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V. Toneatto, Les Banquiers du Seigneur (Verena Epp)

Francia-Recensio 2013/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Valentina Toneatto, Les banquiers du Seigneur. Évêques et moines face à la richesse (IV e –début IX e siècle), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2012, 437 p., ISBN 978-2-7535-1856-8, EUR 22,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Verena Epp, Marburg

Die Einstellungen Geistlicher zum Reichtum, die in der anzuzeigenden thèse der als maître de conférences an der Universität Rennes lehrenden Mediävistin behandelt werden, sind in jüngster Zeit vor allem aus Sicht der Elitenforschung betrachtet worden 1 . Die bekannt negative Bewertung des Gewinnstrebens führte zur Feststellung einer »Anti-Ideologie« des Reichtums 2 . Die communis opinio traut erst dem Hochmittelalter zu, wirtschaftliche Rationalität zu entwickeln, und Handbücher des Wirtschaftsdenkens setzen meist erst mit dem 12. Jahrhundert ein 3 .

Valentina Toneatto beschreitet demgegenüber neue Wege: Sie untersucht den Gesamtkomplex der patristischen »parole« im Sinne Ferdinand de Saussures, den Sprachgebrauch zur Bezeichnung wirtschaftlicher Beziehungen bei den griechischen und lateinischen Kirchenvätern, darüber hinaus kirchliche und weltliche Rechtstexte des frühen Mittelalters wie Konzilskanones und Leges, Bibelkommentare, Mönchsregeln und Predigten.

Die Arbeit ist in drei große Abschnitte gegliedert: Der erste Teil untersucht die Verwendung des Terminus avaritia in patristischen und frühmittelalterlichen Predigten, insbesondere bei Caesarius von Arles. Die Quellenbasis der Teile zwei und drei reicht chronologisch bis in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts und befasst sich mit den monastischen, insbesondere benediktinischen Vorstellungen von Gütergemeinschaft und Besitzlosigkeit sowie mit der Figur des Bischofs als pater pauperum . Der dritte Teil ( diligentia , cura , sollicitudo ) ist dem Abt als Verwalter des Klostervermögens gewidmet.

Die Autorin verbindet, methodischen Anregungen von Giacomo Todeschini 4 folgend, sprachwissenschaftlich-lexikographische und vorstellungsgeschichtliche Ansätze, indem sie die zu Wortclustern um Kernbegriffe wie avaritia , largitio , dispensatio , cura oder necessitas bzw. deren griechische Entsprechungen geronnenen Denkmuster von Theologen zwischen Clemens von Alexandrien im 3. Jahrhundert und Benedikt von Aniane im 9. Jahrhundert aufarbeitet und quellennah zur Darstellung bringt. (S. 23f.: »approches méthodologiques«)

Die Ergebnisse der preisgekrönten Arbeit Toneattos sind grundlegend für die Analyse des frühmittelalterlichen Wirtschaftsdenkens: Schon die Kirchenväter benutzten ökonomische Begriffe als Metaphern für die Interaktion zwischen Gott und den Menschen und entwickelten so eine »theologisch-ökonomische« Diktion (S. 18), die prägend für das gesamte Mittelalter wurde. Dominus Deus noster mercatores nos vult esse, mutationes nobiscum facit , so hatte schon Anfang des 5. Jahrhunderts Augustin in Karthago gepredigt (Sermo 177,10).

Mit dieser Entdeckung löst die Autorin den Widerspruch auf, der, wie sie zeigt, nur scheinbar zwischen der religiös motivierten Verachtung des Reichtums und der ständigen Benutzung ökonomischer Termini durch Kirchenväter und monastische Theoretiker bestand. Toneatto zeichnet akribisch anhand der Sprachverwendung bereits für das Frühmittelalter die Entwicklung einer ökonomischen Rationalität der Güterverwaltung in den Händen des Klerus nach.

Das griechisch-römische Vokabular von Handel und Wirtschaft wurde durch die Kirchenväter zu einer »langue du salut« transformiert (S. 377). Die Diskurse zum Thema avaritia , paupertas , dispensatio , der Güterverwaltung durch den Bischof, wie sie insbesondere Papst Gregor der Große formulierte, aber auch zur cura und discretio des Abtes sind Beispiele für die Ausbildung eines Begriffskanons, der im gesamten Mittelalter katenenartig weiter verwendet wurde. Diese »habitudes de pensée«, wie Toneatto sie nennt, führten dazu, dass alltägliches Wirtschaftshandeln wie Käufe, Verkäufe, Verträge, Leihgeschäfte gleichsam theologisch aufgeladen wurden. Neudefinitionen von gutem bzw. schlechtem Reichtum, guter und schlechter Armut wurden vorgenommen und ermöglichten eine bischöfliche Predigttätigkeit, die z. B. avaritia als Haltung brandmarkte, welche den Kreislauf von materiellen und spirituellen Gütern unterband, indem sie diese aufhäufte, anstatt sie produktiv im Sinne der Gemeinschaft zu nutzen.

