Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    R. Abdellatif, Y. Benhima, D. König, É. Ruchaud, Construire la Méditerranée, penser les transferts culturels; R. Abdellatif, Y. Benhima, D. König, É. Ruchaud, Acteurs des transferts culturels en Méditerranée médiévale (Matthias M. Tischler)

    Francia-Recensio 2013/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Rania Abdellatif, Yassir Benhima, Daniel König, Élisabeth Ruchaud (dir.) , Construire la Méditerranée, penser les transferts culturels. Approches historiographiques et perspectives de recherche, München (Oldenbourg) 2012, 193 p. (Ateliers des Deutschen Historischen Instituts Paris, 8), ISBN 978-3-486-70476-1, EUR 24,80; Rania Abdellatif, Yassir Benhima, Daniel König, Élisabeth Ruchaud (dir.) , Acteurs des transferts culturels en Méditerranée médiévale, München (Oldenbourg) 2012, 232 p. (Ateliers des Deutschen Historischen Instituts Paris, 9), ISBN 978-3-486-70941-4, EUR 24,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Matthias M. Tischler, Barcelona

    Die kulturwissenschaftlich gewendeten Geistes- und Sozialwissenschaften sind in den letzten Jahren in einem spannenden Umbruchsprozess begriffen, der die Frage nach ihrem künftigen Aussehen und ihren beherrschenden Fragestellungen aufwirft: Wohin geht die Reise und welches neue Meisternarrativ könnte sich abzeichnen? Im Kontext der von Deutschland aus initiierten Anschlussbemühungen an die international freilich längst geführten Debatten zu Phänomenen einer verflochtenen und globalisierten Welt der Vormoderne sowie zu einer transkulturell perspektivierten Geschichtswissenschaft war zwischen Oktober 2008 und Oktober 2010 am Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP) die Forschungsgruppe »FranceMed. La France et la Méditerranée. Espaces des transferts culturels«, bestehend aus Rania Abdellatif, Dr. Yassir Benhima, Dr. Daniel König (Koordinator) und Dr. Élisabeth Ruchaud, angesiedelt, die sich der eingehenden Untersuchung der zahlreichen transkulturellen und transreligiösen Austauschprozesse des Mediterraneum zwischen dem 7. und 15. Jahrhundert widmete und hierzu ein europaweites Netzwerk der mit diesen Fragen beschäftigten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aufbauen konnte. Zwischen Juni 2009 und März 2011 richtete die Gruppe neben anderen individuellen und gemeinsamen Aktivitäten insgesamt fünf Ateliers aus, von denen vier von der DFG und dem DHIP zum Thema »Transferts culturels en Méditerranée médiévale« und eine fünfte gemeinsam vom DHIP und der Casa de Velázquez, Madrid, organisiert und gefördert wurden. Leider wurden wohl aus Zeit- und Kostengründen nur die meisten Beiträge der ersten beiden Ateliers in den hier zu besprechenden Bänden veröffentlicht.

    Der erste verschafft einen Einblick in die gegenwärtige Forschung zur »Konstruktion« des Mediterraneum als eines verschiedene Kulturen, Religionen und Regionen verbindenden Begegnungsraums und definiert in einer von den Gruppenmitgliedern gemeinsam verfassten doppelten Einleitung das inzwischen hinreichend eingeführte Konzept des »Kulturtransfers« in Abgrenzung zu anderen Entwürfen der Kulturanthropologie wie der »Akkulturation«, der »Vermischung« (»métissage«), der »Hybridität« oder der »Übersetzung« (»Présentation de l‘ouvrage«, S. 7–13; »Introduction à l’étude des transferts culturels en Méditerranée médiévale. Aspects historiographiques et méthodologiques«, S. 14–44). Der zweite Band fokussiert hingegen auf die Träger dieser Transferprozesse, die im Mittelmeerraum auf den verschiedensten Ebenen stattfanden. Für eine erste Orientierung sei auch hier auf die kollaborative Einführung der Forschungsgruppe hingewiesen (»Les acteurs des transferts culturels. Introduction à la thématique«, S. 9–17). Nicht publiziert sind also bislang die Vorträge der weiteren Ateliers, die sich 3. auf die materiellen und künstlerischen Gesichtspunkte von Kulturtransfers konzentrierten (»Objets et art dans les transferts culturels en Méditerranée médiévale«), die 4. dem vielfältigen Phänomen der Mobilität in den Austauschprozessen nachspürten (»Mobilité(s). Pour une étude des sources et des méthodes d‘approche«) und die 5. Transferprozesse auf ihre geophysische, soziale und symbolische Beschaffenheit befragten (»Itinérances des savoirs et des biens culturels. Pour une analyse spatiale des transferts culturels«). Die Publikation dieser insgesamt 39 weiteren Vorträge, darunter von so illustren Gelehrten wie Lorenz Korn, Avinoam Shalem, Philippe Depreux, Patrick Gautier-Dalché, Stéphane Boissellier, Marco Di Branco, Henri Bresc, Birgitt Hoffmann und Philippe Sénac, steht also noch aus, was dem überzeugenden Gesamtprojekt leider den Charakter eines wissenschaftlichen Torsos verleiht, zumal die beiden gedruckten Bände keine Bibliographie aufweisen und nur der zweite ein Orts- und Personenregister (S. 217–230) enthält.

