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O. Chaline, Les parlements et les Lumières (Klaus Deinet)

Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Olivier Chaline (dir.), Les parlements et les Lumières, Pessac (Maison des sciences de l’homme d’Aquitaine) 2012, 323 S., ISBN 978-2-85892-406-6, EUR 24,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Klaus Deinet, Wuppertal

Die parlements sind die vielleicht rätselhafteste Institution des alten Frankreich. Wer wie Arthur Young 1787 oder 1788 durch das Land reiste, hätte sie für die Sieger in dem ein Jahrhundert währenden Streit halten können, den sie und allen voran das Pariser Parlament sich mit der königlichen Gewalt lieferten. Zwei Minister, Calonne und Lamoignon, waren bei dem an sich vernünftigen Versuch, die Finanzen des hoffnungslos verschuldeten Staates zu regulieren und die Steuer auf eine breitere Grundlage zu stellen, nacheinander durch ihr Zutun gescheitert. Zuletzt hatte das Parlament dem König die Zusage abgerungen, die Generalstände einzuberufen, und damit der Reform den Weg in die Revolution gewiesen. Allerdings konnte man 1788 durchaus glauben, dass es den neuadeligen Eliten gelingen würde, die schwerfällige Ständeversammlung, von deren Eigendynamik sich keiner eine genaue Vorstellung machen konnte, in ihrem Sinne zu beherrschen und sich jedem Versuch einer Steuerreform mit der Berufung auf die verbrieften Freiheiten ihres Standes zu widersetzen. Zwei Jahre später waren die parlements verschwunden, ihre Strukturen zerschlagen, ihre Finanzen dem Fiskus zugeführt, und ihre Mitglieder gingen in der Masse der Nationalversammlung gleichsam unter, um drei Jahre später in einem der spektakulärsten Schauprozesse der Terreur-Phase größtenteils der Guillotine anheim zu fallen.

Waren die Parlamentsangehörigen konservativ oder liberal, waren sie Bremser oder Befürworter einer Reform? Wenn man an ihr Verhalten denkt, z. B. in so spektakulären Fällen wie dem von Calas, für den sich Voltaire einsetzte, von ihrer Rolle in den Hochverratsprozessen gegen Königsattentäter gar nicht zu reden, dann überwiegt sicherlich die erste Meinung. Auch im jahrzehntelangen Kampf gegen die jansenistische Dissidenz erwiesen sie sich als verlässlichste Stütze des Thrones, verlässlicher jedenfalls als die Jesuiten, deren erbittertste Gegner sie waren und die sie schließlich aus Frankreich verbannen konnten. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Immerhin gehörten zu ihnen so illustre Vertreter wie Montesquieu oder Malesherbes, der als höchster Zensor Frankreichs die »Encyclopédie« passieren ließ. Die jüngeren Vertreter der letzten Generation, ein Adrien Duport oder ein Hérault de Séchelles etwa, ahnten wohl, dass die notwendige Reform nicht ohne tiefe Eingriffe in ihre Steuerprivilegien bewerkstelligt werden konnte; aber sie wollten den Gang dieser Reform bestimmen, die politischen Schalthebel besetzen und damit letztlich ihre Macht ausbauen. In der eigenen Selbstwahrnehmung sahen sie sich als französisches Pendant des englischen Parlaments, jener erhabenen Institution, der es gelungen war, dem Königtum seine Regeln zu diktieren und den Staat nach dem Prinzip des Wächters, wie es Platon gelehrt hatte, zu organisieren.

Dieser Janusköpfigkeit der parlements geht jetzt ein Sammelband nach, der die Ergebnisse einer Tagung in Rennes im Jahre 2005 zusammenfasst. Waren die parlements die Zauberlehrlinge, die unabsichtlich eine Revolution entfesselten, die sie selber verschlang? Diese Frage, so meint Olivier Chaline in seiner ebenso klugen wie vorsichtigen Einleitung, sei falsch gestellt. Er geht dabei heftig mit der französischen Historiographie ins Gericht, die, ob republikanisch oder konservativ, die parlements immer nur einer »lecture téléologique […] en fonction de la seule détermination des causes de la Révolution« (S. 15) unterzogen habe und die Untersuchung dabei auf die politische Rolle der »haute robe« eingeengt habe. Chaline geht es in seiner Bestandsaufnahme der Forschungslage darum festzuhalten, was die Parlamente alles nicht waren. Sie waren nicht alle eingeschworene Jansenisten, die mit ihrer Kampagne gegen die Jesuiten einen erheblichen Beitrag zu den religiösen Ursachen der Revolution leisteten, wie Van Kley gemeint hat; sie waren auch nicht durchweg Gegner der Aufklärung noch, wie eine umgekehrte Position habe glauben machen wollen, ihre insgeheimen Förderer. Sie waren schließlich nicht allesamt Anhänger des englischen Modells, obwohl der Einfluss Montesquieus unbestritten sei.

