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    A. Kästner, G. Schwerhoff, Göttlicher Zorn und menschliches Maß (Ruth Schilling)

    Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Alexander Kästner, Gerd Schwerhoff (Hg.), Göttlicher Zorn und menschliches Maß. Religiöse Abweichung in frühneuzeitlichen Stadtgemeinschaften, Konstanz (UVK Verlagsgesellschaft) 2013, 218 S. (Konflikte und Kultur – Historische Perspektiven), ISBN 978-3-86764-404-4, EUR 29,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ruth Schilling, Berlin

    Der in frühneuzeitlichen städtischen Verordnungen viel beschworene Zorn Gottes entzieht sich in seiner bedrohlichen Gewalt jeglicher menschlichen Verfügung. Umso aufschlussreicher ist es, wenn der hier zu besprechende schmale, aber überaus anregungsreiche Sammelband aufzeigen kann, wie sehr dieses grimmige Bild von kommunikativen Praktiken bestimmt war, die häufig mehr von Pragmatismus als iratischer Orthodoxie geleitet waren.

    Die transzendent-religiöse Begründung städtischen Zusammenlebens wurde bereits in der griechischen Antike entwickelt und stellte eine der Grundpfeiler mittelalterlicher städtischer Religiosität dar. Das politische und religiöse Laboratorium der Frühen Neuzeit erweiterte das Begründungsarsenal innerstädtischer transzendent begründeter Friedens- und Ordnungswahrung beträchtlich. Konfessionelle Diversität konnte nun in den Fokus miteinander ringender Macht- und Herrschaftsinteressen rücken: Franziska Neumann beschreibt dies am Beispiel des Predigers Georg Amandus aus dem durch Ernestiner und Albertiner gemeinsam beherrschten Schneeberg (S. 93–122).

    Spätestens die Reformation verankerte die Diskussion religiöser Zugehörigkeit in einem politischen Rahmen, der insofern spezifisch städtisch geprägt war, da sich hier die Kommunikation über religiöse Zugehörigkeit besonders sichtbar manifestierte. Methodisch hat dies allerdings zur Folge, und hier stellt der Sammelband keine Ausnahme dar, dass das Phänomen der Stadt als religiös begründeter Gemeinschaft vornehmlich in Quellen gesucht wird, die genau dies gar nicht primär zeichnen wollten, nämlich Ratserlassen, Gerichtsgutachten und Verhörprotokollen. Dies bietet den Vorteil, Norm, Devianz und Transzendenz sozial und politisch genau verankern zu können, aber auch die Gefahr, die hieraus gewonnenen Ergebnisse zu verallgemeinern. Diese Tendenz ist beispielsweise in den ansonsten sorgfältig und schlüssig argumentierenden Beiträgen zu einer seriellen Auswertungen von Policeygesetzen in Ulm (S. 45–72) und Ratsgutachten in Nürnberg zu beobachten (S. 73–92), die sinnvollerweise vielleicht mit Fallbeispielen zu Einzelfällen hätten verbunden werden können. Aber auch die eher als Einzelfallstudien angelegten Untersuchungen zu Antwerpen (S. 123–154) und Basel (S. 155–182) hätten sicherlich von einer intensiveren methodischen Reflexion der Sprech- und Denkmöglichkeiten über konfessionelle Zugehörigkeit und religiöse Devianz profitiert. Beide Beiträge nehmen darüber hinaus im geographischen und thematischen Spektrum des Sammelbandes eine wichtige, europäische Vergleichsmöglichkeiten eröffnende Funktion ein.

    Alexander Kästner hat die Quellen in ihrer Charakteristik als spezifische Kommunikationsmittel heuristisch sehr gewinnbringend genutzt in einer den Band beschließenden Studie (S. 183–214), in der er anhand von »Bürger- und Schossregistern, Denunziationsschreiben, Verhörprotokolle, Protokolle der Konfrontation, Rechtfertigungsschreiben und das Urteil des Schöffenstuhls« (S. 188–189) eine dichte Beschreibung eines Falls eines Essigkramers aus dem Leipziger Nauendörfchens vornimmt. In ihm wird die Eigenlogik spezifisch nachbarschaftlicher Kommunikation deutlich, die dazu beitrug, dass jemand, der die Bedeutung von Hölle und Auferstehung immerhin zu hinterfragen wagte, nicht automatisch einer Höchststrafe zugeführt wurde.

    Kästners Studie wie auch die anderen Beiträge in dem Band zeichnen kein grundsätzlich neues Bild frühneuzeitlicher Stadtgemeinschaften. Sie vermögen es aber, mithilfe der spezifischen politischen und kommunikativen Struktur frühneuzeitlicher Städte religiöse Vorstellungen und Zuschreibungen als Praktiken zu verstehen, die sogar über den in der Einleitung (S. 9–44) skizzierten »labelling approach« hinausgehen. Sie positionieren nicht nur das Individuum gegenüber anderen. Sie ermöglichen darüber hinaus auch, an Diskursen über Religion und Transzendenz jenseits akademisch geprägter Denkschemata teilzunehmen, wie der Fall des von Alexander Kästner beschriebenen Essigkramers zeigt. Hierin wiederum wäre es aufschlussreich gewesen, das zeitliche Spektrum des Bandes um Beispiele aus dem 18. Jahrhundert zu erweitern, einer Epoche, in der Transzendenz als Thema sich erstens krisenbefördernd auf die städtische Gemeinschaft auswirken konnte und zweitens sie noch stärker als zuvor zum öffentlichen Diskussionsgegenstand auf städtischen Plätzen und Straßen wurde.

    Auch in einem weiteren Punkt erweist sich der Sammelband als für künftige Diskussionen und Arbeiten anschlussfähig. Besonders in Zeiten politischen und gesellschaftlichen Umbruchs gewannen religiöse Begründungen an Brisanz, wurden oftmals für eine Analyse überhaupt erstmals sichtbar. Ein Großteil der Fallbeispiele lässt sich hier einordnen, ohne dass dies allerdings methodisch übergreifend reflektiert worden wäre. Dabei würde dies dazu führen, den kommunikationsgebundenen und damit auch letzten Endes kontingenzabhängigen Aspekt der Stadt als religiös begründeter Gemeinschaft stärker zu beachten. Dies soll aber den Ertrag des Sammelbandes nicht schmälern. Seine Beiträge betrachten, jeder in seiner Art, den Zusammenhang zwischen städtischer Gemeinschaft und religiöser Zugehörigkeit sehr viel differenzierter, als es das hoffentlich bald durch genauere Termini zu ersetzende Diktum der Stadt als »Sakralgemeinschaft« je vermocht hätte.

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    PSJ Metadata
    Ruth Schilling
    A. Kästner, G. Schwerhoff, Göttlicher Zorn und menschliches Maß (Ruth Schilling)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001611
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4000320-6 4049396-9 4056723-0
    1492-1640
    Europa (4015701-5), Abweichendes Verhalten (4000320-6), Religion (4049396-9), Stadt (4056723-0)
    PDF document kaestner_schilling.doc.pdf — PDF document, 85 KB
    A. Kästner, G. Schwerhoff, Göttlicher Zorn und menschliches Maß (Ruth Schilling)
    In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/kaestner-schwerhoff_schilling
    Veröffentlicht am: 20.03.2014 14:50
    Zugriff vom: 22.01.2020 18:14