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    J.-F. Eck, D. Hüser, Deutschland und Frankreich in der Globalisierung im 19. und 20. Jahrhundert/L’Allemagne, la France et la mondialisation aux XIXe et XXe siècles (A. Baumann)

    Francia-Recensio 2013/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Jean-François Eck, Dietmar Hüser (Hg./dir.), Deutschland und Frankreich in der Globalisierung im 19. und 20. Jahrhundert/L’Allemagne, la France et la mondialisation aux XIXe et XXe siècles, Stuttgart (Franz Steiner) 2012, 213 S. (Schriftenreihe des Deutsch-Französischen Historikerkomitees, 8), ISBN 978-3-515-10187-5, EUR 42,00.

    rezensiert von/compte-rendu rédigé par

    Ansbert Baumann, Tübingen

    In dem auf eine Tagung des Deutsch-Französischen Historikerkomitees im September 2010 in Lille zurückgehenden Sammelband sind den zehn Beiträgen zwei einleitende Betrachtungen vorangestellt, in welchen das seit einigen Jahren intensiv diskutierte Thema »Globalisierung« in einen historischen Betrachtungsrahmen gestellt wird: Jean-François Eck beschreibt zunächst die Schwierigkeiten, die sich schon allein bei einer Definition des schillernden Begriffs ergeben, der beispielsweise unter wirtschaftswissenschaftlichem Blickwinkel eine deutlich andere Akzentuierung hat als unter historischer Perspektive. Bei der zeitgeschichtlichen Erforschung des Phänomens stellt sich zudem die Frage nach den jeweiligen Bezugspunkten und der Verortung einzelner Staaten. Deutschland und Frankreich waren ohne Zweifel sowohl Akteure im Globalisierungsprozess als auch häufig dessen beunruhigte Beobachter und dabei bestrebt, von den fortschreitenden Entwicklungen nicht abgehängt zu werden. Étienne François gibt im zweiten einleitenden Kapitel einen Abriss über die historiographische Aufarbeitung des Themas in beiden Ländern und verknüpft damit die Hoffnung, dass eine vermehrte deutsch-französische Kooperation hierzu künftig noch weitreichendere Ergebnisse aufzeigen könnte. Die folgenden Artikel unterstreichen diese Einschätzung nachdrücklich.

    Den Themenbereich »Wirtschaftliche Aspekte der Globalisierung« eröffnet Béatrice Dedinger mit ihrer Vergleichsstudie über den Außenhandel von Frankreich und Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei zeigt sich, wie stark jener in der Globalisierungswelle seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auf die außereuropäischen Regionen konzentriert war, während im späten 20. Jahrhundert der europäische Markt von zentraler Bedeutung wurde; im Hinblick auf die bilateralen Handelsbeziehungen lässt sich ein starker Rückgang nach 1871 und ein enormer Anstieg nach 1945 konstatieren. Die unterschiedlichen währungspolitischen Strategien beider Länder zwischen 1860 und 1900 untersucht Guido Thiemeyer und zeigt dabei nicht nur die Ursachen für die Gründung der Lateinischen Münzunion zwischen Frankreich, Belgien, Italien und der Schweiz auf, sondern auch die Folgen, welche jene auf die jeglichen währungspolitischen Internationalismus ablehnende deutsche Politik hatte. Die Anpassungsstrategien der französischen und deutschen Stahlindustrie an den Globalisierungsprozess stehen im Mittelpunkt der Betrachtung von Françoise Berger, die zu dem Ergebnis kommt, dass die deutsche Seite hierbei letztlich wesentlich erfolgreicher war. Die Schwierigkeiten der Adaption an die weltweiten Vernetzungen betrachtet Jean-François Eck anhand der Entwicklung des Unternehmens Saint-Gobain, welches schon 1853 im Mannheimer Vorort Waldhof eine Fabrik errichtete und seither kontinuierlich zu einem »Global Player« wurde.

    Die Beiträge zur sozialen Dimension der Globalisierung werden von Jakob Vogels Untersuchung zur europäischen Kolonialmedizin eröffnet. Diese war im 19. Jahrhundert schon allein aus Gründen der Seuchenvorsorge zur Zusammenarbeit gezwungen und bahnte damit weiteren Schritten der internationalen medizinischen Kooperation im 20. Jahrhundert den Weg. Cécile Prat-Erkert analysiert die Arbeitsmigration als Faktor und Konsequenz der Globalisierung. Jene hat sich, im Vergleich zu den Entwicklungen im 19. Jahrhundert, seit den 1960er Jahren nicht nur massiv verstärkt, sondern auch im Hinblick auf die Herkunft der Migranten enorm diversifiziert; gleichzeitig führten die Einführung des Binnenmarkts und die Schengen-Verträge zu einer Europäisierung des Phänomens. Im Hinblick auf die soziale Absicherung dieses Prozesses wirkten sich die unterschiedlichen Strukturen und Traditionen der Gewerkschaften, wie Sylvain Schirmann in seiner deutsch-französischen Vergleichsstudie aufzeigt, massiv auf deren Haltung zum seit 1985 angestrebten und 1993 realisierten Europäischen Binnenmarkt aus, was letztlich dazu führte, dass keine gemeinsame starke Position gefunden werden konnte.

