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K. Schreiner, Heilige Kriege (Ernst-Dieter Hehl)


Francia-Recensio 2013/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Klaus Schreiner (Hg.), unter Mitarbeit von Elisabeth Müller-Luckner, Heilige Kriege. Religiöse Begründungen militärischer Gewaltanwendung: Judentum, Christentum und Islam im Vergleich, München (Oldenbourg) 2008, XXIII–273 S. (Schriften des Historischen Kollegs, 78), ISBN 978-3-486-58848-4, EUR 59,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ernst-Dieter Hehl, Mainz

Das Thema des (spät zur Rezension erhaltenen) Bandes hat in der aktuellen Diskussion des »Westens« eine Verengung erfahren. Die religiöse Begründung militärischer Gewalt wird fast ausschließlich am Beispiel des Islam diskutiert; das Stichwort »Islamismus« signalisiert, Gewaltanwendung widerspreche »wahrer« Religion. Die geschichtliche Nähe des Christentums zu Krieg und Gewalt gilt als überwunden. Deren Erscheinungsformen stehen im Mittelpunkt des Bandes. Nur zwei der Beiträge befassen sich mit den großen nichtchristlichen monotheistischen Religionen: dem Judentum (Aharon Oppenheimer, S. 31–42) und dem Islam (Tilman Nagel, S. 43–70). Beide fundieren eine Grundannahme: Heilige Kriege sind nur in monotheistischen Religionen denkbar, in der griechisch-römischen Antike fehlen dafür die Voraussetzungen (was Werner Eck zu Beginn seines Beitrags über »Constantins Sieg an der Milvischen Brücke als Modell für den Heiligen Krieg?« verdeutlicht, S. 71–91). Oppenheimer betont dies nachdrücklich und untersucht dann die Erhebung der Makkabäer sowie die jüdischen Aufstände gegen Rom: den von 66 bis 70 n. Chr., den sogenannten Diaspora-Aufstand in der heutigen Cyrenaika (115–117) sowie den Bar-Kochba-Aufstand (132–135/6). Eine besondere »Intensität des religiösen Fanatismus« (S. 41) konstatiert er für den Diaspora-Aufstand, er führt diese auf eine Schwäche der jüdischen Position zurück, während die Makkabäer und Bar Kochba eher pragmatisch mit religiösen Fragen umgingen, was ihre stärkere Ausgangslage widerspiegelt. Hier werden Erscheinungsformen eines heiligen Krieges an den Grad von jeweiliger Organisation und Staatlichkeit gebunden. Tilman Nagel sieht das Fortleben des Dschihad-Gedankens bis heute nicht zuletzt darin begründet, dass es nur unvollkommen gelungen sei, die frühe »Dschihadbewegung in eine Staatlichkeit zu überführen« (S. 49). »Kampfgemeinschaft ‚auf dem Pfade Allahs‘« (S. 44) sowie »Teilnahme am Dschihad« als »wesentliche(s) Merkmal der Gläubigkeit« (S. 47) sind in Nagels Ausführungen die entscheidenden Begriffe, nur beiläufig und summarisch heißt es S. 52 »heiliger Krieg«. Das knüpft an Überlegungen von Friedrich Wilhelm Graf (S. 1–30) an. Graf betont die neuzeitlichen Wurzeln der Begriffsbildung, ihr weitgehendes Fehlen in der christlichen Tradition der Spätantike und des Mittelalters sowie die inhaltliche Prägung durch die deutsche Bibelexegese in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts (und die dann erfolgte Übertragung auf den islamischen Bereich), die auf einem emphatischen Sprachgebrauch der Befreiungskriege gegen Napoleon aufbaute.

»Freiheitskriege als heilige Kriege. 1792–1815« überschreibt denn auch Hans-Christof Kraus seinen Beitrag (S. 193–218). In ihnen trat neben eine auf Nation und Volk bezogene Interpretation eine universalistische. In deren Mittelpunkt stand die » Idee der Freiheit […] als universales, zugleich sinnstiftendes wie auch handlungsleitendes Prinzip« (S. 197, Hervorhebung durch den Autor). Ein universelles und »in der Sache unhinterfragbares Ziel« sind die Ingredienzien des heiligen Kriegs der Moderne. Teilweise werden sie noch in direkter religiöser Sprache formuliert, weshalb Hans Günter Hockerts Spuren religiöser Deutung in Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion unter den Leitgedanken "Kreuzzugsrhetorik, Vorsehungsglaube, Kriegstheologie" aufzeigen kann (S. 229–250).