Was aber waren sie? Als innovativ erwies sich, so Chaline, die englischsprachige Forschung, vor allem der Beitrag britischer Historiker, der das Betrachtungsspektrum aus der auf die Revolution fixierten Perspektive befreit und für neue Felder geöffnet hätte. Dazu gehören jenseits der Politik und der Kultur im engeren Sinne, auf die sich die französische Forschung bisher fast ausschließlich konzentriert hat, die Justizpraxis, auch jenseits der spektakulären Prozesse, sowie der Beitrag der parlements zur Pflege der staatlichen Infrastruktur, z. B. der Armenfürsorge.

Natürlich könne es auf die Frage »Was waren die Parlamente?« keine eindeutigen Antworten geben, weil die Angehörigen der »cours souveraines« – Chaline benutzt lieber diesen allgemeineren Terminus als den der »parlements«, weil er auch diejenigen Institutionen der »haute robe« einschließt, die nicht ausdrücklich den Namen »parlements« führten – ebenso unterschiedlich waren wie ihre Titel, ihre verschiedenen Ränge und natürlich der individuelle Zuschnitt der Persönlichkeiten, die sich dahinter verbargen. Der Ertrag des Sammelbandes ist deshalb gerade darin zu suchen, dass er schnellen Antworten ausweicht, die jeweiligen Fallstudien nicht als Paradigmen einer Theorie verstanden wissen will, sondern als Anstoß, die Aktivitäten dieser Elite einmal anders als bisher und nicht ausschließlich mit dem Bewusstsein zu lesen, dass ihre Haltung in den politischen Weichenstellungen der Jahre 1787 und 1788 entscheidend (was auch Chaline nicht bestreitet) dazu beitrug, dass die Geschicke Frankreichs in die revolutionäre Kurve einbogen.

So ist es an dieser Stelle auch nicht möglich, auf alle Beiträge des Bandes einzugehen. Eine erste Gruppe befasst sich mit Reaktionen einzelner Parlamente bzw. bestimmter Vertreter ihrer Zunft auf die Lumières. Dabei rücken gerade die Provinzparlamente, das von Besançon, Rouen oder Rennes, gleichberechtigt in den Focus neben das Pariser Parlament, das in seiner ambivalenten Haltung gegenüber der »Encyclopédie« betrachtet wird. Eine weitere Sektion von Beiträgen, vielleicht die interessanteste, beschäftigt sich mit den Übernahmeformen (»les formes de l’adhésion«) des aufklärerischen Gedankenguts durch die Parlamente, sowohl im Bereich der Justizpraxis wie in dem des Geschmacks und der privaten Lektüre. Hierbei werden die Bibliotheken einzelner Parlamente untersucht. Schließlich kreist eine dritte Gruppe von Referaten um die Frage, welcher politischen Idealvorstellung die Parlamentarier eigentlich anhingen. Dass es hierbei nicht reiche, das bekannte England-Kapitel aus Montesquieus »De l’esprit des lois« und die Texte der wichtigsten »Remontrances« zu lesen, hatte Chaline den Vortragenden schon vorab mit auf den Weg gegeben. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel bezeichnet der letzte Beitrag: Er gibt anhand der Biographie dreier Parlamentarier, die einen bedeutenden Platz in den Ereignissen nach 1789 einnahmen, einen Einblick in die Verwandlungskünste, die ein ehemaliger »robin« im Verlauf der Revolution durchmachen konnte.

Ein solcher Band lässt sich nicht leicht bilanzieren. Es ist ja gerade seine Absicht, den Blick aus eingefahrenen Schablonen zu lösen und neue Perspektiven für eine künftige Forschung zu öffnen. Wie immer diese dann die Rolle dieses eigenartigen Zwitterwesens beurteilen wird: Sie muss die Anregungen, die hier versammelt sind, aufnehmen und in ihre Überlegungen einbeziehen. Es sei die Aufgabe des Sammelbandes – wie Chaline mit dem deutschen Fachbegriff anmerkt – ein »Desiderat der Forschung« (S. 26) zu markieren, nicht aber selbst die aufgezeigte Lücke zu füllen. Schade nur, dass in der überwiegend französisch und dann noch ein wenig britisch besetzten Equipe – der mit William Doyle der Doyen dieser Forschungsrichtung »präsidiert« – kein einziger deutscher Name zu finden ist.

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PSJ Metadata
Klaus Deinet
O. Chaline, Les parlements et les Lumières (Klaus Deinet)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001162
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Politikgeschichte, Rechtsgeschichte
18. Jh.
4018145-5 4003524-4 4044685-2
1700-1800
Frankreich (4018145-5), Aufklärung (4003524-4), Parlament (4044685-2)
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O. Chaline, Les parlements et les Lumières (Klaus Deinet)
In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/chaline_deinet
Veröffentlicht am: 20.03.2014 16:05
Zugriff vom: 17.09.2019 16:29