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    B. Cabanes, A. Duménil, Der Erste Weltkrieg (Clemens Klünemann)

    Francia-Recensio 2014/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Bruno Cabanes, Anne Duménil (Hg.), Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Katastrophe. Aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer. Mit einem Vorwort von Gerd Krumeich, Stuttgart (Theiss) 2013, 480 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-8062-2764-2, EUR 49,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Clemens Klünemann, Bretzfeld

    »Die Ursprünge des NS – und des Sowjet-Regimes und ihres Zusammentreffens in den Bloodlands liegen im Ersten Weltkrieg«, schreibt Timothy Snyder in seinem vielbeachteten Buch »Bloodlands« über das Morden in Osteuropa während der Jahre 1933 bis 1945. Und in der Tat setzt sich seit geraumen Jahren auch in Deutschland das von George F. Kennan geprägte Wort vom ersten Weltkrieg als der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts durch, was umso bemerkenswerter ist, als in Deutschland – aus naheliegenden Gründen – der Zweite Weltkrieg als die eigentliche Katastrophe erinnert wurde. In anderen Ländern, nicht zuletzt in Frankreich, ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg dagegen viel deutlicher präsent. Liegt dies daran, dass mit der Erinnerung an die »Grande Guerre« von 1914 bis 1918 die »Union sacrée«, die nationale Einheit, nostalgisch beschworen werden kann, an der es dann in den von Résistance und Collaboration geprägten frühen 1940er Jahren so schmerzlich fehlte? Oder hat es damit zu tun, dass in der französischen Erinnerung der 11. November 1918 und der Vertrag von Versailles vom Juni 1919 viel eindeutiger als Tag des französischen Sieges über den deutschen Kriegsgegner zu feiern ist als der 8. Mai 1945, an dem Frankreich in der Koalition der Alliierten unzweifelhaft den schwächsten Part spielte?

    Es ist das Verdienst des im vergangenen September auf Deutsch erschienenen und von Bruno Cabanes und Anne Duménil herausgegebenen Buches eine dezidiert französische Perspektive auf diesen Krieg zu öffnen und gleichzeitig die Erinnerung an ihn von den eben genannten nostalgischen Untertönen freizuhalten. Gerd Krumeich macht in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe – die französische Originalausgabe erschien 2007 im gleichnamigen Verlag unter dem Titel »Larousse de la Grande Guerre« – darauf aufmerksam, dass diese Art der kulturhistorischen Betrachtung des Krieges von 1914 während der vergangenen Jahre im Centre de recherche des Historial von Péronne entwickelt wurde und dass viele der am Buch Mitwirkenden aus dieser Schule hervorgehen. Zu einer solchen dezidiert »französischen« Sicht auf den Ersten Weltkrieg gehören Themen, die in der deutschen Historiografie lange Zeit kaum in den Blick genommen wurden, wie beispielsweise das Manifest der 93 deutschen Intellektuellen für den Krieg vom 4. Oktober 1914, oder gar nicht beachtet wurden, wie die Falschmeldungen des am 10. September 1915 als Reaktion auf die französische Pressezensur gegründeten »Canard enchaîné« (»Erst als vorgebliche Falschmeldungen kann der Canard enchaîné frechweg vor den Augen der Obrigkeit die Wahrheit aussprechen« S. 141), dessen satirische Tradition bis heute fortdauert.

    Das Buch orientiert sich zwar an markanten Daten, die jedoch nicht zwingend jene der großen Schlachten oder der für entscheidend gehaltenen Ereignisse sind; vielmehr ist es eine Art Kalender des Krieges und entwirft am Beispiel einzelner Tage das Kaleidoskop einer Epoche, die nicht nur die »Welt von gestern« (Stefan Zweig) beendete, sondern das ganze gerade begonnene Jahrhundert in nuce in sich trug: Dies gilt für den Artikel zum 24. April 1916 (»Der Osteraufstand in Dublin«) oder für jenen zum 15./16. Mai 1916 (»Die Aufteilung des Nahen Ostens«) nicht weniger als für den Text zum 27. Februar 1917 (»Totengeläut für das Zarentum«) und denjenigen zum 21. März 1918, in dem es um die sogenannte Michael-Offensive geht (»das letzte Aufgebot der Deutschen«), die wie eine Matrix der fürchterlichen und unsinnigen Kämpfe des Frühjahres 1945 erscheint – vor allem in den gegen jede Reflexion nachgebeteten Durchhalteparolen und Propagandalügen.

