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    B. Gotto, H. Möller, J. Mondot, N. Pelletier, Nach »Achtundsechzig«. Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1970er Jahren (U. Lappenküper)

    Francia-Recensio 2013/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Bernhard Gotto, Horst Möller, Jean Mondot, Nicole Pelletier (Hg.), Nach »Achtundsechzig«. Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1970er Jahren, München (Oldenbourg) 2013, VIII–194 S. (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer), ISBN 978-3-486-72195-9, EUR 29,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ulrich Lappenküper, Friedrichsruh

    Dank der sukzessiven Öffnung der Archive wendet sich die zeitgeschichtlich orientierte Historiographie zunehmend intensiver den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zu. Spannende Einblicke in zentrale Forschungsagenden bieten die Ergebnisse eines Symposiums, das eine Arbeitsgruppe der Universität Bordeaux 3 und des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin im September 2010 veranstaltet hat. Im Zentrum der Betrachtung standen die Entwicklung der »Dialektik von Krisen und Krisenbewusstsein nach dem Schlüsseljahr 1968 in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich« sowie deren Bedeutung für die »Signatur der 1970er Jahre« (S. VII). Konkret ging es um die politischen Systeme beider Länder und die Parteien, um gesellschaftliche und soziokulturelle, wirtschaftliche und außenpolitische Tendenzen sowie um die Bekämpfung des Terrorismus.

    Als Auftakt der »Politik- und Ideengeschichte« überschriebenen ersten Sektion (S. V) setzt sich Horst Möller kritisch mit der Frage auseinander, ob die 1970er Jahre für die beiden Nachbarn am Rhein als »zeithistorische Epochenschwelle« zu begreifen seien. Seine Antwort wirkt wie ein doppeltes »Nein«. Abgesehen von der Charakterisierung als »Krise des Sozialstaats« hält er keines der zahlreichen Epitheta für stichhaltig (S. 5). Darüber hinaus kann auch unter dem Aspekt des Krisenbewusstseins seiner Meinung nach das Dezennium nur bedingt als konsistente Epoche betrachtet werden.

    Der von Udo Wengst beigesteuerte Beitrag über das Parteiwesen und das politische System der Bundesrepublik bestätigt diesen Befund in gewisser Weise, indem er in dezidiertem Gegensatz zu Jürgen Habermas die These von der »Unregierbarkeit« Westdeutschlands entschieden zurückweist (S. 21). Für Frankreich stellte sich diese Frage damals offenbar nicht, und so begnügt sich der Band mit einer Abhandlung Sylvie Guillaumes über den »discours libéral«, demzufolge der Liberalismus im bipolaren System der V. Republik lediglich einen »espace réduit« eingenommen habe (S. 23) und selbst in seiner Hochzeit »fragilisé« geblieben sei (S. 29).

    In seiner dezidiert binational argumentierenden Studie über die innenpolitischen Reformprogramme Willy Brandts und Valéry Giscard d’Estaings führt Bernhard Gotto ihr Scheitern auf das Dilemma zu kleiner Handlungsspielräume bzw. zu großer Abhängigkeiten auf der einen und der Notwendigkeit einer medialen Inszenierung auf der anderen Seite zurück. Da Krise und Reform in der Moderne nach seinem Dafürhalten einen Dauerzustand einnehmen, räumt er auch der Enttäuschung einen »systematischen Ort in demokratisch verfasster und medial vermittelter Politik« ein. Ob die Kategorie der Enttäuschung indes das Potenzial hat, »Menschen mit der Demokratie und der Moderne zu versöhnen«, werden wohl erst zukünftige Forschungen zeigen (S. 44).

    Zu Beginn des zweiten, die Bereiche »Gesellschaft und Kultur« (S. V) behandelnden Teils beschreibt Jean-François Sirinelli, wie die französische Gesellschaft am Ende der Trente Glorieuses auf den »ubac d’une croissance« (den sonnenabgewandten Nordhang des Wachstums) geraten sei (S. 46). Besondere Bedeutung gewannen dabei die beiden Erdölkrisen von 1973 und 1979, die dem plausiblen Urteil von Hélène Miard-Delacroix zufolge in der französischen und der deutschen Gesellschaft eine »irruption fracassante du doute« auslösten (S. 60). Interessante Gedanken über die durch Phasen bedeutender Reformen und Perioden reformerischer Flauten markierten »ajustements de l’État-providence« in Frankreich (Pierre Guillaume, S. 61), über die Asymmetrie zwischen den Nachbarn in Bezug auf die »citoyenneté dans l’entreprise« (Bernard Poloni, S. 69) und den Blick des Schriftstellers Peter Schneider auf 1968 und dessen Folgen (Nicole Pelletier) runden das Kapitel ab.

