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    M. Schiavon, Le général Vauthier. Un officier visionnaire, un destin bouleversant (W. Heinemann)


    Francia-Recensio 2013/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine


    Max Schiavon, Le général Vauthier. Un officier visionnaire, un destin bouleversant, Paris (Éditions Pierre de Taillac) 2012, 298 p., ISBN 978-2-36445-017-2, EUR 25,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Winfried Heinemann, Potsdam

    Das sei der Mann, der Frankreich den Sieg 1940 hätte ermöglichen können – sagt der Klappentext. In der französischen »Wikipédia« dagegen wird der Général de division Paul Vauthier nicht einmal erwähnt. Wer also hat Recht?

    Der französische Stabsoffizier und Autor Max Schiavon hat sich dieses in der Tat schillernden Soldatenschicksals angenommen. Vauthier ist der Sohn einer gutbürgerlichen Familie, sehr katholisch, und hochintelligent. Über die École polytechnique kommt er zum Offiziersberuf und wird entgegen seinen eigenen Wünschen der Artillerie zugeteilt. Mit dieser Waffengattung erlebt er den Ersten Weltkrieg. Er profitiert davon, dass die Artillerie sich zur Königin der Schlachtfelder entwickelt, aber auch von seinem eigenen Chauvinismus, seinem unzweifelhaften Mut und seinen professionellen Fähigkeiten. Vauthier wird verwundet, ausgezeichnet (etwas zu wenig, wie Schiavon findet) und findet sich letztlich in der siegreichen Armee der Zwischenkriegsjahre wieder. Dort macht er dann eine rasante und immer steiler aufwärtsverlaufende Karriere.

    Seit den frühen Nachkriegsjahren gehört sein Interesse zunächst der Flugabwehr-Artillerie, dann der Fliegerei und ihrer strategischen Bedeutung überhaupt. Vauthier kommt mit dem Gedankengut des Italieners Giulio Douhet in Berührung und versucht, es in Frankreich populär zu machen. Für seine Pläne findet er aber in dem im Maginot-Denken befangenen Land wenig Widerhall. Auch sein Drängen auf ein einheitliches Verteidigungsministerium, das die drei Teilstreitkräfte anleitet, bleibt ohne großen Erfolg. Dagegen wird sein wichtigstes Buch, eine Umsetzung der Theorien Douhets in die französische Situation, sogar ins Deutsche übersetzt, bei Rowohlt verlegt und jenseits des Rheins durchaus rezipiert. Ob das allerdings bedeutet, wie Schiavon suggeriert, dass Vauthier die Deutschen mehr inspiriert habe als die Franzosen, mag dahingestellt bleiben – so recht hat auch Görings Luftwaffe von einem strategischen Bombenkrieg nichts wissen wollen.

    Dafür bringt Vauthiers Tätigkeit ihn in Berührung mit dem Mann, der dann für den Rest seines Lebens sein Schicksal bestimmen wird: Marschall von Frankreich Philippe Pétain. Diesem wird er zunächst für eine kleine Zelle zugeteilt, die sich um die Bedrohung des gesamten Territoriums aus der Luft kümmern soll. Später dann wird der inzwischen für Pétain unentbehrlich gewordene Vauthier dessen Generalstabschef, bevor er im Zweiten Weltkrieg kurz hintereinander zwei verschiedene Divisionen führt. Mit der zweiten, einer elitären Gebirgsjägerdivision, geht Vauthier dann in Kriegsgefangenschaft, die er auf der Festung Königstein in Sachsen verbringt.

    Wegen seiner Nähe zu Pétain wird Vauthier nach dem Krieg zunächst inhaftiert, dann aus der Armee unehrenhaft entlassen. Es gelingt ihm aber, sich eine zweite Existenz in der Wirtschaft zu sichern. Er stirbt im hohen Alter von 96 Jahren.

    Schiavon wurde von der Familie der Nachlass des Generals angeboten, und hierauf stützt er im Wesentlichen seine Darstellung. Hinzu kommen aber auch eine umfassende Auswertung der einschlägigen Literatur sowie eine Nutzung der archivalischen Materialien. Der Band ist also solide und quellenbasiert gearbeitet, aber in weiten Teilen liest er sich auch als Aktenreferat: vor allem die (durchweg exzellenten) Beurteilungen seines Protagonisten haben es Schiavon angetan, und er zitiert in großer Ausführlichkeit daraus. Das aber lenkt den Blick weg von der eigentlichen Problematik, die der wissenschaftliche Leser am konkreten Beispiel gern etwas mehr erläutert gesehen hätte: Warum genau können sich in der Dritten Republik reformerische Ideen nicht durchsetzen? Sind es strukturelle Gründe? Oder sind andere Ideengeber deshalb wirkmächtiger, weil sie marktschreierisch daherkommen, wo der korrekt-zurückhaltende Vauthier Denkschriften und Fachbücher schreibt? Die Debatte um die Armee der Zukunft hat ja auch eine politische Dimension: Die einen fordern eine Volksarmee als Erziehungsanstalt der Nation, die anderen (etwa Charles de Gaulle) eine kleine, hochtechnisierte Elitearmee. Dient das Heer nun der Stärkung des Verteidigungswillens des Volkes oder der effizienten Erzeugung von Kampfkraft? Auch solche einordnenden Fragen stellt sich Schiavon kaum. Er wiederholt nur gebetsmühlenartig, es seien die Linken und besonders Édouard Daladier gewesen, die durch das Herumsparen am Militärbudget Hitlerdeutschland den militärischen Wiederaufstieg und letztlich den Sieg von 1940 ermöglicht hätten.

    Vauthier, der mit seinen Reformansätzen nicht zum Tragen kam, ist in vieler Hinsicht eine tragische und gescheiterte Existenz. Auch damit könnte er ein interessantes Sujet für eine Biographie sein, wenn der Autor nämlich gewillt gewesen wäre, die gesellschaftlichen und strukturellen Gründe für das Scheitern seines Protagonisten aufzuzeigen. Das Ausbreiten der reichlich vorhandenen Quellen allein reicht dazu aber nicht aus.

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    PSJ Metadata
    Winfried Heinemann
    M. Schiavon, Le général Vauthier. Un officier visionnaire, un destin bouleversant (W. Heinemann)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Frankreich und Monaco
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Militär- und Kriegsgeschichte
    19. Jh., 20. Jh.
    4018145-5 1043663274 4039305-7
    1900-2000
    Frankreich (4018145-5), Vauthier, Paul (1043663274), Militär (4039305-7)
    PDF document schiavon_heinemann.doc.pdf — PDF document, 83 KB
    M. Schiavon, Le général Vauthier. Un officier visionnaire, un destin bouleversant (W. Heinemann)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/ZG/schiavon_heinemann
    Veröffentlicht am: 10.12.2013 15:10
    Zugriff vom: 22.01.2020 18:44
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