Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

M. F. Muller, Nicolas Louis de Zinzendorf (Ruth Albrecht)

Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Marc Frédéric Muller, Nicolas Louis de Zinzendorf. Un éclaireur au temps des Lumières (1700 1760). Préface Christian Bonnet, Lyon (Les éditions Olivetan) 2012, 132 p. (Figures protestantes), ISBN 978-2-35479-160-5, EUR 14,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ruth Albrecht, Hamburg

Ein lutherischer Pastor erläutert einem französischsprachigen Lesepublikum die Gestalt des Grafen Zinzendorf – schon allein das kann als ein Akt ökumenischen Denkens und ökumenischer Praxis gewürdigt werden. Die bisher in der Reihe »Figures protestantes« erschienenen Bände markieren einen anspruchsvollen Horizont. Dass eine Studie über den Grafen – Prediger, Bischof, Liederdichter, Schriftsteller und Kirchengründer – hier aufgenommen wurde, dokumentiert den weiten und reflektierten Begriff des Protestantismus. Eine Gestalt der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts heutigen Leserinnen und Lesern nahezubringen, stellt ein nicht einfaches Unterfangen dar. Muller wählt als Brücke die Aufklärung aus, um Person und Werk eines Mannes zu erschließen, der seiner Zeit voraus war, wie er unterstreicht. Unter drei wesentlichen Perspektiven nähert sich Muller dem Grafen und seiner Zeit. Dieser Zugang wählt biografische und chronologische Aspekte aus, um diese dann in einem zeitgeschichtlichen und systematischen Rahmen zu deuten.

In Kap. I. (»Les héritages«, S. 21–54) geht es um den familiären, gesellschaftlichen, historischen und kirchlich-theologischen Hintergrund. Die Abstammung aus einer reichsgräflichen Familie eröffnete dem jungen Zinzendorf Bildungsprivilegien, schränkte seine beruflichen Wünsche jedoch auch ein. So musste er Jura studieren, obwohl er sich mehr zur Theologie hingezogen fühlte. Der Pietismus in unterschiedlichen Facetten, die Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchen, prägte den jungen Grafen. Nach einer standesgemäßen Bildungsreise durch mehrere europäische Länder von 1719 bis 1721 übernahm Zinzendorf am kursächsischen Hof in Dresden eine administrative Aufgabe. Mit seiner standesgemäßen Ehefrau ließ er sich auf familiären Besitzungen in der Lausitz nieder. Um das Leben des Grafen zu kontextualisieren, verweist der Verfasser auf die kulturelle Bedeutung der Residenzstadt Dresden, die komplizierten Gegebenheiten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation sowie die spezielle geografische und politische Lage der Lausitz, zu der Herrnhut, der Besitz des Grafen, gehört. Das geistesgeschichtliche Panorama skizziert Muller durch unterschiedliche Vertreter der orthodoxen Lutheraner, der liberalen Theologen bzw. Neologen, der Pietisten sowie der Mystiker und Separatisten. Zinzendorf nahm aus diesen Strömungen Elemente auf, beschritt jedoch einen ganz eigenen Weg.

Kap. II. (»Un projet communautaire«, S. 55–94) beleuchtet die Entstehung der neuen Gemeindeform in Herrnhut, die sich in den 1720er Jahren vollzog. Hierbei spielten vor allem die auf gemeinschaftlichen Austausch unter christlichen Prämissen gerichtete Suche des Grafen eine Rolle sowie die Emigration von Mähren und Böhmen, die durch die Rekatholisierungstendenzen der Donaumonarchie ihren Glauben bedroht sahen. Diese Mitglieder der Böhmisch-Mährischen Brüder-Unität, die auf die hussitische Reformbewegung zurückgeht, trugen ihr Erbe in die neu entstehende Gemeinde in Herrnhut ein. Der charismatischen Persönlichkeit Zinzendorfs gelang es, die Schwierigkeiten und Konflikte so zu lösen, dass von Herrnhut aus eine weltweit wirkende christliche Gemeinschaft entstand, die heute in mehreren Weltteilen aktiv ist. Die Herrnhuter Brüdergemeine, die sich als erneuerte Brüder-Unität auf lutherischem Boden versteht, verband Freiheit in konfessioneller Hinsicht mit einem klar strukturierten Gemeinschaftsleben. Das in Herrnhut entwickelte Modell strahlte auf die weiteren Gemeinschaftsgründungen und auch die Missionsgebiete aus: Die Mitglieder organisierten sich in kleinen verbindlichen Gruppen, sogenannten Banden oder Chören. Die Frömmigkeitspraxis war geprägt von gemeinschaftlichen Gebetsformen und einer Fülle von Liedern, von denen viele von Zinzendorf stammen. Eigenwillige Entwicklungen wie die starke Verehrung der Wunden Christi bis hin zu einer erotisch-mystischen Versenkung traten phasenweise in den Vordergrund und riefen vor allem die Gegner auf den Plan. Trotz aller Krisen und Anfeindungen fanden die Herrnhuter Unterstützung z. B. bei der württembergischen Landeskirche, die den Grafen 1734 nach einem theologischen Examen zum evangelischen Prediger ordinierte. 1737 erhielt er die Ordination zum Bischof der Böhmischen Brüder. Zinzendorfs Ausweisung aus Sachsen führte zu verstärkten Aktivitäten vor allem in Amerika, wohin der Graf selber reiste. Diese Erfahrungen bestärkten seine theologische Idee einer Annäherung der Konfessionen und Völker.