    Den dritten Teil über die internationalen Beziehungen der 1970er Jahre leitet Georges-Henri Soutou mit einem luziden Aufsatz über das deutsch-französische Verhältnis unter besonderer Berücksichtigung der »prise de distance à l’égard des États-Unis« ein (S. 91). Obwohl der »choc Carter« (S. 92) beide Regierungen in stürmischen Zeiten zu engem Schulterschluss veranlasst habe, sei die Zusammenarbeit nicht frei von Hintergedanken gewesen. So pochte Valéry Giscard d’Estaing nicht nur auf »un certain ascendant sur la RFA«, sondern machte wie kein anderer französischer Präsident der V. Republik klar, dass Deutschland geteilt bleiben müsse (S. 103).

    Veronika Heyde beleuchtet die KSZE-Politik Frankreichs in Bezug auf »idealistische Überlegungen«, »machtpolitische Interessen« und den 1978 eingebrachten Pariser Vorschlag einer allgemeinen Abrüstungskonferenz (S. 105). Eingedenk des Befundes von Georges-Henri Soutou kaum überraschend, gelangt sie zu dem Schluss, dass es Frankreich sowohl um Entspannung als auch um die »Stärkung der nationalen Eigenständigkeit« gegangen sei (S. 119). Dem zweiten Ziel war offenbar auch die von Verena Sattler analysierte Nahost-Politik während der Präsidentschaft George Pompidous verpflichtet. Einerseits setzte der Nachfolger Charles de Gaulles den vom General vorgegebenen Kurs der Neutralität im arabisch-israelischen Konflikt fort, andererseits fuhr er wie sein Lehrmeister eine proarabische Linie.

    Zu Beginn des letzten Kapitels über »Terrorismus und innere Sicherheit« (S. VI) schildert Markus Lammert das »staatliche Vorgehen gegen politische Gewalt in Frankreich« im Zeitraum von Mai 1968 bis zum Ende der Amtszeit Pompidous im April 1974 (S. 135). Obwohl die Exekutive durch die massive Erweiterung des Sicherheitsapparats das Bild eines »Staates im Bürgerkriegszustand« abgab, baute sie die Garantien der individuellen Freiheitsrechte doch zugleich aus (S. 146). Wie der westdeutsche Terrorismus der 1970er Jahre in Frankreich, namentlich von der politischen Linken, gesehen wurde, untersucht sodann Jean Mondot. Wenngleich er keinen Hehl daraus macht, wie subjektiv die Linke die »crise allemande« des heißen Herbstes 1977 beurteilte (S. 159), äußert er sich über den Chef des Parti socialiste erstaunlich nachsichtig. Dass François Mitterrand vehement gegen die von der Regierung Raymond Barre beschlossene Auslieferung des Rechtsanwalts der RAF, Klaus Croissant, protestierte, bleibt bezeichnenderweise unerwähnt.

    Im letzten Beitrag erörtert Eva Oberloskamp die Bemühungen des Bundesinnenministeriums um eine deutsch-französische Zusammenarbeit bei der »Terrorismusbekämpfung und Immigrationskontrolle« (S. 161). Auch wenn die Kooperation nicht durchgehend befriedigend verlief, misst sie ihr wegen der »Vorbildfunktion für die europäische Zusammenarbeit« erhebliche Bedeutung zu (S. 174).

    Wie die Herausgeber einleitend betonen, vermag der Sammelband »keine enzyklopädische Gesamtschau« zu liefern. Er bietet aber »problemorientierte Zugriffe« zu ausgewählten Themenbereichen (S. VIII), die ihres Erachtens einmal mehr beweisen, welch »geringe Reichweite restriktive Deutungen« besitzen, »die aus der Untersuchung nur eines Sektors Gesamtinterpretationen ableiten, die der Widersprüchlichkeit und Vielfalt der historischen Realität nicht gerecht werden«. Wünschenswert wäre, den hier in Ansätzen eingenommenen transnationalen Blickwinkel flächendeckend auszuweiten. Dann würde sich auch zeigen, in welchem Maße diese Perspektive »monothetischen oder national begrenzten Vorgehensweisen« überlegen ist (S. VII).

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    PSJ Metadata
    Ulrich Lappenküper
    B. Gotto, H. Möller, J. Mondot, N. Pelletier, Nach »Achtundsechzig«. Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1970er Jahren (U. Lappenküper)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    1970 - 1979
    4011889-7 4018145-5 4033203-2
    1970-1980
    Deutschland Bundesrepublik (4011889-7), Frankreich (4018145-5), Krise (4033203-2)
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    B. Gotto, H. Möller, J. Mondot, N. Pelletier, Nach »Achtundsechzig«. Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1970er Jahren (U. Lappenküper)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/ZG/gotto_lappenkueper
    Veröffentlicht am: 10.12.2013 14:05
    Zugriff vom: 22.09.2020 20:18