtspunkt »Das Wort kommt nach St. Gallen« werden wertvolle Fragmente der Vetus Latina und der Hieronymusbibel aus dem 5. und frühen 6. Jahrhundert präsentiert, die aus Italien nach St. Gallen gelangt sind; zum Teil handelt es sich um Palimpseste. Hervorgehoben seien die Überreste einer Evangelienhandschrift, die noch aus der Lebenszeit von Hieronymus selber stammen dürfte.

    Der Titel »Das Ringen um das Wort« bezieht sich auf Zeugnisse dafür, wie nun in dem frühmittelalterlichen Kloster selber Bibeltexte niedergeschrieben wurden. Begonnen wird mit der Abschrift der Paulusbriefe durch den ersten mit Namen bekannten Schreiber, Winithar (760/780); die etwas ungelenke Handschrift ist leicht lesbar, und schon hier wird die Bemühung um Buchschmuck ersichtlich. Beeindruckend sind die beiden mehrbändigen Bibelexemplare, die Hartmut, erst Dekan, dann Abt (Mitte/3. Viertel des 9. Jahrhunderts), anfertigen ließ. Die kleine Hartmut-Bibel (ursprünglich zehn Bände) war für den Privatgebrauch gedacht, als Psalmentext enthält sie das Psalterium iuxta Hebraeos . Die große Hartmutbibel (sechs Bände) – von ihr wird der Band mit den Paulinen vorgestellt – diente liturgischen Zwecken und zeichnet sich durch gediegenen Buchschmuck aus. Gleiches gilt für einen glossierten Psalter aus dieser Zeit. Der Überarbeitung der Bibeltexte durch Hartmut diente eine frühe, noch recht unscheinbare Vollbibel aus Tours, die dabei ihrerseits Korrekturen erfahren hat.

    Mit der Überschrift »Das tägliche Wort« werden »die meistgelesenen Bibeltexte« evoziert: Psalmen, Evangelien und Apostelbriefe. Gezeigt werden einige besonders prächtige Handschriften, so zwei von Wolfcoz (um 820/830) hergestellte: ein (später nach Zürich gelangter) Psalter mit einer Miniatur (Davids Buße vor Nathan), dann der am Ort verbliebene berühmte Wolfcoz-Psalter, weiter das Psalterium aureum , das irische Johannes-Evangelium, ein kommentiertes Evangeliar aus Hartmuts Zeit sowie das von der vornehmen Dame Gundis gestiftete Evangelistar. Ein Paulinencodex aus dem 3. Viertel des 9. Jahrhunderts enthält eine Federzeichnung, die den predigenden Paulus und eine lebhaft gestikulierende Zuhörerschaft zeigt.

    Der Rubrik »Das Wort in fremden Zungen« sind zunächst zwei griechisch-lateinische Bilinguen zugeordnet: ein Psalter, in dem sich die beiden Textformen spaltenweise gegenüberstehen, allenfalls auf Notker Balbulus zurückgehend, sodann ein um 850 in Oberitalien von Iren angelegtes griechisches Evangeliar mit lateinischer Interlinearversion (Codex Δ). Es folgt der aus Fulda stammende althochdeutsche Tatian sowie das in Einsiedeln angelegte Exemplar des althochdeutschen Psalters von Notker dem Deutschen. Einen starken Kontrast dazu bildet eine wunderschön illustrierte, im 18. Jahrhundert in Kairo für arabische Christen hergestellte Evangelienhandschrift.

    Der Titel »Das Wort wird bearbeitet« vereinigt Verschiedenartiges: Begonnen wird mit einem um 1200 wohl in Nordfrankreich hergestellten Exemplar des Paulinenkommentars von Petrus Lombardus. An seiner Seite findet sich – mit einem Sprung ins 15. Jahrhundert – ein Blockbuch-Druck der Biblia pauperum wohl aus den Niederlanden. Es folgen deutschsprachige Texte: eine Evangelienparaphrase zur Erbauung frommer Laien, eine volkssprachliche Umsetzung des Evangelistars und Epistolars für eine geistliche Gemeinschaft in der Nähe des Klosters und schließlich die Handschrift des groß angelegten St. Galler Weihnachtsspiels.

