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    M. Curran, Atheism, Religion and Enlightenment in Pre-Revolutionary Europe (Iwan-Michelangelo D'Aprile)

    Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Mark Curran, Atheism, Religion and Enlightenment in Pre-Revolutionary Europe, London (Royal Historical Society) 2012, VIII–218 p. (Royal Historical Studies in History Series, 83), ISBN 978-0-86193-316-7, EUR 61,60.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Iwan-Michelangelo D’Aprile, Potsdam

    Mark Curran rekonstruiert in seiner materialreichen Studie die Debatten um das Werk Paul-Henri Thiry d’Holbachs. Indem Curran nicht nur die Schriften eines der wichtigsten französischen Materialisten, sondern umfassend auch die zeitgenössischen Reaktionen erschließt, gelingt es ihm überzeugend, die entscheidende Bedeutung d’Holbachs für die Ausdifferenzierung des Aufklärungsdiskurses in den Jahren um 1770 aufzuzeigen. Als besonders fruchtbar erweist sich dabei sein methodischer Ansatz, die Aufklärung nicht nur ideengeschichtlich zu bestimmen, sondern – ausgehend von Habermas, Chartier und Darnton – vor allem sozial-, buch- und mediengeschichtlich als einen Wandel der öffentlichen Kommunikationsprozesse zu verstehen.

    Curran, dessen Arbeit sich auf umfangreiche Archivstudien und bibliographische Recherchen stützt, kann seine These eindrucksvoll quantitativ untermauern. So erschienen auf dem Höhepunkt der Debatte in den 1770er und 1780er Jahren als Reaktionen auf d’Holbachs materialistische Hauptwerke rund 100 Bücher und Pamphlete in monatlichen Abständen sowie mehr als 200 Zeitschriftenartikel. Für den gleichen Zeitraum rechnet Curran von den rund 29 000 bestellten Büchern der Société typographique de Neuchâtel (STN) 2900 d’Holbach und seinen Mitstreitern zu, was einem Zehntel der Publikationen der bekanntesten Verlagsanstalt für klandestine und radikalaufklärerische Schriften entspricht. Acht der zehn populärsten antiklerikalen Werke der vorrevolutionären Zeit stammten von d‘Holbach.

    Im ersten Teil des Buches wird das d’Holbach’sche Gesamtwerk erschlossen, das gemessen an diesen Zahlen immer noch untererforscht ist 1 . Von den frühen Übersetzungen vor allem deutschsprachiger naturwissenschaftlicher Schriften zur Naturgeschichte, Mineralogie und Chemie von Autoren wie Christlieb Ehregott Gellert, Johann Friedrich Henckel oder Georg Ernst Stahl über mehr als 400 Artikel für Diderots und d’Alemberts »Encyclopédie« bis hin zu seiner religionskritischen Publikationsoffensive mit dem »Système de la nature«, »Le Bon Sens«, dem »Essai sur les préjugés«, »Le Christianisme dévoilé«, dem »Tableau des saints«, der »Histoire critique de Jésus-Christ« oder der »Théologie portative« und schließlich den späten sozialphilosophischen Werken wie dem »Système social«, der »Politique naturelle« und der »Morale universelle« weist Curran d’Holbachs Gesamtwerk als ein umfassendes Naturalisierungsprogramm aus, das um die zentrale Kategorie der Selbstbewegung der Materie und eine auf Eigennutz, Beobachtung und Lernfähigkeit der Menschen basierte säkulare Anthropologie kreist.

    Welchen Skandal diese Thesen für das zeitgenössische kulturelle Establishment bedeuteten, analysiert Curran an Hand der Gegenschriften nicht nur von klerikaler oder religiös motivierter Seite, sondern auch von Seiten der philosophes . So nutzte Voltaire die Radikalisierung der Aufklärung d’Holbachscher Prägung in seiner Gegenschrift »Dieu: réponse de M. de Voltaire« aus »Systême de la nature« von 1770 um der eigenen Rolle als Hauptfeind der Kirche und vermeintlicher Atheist öffentlich abzusagen und sich als moderater Aufklärer und Deist zu präsentieren. Da Voltaire dabei nicht nur d’Holbach, sondern auch die Arbeiten des Naturwissenschaftlers John Turberville Needhams als Beispiele eines zum Atheismus führenden Materialismus als Negativfolie nutzte, sah wiederum Needham sich gezwungen, seine eigenen Studien zur Mikroskopie als rein naturwissenschaftliche Arbeiten ohne Konsequenzen für das kulturelle Weltbild auszuweisen. Friedrich II. kritisierte in seinen beiden – von Curran im Übrigen als inhaltlich ephemer bewerteten – Gegenschriften, dem »Examen de l’essai sur les préjugés« und dem »Examen critique du ›Système de la nature‹« vor allem die politischen und absolutismuskritischen Schlussfolgerungen d’Holbachs, wenn dieser in den Königen eine Ursache des Unglücks der Gesellschaft ausmacht und der Bevölkerung das natürliche Recht zuschreibt, ihre Herrscher abzusetzen, wenn dieses Unglück zu groß wird (S. 102f.).

