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T. Helfferich, The Iron Princess (Anuschka Tischer)

Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Tryntje Helfferich. The Iron Princess. Amalia Elisabeth and the Thirty Years War, Cambridge, Massachusetts und London, England (Harvard University Press) 2013, X–319 p., ill., ISBN 978-0-674-07339-5, EUR 29,00.

rezensiert von, compte rendu rédigé par

Anuschka Tischer, Würzburg
Der Dreißigjährige Krieg wurde insbesondere in seiner Schlussphase politisch von zahlreichen Frauen geführt: Frauen, die wie Christine von Schweden als Herrscherinnen auf den Thron kamen, häufiger aber Frauen, die wie Amalia Elisabeth, die Mutter Wilhelms VI. von Hessen-Kassel, als Regentinnen für ihre unmündigen Söhne fungierten. Der Krieg war nicht der einzige Grund einer solchen starken Präsenz von Frauen in Herrschaftspositionen, aber er begünstigte diese Konstellation, denn viele männliche politische Akteure starben im Krieg oder an seinen Folgen. Wilhelm V. von Hessen Kassel, Amalia Elisabeths Ehemann, erlag 1637 mit nur 35 Jahren im Exil im Feldlager einer Krankheit. Seine Witwe, die bis zum Schluss an seiner Seite gewesen war, übernahm die Regentschaft in einer denkbar ungünstigen Konstellation. Während der Kaiser und die meisten Reichsstände 1635 im Prager Frieden zum Ausgleich gekommen waren, hatte Wilhelm V. weiter gekämpft, um das Marburger Erbe und die calvinistische Konfession durchzusetzen. Kein anderer Reichsstand begab sich so konsequent in ein Bündnis mit den auswärtigen Mächten, dem lutherischen Schweden und dem katholischen Frankreich. Die Folge war die Erklärung zum Reichsfeind und die Vertreibung aus Hessen-Kassel. Es ist nicht verwunderlich, dass von Amalia Elisabeth nach seinem Tod ein rasches Einlenken oder gar völliges Scheitern erwartet wurde. Doch wider Erwarten gelang es ihr, territoriale Ziele zu erreichen. Auch die Verankerung der calvinistischen Konfession sowie ständischer Mitsprache im Westfälischen Frieden von 1648 geht mit auf die Politik der Landgräfin zurück. Gemessen an ihren Zielen ebenso wie an ihren militärischen Erfolgen am Ende des Krieges mag der Sieg Hessen-Kassels nicht überragend sein, gemessen an der Ausgangslage von 1637 allerdings ist es Amalia Elisabeth in ganz beachtlicher Weise gelungen, das Ruder herumzureißen. Zeitgenössisch wurde sie als Heroine des Calvinismus und ständischer Freiheit glorifiziert. Als Repräsentantin einer führenden Militärmacht kommt niemand an ihr vorbei, der sich mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigt. Doch anders als Persönlichkeiten wie Gustav Adolf oder Wallenstein ist Amalia Elisabeth kaum bekannt, und selbst ihr Bild in der Forschung ist relativ blass. Tryntje Helfferich vermutet sicher zu Recht, dass dies mit ihrem Geschlecht zusammenhängt, und ihr Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu, diese zentrale europäische Akteurin des 17. Jahrhunderts wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Nachdem die Autorin bereits durch eine nützliche englischsprachige Quellenpublikation zum Dreißigjährigen Krieg hervorgetreten ist , legt sie nun eine Studie vor, die auf breiter Quellengrundlage steht und von superber Sachkenntnis zeugt. Minutiös zeichnet sie die Regentschaftsregierung Amalia Elisabeths von 1637 bis 1650 chronologisch und detailreich nach mit einem einleitenden Blick auf ihr Leben davor und einem abschließenden Blick auf ihren Tod 1651. Es entsteht hier erstmals das politische Profil einer Akteurin, die keineswegs blind an ihren Sieg glaubte, die sich aber ihrer Konfession und dem Erbe ihres Sohnes derart verpflichtet fühlte, dass sie zum Kampf gegen alle Widerstände bereit war. Die Verantwortung gegenüber Gott erscheint in der Darstellung Helfferichs als das Schlüsselmotiv zum Verständnis der Landgräfin. Auf der Basis ihrer festen Grundüberzeugungen agierte Amalia Elisabeth von Anfang an entschlossen und lavierte dabei zwischen ihren Gegnern, namentlich dem Kaiser und dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt, die übermächtig zu werden schienen, und ihren Verbündeten, die von der Durchsetzungsfähigkeit der neuen Regentin keineswegs überzeugt waren und sich abwartend verhielten. In den eigenen Ratsgremien gab es Widerstände gegen ihre harte Haltung. Vor allem aber musste Amalia Elisabeth die Armee als ihr entscheidendes Instrument zusammenhalten. Es gelang der Regentin, die Probleme zu überwinden und zur zentralen militärischen und politischen Figur des Krieges aufzusteigen. Um dies zu erreichen, verband sie eine harte, unnachgiebige Position mit einer gleichzeitigen Stilisierung der Hilfsbedürftigkeit als Mutter eines minderjährigen Herrschers, eine Strategie, mit der frühneuzeitliche Regentinnen immer wieder erfolgreich waren. Helfferich systematisiert den Geschlechteraspekt allerdings kaum. Obwohl sie mehrfach anspricht, dass Amalia Elisabeth nicht die einzige Herrscherin dieser Epoche war, und sie aus einer dezidiert weiblichen Perspektive beleuchtet, steht die Landgräfin in der Gesamtdarstellung singulär in einer Männerwelt. Das Geschlecht wird eher empathisch als analytisch thematisiert.