    Zudem sind im ersten Band die beiden zum Auftakt gehaltenen Überblicksvorträge nicht abgedruckt worden: Nikolas Jaspert (»Mediterranean research. Relevance, prospects and risks«) sprach zu den von der internationalen Forschung inzwischen entwickelten verschiedenen Blickwinkeln auf das Mediterraneum als Raum, als Größe transkultureller und vergleichender Fragestellung, als Spiegelfläche für das Zusammenleben (»convivencia«) von sozialen und religiösen Gruppen sowie als Gegenstand internationaler Forschungsvorhaben. Christophe Picard (»L’historiographie de la Méditerranée médiévale. Une histoire confisquée?«) hingegen beschäftigte sich aus der maritimen Perspektive des Raumes mit der jüngeren Geschichte der Geschichtsentwürfe zum Mediterraneum seit den bekannten Thesen, die Henri Pirenne im frühen 20. Jahrhundert zur Geschichte der Handelsbeziehungen im Mittelmeerraum und ihrer Störung, wenn nicht völligen Unterbrechung durch die Ausbreitung des Islam formuliert hatte (»Mahomet et Charlemagne«, erschienen 1937).

    Jocelyne Dakhlia (»L’impensable métis en Méditerranée?«, S. 45–57) führt Gründe an, die das Mittelmeer bislang nur schwer als einen Raum der Vermischung (»métissage«) haben erscheinen lassen. Dies liege wohl daran, dass unter den dominierenden Erklärungsansätzen das eine Großkonzept auf die gemeinsamen anthropologischen Grundlagen dieses Raums abhebe, während das andere seine kulturelle Fragmentierung behaupte. Sehe man aber näher hin, so könne man in der frühneuzeitlichen Geschichte des Mittelmeers zahlreiche Archetypen einer Vermischung aufdecken, so bei den religiösen Minderheiten, bei Abtrünnigen und Gefangenen, die nicht nur im christlichen Europa, sondern ebenso in den muslimischen Gesellschaften in Afrika und Asien nachweisbar seien. In der jüngeren Forschung würden immer mehr Fälle von Vermischungsphänomenen aufgedeckt – so in der Geschichte der Wissenschaften, insbesondere der Medizin, in der materiellen Kultur, in der Literatur und in den Sprachen. Demgegenüber habe ein »gleichsam theologischer Widerstand« (»une résistance quasi théologique«) eine »Vermischung« von Islam und Christentum erst gar nicht zugelassen. Freilich dürfte schon wegen seines kolonialen und westlichen Ursprungs und wegen seiner biologistischen Konnotation das von der Autorin zur intensiveren Nutzung empfohlene Konzept der »métissage« – wie das der »Hybridität« – kaum geeignet sein, Phänomene der wechselseitigen Beeinflussung jenseits des normativen Anspruchs der religiösen Traditionen auf Abgrenzung im Mittelmeerraum und darüber hinaus hinreichend zu erfassen.

    Aziz Al-Azmeh (»The Mediterranean and Islam«, S. 58–71) charakterisiert in seinem bereits am Deutschen Orient-Institut (Beirut) und am Centre for Hellenic Studies (Exeter) vorgetragenen, nun aber hier veröffentlichten Beitrag das Mittelmeer als einen Raum, den erst die politische und kulturelle Neuordnung der Welt im 19. Jahrhundert zu einem bevorzugten Forschungsgegenstand der Geschichtswissenschaft gemacht habe, während es bis dahin allein ein Raum der Begegnung außermediterraner Kräfte gewesen sei. Diese Einschätzung trifft aber wegen der zentralen Stellung Jerusalems für die aus dem Raum selbst hervorgehenden monotheistischen Traditionsgemeinschaften ebenso wenig zu wie seine Unterschätzung der Folgen der Kaiserkrönung Karls des Großen durch den Bischof von Rom für das politische Agieren der Karolinger (und ihrer Nachfolger) im Mittelmeerraum. Demgegenüber wird man seine Meinung teilen, wie wichtig die arabisch-muslimische Präsenz für die Entwicklung der Kulturen des Mittelmeerraums gewesen ist.

