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    S. Blond, F. Hildesheimer, »Quand la guerre se retire...« (Sven Externbrink)


    Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Françoise Hildesheimer, Stéphane Blond (dir.), »Quand la guerre se retire...«. Actes de la journée d’étude du 19 novembre 2012, Paris (Éditions Publisud) 2012, 283 p., ISBN 978-2-918018-15-5, EUR 39,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Sven Externbrink, Heidelberg
    Die aus einer Tagung hervorgegangene Sammlung von Beiträgen greift ein eher selten behandeltes Thema auf: das Kriegsende und die Rückkehr zu einer Friedensordnung. Es ist ein interessantes Thema, das aber einer einleitenden Charakterisierung und näheren Bestimmung bedürfte, etwa um zu klären wann der »Rückzug« des Krieges endet und der Friedenszustand beginnt. Diese Fragen werden jedoch einleitend nicht weiter erläutert, stattdessen beschränkt sich Françoise Hildesheimer in ihrer »Ouverture – Le moment Richelieu« am Beispiel des »Testament politique« auf einige Reflexionen über die Bedeutung des Friedens und seiner konkreten Gestaltung bei Richelieu (an erster Stelle steht für ihn die Sicherung der Grenzen Frankreichs gegen Invasoren).

    Die Bandbreite der Artikel, die hier nicht alle genannt werden können, reicht von der Beteiligung des parlement an der Etablierung des Friedens bis hin zur Behandlung des Friedensproblems in John Barclay »Argenis« von 1643, einem der großen »Bestseller« seiner Zeit.

    Eine Frage, die sich gleichsam »natürlich« stellt, ist die nach dem Schicksal der Soldaten – von Fadi El Hage am Beispiel von französischen Offizieren vor allem im 18. Jahrhundert untersucht. Für einen Berufsoffizier bedeutete Frieden geradezu Unsicherheit, vor allem materiell, da bekanntlich im 17. Jahrhundert die Regiments- und Kompaniechefs viel eigenes Geld in ihre Einheiten steckten. Für Offiziere im Generalsrang war es nahezu unerlässlich, sich regelmäßig am Hofe zu zeigen, um bei Beförderungen nicht übergangen zu werden: »paraître ou disparaître« (S. 49). Der Friede wurde zur Wiederherstellung der Gesundheit und der Familienplanung genutzt – ein längerer Frieden bot die Möglichkeit, eine »gute Partie« zu finden. Die langen Friedensperioden im 18. Jahrhundert führten zur Erscheinung einer neuen Form des Dienstes: Der »Offizier-Schriftsteller«, der die erzwungene Muße dazu nutzte, seine Erlebnisse und Beobachtungen in Reformprojekte oder militärtheoretische Schriften zu verwandeln. Guibert, der als junger Mann am Siebenjährigen Krieg teilgenommen hatte, ist als Autor des »Essai général de la tactique«, der in zwei Bänden1770–1772 erschien, das bekannteste Beispiel für diesen Typus.

    Richelieus Projekt einer Reform der Staatsfinanzen ist Thema des Beitrags von Orest Ranum. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind Richelieus Vorschläge im »Testament politique«. Ranum warnt vor einer Überschätzung von Richelieus Finanzreformideen und verweist dabei auf die Karriere des Kardinals. 1629/1630 entschied sich der König – beraten von Richelieu – für den Krieg und gegen finanzielle Reformen in seinem Königreich. Bis zu seinem Tode ging es für Richelieu einerseits darum, die zur Kriegführung notwendigen Mittel herbei zu schaffen, andererseits galt es bei Personalentscheidungen hinsichtlich der surintendance des finances darauf zu achten, dass die eigene Position des Minister-Favoriten nicht beschädigt würde. So bleibt am Ende nicht viel Gehalt in Richelieus Plänen einer Sanierung der königlichen Finanzen.

