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    G. B. McCollim, Louis XIV’s Assault on Privilege (Albert Cremer)

    Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Gary B. McCollim, Louis XIV’s Assault on Privilege. Nicolas Desmaretz and the Tax on Wealth, Rochester, NY (University of Rochester Press) 2012, 317 p., 2 ill., 7 tab. (Changing Perspectives on Early Modern Europe), ISBN 978-1-58046-414-7, GBP 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Albert Cremer, Göttingen

    Als im Februar 1708 Nicolas Desmarets (nach anderer Schreibweise Desmaretz) Generalkontrolleur der Finanzen wurde, durchschritt Frankreich nicht zuletzt aufgrund der Kriege eine seiner schwersten Krisen. Im folgenden Jahr verschlimmerte sich die Lage dramatisch durch die Niederlage von Malplaquet und die Hungersnot des Winters 1709/1710. Der Staat war überschuldet, die Truppen im Feld ohne Sold, die Ressourcen, die traditionellen Wege der Finanzbeschaffung waren erschöpft: Unkonventionelle Maßnahmen schienen geboten, wie bereits mit der capitation praktiziert, oder im Fundus der Reformvorschläge und Theorien der Vauban, Boisguilbert und anderer vorgezeichnet. Am Ende des Reflexionsprozesses stand die Einführung des sogenannten »dixième« vom Oktober 1710, einer allgemeinen Steuer auf alle Vermögenseinkünfte. Diese Steuer nahm keine Rücksicht mehr auf die Standeszugehörigkeit der Steuerpflichtigen, sie egalisierte die aisés und stand somit in offenem Widerspruch zur Verfasstheit des aristokratischen Staates.

    McCollim führt zu Beginn sehr langsam und umständlich in die Materie ein: Ausführlich beschrieben werden das Finanzsystem unter Ludwig XIV., die Entstehung der »administrativen Monarchie« verkörpert durch den zentralistischen Conseil d’État, besonders den Conseil royal des finances, die alles dominierende Rolle des Generalkontrolleurs der Finanzen, die Intendanten der Finanzen und ihre Aufgaben. Das folgende Kapitel ist dann Desmarets gewidmet: seiner Biographie, seiner Mutter, die eine Schwester des großen Colbert war, und der durch diese vermittelten Gegnerschaft zum Clan Le Tellier, dem Colbert-Clan selbst, der wegen einer Korruptionsaffäre unterbrochenen Karriere, dem Vermögen. Desmarets hatte selbst keine größeren Traktate verfasst, wohl aber eine Reihe von Memoranda, von denen zwei bedeutend sind. Seine Vernetzung am Hof und in der Provinz machten ihn zu einer zentralen Persönlichkeit in der Regierung Frankreichs. Ein wichtiges Unterkapitel beschäftigt sich dann mit den kursierenden Reformideen und zwar nicht nur mit den bekannten großen Systemen der Vauban, Boisguilbert, Fénelon, sondern auch mit den Schriften einer Vielzahl von donneurs d’avis, sozusagen »privaten« Autoren, die ihre Reformvorstellungen am Hof und bei Regierungsinstanzen einbringen wollten . Diesen letzten Schritt der Vermittlung besorgten Höflinge, z .B. auch der Herzog von Noailles, gegen Entrichtung eines Honorars.

    Im Anschluss an diese umfangreiche Einführung (159 Seiten) geht es nach einer Darlegung der prekären Finanzsituation des Landes um die Etablierung des dixième . Dieser könnte, so die Begründung im Gesetz, nach der Entscheidung des Königs, den Krieg fortzusetzen, den Feind zum Einlenken bewegen. Ein Ausschuss ( comité ) erarbeitete ein Edikt, das weder die taille noch die capitation ersetzen sollte, sondern den dixième als zusätzliche Steuer plante. Den einzelnen Phasen der Realisierung des Gesetzes in Form einer déclaration wird sorgfältig nachgegangen, einschließlich des legislativen und administrativen Umfelds. Auch die Probleme, die sich bei der Umsetzung der déclaration ergaben, werden erörtert (z. B. in Bezug auf Mitglieder des Ordens vom Hl. Geist, auf Ausländer, auf die provinces étrangères bzw. die pays conquis , den Klerus, das Elsass und Straßburg oder auf die Sorbonne). Hinzu kamen die technischen Schwierigkeiten der Erhebung, das Widerstreben der Betroffenen. Am Ende ergaben sich statt der prognostizierten 60 Mio. livres lediglich 29 Mio. livres , in den Folgejahren 22,5 Mio. livres . Aus Furcht vor Aufständen beließ es die Regierung dabei. Mit dem Tod Ludwigs XIV. endete die Amtszeit Desmarets; die Régence, vom hohen höfischen und kreditabhängigem Adel dominiert, strebte die Wiederherstellung feudaler Strukturen an. Der dixième war, so folgert McCollim, eine Bedrohung der Grundlagen der aristokratischen Gesellschaft. Das Buch schließt mit etwa 100 Seiten an Anhängen, Appendices etc.