    Jenny Rahel Oesterle (»Das Mittelmeer und die Mittelmeerwelt. Annäherungen an einen ›Gegenstand der Geschichte‹ in der neueren deutschen Mediävistik«, S. 72–92) gibt, ausgehend von der in Deutschland nur zögerlich einsetzenden Auseinandersetzung mit dem berühmten, 1949 erschienenen Mittelmeerbuch Fernand Braudels einen Überblick über die deutsche Erforschung des mittelalterlichen Mittelmeerraums seit dieser Zeit, die bislang für alle nicht-europäischen Anrainerregionen von den sprachlichen und historischen »Regionaldisziplinen« (Byzantinistik, Orientalistik …, zu ergänzen wäre die Afrikanistik) bearbeitet worden und nur dann von näherem Interesse gewesen seien, wenn sie als Kontrastfolie für die Entwicklung Lateineuropas geeignet erschienen oder in ihren Einflüssen auf dieses nicht unbeachtet bleiben konnten (Stichwort: Kreuzzüge). Erst in jüngerer Zeit zeichne sich auch in der deutschen Geschichtswissenschaft eine Öffnung zu transferbezogenen oder komparativen Fragestellungen ab, zumal man dort inzwischen unbefangener und neu mit der historischen Erkenntnisgröße »Raum« umzugehen verstehe.

    Einem besonderen Raum- und Herrschaftskonzept geht Jan Rüdiger (»Thalassocraties médiévales. Pour une histoire politique des espaces maritimes«, S. 93–103) nach. Er legt sein Augenmerk auf das bislang im Vergleich zu kontinentalen Imperien in der Mediävistik viel zu wenig behandelte Thema ihrer Herrschaft über die Meere (»Thalassokratie«), problematisiert die mit den fluiden Grenzen verbundenen Probleme der konkreten Herrschaftsausübung und ihrer rechtlichen Sanktionierung und zeigt die Folgen für unser noch immer von Landesherrschaft geprägtes Verständnis von Flächen, Grenzen, Fiskalsystemen und Ressourcengewinnung auf.

    Philippe Sénac (»Quelques remarques sur l’historiographie récente de la frontière dans l’Espagne médiévale [ VIII e XIII e siècle]«, S. 104–119) skizziert im Kontrast hierzu die Forschungsgeschichte zum terminologisch und semantisch vielschichtigen Phänomen der »Grenze« und des »Grenzraums« auf der Iberischen Halbinsel, indem er drei Phasen während des Mittelalters unterscheidet: a) die des Grenzraums als vornehmlicher Zufluchtsraum sozial wie religiös Ausgegrenzter im 8. und 9. Jahrhundert, b) die des Grenzraums als Zone eines neuen demographischen Aufschwungs im 10. und 11. Jahrhundert sowie c) die des Grenzraums als Kontaktraum zwischen sich permanent verschiebendenden militärischen Grenzen während der Reconquista des 12. bis 15. Jahrhunderts. Die Geschichte der Iberischen Halbinsel sei freilich unter dem Einfluss des (in Nordamerika) entwickelten Konzepts der »frontier zones« bislang vor allem als eine Geschichte militärisch organisierter Gesellschaften (Elena Lourie bzw. James P. Powers) entworfen worden, während Aspekte wie der Austausch mit dem Gegner, die Durchlässigkeit der äußeren wie inneren Grenzen dieser Gesellschaften oder die Rolle ihrer Siedlungen und Städte erst in jüngerer Zeit untersucht würden.

    Abbès Zouache (»Écrire l’histoire des croisades, aujourd’hui, en Orient et en Occident«, S. 120–147) versucht die in der arabischen Welt, in Israel und im Westen recht unterschiedliche und oft noch ideologisch aufgeladene Darstellung der Kreuzzüge mit den unterschiedlichen institutionellen und mentalen Forschungsvoraussetzungen in diesen drei Sphären zu erklären: Einer antiimperialistischen und antizionistischen Sichtweise gegen einen seit jeher kolonialistisch agierenden Westen, die große historische Gestalten wie Saladin als heroische Befreier feiere, stünden eine zunehmend nationale Sichtweise auf die Kreuzzüge als Rechtfertigung der Existenz des heutigen Israel und seiner Präfiguration in der Geschichte einerseits und die vornehmlich westliche Perspektive auf die Kreuzzugsbewegung als eines hauptsächlich religiös, nicht aber moralisch legitimierten Expansionismus Lateineuropas gegenüber. Leider finde eine Rezeption der arabischsprachigen Forschung so gut wie nicht statt. Hier sei nur angemerkt, dass dieses Phänomen generell für die Rezeption der reichen Literaturproduktion der arabischen Welt gilt, wie man auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2004 deutlich feststellen konnte.