    Bertrand Fonck untersucht am Beispiel des Friedens von Nijmegen jenen Moment der Unsicherheit zwischen der Unterzeichnung des Friedens und der Übermittlung der Nachricht des Kriegsendes an die kämpfenden Parteien. Im Falle des Friedens von Nijmegen, unterzeichnet am 10. August 1678, gab es zwischen der von Wilhelm von Oranien befehligten Koalitionsarmee und der vom Marschall von Luxemburg kommandierten französischen Armee vor Mons selbst nach Bekanntwerden des Friedens noch Kampfhandlungen. Am 14. August erhielt Luxemburg Nachricht vom Frieden, aber noch am selben Tag griffen die Alliierten mit ihrer ganzen Armee seine befestigte Stellung an und wurden erst nach einem erbitterten Kampf zurückgeworfen. Wilhelm von Oranien wusste anscheinend bereits vom Frieden, ließ aber dennoch angreifen, um seine Unzufriedenheit mit dem Friedensschluss zu demonstrieren. Am 15. August, nachdem auch im alliierten Lager die offiziellen Boten aus Nijmegen eingetroffen waren, schwiegen die Waffen. Diese letzte Schlacht des Holländischen Krieges erklärt sich aus der Eigenlogik der Situation des nahen Kriegsendes. Beide Befehlshaber waren nicht bereit, einseitig erste Schritte der Deeskalation einzuleiten, obwohl beide vom bevorstehenden Ende des Krieges wussten. Luxemburg setzte die Blockade von Mons fort und wich auch deshalb nicht zurück, damit er am Hofe nicht in den Ruf eines »Schwächlings« gerate. Wilhelm von Oranien wollte Luxemburg (und Ludwig XIV.) noch einmal den Kampfeswillen der Alliierten demonstrieren. Das Handeln beider Protagonisten erklärt sich nicht zuletzt auch aus der Angst, dass eine vorzeitige Deeskalation als unehrenhaft hätte ausgelegt werden können. Ruhm und Ehre waren weiterhin Werte, die Krieg und Frieden entscheidend beeinflussten.

    Weitere Beiträge verweisen auf andere grundlegende Problem der Rückkehr zum Frieden, wie die Retablierung der Finanzen (Olivier Poncet, Une sortie de guerre – Le pouvoir royal et les offices de police économique à Paris [1715–1730], S. 153–194; Stéphane Blond, Quand le retour de la paix sert à préparer la guerre: le mémoire financier adressé à Daniel-Charles Trudaine au milieu du XVIII e siècle, S. 231–278) oder der Kampf um die publizistische Deutungshoheit über den Frieden (Louis de Charbonnières, Une Europe pour maintenir la paix. Les auteurs français, du traité de Paris [1763] au traité de Versailles [1783], S. 217–230, mit interessanten Quellenanhängen). In ihrem kurzen Schlusswort deutet Jacqueline Martin-Bagnaudez die roten Fäden an, die sich aus den Beiträgen herauslesen lassen: Der Übergang vom Krieg zum Frieden war für das Frankreich der Frühen Neuzeit immer ein langwieriger Prozess, der durch verschiedene Faktoren verlängert werden konnte. Die Dauer des Friedens bestimmte über den Erfolg vor allem des finanziellen Wiederaufbaus; doch wichtiger konnten jederzeit die Sicherung von Ruhm und Ehre sein. Waren diese gefährdet, hatten Warnungen vor dem finanziellen Ruin durch einen erneuten Krieg kaum Gewicht.

    Somit liegt hier ein Sammelband vor, dessen Beiträge schlaglichtartig die Probleme des Übergangs vom Krieg zum Frieden illustrieren, ohne jedoch durch eine zusammenfassende Problemstellung zusammengehalten zu werden.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Sven Externbrink
    S. Blond, F. Hildesheimer, »Quand la guerre se retire...« (Sven Externbrink)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001457
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Weltgeschichte
    Militär- und Kriegsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4071465-2 4033114-3
    1500-1900
    Friede (4071465-2), Krieg (4033114-3)
    PDF document hildesheimer_externbrink.doc.pdf — PDF document, 98 KB
    S. Blond, F. Hildesheimer, »Quand la guerre se retire...« (Sven Externbrink)
    In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/blond-hildesheimer_externbrink
    Veröffentlicht am: 20.03.2014 16:50
    Zugriff vom: 06.04.2020 14:01