    Aber der Band vermeidet sorgsam jeden historischen Determinismus, ja er thematisiert durchaus das Freiheitsmoment der damaligen Akteure und deren Irrtum, wenn beispielsweise – für eine französische Perspektive des Ersten Weltkriegs durchaus bemerkenswert – der Artikel zum Versailler Vertrag mit den Worten »Triumph und Bitterkeit« überschrieben ist, wobei sich Letztere darauf bezieht, dass das von Präsident Wilson propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker den sogenannten Mittelmächten vorenthalten und somit der Friede von Versailles »lediglich ein fadenscheiniger Deckmantel für enttäuschte Ambitionen« (Charles de Gaulle) wurde. Cabanes weist darauf hin, dass der junge de Gaulle diese Einsicht bereits im Oktober 1918 formulierte und nicht erst in der BBC-Ansprache vom September 1941, in der er das berühmte Wort von der »nouvelle guerre de Trente Ans« prägte.

    Obwohl reich bebildert zeigt das Buch relativ wenige Photographien der Kampfhandlungen und der Schützengräben – also der Grausamkeit dieses Krieges. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, entspricht jedoch einer offensichtlichen Intention, nämlich zu zeigen, was dieser Krieg mit dem bürgerlichen Leben der Menschen – der »Zivilisten« eben – gemacht hat. Immerhin waren es ja Millionen von Zivilisten, die aus ihrem bürgerlichen Leben, oft ja direkt von der Schulbank, in diese Kämpfe geschickt wurden; diejenigen, welche das Gemetzel überlebten, waren oftmals zeit ihres zivilen Lebens nach Kriegsende traumatisiert. Die Illustrationen des Buches zeigen den Schatten des Krieges auf dem Alltagsleben in den vom Krieg verschonten Städten des Hinterlandes, sie zeigen die schrille Aufdringlichkeit der Propaganda und sie veranschaulichen (vgl. den Text zum 14. Juli 1916: »Dada ist der Clou«) den Spiegel der kriegerischen Absurdität in der Kunst. Geradezu komplementär zu Cabanes’ und Duménils nach Ereignissen strukturierter Weltkriegsdarstellung ist das ebenfalls im September 2013 erschienene Buch »Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern« 1 zu lesen, wo die gnadenlosen Darstellungen vom Sterben und Töten an der Front im Verein mit dem Sarkasmus der Texte von Karl Kraus eine Art Anti-Kriegs-Manifest mit der Wucht von Remarques »Im Westen nichts Neues« entstehen lassen.

    Cabanes und Duménil zeigen auf andere Weise, wie sich der Krieg in den Köpfen der Menschen festsetzt und in ihrer Sprache einnistet, und sie zeigen, wie dies gerade durch Trivialisierung geschieht: Der dem »Jargon der Schützengräben« gewidmete Text zum Februar 1918 bezieht sich auf die Untersuchung der Soldatensprache durch den französischen Sprachwissenschaftler Albert Dauzat, der in seinem Buch »L’argot de la guerre« eine Art Herbarium der durch den Krieg entstandenen neuen Wörter und Wendungen anlegte. Ähnlich wie sein deutscher Kollege Theodor Imme in seinem ein Jahr zuvor erschienenen Buch »Die deutsche Soldatensprache (1917)« dokumentierte Dauzat die Mobilmachung durch die Sprache, aber auch die Mobilmachung der Sprache, die oftmals – die Zensur saß den Soldaten ständig und auf allen Seiten im Nacken – bis in die Feldpostbriefe drang (vgl. den Text zum September 1918: »Hunderttausende Feldpostbriefe am Tag«). Gleichzeitig sind es jedoch die Feldpostbriefe, an denen Cabanes überzeugend zeigt, dass weder die lärmende Grausamkeit der Front noch die betäubende Propaganda die menschliche Tragödie jedes Einzelnen der Millionen Gefallenen übertönen kann: »Ich nehme Abschied von Euch, Ihr geliebten Eltern und Bruder« schreibt der Student Otto Heinebach am Freitagabend, 18. Februar 1916, bei Verdun in der Vorahnung seines Todes – Worte, deren Kontrast zu den martialischen Gesten der Befehlshaber auf den Illustrationen keines Kommentars bedürfen.