    Yassir Benhima (»Quelques aspects de l’historiographie des transferts techniques en Méditerranée médiévale«, S. 148–161) analysiert die bislang viel zu wenig thematisierte Rolle der technischen Fertigkeiten in der Welt des Islam und ihres Transfers in nichtislamische Gesellschaften in der Geschichtsschreibung zum mittelalterlichen Mediterraneum vor dem Hintergrund der Wirtschaftsgeschichte im Sinne der französischen Annales-Schule. Erwähnt werden Hydraulik und Agrartechniken, Keramik- und Glasproduktion, Metallverarbeitung, Automatenbau sowie Papier-, Textil- und Waffenherstellung. Insbesondere müsse zwischen echtem gelehrten Wissen und praktischen technischen Fertigkeiten unterschieden werden. Schließlich werden Forschungsdesiderate und -perspektiven aufgezeigt.

    Pierre Bonte (»La Méditerranée des anthropologues. Permanences historiques et diversité culturelle«, S. 162–181) weist darauf hin, dass die Kulturanthropologie in Frankreich einen »Mediterranismus« in Anlehnung an einen »Afrikanismus«, »Amerikanismus« oder »Ozeanismus« wohl deswegen lange Zeit nicht entwickelt habe, weil es dort eine traditionell eng zusammenarbeitende geschichtswissenschaftliche und kulturanthropologische Forschung zum Mittelmeerraum seit der Antike bei gleichzeitiger Absetzung zu anderen Kulturräumen gebe, die aufgrund ihrer stark oral geprägten Gesellschaften eher weniger der vertrauten historischen Frageperspektive zugänglich seien. Im Unterschied hierzu sei die von einem Funktionalismus geprägte kulturanthropologische Forschung zum Mittelmeerraum dies- und jenseits Großbritanniens eher unabhängig von der Geschichtswissenschaft betrieben worden. Sie widme sich vorzugsweise Fragen nach Techniktransfer, Verwandtschaft und Geschlecht, Ehre und Schande, Gewalt und Vergeltung, Patronage und Klientelwesen sowie Formen der Religiosität, der Mythen und der Rituale und befragt sie hierbei nach ihrer strukturellen oder historischen Dauerhaftigkeit in den jeweiligen Gesellschaften und nach ihrem Grad kultureller Vermischtheit.

    Isabel Schäfer (»Du ›Mare Nostrum‹ à l’Union pour la Méditerranée. Concepts régionaux et scénarios politiques«, S. 182–193) betrachtet schließlich den Mittelmeerraum mit der Brille der gegenwärtigen Politik von den Anfängen des europäisch-arabischen Dialogs in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zu wirtschaftspolitischen Fragen und zur Gründung der MENA-Zone (Middle East and North Africa) über den 1995 eingeleiteten Barcelona-Prozess im Rahmen der Europäischen Union zur Schaffung einer mediterranen Freihandelszone bei gleichzeitiger Integration der europäischen Regionen bis hin zur 2008 ins Leben gerufenen politischen und wirtschaftlichen Mittelmeerunion, während die Folgen der nun schon seit 2009 andauernden Finanzkrise vor allem für die südeuropäischen Länder eigentümlicherweise unerwähnt bleiben und die übrigens nur im Westen als »Arabischer Frühling« bezeichneten Umwälzungen in zahlreichen muslimischen Anrainerstaaten seit 2011 nur ganz kurz in ihren Auswirkungen bewertet werden.

    Im zweiten Band geht es in einer ersten Abteilung um die Mobilität von Akteuren und ihre Auswirkungen auf den Transfer von Ideen, Wissen und materiellen Gütern. Élisabeth Ruchaud (»Le pèlerin chrétien vers Jérusalem. Une construction de l’image de l’›autre‹«, S. 20–30) erörtert an ausgewählten Jerusalempilgerberichten, wie darin das muslimische Gegenüber geschildert wird. Hierbei zeige der Vergleich zwischen dem Bericht Willibalds von Eichstätt (8. Jahrhundert) und Thietmars (13. Jahrhundert), dass frühe Pilger mehr auf ihr eigenes spirituelles Erleben konzentriert gewesen seien, während die jüngeren Pilgerreisenden sich mehr für die von ihnen durchquerten muslimischen Gesellschaften interessiert hätten.