Doch damit nicht genug: Mittels solcher Lehren verstand es die von den Kaisern seit Konstantin geförderte Kirche, ihren gewachsenen Besitz als guten, weil im Interesse des bonum commune genutzten Reichtum zu deklarieren. Auch die gesellschaftliche Führungsrolle der Bischöfe und der politische Einfluss vermögender Laien ließen sich mittels dieser theologischen Aufladung wirtschaftlicher Begriffe begründen. Der Begriff oikonomia / dispensatio z. B. bezeichnete von nun an sowohl die von Gott gestiftete Schöpfungsordnung als auch ihr Abbild, die Verwaltungstätigkeit christlicher Eliten, die auf diese Weise legitimiert wurde (S. 380).

Diese Konzeption strahlte seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert (Johannes Cassianus) auch auf den monastischen Bereich aus und prägte schließlich die benediktinische wirtschaftliche Rationalität. Die Güter von Novizen wurden bei deren Profess dem Kloster als – in der Tradition des römischen Rechts – sakralem Ort übertragen. Der Abt hatte dabei, wie vor allem die Regula Magistri zeigt, weniger als Eigentümer denn als von den Mönchen beauftragter Verwalter der Güter zu fungieren. Wie detaillierte Blicke auf Bobbio, Corbie und Nonantola zeigen, tradierten die karolingischen Texte dabei das spätantike theologisch-ökonomische Gedankengut bruchlos weiter und begründeten so auf patristischem Fundament eine gleichzeitig wirtschaftlich wie politisch wirksame Mitregierung der Prälaten im Frankenreich.

Ein Sprachgebrauch, der wirtschaftliches Handeln als Teil einer Heilsökonomie verstand, in der die Zirkulation von Gütern und ihre fruchtbringende Verwendung mit der Heilsvermittlung identisch wurden, prägte das Denken. Spiritueller und materieller Güteraustausch waren über die Bischöfe und Äbte als deren Vermittler untrennbar verbunden. Diesen gelang es, durch bewusste Prägung der parole sich selbst zu Heilsverwaltern par excellence im Dienste der christlichen Gemeinschaft zu stilisieren und daraus in der Folge auch die Legitimation politischer Macht abzuleiten. Wie eng sprachliche Definitionshoheit und faktische Machtausübung verbunden sein können, lehrt der verfolgte methodische Ansatz von Toneatto in vorbildlicher Weise.

Mit Toneattos Ergebnissen wird die Habilitationsschrift von Steffen Patzold (Episcopus. Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts, Ostfildern 2009) gleichsam um die historische Herleitung erweitert: Patzold analysierte, wie die Bischöfe des karolingischen Frankenreiches handelten, welches Wissens sie sich bedienten, welches Wissen sie produzierten und vermittelten. Die transzendente Dimension des Bischofsamtes jedoch war, wie Toneatto zeigt, bereits in der Spätantike als Teil des heilsökonomischen Denkens vorgeprägt.

Wertvoll für die Benutzer ist neben dem Personen- und Ortsregister v. a. ein Bibelstellenindex, der die Kommentare zu Schlüsseltexten wie dem »Gleichnis von den Talenten« bei Matth. 25, 14ff., sofort auffindbar macht.

2 Ibid., S. 33, 36ff.

3 Z. B. Diana Wood, Medieval Economic Thought, Cambridge 2002.

4 Giacomo Todeschini, Il prezzo della salvezza. Lessici medievali del pensiero economico, Rom 1994.

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PSJ Metadata
Verena Epp
V. Toneatto, Les Banquiers du Seigneur (Verena Epp)
CC-BY-NC-ND 3.0
Antike (1200 v.Chr.-600 n.Chr.), Frühes Mittelalter (600-1050)
Europa
Kirchen- und Religionsgeschichte
1 - 5. Jh. n. Chr., 6. - 12. Jh.
4015701-5 4006949-7 4074927-7 4077530-6 4066399-1
300-814
Europa (4015701-5), Bischof (4006949-7), Mönchtum (4074927-7), Soteriologie (4077530-6), Wirtschaft (4066399-1)
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V. Toneatto, Les Banquiers du Seigneur (Verena Epp)
In: Francia-Recensio 2013/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-3/MA/toneatto_epp
Veröffentlicht am: 12.09.2013 10:50
Zugriff vom: 27.01.2020 00:56
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