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    J. Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu (D. Mollenhauer)

    Francia-Recensio 2013/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Joseph Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu, Göttingen (Wallstein) 2012, 288 S. (Kleine politische Schriften, 19),
    ISBN 978-3-8353-1048-3, EUR 24,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Daniel Mollenhauer, München

    Der engagierte Intellektuelle – diese Formulierung mag zumindest für französische Ohren wie ein Pleonasmus klingen. Denn in der französischen Tradition, fest verankert im kollektiven Gedächtnis, ist der »intellectuel« per definitionem ein engagierter Bürger, einer, der sich einmischt, Partei ergreift, sich nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft oder der Literatur einschließt. Ohne dieses Engagement wäre er ein Gelehrter oder ein Literat, er könnte in seinem spezifischen Feld höchste Ehren erreichen – ihn als »Intellektuellen« zu bezeichnen, käme dennoch niemandem in den Sinn.

    Der (inzwischen emeritierte) Freiburger Romanist Joseph Jurt, durch zahlreiche Vorarbeiten, durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Pierre Bourdieu und nicht zuletzt auch durch die Arbeiten vieler seiner Schüler einer der besten Kenner der Materie, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese spezifische französische Intellektuellengeschichte einem deutschen Publikum zu präsentieren. Und auch wenn es im Untertitel seiner Arbeit heißt »von Zola bis Bourdieu«, so ist ihr zeitlicher Rahmen doch deutlich weiter gespannt. Denn entgegen der Legende, der Intellektuelle sei eine »Erfindung« des Fin de Siècle gewesen und durch das Eingreifen Émile Zolas in der Dreyfusaffäre quasi ex nihilo entstanden, sieht Jurt in Voltaire den Urtypus des Intellektuellen, der sein literarisches, philosophisches und/oder wissenschaftliches Prestige in die Arena der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen transferiert; Dichter-Politiker wie Victor Hugo oder Alphonse de Lamartine haben diese Tradition nach der Revolution auch im 19. Jahrhundert fortgesetzt.

    Die Dreyfusaffäre bedeutete dennoch einen tiefen Einschnitt, und das in zweifacher Hinsicht: Zum einen entstand in der Debatte um Zolas »J’accuse« vom 13. Januar 1898 der Begriff des »intellectuel« (bis dahin war das Wort nur als Adjektiv gebräuchlich), zum anderen traten die Intellektuellen nun erstmals als Gruppe auf. Zahlreiche Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler solidarisierten sich mit Zola und traten in der Folge für Dreyfus’ Rehabilitierung ein, und durch die Gründung der Ligue des droits de l’Homme entstand auch bereits eine Organisation, die diesem Engagement ein Forum und eine feste Struktur bot.

    Jurts Darstellung ist durchgehend chronologisch aufgebaut. Drei ineinander verwobene Ebenen der Analyse lassen sich dabei unterscheiden. Es geht erstens um die Geschichte der intellektuellen Interventionen in der Arena der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ihrer Zeit: Für oder gegen die Menschenrechte und die republikanische Ordnung in der Dreyfusaffäre, für oder gegen die die Nation und den Nationalismus vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, für oder gegen den Kommunismus und die Sowjetunion nach der Oktoberrevolution und der Gründung des PCF, für oder gegen den Faschismus in den années 30 , für oder gegen die Dekolonisierung in der Nachkriegszeit. Erfreulich ist, dass sich der Autor dabei eines weiten, politisch nicht auf einen bestimmten Wertekanon festgelegten Begriffs des Intellektuellen bedient. So nimmt er nicht nur die linken, sich in der Tradition der Aufklärung verortenden Intellektuellen in den Blick, sondern auch ihre Widerparts auf der Seite der politischen Rechten, die sich in der Nachfolge von Maurice Barrès auf die Werte der Nation, der Hierarchie, der Ordnung bezogen. Jurt breitet das Panorama dieser Konflikte und der verschiedenen intellektuellen prises de position , das zu Recht den größten Teil seiner Darstellung einnimmt, mit viel darstellerischem Geschick aus: mit den nötigen Hintergrundinformationen, die das Geschehen auch für den Laien verständlich machen, der nicht oder wenig mit den allgemeinen Entwicklungen der französischen Geschichte vertraut ist, aber auch in der gebotenen Differenziertheit, die es erlaubt, auch die leiseren Töne im Konzert der intellektuellen Wortmeldungen wahrzunehmen – trotz der immer wieder zu beobachtenden Tendenz zur Polarisierung.