    Nicolas Drocourt (»Quelques aspects du rôle des ambassadeurs dans les transferts culturels entre Byzance et ses voisins [ VII e XII e siècle]«, S. 31–47) behandelt das in letzter Zeit stärker in den Fokus geratende Thema des diplomatischen Austauschs im Mittelmeerraum und hierbei speziell das intensiv betriebene Gesandtschaftswesen und seine Gepflogenheiten zwischen Byzanz, Lateineuropa und den muslimischen Reichen. Er zeigt in diesem Zusammenhang die wichtige Rolle der gegenseitig überbrachten Geschenke, insbesondere in Form von Handschriften, und ihre Bedeutung für den Kulturaustausch auf.

    Michel Balard (»Les acteurs des transferts culturels entre Orient et Occident. Quelques exemples italiens«, S. 48–54) nimmt im Zeitraum des Hoch- und Spätmittelalters verschiedene Erscheinungsformen von Migration im östlichen Mittelmeerraum in den Blick. Hierbei richtet er sein Augenmerk insbesondere auf die Bewegungen zwischen Konstantinopel, wichtigen Inseln des östlichen Mittelmeerraums und den sog. Kreuzfahrerstaaten einerseits und dem europäischen Kontinent und der Apenninen-Halbinsel andererseits. Sein besonderes Interesse finden hierbei die genuesischen und amalfitanischen Kolonien im Orient, indem er nach den Beweggründen, Bedingungen und Auswirkungen dieser Migration zwischen dem West- und Ostteil des Mittelmeerraums fragt.

    In einem zweiten Abschnitt des Bandes wird dann das Handeln der Akteure auf seine Auswirkungen auf ihre persönliche Identität und auf das Selbstverständnis der miteinander agierenden Kulturen hin befragt. Zunächst beschäftigt sich Daniel König (»Caught between cultures? Biculturel personalities as cross-cultural transmitters in the late antique and medieval Mediterranean«, S. 56–72) mit der Frage, welche Fähigkeiten bi- und multikulturelle Persönlichkeiten als Vermittler zwischen der lateinisch-christlichen und der arabisch-muslimischen Welt während des 7. bis 13. Jahrhunderts entwickeln konnten. Hierzu betrachtet er die notwendigen linguistischen und kulturellen Kompetenzen, die Möglichkeit und die Motivation zu ihrem Erwerb sowie die verschiedenen historischen Kontexte, die einen solchen Kompetenzerwerb und -gebrauch angeregt und befördert, aber auch behindert und unterbunden haben.

    Maribel Fierro (»Hostages and the dangers of cultural contact. Two cases from Umayyad Cordoba«, S. 73–83) konzentriert sich nach einer kurzen Einführung in die generelle Thematik von Geiseln und Gefangenen im Mittelalter auf deren Rolle auf der Iberischen Halbinsel im inter- und transkulturellen Austausch. Anhand des Vergleichs zweier Beispiele aus der Zeit der Umayyadenherrschaft im 9. und 10. Jahrhundert verdeutlicht der Beitrag, welche neuen Einsichten in den von Erwachsenen und Kindern getragenen Kulturtransfer dieses viel zu wenig behandelte Thema jenseits aller politischer Erwägungen bietet.

    Yann Dejugnat (»Juda Halévi. Un poète juif au carrefour d’une culture islamique du voyage«, S. 84–99) untersucht das Raum- und Reiseverständnis des sephardischen Dichters Jehuda ha-Levi aus Tudela (gest. 1141). Dieser wechselte zunächst in den andalusischen Kleinkönigreichen mehrfach seinen Wohnort, bevor er vor der neuen Zwangsherrschaft der Almoraviden in al-Andalus zunächst nach Toledo und schließlich über Córdoba und Kairo ins Heilige Land flüchtete. In seiner Elegie über den Zion ( Zion ha-lo tischali ) etwa vermischen sich diese Erfahrungswerte, denn in einer klassischen arabischen Dichtungsform geht das jüdische spirituelle Erbe mit der Mystik des Islam eine neue Synthese ein.

