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    K. Joos, Gelehrsamkeit und Machtanspruch um 1700 (Sven Externbrink)


    Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Karin Joos, Gelehrsamkeit und Machtanspruch um 1700. Die Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaften im Spannungsfeld dynastischer, städtischer und wissenschaftlicher Interessen, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2011, 334 S. (Stuttgarter historische Forschungen 13), ISBN 978-3-412-20714-4 EUR 46,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Sven Externbrink, Heidelberg

    Die Geschichte der Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaften ist seit der von Adolf von Harnack 1900 vorgelegten dreibändigen Akademiegeschichte ein intensiv bearbeitetes Feld preußischer Wissenschaftsgeschichte. Im Zentrum der Forschungen stand hierbei immer die Persönlichkeit des Gottfried Wilhelm Leibniz, der von Hannover aus – seine guten Kontakte zu Sophie Charlotte, der Frau des Kurfürsten, nutzend – erstmals 1695 die Gründung einer Akademie in Berlin anregte.

    Diese gut bekannte Gründungsgeschichte der Berliner Akademie arbeitet Karin Joos in ihrer Stuttgarter Dissertation erneut auf, indem sie einen neuen multiperspektivischen Zugang wählt, in dem weniger Leibniz als vielmehr »zahlreiche Personen aus gelehrten, politischen und dynastischen Lebenswelten und Interessensphären« im Mittelpunkt stehen, deren »Vorstellungen, Wege und Handlungen« sich in diesem »Ereignis [kreuzten], [gegenseitig] bedingten, und […] sich wechselseitig [veränderten]« (S. 11). Gelehrte, dynastische und städtische »Interessen« an der Akademie sollen mittels des methodischen Zugriffs der »dichten Beschreibung« (S. 18) zu einem »kaleidoskopartige[n] Gesamtbild« zusammengefügt werden.

    An die Einleitung schließt sich eine ausführliche Schilderung der »Rahmenbedingungen« (S. 43–92) an; im Wesentlichen ein vor allem aus der Literatur erarbeitetes Porträt Brandenburg-Preußens an der Wende zum 18. Jahrhundert. Hier erfolgt auch eine knappe Verortung des brandenburgischen Akademieprojektes in die europäische Akademiebewegung des 17. Jahrhunderts.

    Den Kern der Studie von Joos bildet die detaillierte, manchmal redundante Rekonstruktion des »dynastischen, städtischen und gelehrten Interesses« (S. 93–226) an einer Akademiegründung in Berlin. Aus dynastischer Perspektive ordnete sich die Idee der Gründung einer Akademie der Wissenschaften ein in den »Feldzug«, den der Kurfürst seit 1700 um die Aufwertung des jungen Königtums in der europäischen société des princes führte. In den großen Monarchien Europas (Frankreich und England) aber auch in den kleineren Staaten Italiens waren die Souveräne als Gründer und Mäzene von wissenschaftlichen und künstlerischen Akademien hervorgetreten. Ein besonderes Vorbild war Ludwig XIV., über dessen »Wissenschaftspolitik« man in Berlin sehr gut informiert war. Wissenschaftliches Interesse seitens des Kurfürsten an der Akademie war nicht vorhanden, gleiches gilt auch für den seit Dankelmanns Sturz starken Mann am Hofe, Johann Kolbe von Wartenberg. Einzig bei der Kurfürstin Sophie Charlotte ist wissenschaftliche Neugier zu beobachten, entsprach dies doch ihrem Naturell und ihrer Erziehung.

    Ähnliche Distanzen zur Akademiegründung sind auch für die Stadt Berlin zu beobachten. Hier gab es zwar einige Institutionen, die potentiell mit der Akademie kooperieren konnten; wissenschaftliche »Salons« wie der Spanheim-Kreis brachten zeitweise die Gelehrten der Stadt und des Hofes zusammen. Es kamen jedoch keine Impulse aus der Stadt – wie auch aus dem doch recht bedeutenden gelehrten Berliner Umfeld –, die das Projekt Akademie vorantrieben. Die in und um Berlin lebenden, oft im Dienste des Hofes stehenden Gelehrten partizipierten zumindest an den Debatten der Frühaufklärung bzw. rezipierten diese. Doch mit einer Institutionalisierung ihrer Einzelforschung im Kontext von Akademieprojekten konnten sie sich nicht anfreunden.

    So blieb als Motor der Akademiegründung dann doch nur Gottfried Wilhelm Leibniz, der von Hannover aus den Anstoß dazu gegeben hatte und dieses Projekt hartnäckig bis zur Realisierung und darüber hinaus verfolgte. Einmal gegründet lief die Arbeit der Akademie nur schleppend an. Sie stand nicht sehr weit oben auf der Liste kurfürstlicher bzw. königlicher Prioritäten, was sich zweifellos auch dadurch erklären lässt, dass zeitgleich mit der Gründung der Akademie auch der Spanische Erbfolgekrieg ausbrach, in den auch Brandenburg hineingezogen wurde. Gelder wurden daher woanders benötigt. Liest man das abschließende Kapitel über die ersten Jahre der Akademie, so drängt sich der Eindruck auf, dass das Überleben der Akademie einzig Leibniz zu verdanken ist, der immer wieder, von Hannover aus, als erster Akademiepräsident auf die Arbeitsaufnahme in den verschiedenen Klassen drängte und dies schließlich – zumindest in Ansätzen – auch bewirkte.

    Joos schildert die schwierige Genese und die Startschwierigkeiten gemäß ihres Anliegens einer »dichten Beschreibung« durchgehend detailliert und unter Rückgriff auf die archivalischen Quellen und die – im Falle Leibniz’ – edierten Briefwechsel der Beteiligten. Ein wenig unbefriedigt bleibt der Rezensent nach der Lektüre jedoch zurück, denn insgesamt überwiegt das deskriptive Element in Joos Darstellung, die die zentrale Bedeutung Leibniz, die man – so wurde die Einleitung gelesen – doch relativieren wollte. Diese Bedeutung aber wird am Ende dann doch wieder bestätigt: Leibniz sorgte dafür, dass die Akademie keine Totgeburt wurde. Ein wenig mehr Analyse in der »dichten Beschreibung« hätte vielleicht weitere Ergebnisse gebracht, etwa wenn Joos stärker mit dem methodischen Potential gearbeitet hätte, das Mikropolitik und Netzwerkanalyse anbieten, denn die Geschichte der Akademiegründung, wie sie Joos rekonstruiert, ist doch zuerst einmal eine Geschichte akademischer Netzwerke.

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    PSJ Metadata
    Sven Externbrink
    K. Joos, Gelehrsamkeit und Machtanspruch um 1700 (Sven Externbrink)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001488
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Preußen bis 1947
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte, Politikgeschichte
    18. Jh.
    4047194-9 35495-8
    1700
    Preußen (4047194-9), Preußische Akademie der Wissenschaften (35495-8)
    PDF document joos_externbrink.doc.pdf — PDF document, 328 KB
    K. Joos, Gelehrsamkeit und Machtanspruch um 1700 (Sven Externbrink)
    In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/joos_externbrink
    Veröffentlicht am: 20.03.2014 15:55
    Zugriff vom: 20.10.2020 22:03