Das dritte Kapitel (»Œcuménisme et rayonnement missionnaire«, S. 95–121) reflektiert Zinzendorfs Modelle für die Begegnung der christlichen Konfessionen untereinander sowie für das Verhalten der christlichen Kirchen gegenüber Juden und den im 18. Jahrhundert als Heiden bezeichneten Nicht-Christen. Dem Grafen schwebte eine universelle Kirche von Brüdern vor, in der die Konfessionen ihr Profil bewahren, die Trennungen aber überwunden werden. Auch gegenüber den Nicht-Christen, denen er Christus als den Retter der ganzen Welt nahebringen wollte, wahrte er seine Haltung der Achtung vor der Andersartigkeit der anderen. Noch zu Lebzeiten Zinzendorfs breiteten sich herrnhutische Gemeinden über Europa und Amerika aus. Der Herrnhuter Brüdergemeine gelang es ihren unverwechselbaren Platz als lutherische Kirche mit reformierten, böhmisch-mährischen und lutherischen Traditionssträngen zu finden.

In seinem Resümee spricht Muller davon, dass Zinzendorf die Widersprüche seines Lebensweges mit einem prophetischen Geist getragen habe, nur seinem Glauben und der Liebe zu Christus hingegeben. Die Modernität seines Denkansatzes betrifft u. a. die Gewissensfreiheit, die Wahrnehmung von Kindern, die Aufwertung der Frauen und die Gleichheit der Völker. Zinzendorfs radikales Verständnis der Menschwerdung Christi sieht der Verfasser als nach wie vor aktuelle Herausforderung für die reformatorischen Kirchen. Diese Art der Berufung auf Jesus hat Konsequenzen z. B. für den interreligiösen Dialog und alle missionarischen Ansätze: Niemand darf im Namen Gottes erniedrigt werden; die Einzigartigkeit der anderen kann als Geschenk mit Dankbarkeit gewürdigt werden.

Die Veröffentlichung von Muller fußt auf der neueren internationalen Zinzendorf-Forschung und vermittelt diese an eine größere Öffentlichkeit, die über keine spezifischen Vorkenntnisse verfügt. Gelegentlich scheint der Bogen etwas zu groß und unscharf zu geraten, wenn der Verfasser das politische, intellektuelle und theologische Umfeld Zinzendorfs in möglichst vielen Facetten zu skizzieren versucht. Gelegentlich weist Muller auf die Überschneidungen von aufklärerischen Ansätzen mit den Ideen des Grafen hin – die durch den Titel so hervorgehobene Einbettung Zinzendorfs in das Aufklärungs-Paradigma hätte noch etwas deutlicher profiliert werden können. Die Bibliografie, eine Zeittafel, eine Karte Europas um 1715 sowie das Vorwort von Christian Bonnet runden diesen Band ab. Einer der wenigen Fehler, der bei einer weiteren Auflage korrigiert werden sollte, ist die Schreibweise von Jean Salomon Semler (statt Selmer, S. 41).

Der kleine Ort Herrnhut, südöstlich von Dresden gelegen, lohnt allemal einen Besuch – vielleicht können die Ausführungen von Marc Frédéric Muller auch dazu anregen, Europa in seiner kirchen-historischen und gegenwärtigen Vielfalt zu entdecken.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Ruth Albrecht
M. F. Muller, Nicolas Louis de Zinzendorf (Ruth Albrecht)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001903
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Kirchen- und Religionsgeschichte
18. Jh.
4011882-4 11863707X 4006804-3
1700-1760
Deutschland (4011882-4), Zinzendorf, Nikolaus Ludwig von (11863707X), Biografie (4006804-3)
PDF document muller_albrecht.doc.pdf — PDF document, 89 KB
M. F. Muller, Nicolas Louis de Zinzendorf (Ruth Albrecht)
In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/muller_albrecht
Veröffentlicht am: 20.03.2014 15:45
Zugriff vom: 23.02.2020 06:29