    Georg Christ (»Filippo di Malerbi. Un spécialiste du transfert clandestin en Égypte au début du XV e siècle«, S. 100–110) beschreibt in einer Fallstudie, wie der Italiener Filippo di Malerbi den illegalen Weinhandel in die mamlukische Haupstadt Kairo über die Venezianer und ihre Außenhandelsstation in Alexandria mittels spezieller Zwischenhändler organisierte. Filippo war hierbei nicht nur offizieller Vertreter der venezianischen Händler, sondern auch Bürger des mamlukischen Ägypten und eine unabhängige Schaltstelle in den politischen und wirtschaftlichen Netzwerken zwischen Europa und Ägypten.

    Johannes Pahlitzsch (»The Mamluks and Cyprus. Transcultural relations between Muslim and Christian rulers in the Eastern Mediterranean in the fifteenth century«, S. 111–119) stellt in seinem Beitrag die herkömmliche Ansicht infrage, wonach das mamlukische Sultanat von Ägypten vollständig auf eine wirtschaftliche und politische Einflussnahme jenseits seines eigenen Territoriums verzichtet habe. Anhand von Zypern zeigt er vielmehr auf, dass Angehörige der mamlukischen Eliten sehr wohl integraler Bestandteil des politischen und wirtschaftlichen Lebens im östlichen Mittelmeerraum waren. Besonders anschaulich sind hierfür die mamlukischen Emire Burdbak al-Ašrafī und Ğān Balāt, deren Leben und Wirken zahlreiche transkulturelle Verbindungen zwischen Zypern und Ägypten aufwiesen.

    Schließlich werden in einem dritten Abschnitt des Bandes jene Spuren erörtert, die Akteure von Kulturtransfers hinterlassen haben (im Inhaltsverzeichnis S. 6f. sind die Beiträge übrigens mit falschen Seitenzahlen versehen): Zunächst beschäftigt sich Jean-Charles Ducène (»Les sources et acteurs de la connaissance de l’Europe chez les auteurs arabes médiévaux«, S. 122–134) mit den arabischen Autoren der islamischen Welt im östlichen Mittelmeerraum und den Anrainerregionen, die vor allem Kenntnisse über Osteuropa aus dem Wissensschatz der Antike und über Byzanz, lange Zeit aber kaum genaueres Wissen über Lateineuropa in ihren geographischen Werken verarbeitet haben. Daher suchten viele Autoren nach zusätzlichen Informationen, die nur auf Reisen durch Kommunikation und Autopsie gewonnen werden konnten.

    Sonja Brentjes (»Medieval portolan charts as documents of shared cultural spaces«, S. 135–146) zeigt, wie man die sog. Portolankarten aus Katalonien und Italien anhand der auf ihnen vorkommenden Ortsnamen und ihrer Positionierung, der bildlichen Umsetzung von geographischen Begebenheiten, Menschen und Tieren sowie der Verwendung der neuartigen arabisch-indischen Ziffern als Räume gemeinsam geteilten gelehrten und praktischen Wissens lesen kann. Leider hat die Autorin auf ihre weiteren im Vortrag gemachten Ausführungen zum Gebrauch dieser seit dem Spätmittelalter nachweisbaren Seekarten als geographischer und wirtschaftlicher Orientierungshilfen, Objekte der Gelehrsamkeit, Mittel der Propaganda, Luxusobjekte, diplomatische Geschenke und Beweismittel in Gerichtsverfahren verzichtet. Diese Beobachtungen hätten nämlich sehr schön veranschaulicht, wie sich ein zunächst als praktische Navigationshilfe entwickelter Kartentyp in ein polysemantisches Kulturobjekt verwandelt hat.

    Raphaela Veit (»Transferts scientifiques de l’Orient à l’Occident. Centres at acteurs en Italie médiévale [ XI e XV e siècle] dans le domaine de la médecine«, S. 147–156) beschäftigt sich mit dem allgemeinen Transfer medizinischer Traktatliteratur zwischen der arabischen und der lateinischen Hemisphäre. Hierzu geht sie auf Autoren wie Constantinus Africanus und die Verbreitung ihrer Werke in Italien und Nordeuropa ein und betont die Wichtigkeit, die gesellschaftlichen Bedingungen, Beweggründe und akademischen Voraussetzungen der an diesen Diffusionsprozessen beteiligten Personen zu untersuchen.

    Juliette Sibon (»Échanges de pratiques et de savoirs entre médecins juifs et chrétiens à Marseille au XIV e siècle«, S. 157–167) legt eine Fallstudie zu den jüdischen und christlichen Ärzten und ihren Austauschbeziehungen im Marseille des 14. Jahrhunderts vor. Hierzu nimmt sie unter anderem das gut dokumentierte Gerichtsverfahren von 1389/1390 gegen den aus Avignon stammenden Abraham Bondavin zum Ausgangspunkt und zeigt, wie jüdische Ärzte als Vermittler medizinischen Wissens und Handelns zwischen der islamischen Welt und der christlichen Ärzteschaft fungierten.