    Gänzlich anderer Art ist das, was mit »Das Wort im Raum« überschrieben wird: Im St. Galler Klosterplan (Reichenau, 819 oder 826/830) wird auf die Orte hingewiesen, die in irgendeiner Weise mit der Bibel zu tun haben: Anfertigung von Texten, Verkündigung, Studium.

    Unter dem Signum »Das Wort fürs Volk« werden deutschsprachige Bibeldrucke ausgestellt: ein Plenar (Perikopenbuch) aus Augsburg von 1478, ein prachtvoll koloriertes Exemplar einer deutschen Bibel des Nürnberger Druckers Anton Koberger sowie – der Bibliothek erst viel später zugegangen – je ein Exemplar von Luthers Septembertestament und von einem in Zürich 1529 gedruckten Neuen Testament.

    Im unterirdischen Lapidarium der alten Klosterkirche werden (»Das Wort im Bild«) illustrierte Bibeldrucke des 17./18. Jahrhunderts gezeigt: Ein kommentierter Psalter aus der klösterlichen Druckerei (1644), die Bilderbibel des Nürnberger Druckers Christoph Weigel (1712) und ein Band eines ganz andersartigen, hoch interessanten Werkes: der »Physica sacra« des Zürcher Naturforschers Johann Jakob Scheuchzer (Ulm 1731–35).

    Unter dem Motto »Das Wort in aller Welt« klingt die Ausstellung mit Bibelausgaben in fremden Sprachen aus. Beeindruckend ist die von Elias Hutter 1599 in Nürnberg besorgte Polyglotte des Neuen Testaments in nicht weniger als zwölf Sprachen. Es folgt ein früher Druck des Neuen Testaments in syrischer Sprache (Wien 1562), ausgiebig annotiert von einem St. Galler Mönch der Zeit. Mehr zufällig gelangte in die Klosterbibliothek ein malaiisches Neues Testament; es stammt aus dem Besitz des Leibdieners eines vornehmen Mönchs, der vordem in Südostasien gelebt hatte. Und schließlich: 1871 schenkte die British and Foreign Bible Society der Stiftsbibliothek Bibeln in nicht weniger als 27 Sprachen, so eine Bibel in der Sprache der Cree-Indianer (London 1861/62), die in einer eigens dafür erfundenen Silbenschrift niedergeschrieben wurde.

    Der inhaltsreiche, sorgfältig erarbeitete Katalog dieser temporären Ausstellung vermittelt auf Dauer einen wertvollen Querschnitt durch die Geschichte der Darbietungs- und Anwendungsformen der biblischen Texte. Die weiterführenden Angaben erlauben die Vertiefung des Besprochenen sowie auch Verknüpfungen nach allen Seiten.

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    PSJ Metadata
    Peter Stotz
    K. Schmuki, F. Schnoor, E. Tremp, M. Berger, Im Anfang war das Wort (Peter Stotz)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    ohne zeitliche Zuordnung
    Schweiz
    Literatur, Sprache
    ohne zeitliche Zuordnung
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    Kloster Sankt Gallen (4131449-9), Bibel (4006406-2), Bibelausgabe (4194156-1), Rezeption (4049716-1), Sammlung (4128844-0), Stiftsbibliothek St. Gallen (2089619-0)
    PDF document schmuki_stotz.doc.pdf — PDF document, 105 KB
    K. Schmuki, F. Schnoor, E. Tremp, M. Berger, Im Anfang war das Wort (Peter Stotz)
    In: Francia-Recensio 2013/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-3/MA/schmuki_stotz
    Veröffentlicht am: 12.09.2013 10:35
    Zugriff vom: 24.02.2020 14:43
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