    Eine zweite Analyseebene bilden die Strukturbedingungen des intellektuellen Feldes, das Jurt – in Anlehnung an die Feldtheorie Bourdieus – zwischen dem politischen Feld, dem literarischen Feld und dem Feld der Wissenschaft ansiedelt und das von allen diesen beeinflusst wird. Für die Veränderungen im Bereich der Bildung (ohne akademische Ausbildung breiterer Schichten ist das Kollektivphänomen des Intellektuellen nicht denkbar) interessiert sich Jurt hier ebenso wie für die Entwicklung der Medien, die alleine eine breite Wirksamkeit der intellektuellen Interventionen sicherstellen konnten. Besondere Aufmerksamkeit widmet er denjenigen Publikationsorganen, die für einen bestimmten Zeitraum geradezu als »Leitmedien« der intellektuellen Auseinandersetzungen dienten, etwa die »Nouvelle Revue française« in der Zwischenkriegszeit oder Sartres »Les Temps modernes« in den 1950er und 1960er Jahren.

    Schließlich blickt Jurt auf die Selbstwahrnehmung der Intellektuellen; auf die Debatten, die sich mit dem Begriff und der Rolle der Intellektuellen beschäftigen. Auch hier gab bereits die Dreyfusaffäre das Muster vor. Unmittelbar nachdem der Begriff in Umlauf gebracht wurde, diskutierte man darüber, wie das scheinbar so neuartige Phänomen zu bewerten sei: Was legitimiert die Intellektuellen, außerhalb ihres eigentlichen Kompetenzbereiches zu intervenieren und in die großen gesellschaftlichen Debatten einzugreifen? Wie stehen die Intellektuellen zu Herrschaft und Macht? Dürfen sie sich in den Dienst einer Partei stellen? Müssen sie es vielleicht sogar?

    Intellektuelle haben auf diese Fragen immer wieder unterschiedliche Antworten gegeben; das intellektuelle Feld differenzierte sich daher im Verlauf des »langen« 20. Jahrhunderts mehrfach aus, wobei Jurt (in Anlehnung an die französischen Soziologin Gisèle Sapiro) in seinem Fazit drei zentrale Gegensätze erkennt, die das Feld insgesamt strukturierten: Erstens die Opposition zwischen »Herrschenden« und »Beherrschten« (man könnte auch sagen zwischen etablierten Meinungsführern, die über ein großes symbolisches Kapital verfügen, und Außenseitern, die herrschende Normen in Frage stellen); zweitens der Gegensatz zwischen »Autonomie« und »Heteronomie«, zwischen den »freien« Intellektuellen, die bewusst jede Fremdbestimmung ablehnen, und solchen, die sich ebenso bewusst einer externen Autorität (ob Staat, Nation, Kirche oder Partei) unterwerfen; drittens schließlich die Unterscheidung zwischen »universalistischen«, auf der Grundlage einer umfassenden Gesellschaftstheorie oder eines Sets moralisch-ethischer Werte argumentierenden Intellektuellen und »spezifischen« Intellektuellen, deren Engagement sich auf die Intervention in bestimmten Einzelfragen begrenzt, in denen sie sich durch ihr Fachwissen kompetent fühlen.

    Das Modell des »engagierten Intellektuellen« hat in zahlreichen Ländern Nachahmer gefunden; kaum in einem anderen Land aber dürfte die Stimme der Intellektuellen so dauerhaft Gehör gefunden haben wie in Frankreich. Mit dem vorliegenden Buch hat Joseph Jurt eine konzise, kenntnisreiche Gesamtdarstellung dieses Phänomens vorgelegt. Vor allem Studierende werden es zu schätzen wissen, dass die Ergebnisse der vielfältig verzweigten französischen Forschung (die angelsächsische Perspektive ist weit weniger präsent) hier einem deutschen Publikum auf verständliche, leicht fassbare Weise zugänglich gemacht worden sind.

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    PSJ Metadata
    Daniel Mollenhauer
    J. Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu (D. Mollenhauer)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Frankreich und Monaco
    Ideen- und Geistesgeschichte, Politikgeschichte
    19. Jh., 20. Jh.
    4018145-5 4027249-7 4076232-4
    1898-1968
    Frankreich (4018145-5), Intellektueller (4027249-7), Politisches Engagement (4076232-4)
    PDF document jurt_mollenhauser.doc.pdf — PDF document, 98 KB
    J. Jurt, Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu (D. Mollenhauer)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/ZG/jurt_mollenhauer
    Veröffentlicht am: 10.12.2013 14:15
    Zugriff vom: 20.01.2020 16:54
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