    Insgesamt aber ist nach Curran die Reaktion von Seiten der philosophes immer noch gering, wenn man sie mit dem regelrechten Sturm vergleicht, der von religiös motivierter Seite gegen d’Holbachs Naturalisierungsprogramm ausbrach. In seiner Bibliographie versammelt Curran hauptsächlich katholische, aber auch protestantische Gegenschriften, wobei er aufzeigt, dass d‘Holbachs Gegner nicht nur die gleichen Publikationskanäle wie die philosophes nutzten (so sind Giovanni Castigliones »Observations sur un ouvrage intitulé ›Système de la nature‹« oder Georg Jonathan von Hollands »Réflexions philosophiques sur ›Système de la nature‹« wie d’Holbachs Werke von der STN in Neuchâtel vertrieben worden), sondern sich für ihre Widerlegungen und Polemiken, wie auch die Aufklärer, einer Vielzahl unterschiedlichster literarischer Formen bedienten, von fiktiven autobiographischen Romanen wie den »Mémoires philosophiques du baron *** « des Abbé de Crillon bis zu philosophischen Dialogen wie dem »Philosophe catéchiste« des Abbé Jean Pey.

    In einem mustergültigen Verfahren der dichten Kontextualisierung verfolgt Curran diese Debatten durch die unterschiedlichen Öffentlichkeitssphären von den mündlichen und handschriftlich überlieferten Diskussionen innerhalb der Pariser Salonkultur und ihrer verschiedenen Netzwerke (Kapitel 2), über Reaktionen in Form von Büchern, Pamphleten und Flugschriften (Kapitel 3), den Zeitschriften-Diskurs (Kapitel 4) sowie institutionelle Reaktionen der Pariser Obrigkeit (Kapitel 6). Curran zeigt nicht nur, dass man die Debatten nur in ihrer wechselseitigen Verschränkung innerhalb dieser Öffentlichkeitssphären versteht, sondern auch die jeweiligen Eigenlogiken und Öffentlichkeitsstrategien, die mit den unterschiedlichen Medien und Institutionen verbunden sind. So bleiben viele der auf Grund ihres polemischen Charakters stark kontextgebundenen Gegenschriften unverständlich, wenn man sie nicht in Bezug zur mündlichen Kommunikationssphäre, zu den Korrespondenzen der Beteiligten und zu den von Curran treffend als »manuscript newsletters« (S. 51) bezeichneten und europaweit versendeten handschriftlichen Nachrichten über die Pariser literarische Szene wie der »Correspondance littéraire« oder den »Mémoires secrets« setzt. Gleiches gilt für den im Untersuchungszeitraum stark expandierenden französischen Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt, der wesentlich auch durch Journale wie der »Année littéraire«, dem »Journal ecclésiastique«, dem »Journal historique et littéraire«, dem halboffiziellen »Mercure de France« oder der Tageszeitung »Journal de Paris« geprägt wird, die noch vor der Revolution Auflagenzahlen von bis zu 15 000 Exemplaren erreichten und in denen durchaus neben religiöser Erbauung und Regierungsverlautbarungen auch moderat aufklärerische Intentionen propagiert wurden. Schließlich zeigt Curran an Hand der Reaktionen der offiziellen Institutionen wie der wichtigsten Körperschaft der Gallikanischen Kirche, der Assemblée du clergé de France, dem Pariser Gerichtshof, der Sorbonne oder dem Polizeidirektorium, dass auch diese sich trotz aller gegen d’Holbachs Werke gerichtete Bannsprüche, Autodafés und Indizierungen letztlich gezwungen sahen, neben den üblichen restriktiven Verfahren auch eine aktive Pressearbeit zu betreiben und sich so auf das öffentliche Debattenfeld zu begeben.

