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J. Varet, Calvin (Eberhard Busch)

Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Jacques Varet (dir.), Calvin. Naissance d’une pensée, Tours (Presses universitaires François-Rabelais) 2012, 256 p., ISBN 978-2-86906-247-0, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Eberhard Busch, Göttingen

Erstaunlich ist schon der Herausgeber dieses Buchs: Jacques Varet, seines Zeichens Forscher in Geologie und Bergbau. Er hat in einer »Collection Renaissance« umsichtig eine Sammlung von französischen Vorträgen herausgegeben, die dem Reformator Johannes Calvin gelten. Sie wurden aus Anlass des Gedenkens an dessen 500. Geburtstag auf einem internationalen Kolloquium von exquisiten Forschern im November 2009 in Orléans und Bourges gehalten. Anhand von beigefügten Zusammenfassungen kann man sich leicht über die verschiedenen Darbietungen informieren. Das Bild auf dem Einband zeigt Calvin in anderer Gestalt als er sonst zumeist zu sehen ist: noch nicht getrübt durch seine Anstrengungen und Schmerzen, sondern in gesundem Elan, die offene Bibel auf dem Schoß des in einem Lehrstuhl Sitzenden, darüber eine Hand mit einem einladenden, nach oben weisenden, Achtung gebietenden Finger.

Was den Band von 256 Seiten (im Großformat) vor sonst vergleichbaren Calvin-Aufsatzbänden auszeichnet, ist ein Zweifaches. Zum einen sind die darin gesammelten Vorträge mit Bedacht in Orléans und Bourges gehalten worden. Denn eben dort hat Calvin von seinem 19. Lebensjahr an für einige Zeit gelebt, und zwar für das Studium der Rechte, bevor er 1533 in Genf festgehalten wurde und nun als Theologe das Werk der kirchlichen Reformation aufgriff. Der Kongress fand an jenen anderen Orten statt, um namentlich an die Frühzeit des Reformators zu erinnern. So relativ wenig man von ihr weiß, der erste der vier Teile des Buchs bringt doch wegweisendes Licht in diese Zeit. Sie war kein Umweg für Calvin. Der dritte Teil handelt interessant über Calvins Verhältnis zur französischen Sprache, wie er durch sie geformt wurde und wie er sie seinerseits formte – ein Thema, das sonst kaum je behandelt wurde. Die Mitherausgeberin des Bandes Luce Madeline, Präsidentin der Vereinigung Mémoire protestante en Orléanais, weist übrigens darauf hin, dass im Jubiläumsjahr ein Parcours der Stadt den schönen Namen bekam »Sur les pas de Calvin«.

Zum anderen sticht in dem Band hervor, dass in ihm – das Vorwort spricht es offen aus – keine theologischen Aufsätze zu finden sind, wie von Calvins wichtiger Lehre von der Kirche, von der Heiligung oder von der Prädestination, auch nicht zu seinen vielen großartigen Bibelauslegungen. Hängt das damit zusammen, dass von den zehn Mitgliedern des Organisationskomitees neun nicht Theologen waren, wie ja auch der Leiter der Veranstaltung und Herausgeber des Buchs in einem anderen Beruf tätig ist? Vielmehr drückt sich darin die Absicht der Veranstaltung aus. Es soll hier Calvin ausdrücklich nicht als Theologe, als Prediger und Schriftausleger gewürdigt werden. Er soll statt dessen unter »historischen, literarischen, ökonomischen, politischen und sozialen Aspekten« besprochen werden. Calvin lässt sich gewiss auch unter solchen Gesichtspunkten behandeln, und das zeigt etwas von der Weite seines Denkens und Handelns. Das Buch macht verdienstvoll darauf aufmerksam. Das geschieht insbesondere in dessen zweitem und viertem Teil. Im letzteren werden die unterschiedlichen Analysen des so genannten Calvinismus besonders von Max Weber eingehend diskutiert.

Natürlich stellt sich da die Frage, ob die Autoren etwa den Theologen nicht ernst nehmen, der der Reformator doch in den wichtigsten Jahren seiner Lebenszeit war. Oder wollen sie dies von außertheologischen Quellen ableiten? Wegen seiner markanten theologischen Darbietungen haben ja dann Studenten aus weiten Teilen Europas ihn damals aufgesucht. Darin steckt eine Frage, die nicht leichtfertig vom Tisch gewischt werden sollte. Die Frage stellt sich angesichts des breiten Raums, den die Beschäftigung mit der These von Max Weber in diesem Band einnimmt, dem zufolge der »Calvinismus« durch seine innerweltliche Askese Vater des modernen Kapitalismus sei. Einmal abgesehen davon, dass nach Weber der von ihm anvisierte »Calvinismus [...] mit der Stellungnahme Calvins selbst nicht identisch« sei, es hätte dessen These doch mit der Gegenthese des – zwar erwähnten – Zeitgenossen von Weber, Ernst Troeltsch, diskutiert werden müssen. Demnach legte der Calvinismus »den sozial Bevorzugten so starke Verpflichtungen für das Ganze auf«, damit »eine Solidarität, ein Gemeinsinn und eine gegenseitige Verantwortlichkeit [...] für einander« entstehe, ein »christlicher Sozialismus«. Darauf weisen in der Tat Calvins ausgedehnte Auslegungen etwa des Deuteronomiums hin, die freilich bei jenen Verhandlungen nicht zu Rate gezogen wurden.

Indes kann man das Buch auch anders lesen, nämlich so, dass die renommierten Experten, deren Beiträge in dem Buch gesammelt sind, dazu verhelfen, den Theologen Johannes Calvin noch einmal mit neuen Augen zu sehen und zu verstehen. Indem sie den Reformator, den Prediger und Exegeten wohl von außen her beleuchten, von seinen Anfängen und von seinen Wirkungen her, tragen sie dazu bei, gerade auch das Innere, den Herzschlag seiner Botschaft und seiner Tätigkeit recht zu würdigen. Genauer noch: Faktisch ließen sie sich doch selbst beteiligt in theologische Themen mit hineinnehmen, die den Reformator Calvin beschäftigten: etwa das der Infragestellung des freien Willens in der Auseinandersetzung mit den Libertinern (S. 59–64); oder das Thema des Verhältnisses von »wahrer Kirche« und »bürgerlicher Regierung« (S. 67–73); oder die Frage des zweiten der Zehn Gebote, des Bilderverbots, unter dem Aspekt, ob sich dieses auch im natürlichen Gesetz nachweisen lasse (S. 77–87); oder das Problem der »subversion douce«, wie es hübsch heißt, nämlich hinsichtlich der kanonischen Autorität der alten, der römischen Kirche (S. 91–104). Diese Beiträge zeigen, wie eben auch Nicht-Fachtheologen von Calvin eigentlich nicht reden können, ohne sich an seinem theologischen Denken zu beteiligen.

Kurz, die Texte von den Verhandlungen in Orléans und Bourges legen dar, dass sie auch andernorts als Anstoß zum ernsthaften Nachdenken über das Erbe des Genfer Reformators nützlich sind.

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PSJ Metadata
Eberhard Busch
J. Varet, Calvin (Eberhard Busch)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000002100
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco, Schweiz
Kirchen- und Religionsgeschichte
16. Jh.
4015701-5 118518534 4020517-4
1509-1564
Europa (4015701-5), Calvin, Jean (118518534), Geschichte (4020517-4)
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J. Varet, Calvin (Eberhard Busch)
In: Francia-Recensio 2014/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/FN/varet_busch
Veröffentlicht am: 20.03.2014 15:25
Zugriff vom: 16.07.2020 05:28