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    P. Geiger, Kriegszeit. Liechtenstein 1939 bis 1945. In zwei Bänden (G. Kreis)

    Francia-Recensio 2013/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Peter Geiger, Kriegszeit. Liechtenstein 1939 bis 1945, 2 Bde., Zürich (Chronos Verlag) 2010, 692 u. 636 S., 225 Abb., ISBN 978-3-0340-1047-4, EUR 72,50.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Georg Kreis, Basel

    Der Kleinstaat Liechtenstein (160 km/2 heute 37'000, um 1940 rund 12 000 Einwohner) verfügt über eine bemerkenswert dichte Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit. Peter Geiger, der beste Kenner dieser Landesgeschichte und Autor einer bereits 1997 erschienenen zweibändigen Abhandlung zur Krisenzeit der 1930er Jahre, hat nun ein monumentales zweibändiges, gut strukturiertes und reich illustriertes Werk zu den Jahren 1939–1945 hinzugefügt. Ihm gingen voraus der 300 Seiten umfassende Schlussbericht der 2001 eingesetzten und von Peter Geiger präsidierten Unabhängigen Historikerkommission (UHK) von 2005 und die vier etwa gleichzeitig erschienenen von Mitarbeiter/innen verfassten Spezialstudien. Es folgten der Dokumentenband »Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Krieg« 1928–1950 (2011) und jüngst ein zweibändiges historisches Lexikon von über 1100 Seiten (2013).

    Dem hier anzuzeigenden Werk kommen die Funktion und das Verdienst zu, eine um Verdichtung und Ergänzung bemühte Gesamtdarstellung zur Verfügung zu stellen. Allerdings muss sogleich auf drei Mängel hingewiesen werden: Zum einen fehlt ein eigentliches Wirtschaftskapitel (während die ökonomischen Interessen des Fürstentums immer wieder angesprochen werden). Zum anderen haben die einzelnen Teile eine unterschiedliche Qualität: Wichtige Themen werden nur kurz behandelt, weil es dazu bereits Spezialstudien gibt, während eher Sekundärem, weil »neu«, viel Platz eingeräumt wird (z. B. 16 Seiten zur Fürstenhochzeit von 1943). Am meisten vermisst man aber in diesen sich weitgehend auf faktische Feststellungen beschränkenden Ausführungen die durchgehenden Fragestellungen, die man gerade von einem Synthesewerk erwarten dürfte.

    Was sind oder wären die Themen, die eine vertiefte Abklärung gleichsam verdienten? Sicher die Frage, wie sehr sich das Fürstentum in der ersten Kriegshälfte auf den deutschen »Endsieg« eingestellt hat. Dann die Bedeutung der kleinen Schweiz, mit dem das noch kleinere Ländchen seit 1923 durch einen Zollvertrag verbunden war. Schließlich die Frage, in welchem Maße die katholische Bevölkerung der antisemitischen Strömung der Zeit erlegen ist. Das Werk vermittelt zu diesen und vielen anderen Fragen zwar manche Angaben und ermöglicht den Lesern (und Rezensenten) immerhin, diese Fragen in ihrer Kontur auch wahrzunehmen.

    Zur erstgenannten Frage findet man zum Beispiel ein gut dokumentiertes Kapitel zum Telegrammaustausch zwischen dem Fürsten und Hitler in den Jahren 1938–1945. Das Kapitel schließt, wie oft, mit einer gut strukturierten »Beurteilung« dieser Korrespondenz (II, S. 261). Die aneinandergereihten Deutungen (von kalkuliertem Appeasement bis zur Sorge um den fürstlichen Besitz) zeigen verschiedene Aspekte auf, führen aber nicht zu einer Diskussion des Problems. Bestimmte Passagen der fürstlichen Depeschen werden zu Recht als »sehr anpasserisch« und »problematisch« bezeichnet; der Autor erliegt keinen Beschönigungsversuchen. Breiten Raum nehmen die Darlegungen der Volksdeutschen Bewegung und der im Jahr 1940 besonders intensiven »Anschluss«-Befürwortung ein (I, S. 344–631)

    Zum zweiten Fragenkomplex gehören die 1944 einsetzenden Bemühungen, in Bern eine Gesandtschaft einzurichten, um auf diese Weise die Beziehungen zu den künftigen Siegern besser pflegen zu können (II, S. 294ff.). Das vom Fürsten unabhängig von Regierung und Landtag verfolgte Projekt zeigt, dass das Verhältnis zwischen den beiden Staatsorganen spannungsreich sein konnte.

    Schonungslos ist auch der Umgang mit der dritten Frage, etwa in den Ausführungen zum Ausschluss von nichtkatholischen, d. h. jüdischen Kindern aus der liechtensteinischen Pfadfinderbewegung im Jahr 1942 (II, S. 65). Ebenfalls 1942 erging aus dem volksdeutschen Milieu ein Aufruf, Konserven nicht an Juden zu verkaufen, »damit unsere so knappen Vorräte der arbeitenden Bevölkerung (sic, der Vf.) zur Verfügung gehalten werden können«. (I, S. 594ff.) Ein weiterer Vorschlag zielte auf die Schaffung von »Judenlagern« ab, in denen Juden ihre benötigte Nahrung selber produzieren sollten. Kein gleichsam eigenhändiger Antisemitismus lag bei der von der Verwaltung auf Wunsch bestätigten »Arierabstammung« zu Grunde (I, S. 180). Positiv wird vermerkt, dass gemäß liechtensteinischem Gesetz ausländische Personen im Abwesenheitsverfahren getraut und Frauen auf diese Weise die Staatsbürgerschaft zum Beispiel eines Schweizers erwerben und der Verfolgung entkommen konnten. (I, S. 198) Ein Einzelschicksal einer vom Holocaust bedrohten Jüdin, der Baronin Valeska von Hofmann, wird ausführlich geschildert (II, S. 403ff.). Die Auskünfte zur Flüchtlingsgeschichte bleiben mit einer Seite dagegen äußerst knapp und enden mit der Feststellung, dass während der gesamten NS-Zeit über 400 jüdische Personen dem Zugriff der Verfolgung »entzogen« worden seien und 125 von ihnen 1940 »hier« gelebt hätten. Geiger ist die Feststellung wichtig, das kein anderes Land proportional zu seiner Bevölkerung so viele jüdische Menschen aufgenommen habe. Im Übrigen verweist er auf die von Ursina Jud verfasste Spezialstudie (II, S. 399ff.).

    Das Werk schließt mit ein paar sehr allgemeinen Feststellungen zur Mentalität (II, S. 518): Die existentielle Gefährdung habe zu einer verstärkten Religiosität und die Infragestellung Liechtensteins zu einer verstärkten Pflege der liechtensteinischen Identität geführt.

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    PSJ Metadata
    Georg Kreis
    P. Geiger, Kriegszeit. Liechtenstein 1939 bis 1945. In zwei Bänden (G. Kreis)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Österreich und Liechtenstein
    Militär- und Kriegsgeschichte, Politikgeschichte
    1940 - 1949
    4035665-6 4079167-1
    1939-1945
    Liechtenstein (4035665-6), Weltkrieg 1939-1945 (4079167-1)
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    P. Geiger, Kriegszeit. Liechtenstein 1939 bis 1945. In zwei Bänden (G. Kreis)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/ZG/geiger_kreis
    Veröffentlicht am: 10.12.2013 13:00
    Zugriff vom: 22.01.2020 19:36
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