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    I. Backus, P. Benedict, Calvin and His Influence, 1509–2009 (Markus Totzeck)

    Francia-Recensio 2013/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Irena Backus, Philip Benedict (ed.), Calvin and His Influence, 1509–2009, Oxford (Oxford University Press) 2011, XIII–336 p., ISBN 978-0-19-975184-6, EUR 78,20.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Markus M. Totzeck, Heidelberg

    Welchen Einfluss des Reformators Johannes Calvin auf seine Nachwelt kann man 500 Jahre nach seiner Geburt feststellen? Was machte ihn, seine Theologie und die Reformation in Genf überhaupt für seine Zeitgenossen und Nachwelt attraktiv, und wie hängt dies schließlich mit dem zusammen, was man im heutigen Sprachgebrauch »Calvinismus« nennt? Dies sind entscheidende Fragen, die sich der von Irena Backus und Philip Benedict herausgegebene Aufsatzband zum Thema gemacht hat. Entstanden ist er im Zuge einer internationalen Konferenz, die 2009 anlässlich des Calvin-Jubiläums in Genf stattfand und führende Experten der Forschungen zu Calvin und dem Calvinismus versammelte. Das Resultat ist ein ausgewogenes Spektrum von insgesamt 15 Aufsätzen, in denen nicht nur die Kirchenhistorie und systematische Theologie, sondern auch die Literaturwissenschaft, Philologie und Allgemeinhistorie zu Wort kommen. In unterschiedlicher Herangehensweise widmet sich eine erste Reihe der Beiträge den eingangs gestellten Fragen, indem die Person Calvin und seine Theologie in den Mittelpunkt rücken, der Schwerpunkt der anderen Beiträge liegt auf der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Calvins und dem Calvinismus in den nachfolgenden Jahrhunderten.

    Ein naheliegender Ansatz, die Frage nach Calvins Einfluss zu beantworten, ist es, die Wirkmächtigkeit seiner Theologie und seine eigene Schaffenskraft in den Mittelpunkt zu stellen. Der erste Beitrag des Sammelbands von Diarmaid MacCulloch reicht theologiegeschichtlich am weitesten zurück und versucht, den vielleicht »most Augustinian theologian of the sixteenth century« (S. 33) in die Tradition der Kirchenväter einzuordnen, insbesondere aber auf die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon zu beziehen. Zwei weitere Beiträge lassen demgegenüber die Theologie Calvins zurücktreten, um die Weise seines Arbeitens und Schreibens zu erhellen. Max Engammare beschreibt Calvin in seinem Beitrag eindringlich als »Workaholic«, der wenig schlief, sich auf eine Mahlzeit am Tag beschränkte und neben seiner Arbeit wenigstens durch einen 15-minütigen Gang im Zimmer in Bewegung zu bleiben versuchte (S. 67). Ergebnis der unermüdlichen Arbeit Calvins war ein umfangreiches theologisches Œuvre, das gerade auch deswegen weite Ausstrahlungskraft haben konnte, weil der Autor selbst sich geschickt in seinen Werken positionierte. Dies zeigt Olivier Millet in seiner Untersuchung der editorischen Paratexte zu den Werken Calvins. Die Ausstrahlungskraft und die Wirkungen Calvins blieben Zeit seines Lebens vor allem mit der Stadt Genf verbunden bzw. gingen von hier aus. Herman Selderhuis belegt dies mit eindrucksvollen Zahlen. Einige seien genannt: Ab 1549 wurden fast 2300 Predigten Calvins vor allem von Denis Raguenier in Genf aufgezeichnet; die ca. 500 Buchtitel, die 1551–1564 in Genf gedruckt wurden, enthielten 160 Ausgaben von Werken Calvins; der Genfer Psalter, eines von Calvins bekanntesten Werken, wurde 1562 in Genf allein 27 400 mal gedruckt (S. 148f.).

    Trotz dieser Hinweise und Zahlen, die Calvins Wirkmächtigkeit unterstreichen, liefert der Band genügend Argumente dafür, dass die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte sich als äußerst komplex darstellt und das, was später als »calvinistisch« galt, nicht unbedingt im engeren Sinn »calvinisch« sein musste. Das hiermit benannte Forschungsproblem bildet einen verbindenden roten Faden vieler Beiträge. Mitunter ist z. B. umstritten, wie sehr die vor allem im englischsprachigen Raum prominente Definition des Calvinismus, die diesen mit der Prädestinationslehre verbindet, mit Calvin selbst im Einklang steht (»Calvin against the Calvinists«). So weist Friedrich Wilhelm Graf nach, dass der Begriff »Calvinismus« sich wohl zuerst auf einen Brief Calvins an Heinrich Bullinger aus dem Jahr 1548 zurückführen lässt, in dem es nicht um die Prädestination, sondern um die unterschiedlichen Parteiungen im Abendmahlsstreit in Bern ging (S. 256). Auch war die gängigere (Eigen-)Bezeichnung vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts »reformiert« und nicht »calvinistisch«. Damit wird das Phänomen des Calvinismus schon für das 16. Jahrhundert vielschichtiger, denn es war Teil einer breiten reformierten Tradition, die Emidio Campi für den schweizerischen und europäischen Kontext beschreibt. Reformatoren wie Bullinger und Peter Martyr Vermigli bzw. die Züricher Reformation hätten, so Campi, ab einem bestimmten Zeitpunkt sogar größere Ausstrahlungskraft z. B. in England und Ungarn erreicht als die Genfer Reformation unter Calvin (S. 130–132).