    Rania Abdellatif (»Pouvoir politique et élites civiles. Les acteurs impliqués dans la transformation des bâtiments religieux«, S. 168–179) zeigt auf, welche verschiedenen Akteure an der Umwandlung von Kirchen in Moscheen im Mittleren Osten zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert beteiligt waren und in welchen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kontexten diese Transformationsprozesse stattfanden. Die Konversion von christlichen in muslimische Kulträume, aber auch umgekehrt, demonstriert sie anhand der ehemaligen Basilika Johannes‘ des Täufers in Damaskus, die zur Umayyaden-Moschee wurde, sowie am Beispiel des Felsendoms bzw. der al-Aqṣā-Moschee in Jerusalem, die in der Zeit des lateinischen Königreichs als Kirche bzw. Palast genutzt, nach der Rückeroberung der Stadt durch Ṣalā ad-Dīn (1187) aber wieder in Moscheen umgewandelt wurden.

    Regula Forster (»Buddha in disguise. Problems in the transmission of ›Barlaam and Josaphat‹«, S. 180–191) behandelt Transfer, Übersetzung und Rezeption der Legende von Barlaam und Josaphat, ausgehend von ihrem Ursprung im buddhistischen Indien über die Übersetzungen ins Arabische (von dort ins Georgische, Hebräische, Neupersische und Kastilische), ins Griechische (von dort ins Armenische, christlich Arabische, Geezische und Lateinische) und ins Lateinische (von dort in viele europäische Vernakularsprachen sowie zurück ins Griechische) sowie im Zuge der christlichen Mission Japans im 16. Jahrhundert (1591) ins Japanische, nachdem die beiden Protagonisten sogar offiziell in das »Martyrologium Romanum« als katholische Heilige aufgenommen worden waren (1583). Insbesondere fragt sie nach den Gründen für die drei heute bekannten arabischen, aber nicht islamisierten Versionen und für die anschließende Christianisierung der Legende sowie nach den Akteuren dieser Übertragungsprozesse.

    Georg Jostkleigrewe ( » Affaires étrangères? Les acteurs politiques français et les réseaux méditerranéens. Questions et perspectives de recherche«, S. 192–205) erörtert die Möglichkeiten, die eine Untersuchung der politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der Levante während des 14. und 15. Jahrhunderts bietet. Auch wenn das spätmittelalterliche Frankreich natürlich noch kein wirkliches Konzept einer institutionalisierten und exekutiven »Außenpolitik« entwickelte habe, so könne doch über Personenbiographien, Netzwerke und Diskurse, die er an einigen ausgewählten Beispielen analysiert, die Praxis »außenpolitischen Handelns« vor dem Aufkommen des »Staates der Frühneuzeit« besser verstanden werden.

    Pierre Guichard (»Conclusion«, S. 206–216) beschließt den Band, indem er die hierin erörterten Fragestellungen zum kulturellen Austausch und zum transkulturellen Vergleich in den allgemeinen Paradigmenwechsel in der Erforschung des mittelalterlichen Mittelmeerraums einordnet, der mit der Debatte um die kulturelle Identität in Europa zusammenhänge. Mit guten Gründen würden hierbei alle Formen von kulturellem Essentialismus abgelehnt, doch sei nicht zu leugnen, dass es trotz aller kultureller Austauschprozesse während des Mittelalters in Lateineuropa und in Byzanz sowie in der islamischen Welt und in der jüdischen Diaspora starke religiöse Identitätsmuster mit großem Einfluss auf die Gesellschaften dieser Regionen gegeben habe.