    Diskutabel bleibt bei alledem sicherlich Currans gegen Ende des Buches immer vehementer vertretene These, aus der Vielzahl der anti-d’Holbach’schen Gegenschriften ein eigenes Programm einer spezifisch »christlichen Aufklärung« herauszulesen und mit diesem Begriff den durch die Forschungen von Darrin McMahon, Didier Masseau oder Oliver Ferret seit längerem etablierten Begriff der »Gegenaufklärung« zu ersetzen (vgl. v. a. S. 164) 2 . Zum einen subsummiert Curran unter dem Begriff »christliche Aufklärung« sehr Unterschiedliches: bei STN sind eben gerade nicht die Schriften der katholischen Gegenaufklärer erschienen, sondern die des Mathematikers Castiglione, der für sein Werk ein Imprimatur der preußischen Akademie der Wissenschaften hatte, oder des Protestanten Holland. Currans vermeintliche Entdeckung, dass es im späten 18. Jahrhundert auch einen breiten öffentlichen und populären Diskurs moderat-konservativer Schriften zwischen Erbauung und Aufklärung gab, erscheint weniger überraschend als Curran es präsentiert. Dies gilt nicht nur für die deutsche Aufklärung mit ihren fließenden Übergängen zwischen Protestantismus und Aufklärung und ihren religiös perspektivierten Bestsellern wie Spaldings »Bestimmung des Menschen« oder Mendelssohns »Phaedon« oder »Über die Unsterblichkeit der Seele«. Wie das Beispiel Mendelssohn zeigt und wie David Sorkin es für den europaweiten Aufklärungsdiskurs herausgearbeitet hat, ist der Oberbegriff »christliche Aufklärung« für eine religiös perspektivierte Aufklärung nicht nur zu unspezifisch, sondern auch unzutreffend 3 . Schließlich weisen weite Teile der von Curran erschlossenen Reaktionen auf d’Holbach alle Merkmale eines klassischen Abwehrdiskurses auf – eben als »Gegen-Aufklärung«. Bezeichnenderweise wurde einer von Currans Hauptzeugen für eine »christliche Aufklärung«, der Kanonikus von Notre-Dame Nicolas Sylvain Bergier für sein »Examen du matérialisme, ou Réfutation du ›Système de la Nature‹« mit 20 000 Livres von der Assemblée du clergé und einer königlichen Pension von 2000 Livres alimentiert, um gegen die Materialisten zu schreiben. Hier wären – auch im Hinblick auf eine Einlösung des sehr allgemein gefassten Titels von Currans Buch (»Atheismus, Religion und Aufklärung im vorrevolutionären Europa« ohne spezifizierenden Untertitel) – sicherlich weitere Differenzierungen nötig. Das alles schmälert aber nicht Currans Verdienst, eine zentrale Debatte der europäischen Aufklärung auf dem methodischen state of the art erstmals umfassend aufgearbeitet zu haben.

    1 Zu d’Holbachs Pariser Salon vgl. Philipp Blom, Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, München 2011.

    2 Darrin McMahon, Enemies of the Enlightenment, Oxford 2002; Didier Masseau, Les Ennemies des philosophes, Paris 2000; Oliver Ferret, La Fureur de nuire, Oxford 2007.

    3 David Sorkin, The Religious Enlightenment. Protestants, Jews and Catholics from London to Vienna, Princeton 2008.

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    PSJ Metadata
    Iwan-Michelangelo D'Aprile
    M. Curran, Atheism, Religion and Enlightenment in Pre-Revolutionary Europe (Iwan-Michelangelo D'Aprile)
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    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Ideen- und Geistesgeschichte, Politikgeschichte
    17. Jh., 18. Jh.
    4015701-5 4003364-8 4003524-4 4071653-3 4049396-9
    1680-1790
    Europa (4015701-5), Atheismus (4003364-8), Aufklärung (4003524-4), Geistesgeschichte (4071653-3), Religion (4049396-9)
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    M. Curran, Atheism, Religion and Enlightenment in Pre-Revolutionary Europe (Iwan-Michelangelo D'Aprile)
    In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/curran_daprile
    Veröffentlicht am: 20.03.2014 15:55
    Zugriff vom: 03.06.2020 13:01