    Besonders hervorzuheben ist in dieser Studie die detaillierte Wiedergabe des Regierungshandelns in den Jahren 1708–1710, soweit es die Finanzen betraf und Quellen zur Verfügung stehen. Von der Sitzung des Conseil royal des finances, in der der Gesetzestext abgesegnet wurde, wissen wir lediglich durch die Häme des dreißig Jahre später schreibenden Herzogs von Saint-Simon, dass die Mitglieder den Text nicht einmal hätten lesen können. McCollim hat sich der Mühe eines intensiven Archivstudiums unterzogen. Insbesondere die Serie G 7 (Contrôle général des finances) der Archives nationales aber auch andere Archivbestände haben das Material zu seinem Buch geliefert. Diese wertvollen Passagen werden durch einige irrige Charakterisierungen von Institutionen beeinträchtigt: so die des Conseil d’en-haut als informeller Abteilung des Conseil, der bailliage als unterster Stufe der königlichen Jurisdiktion, oder – im Kontext von größerer Bedeutung – der déclaration , im Gegensatz zu einem Edikt, als eines »temporary law« (S. 173, 185) oder »a temporary change in the law« (S. 169). Woher der Autor das bezieht, ist unklar; die Juristen des 18. Jhs., z. B. Ferrière, wissen nichts von einer zeitlichen Befristung der déclarations . Auf den ersten Blick handelt es sich bei der déclaration zur Erhebung des dixième in der Tat um ein befristetes Gesetz, bei näherem Hinsehen kommen Zweifel auf. In der Präambel wird zwar stipuliert, dass die Erhebung der Steuer drei Monate nach Veröffentlichung des Friedens eingestellt werden würde, aber schon Artikel IX. spricht ohne Einschränkung von den »années suivantes«. Drei Monate nach Friedensschluss wurde der dixième keineswegs abgeschafft und auch die Regentschaft ließ ihn, trotz heftiger Kritik an der Steuer, erst einmal weiterleben. Im Rechenschaftsbericht Desmarets‘ von 1716 über seine Amtszeit findet sich bezüglich des Zustands der Finanzen 1708 ein Satz, der aufhorchen lässt: »On ne pouvoit sans imprudence faire publiquement cette reconnoissance; il falloit au contraire cacher le mal, pour ne pas manquer totalement. 1 « Es sollten offenbar Optionen offengehalten werden. Der dixième wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts immer wieder – auch unter dem Namen »vingtième« – reaktiviert. Erinnert man sich, dass Ludwig XIV. schon 1661, als er selbst die Regierung übernahm, als eine der ersten Amtshandlungen den alten Feudaladel fast vollständig aus dem Conseil d’État eliminierte und durch fach- und sachkundige robins aus Familien, die bereits seit dem 16. Jahrhundert die cours souveraines dominierten, ergänzt durch den négoce (Colbert-Clan), ersetzte, erscheint ein möglicherweise intendierter Übergang von den traditionell statusbezogenen Steuern zur Besteuerung der Vermögen ohne Rücksichtname auf die soziale Position der Betroffenen in der ständischen Hierarchie tatsächlich als ein »assault on privilege« – ein durch künftige Forschung zu vertiefender Aspekt.

    1 Arthur Michel de Boislisle, Correspondance des contrôleurs généraux, Bd.3, Paris 1897, S. 672.

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    PSJ Metadata
    Albert Cremer
    G. B. McCollim, Louis XIV’s Assault on Privilege (Albert Cremer)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001561
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein, Verwaltungsgeschichte
    17. Jh.
    4018145-5 118816829 4057399-0 4057447-7
    1600-1700
    Frankreich (4018145-5), Ludwig XIV., Frankreich, König (118816829), Steuer (4057399-0), Steuerpolitik (4057447-7)
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    G. B. McCollim, Louis XIV’s Assault on Privilege (Albert Cremer)
    In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/mccollim_cremer
    Veröffentlicht am: 20.03.2014 14:55
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:09