Insgesamt ist Helfferich eine flüssige, verständliche und anschauliche, mitunter fast schon romanhafte Studie gelungen, die sich allerdings zwischen wissenschaftlicher Abhandlung und populärwissenschaftlicher Darstellung nicht entscheiden kann: Um einen allgemeinen Leserkreis anzusprechen, wird zu wenig erklärt, werden zu viele Details angehäuft und wird zu sehr pauschalisiert. So ist der Hinweis auf die wechselseitige Befürchtung, der Kaiser und Frankreich strebten nach der Weltherrschaft (»world domination«, S. 30) kaum adäquat für den komplexen politischen Begriff der Universalmonarchie. Für eine wissenschaftliche Benutzung wirft das Buch diverse Hürden auf: So arbeitet Helfferich ihre Darstellung zwar aus breiter Quellen- und Literaturbasis und ist, was das Thema im engeren Sinne betrifft, auch auf dem aktuellen Stand der Forschung. Für Bereiche, die mit berührt werden, trifft dies allerdings oft nicht zu: So erfolgt die Darstellung des Prager Friedens (S. 32) ohne Bezug auf Kathrin Bierthers Edition von 1997, die Darstellung des französischen Kriegseintritts (S. 33) ohne Bezug auf die breite Literatur zum Thema. Eine solche Unkenntnis der einschlägigen Forschung führt zu Fehleinschätzungen, wenn z. B. die Politik Gustav Adolfs von Schweden als selbstverständlich durch Machtinteressen motiviert beschrieben wird (S. 28), eine Aussage, die eine komplexe Forschungsdiskussion über diese Politik ignoriert. Ein besonderes Manko für die wissenschaftliche Benutzung ist es allerdings, dass sich alle Referenzen nur unzureichend nachverfolgen lassen: Die Studie steht zweifellos auf einer breiten Basis an Archivquellen und Literatur. Sie hat aber weder ein Archivalien- noch ein Literaturverzeichnis. Lediglich das Abkürzungsverzeichnis liefert einen Hinweis, welche Archive überhaupt benutzt wurden. Archiv- und Literaturangaben lassen sich darüber hinaus nur aus den Endnoten herausziehen. Diese sind jeweils summarisch absatzweise gesetzt, so dass es oft nicht einmal möglich ist, den konkreten Nachweis für Zitate zu ermitteln, die zudem durchweg gleich ins Englische übersetzt wurden.

Mit allen inhaltlichen und formalen Einschränkungen hinterlässt Helfferichs Studie so einen zweischneidigen Eindruck: Sie rückt auf solider Quellenbasis eine wichtige Akteurin des Dreißigjährigen Krieges in den Fokus der Wahrnehmung, aber gerade angesichts der Bedeutung des Themas und der geleisteten Forschungsarbeit hätte man aus der Darstellung mehr machen können.

PSJ Metadata
Anuschka Tischer
T. Helfferich, The Iron Princess (Anuschka Tischer)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001424
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Politikgeschichte
17. Jh.
4011882-4 119207826 4006804-3
1602-1651
Deutschland (4011882-4), Amalie Elisabeth Hessen-Kassel, Landgräfin (119207826), Biografie (4006804-3)
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T. Helfferich, The Iron Princess (Anuschka Tischer)
In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/helfferich_tischer
Veröffentlicht am: 20.03.2014 17:05
Zugriff vom: 07.08.2020 14:31