    Calvins Einflüsse auf seine Nachwelt korrespondieren also mit einem komplexen Bild des Calvinismus, das weder europäisch und außereuropäisch einheitlich noch historisch als lineare Fortentwicklung beschreibbar ist. Dies legen die Beiträge nahe, die in der Untersuchung des Calvinismus geographisch und im Zeitrahmen unterschiedlich angelegt sind. Gerade die Theologie der reformierten Orthodoxie im 17. Jahrhundert blieb keineswegs nur auf Calvin beschränkt (dazu der Beitrag Richard A. Mullers). Sowohl in den Niederlanden als auch im Frankreich des 19. und 20. Jahrhunderts lässt sich Calvins Einfluss nur in Diskontinuitäten und Brüchen beschreiben. In Frankreich musste Calvin vor allem in den Jahrzehnten um 1900 wieder neu »aufgefunden« werden, nachdem er dort noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts bei vielen in Vergessenheit geraten war (André Encrevé). In den Niederlanden wurde Calvin als eigenständiger theologischer Denker im 18. Jahrhundert nur noch wenig gewürdigt, bevor sich um 1900 geradezu ein »Calvin-Kult« entwickelte (Ernestine van der Wall). Abraham Kuyper, der in den Niederlanden wahrscheinlich wie kein anderer für das Aufblühen des Calvinismus im 19./20. Jahrhundert (»Neo-Calvinismus«) steht, verstand gleichwohl den Calvinismus selbst keineswegs als auf die Lehren Calvins beschränkt, sondern als eine sich kontinuierlich weiterentwickelnde Lehre (Cornelis van der Kooi). Viele neue Erkenntnisse liefern zudem die Beiträge von David Bebbington zum Einfluss Calvins auf den britischen Evangelikalismus des 19. und 20. Jahrhunderts und John de Gruchy zur Rolle des Calvinismus in der Apartheid Südafrikas. Insgesamt zeigen die international ausgerichteten Beiträge zum Calvinismus, wie eng die Veränderungen in der Wahrnehmung des Reformators Calvin letztlich auch mit den unterschiedlichen politischen Ausgangsstellungen zusammenhingen.

    Diese politische Dimension von Calvins Wirken und dem Calvinismus steht gesondert in drei Beiträgen zur Diskussion. Dies ist umso erfreulicher, als die Herausgeber bereits in ihrer Einleitung die klassische These Max Webers, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen inneren Zusammenhang zwischen dem Calvinismus und der Entwicklung des modernen Kapitalismus festhielt, relativieren, aber dennoch die politischen und soziokulturellen Fragestellungen in dem Band nicht vernachlässigt werden. Hierfür stehen die Beiträge Harro Höpfls, William Naphys und Heinz Schillings: Höpfl untersucht das aristokratische Ideal in der politischen Theorie und Ekklesiologie Calvins, um zugleich aber bereits die Veränderungen in der Rezeption und Weiterentwicklung im politischen Denken der Calvinisten in den 1570er und 1580er Jahren (z. B. bekannterweise bei den Widerstandslehren) zu unterstreichen. William Naphys Beitrag stellt eine intensive Analyse des Genfer Staat-Kirche-Verhältnisses zur Zeit Calvins sowie der Wohlfahrt und Zuwanderung dar, die der Stadt ihr charakteristisches Gepräge gaben. Schließlich entfaltet der Berliner Historiker Heinz Schilling eine wichtige Facette des auch von ihm maßgeblich geprägten Konfessionalisierungsparadigmas.

    Die drei genannten, am Politischen orientierte Beiträge, regen zu Fragen an, die bereits über den Sammelband hinausgehen. Dies betrifft z. B. die jüngst vor allem von John Witte, Jr. und Christoph Strohm (dazu Schilling selbst, S. 160) geprägte Forschung zum Einfluss des Calvinismus auf die Entwicklung der Rechtswissenschaften. Die in einigen Beiträgen hervorgehobene Bedeutung der Glaubensflüchtlinge und des Fremddaseins als Identitätsmarker des (frühen) Calvinismus lässt nach interreligiösen Vergleichsmöglichkeiten fragen (Einflüsse auf das Verhältnis zum Judentum? Anschlussfähigkeit an den aktuell diskutierten politischen Hebraismus?). So oder so bleibt der vorgestellte Sammelband durch seine detaillierten und sorgfältig erarbeiteten Beiträge durchweg ansprechend. Er stellt eine wichtige Ergänzung zu den Standardwerken wie dem »Calvin Handbuch« und »The Cambridge Companion to John Calvin« dar, weil hier andere Autoren zu Themen, die diese Werke gemein haben, schreiben und neue Forschungen darüber hinaus zusammengebracht werden. Ein ausführliches Register rundet den guten Gesamteindruck eines Buches ab, das dem Anlass des Calvin-Jubiläums würdig erscheint.

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    PSJ Metadata
    Markus M. Totzeck
    I. Backus, P. Benedict, Calvin and His Influence, 1509–2009 (Markus Totzeck)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    20. Jh., Neuzeit bis 1900
    4015701-5 118518534 4136802-2
    1560-2009
    Europa (4015701-5), Calvin, Jean (118518534), Calvinismus (4136802-2)
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    I. Backus, P. Benedict, Calvin and His Influence, 1509–2009 (Markus Totzeck)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/FN/backus_totzeck
    Veröffentlicht am: 12.12.2013 08:50
    Zugriff vom: 30.11.2020 02:29
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