    Leider sind auch in diesem zweiten Band einige Vorträge des ihm zugrunde liegenden Ateliers nicht zum Abdruck gekommen: Yassir Benhima (»Figures d’ingénieurs et transferts techniques en Occident musulman médiéval«) sprach über die Schwierigkeiten, die der biographische Zugriff auf Ingenieure in den muslimischen Ländern Nordwestafrikas und in al-Andalus bedeutet, ferner über die Bedeutungsvielfalt des persisch-arabischen Terminus »muhandis« (»Ingenieur«) und schließlich über die Stellung, die praktische Fertigkeiten im mittelalterlichen Wissenskanon einnahmen. An vier Fallbeispielen konnte er die Einführung antiker Technologien in die muslimische Welt bzw. muslimisch-mudejarischer Technologien in die christlichen Königreiche der Iberischen Halbinsel aufzeigen. Stefan Leder (»Jihad revival and crusades. Parallels and frames of reference«) erklärte die Wiederbelebung des islamischen Konzeptes des »jihād« zu Beginn des 12. Jahrhunderts als eine unmittelbare Folge des Ersten Kreuzzugs in den muslimischen Mittleren Osten. Es sei zu einem umfassenden Bemühen um Einheit des Islam auf der geistigen, politischen und gesellschaftlichen, aber auch auf der militärischen und architektonischen Ebene gekommen. Dieses Bemühen habe ein ursprünglich auf den theologisch-geistigen Bereich beschränktes Prinzip des frühen Islam auf zahlreiche weitere Bereiche der muslimischen Gesellschaften ausgebreitet. Maria Filomena Lopes de Barros (»Mudéjars du royaume portugais. Les enjeux identitaires«) beschäftigte sich mit der Situation der muslimischen Minderheit im spätmittelalterlichen Portugal. Trotz ihrer Akkulturation und Teilhabe an der Sprache und am Lebensstil der Christen hätten sich diese Mudejaren in vielerlei Hinsicht von der christlichen Mehrheitsgesellschaft des Königreichs unterschieden, denn sie hätten ihr eigenes muslimisches Erbrecht behalten, sich durch hybride Namensformen, die Kenntnis und den Gebrauch des Arabischen in den Eliten unterschieden und in ihren eigenen Wohnvierteln, den sog. »mourerias«, gelebt. Zudem hätte der ständige Kontakt mit dem Maghreb ihre Identität als Muslime bewahrt.

    Überblickt man die Gliederung der einzelnen Workshops und der beiden publizierten Bände, so erscheint sie thematisch und methodisch sinnvoll. Mit dem Nahen Osten, dem Maghreb und al-Andalus sowie einigen urbanen Zentren rund um das Mediterraneum (Jerusalem, Rom, Alexandria, Kairo, Córdoba, Toledo, Marseille, Venedig …) sind wichtige Kontaktregionen und Knotenpunkte des kulturellen, religiösen und sozialen Gedächtnisses dieses Raumes angesprochen. Das Hoch- und das Spätmittelalter sind wegen ihrer besseren Quellenlage momentan gegenüber der Spätantike und dem Frühmittelalter überrepräsentiert. Auffallend ist zudem der Trend zur Erforschung der Interaktion von kleinen sozialen oder beruflich spezialisierten Gruppen und Einzelpersonen, die mehr Erkenntnismöglichkeiten als die frühere Beschäftigung mit sozialen oder religiösen Großformationen versprechen. Freilich wird dieser verständliche Hang zur Mikroperspektive und zu »vielen kleinen Geschichten in der großen Geschichte« mit dem zunehmend drohenden Verlust eines neuen Meisternarrativs erkauft. »Transfer« (und »Transformation«) etablieren zwar einen offenen Geschichtsbegriff und sind damit Spiegelbild unserer heutigen globalisierten Welt, doch generieren sie eben auch ein diffuses Panorama voller Themenfelder und Frageperspektiven, die mehr verwirren als wirklich orientieren. Ob sich dieses Szenario gegen Teleologien jedweder Provenienz weltweit durchzusetzen vermag, darf bezweifelt werden. Denn es steht eher zu befürchten, dass eine vollständig vernetzte Welt kein Ziel mehr hat und daher orientierungslos wird. Dies ist aber vielleicht schon ein Fingerzeig auf die Endlichkeit dieser (akademischen) Weltsicht.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Matthias M. Tischler
    R. Abdellatif, Y. Benhima, D. König, É. Ruchaud, Construire la Méditerranée, penser les transferts culturels; R. Abdellatif, Y. Benhima, D. König, É. Ruchaud, Acteurs des transferts culturels en Méditerranée médiévale (Matthias M. Tischler)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa, Mittelmeerraum
    Geschichte allgemein, Sozial- und Kulturgeschichte
    Mittelalter
    4074900-9 4033552-5
    500-1500
    Mittelmeerraum (4074900-9), Kulturbeziehungen (4033552-5)
    PDF document abdellatif_tischler.doc.pdf — PDF document, 157 KB
    R. Abdellatif, Y. Benhima, D. König, É. Ruchaud, Construire la Méditerranée, penser les transferts culturels; R. Abdellatif, Y. Benhima, D. König, É. Ruchaud, Acteurs des transferts culturels en Méditerranée médiévale (Matthias M. Tischler)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/MA/abdellatif_tischler
    Veröffentlicht am: 09.12.2013 14:05
    Zugriff vom: 21.08.2019 09:10