    Die Wirkung der Globalisierung auf die internationalen Beziehungen illustriert Philippe Alexandre zunächst mit einem Zitat des Reichskanzlers Leo von Caprivi aus dem Jahr 1891: »Der Schauplatz der Weltgeschichte hat sich erweitert.« Konkret betrachtet er dann die Neuausrichtung der Zoll- und Handelspolitik in Frankreich und Deutschland, welche zu Beginn der 1890er Jahre jeweils unterschiedlich auf die Herausforderungen durch die weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen reagierten: Während die französische Regierung bemüht war, den nationalen Arbeitsmarkt vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, trat man in Deutschland für eine gemäßigte, auf Verständigung mit anderen Staaten abzielende Zollpolitik ein. Die unterschiedliche Orientierung führte in beiden Staaten zu lebhaften Diskussionen in der Presse, was wiederum dazu beigetragen haben dürfte, dass der deutschen und französischen Bevölkerung die Bedeutung der neuartigen globalisierten Strukturen vor Augen geführt wurde. Dass die weltweiten Verflechtungen auch in jüngster Zeit nicht zu einem Abebben länderspezifischer Interessen geführt haben, konstatiert Stephan Martens anhand seiner geopolitischen Analyse der europäischen Politik in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten. Die Europäische Union sei vor allem deswegen politisch wenig handlungsfähig, weil die beiden Führungskräfte Deutschland und Frankreich unterschiedliche Interessen mit ihr verbinden: In Frankreich dominiert das Bestreben, mittels Europa verlorengegangenes nationales Prestige zu kompensieren, während die Integration für die deutsche Politik primär dazu dienen soll, in einer globalisierten Welt Gehör und einen festen Platz zu finden. Das grundlegende Dilemma der europäischen Einigung beschreibt Jean Nurdin abschließend anhand des Widerspruchs zwischen den traditionellen Idealen wie Völkerverständigung oder Friedenssicherung auf der einen und globalen Herausforderungen auf der anderen Seite. In seinen Augen steht Europa an einem Scheideweg: Wenn es der Union in absehbarer Zeit nicht gelingen sollte, ihre aktuelle, technokratische Ausrichtung zu überwinden und überlebensfähige föderalistische Institutionen aufzubauen, so Nurdins pessimistische Prognose, wird Europa im Zeichen der Globalisierung seine aus verschiedenen Kulturen, Sprachenvielfalt und alten Traditionen erwachsene Seele verlieren.

    Der Band, der durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis zum Thema abgeschlossen wird, beleuchtet das derzeit in den Medien viel und zumeist etwas eindimensional diskutierte Thema Globalisierung aus unterschiedlichen, differenzierten Blickwinkeln und bringt dabei viele neue, zum Teil auch überraschende Erkenntnisse. Etwas irritierend sind an einigen Stellen lediglich die kaum verständlichen deutschen Übersetzungen der Resümees, was in zwei Fällen sogar zu fehlerhaften Angaben führt; dies schmälert jedoch nicht den positiven Gesamteindruck, den dieser anregende Tagungsband hinterlässt.

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    PSJ Metadata
    Ansbert Baumann
    J.-F. Eck, D. Hüser, Deutschland und Frankreich in der Globalisierung im 19. und 20. Jahrhundert/L’Allemagne, la France et la mondialisation aux XIXe et XXe siècles (A. Baumann)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Wirtschaftsgeschichte
    19. Jh., 20. Jh.
    4011882-4 4018145-5 4557997-0
    1800-2000
    Deutschland (4011882-4), Frankreich (4018145-5), Globalisierung (4557997-0)
    PDF document eck_baumann.doc.pdf — PDF document, 89 KB
    J.-F. Eck, D. Hüser, Deutschland und Frankreich in der Globalisierung im 19. und 20. Jahrhundert/L’Allemagne, la France et la mondialisation aux XIXe et XXe siècles (A. Baumann)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/ZG/eck_baumann
    Veröffentlicht am: 10.12.2013 12:25
    Zugriff vom: 22.02.2020 18:20