Auch wenn eine Begriffsbestimmung »heiliger Krieg« nicht das Ziel des Bandes ist, durchzieht ihn doch eine einheitliche Vorstellung von seinen Kennzeichen: Religion als Ursache, Sicherung eines religiösen Bekenntnisses als Ziel des Krieges, Führung unter Einsatz religiöser Propaganda und Symbolik. Für die ersten beiden Punkte bietet Hans Meier in seinen Ausführungen (S. 55–69) über die biblische Wendung compelle intrare (Lukas 14,23) bis hin zur Anerkennung der Religionsfreiheit durch das Zweite Vatikanische Konzil einen Überblick. Dem dritten Themenkomplex widmet sich Klaus Schreiner am Beispiel der Türkenkriege des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (S. 151–191). Es sind – so sein Titel – »Kriege im Namen Gottes, Jesu und Mariä« und »heilige Abwehrkämpfe«. Texte, Bilder und (Gebets-)Liturgie betonen zunehmend die schützende und sieggebende Macht Gottes und (in den Augen der Katholiken) seiner Heiligen, an ihrer Spitze Maria. Schreiner führt seine Beobachtungen bis zum Sieg Prinz Eugens bei Zenta (1697) fort. Vor diesem zeitlichen Hintergrund erhalten die Überlegungen von Heinz Schilling über »konfessionelle Religionskriege« (S. 127–149) erhöhte Bedeutung. Denn er bezweifelt, dass an deren Ende im Westfälischen Frieden die »religiöse Wahrheitsfrage […] zur Disposition gestellt« wurde: »Sie wurde vielmehr entpolitisiert, sodass sie nicht mehr zur Legitimation politischer und weltlicher Ziele herangezogen werden konnte und folglich fortan ein Aufruf zum Heiligen Krieg oder auch nur die positiv gemeinte Deutung eines irdischen Krieges als notwendiger und von Gott gewollter Krieg unmöglich geworden war« (S. 148). Schilling konstatiert einen Wandel vom »Heiligen Krieg der Christenheit« zu ihrem »Heiligen Frieden« (S. 144), der sich auch in der Figur Mariens als Friedenskönigin spiegelt.

Klaus Schreiner hat in seinem Beitrag formuliert: »Der heilige Krieg galt als gerecht, der gerechte als heilig« (S. 192). In dem abschließenden Beitrag des Bandes unter dem Titel »Verweigerte Toleranz und geheiligte Kriegführung« (S. 251–266) scheint Dietmar Willoweit darauf aufzubauen, wenn er feststellt, dass der Krieg gegen außerhalb der Christenheit stehende Gruppen und Völker keine »besondere Rechtfertigung der Gewalt« (S. 252) erforderte, auch wenn er Gegenstimmen dazu notiert. Diese scheinen mir grundsätzlicher zu sein, als Willoweit annimmt. Rudolf Schieffers Feststellung, dass es die innerchristlichen Kriege im Karolingerreich sind, in denen der Sieg als Gottesurteil gilt (S. 219–228) , spricht zunächst für Willoweits These, denn der Sieg ist eine nachträgliche Rechtfertigung durch Gott. Aber Ludwig Schmugge hat die »Wandlungen der Kreuzzugsidee« (S. 93–108) unter die Frage »Deus lo vult?« gestellt und einen Abschnitt über »Kreuzzugskritik« eingefügt. Klaus Miethke zeigt unter dem Titel »Heiliger Heidenkrieg? « (S. 109–125), wie der von Papst Innozenz IV. entfaltete Gedanke, auch nichtchristliche Herrschaft sei im Ursprung eine legitime (und damit zu Selbstverteidigung berechtigt) auf dem Konstanzer Konzil von Polen gegen den Deutschen Orden verwendet wurde.

Den Kämpfern schenken die Beiträge weniger Beachtung. Im muslimischen Dschihad und dem christlichen Kreuzzug, den Idealtypen des »heiligen Krieges«, konnten sich diese jedoch Gott nähern und selbst »heilig «werden. Die Gefallenen galten als Märtyrer, Paradies und ewiges Leben erwarteten sie. Die katholische Kirche hat ihre Verheißungen geistlichen Lohns als Ablass ausgestaltet. Die Belohnten hatten eine religiöse Pflicht erfüllt, aber sie hatten keinen Befehl befolgt, sondern sich aus freien Stücken in den Dienst Gottes gestellt. Die Neubelebung des Gedankens von einem »heiligen Krieg« in den Befreiungskriegen ist auch im Zusammenhang mit freiwilliger Kriegsteilnahme zu sehen. Bis heute ist das Kreuz auf militärischen Tapferkeitsauszeichnungen zu finden: Kriegsteilnahme kann die staatliche Gewalt befehlen, Tapferkeit ist »freiwillig«. So scheint in vielen Fällen, wie die Beiträge des Bandes und dessen weitgespannte Einführung von Klaus Schreiner (S. VII–XIII) lehren, die eine »Heiligkeit« des Krieges (noch nicht oder nicht mehr ausgebildete) »Staatlichkeit« zu substituieren beziehungsweise zu steigern. Die aktuellen asymmetrischen Kriege (»Terror« und seine Bekämpfung«) sind jedenfalls von diesem Muster geprägt.

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PSJ Metadata
Ernst-Dieter Hehl
K. Schreiner, Heilige Kriege (Ernst-Dieter Hehl)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
Weltgeschichte
Kirchen- und Religionsgeschichte
Mittelalter
4015701-5 4016795-1 4010074-1 4305296-4 4020832-1 4159391-1 4027743-4 4114087-4 4049396-9 4049406-8
500-1500
Europa (4015701-5), Ferner Osten (4016795-1), Christentum (4010074-1), Djihad (4305296-4), Gewalt (4020832-1), Heiliger Krieg (4159391-1), Islam (4027743-4), Judentum (4114087-4), Religion (4049396-9), Religionskrieg (4049406-8)
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K. Schreiner, Heilige Kriege (Ernst-Dieter Hehl)
In: Francia-Recensio 2013/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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Veröffentlicht am: 12.09.2013 10:40
Zugriff vom: 28.09.2020 11:40
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