    Cabanes und Duménil nennen den Ersten Weltkrieg zurecht »eine europäische Katastrophe«, aber sie zeigen ihn überwiegend als deutsch-französischen Krieg: Zwar wird der deutschen Ostfront und dem Mythos von Hindenburg als dem »Retter Ostpreußens« ein eigenes Kalenderblatt gewidmet (26.–30. August 1914: »Tannenberg«) und der Genozid im Osmanischen Reich wird eigens thematisiert (27. Mai 1915: »Der Völkermord an den Armeniern«), aber der Fokus liegt auf dem deutsch–französischen Stellungskrieg an der Westfront: 9. September 1914: »Das Wunder an der Marne«, 16. März 1917: »Verbrannte Erde in Nordfrankreich« und Mitte November 1918: »Belgien macht Jagd auf Kollaborateure«. In einem Interview zu seinem Buch »Die Schlafwandler« betonte Christopher Clark unlängst 2 , dass »Phasen russischer Schwäche [...] immer Zeiten raschen Wandels in Europa« seien und unterstrich damit die Bedeutung des sich seit 1890 zunehmend verschlechternden deutsch-russischen Verhältnisses für den Ausbruch des Krieges – ein Aspekt, der bei Cabanes und Duménil letztlich zu kurz kommt.

    Eine Art Resümee dieser französischen Perspektive ist der letzte der insgesamt 68 Texte – »1927-1928: Den Großen Krieg hinter sich lassen« –, in dem Cabanes die Erinnerungsformen an den Ersten Weltkrieg mit Blick auf französische Veteranenverbände und die in den 1920er Jahren in Frankreich errichteten Gedenkstätten thematisiert. Hier wäre Gelegenheit gewesen, als Historiker eine kritische Distanz zu den oftmals martialischen Kriegerdenkmälern einzunehmen, in denen das Trugbild des Heroismus zu Stein geworden ist und die versteinerte Siegerpose der frühen 1920er Jahre ungebrochen ins 21. Jahrhundert ragt. So interessant und vielseitig die einzelnen Texte dieses Buches sind, so fehlt ihnen am Schluss eine kritische Analyse der Selbstwahrnehmung Frankreichs während dieses Krieges. Anlässlich der Pläne zur Errichtung eines »deutsch-französischen Geschichtslehrpfads« am Hartmannsweilerkopf, einer Bergkuppe der Vogesen, an der sich 30 000 französische und deutsche Soldaten in einem unsinnigen Stellungskrieg gegenseitig massakrierten, stellte Gerd Krumeich kürzlich desillusioniert fest: »Wir haben in Deutschland und Frankreich die besten Absichten, aber noch nicht die Kraft zu einem gemeinsamen Diskurs.« 3 Es wäre zu wünschen gewesen, dass die deutsche Ausgabe von »Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Katastrophe« durch die Reflexion französischer und deutscher Selbst- und Fremdwahrnehmung im August 1914 bereichert worden wäre, um den gemeinsamen Blick auf die nationalen Stereotypen als eine der Ursachen dieser europäischen Katastrophe zu lenken.

    1 Anton Holzer (Hg.), Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern – mit Texten von Karl Kraus, Darmstadt 2013.

    2 FAZ vom 24. September 2013.

    3 FAZ vom 6. Dezember 2013.

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    PSJ Metadata
    Clemens Klünemann
    B. Cabanes, A. Duménil, Der Erste Weltkrieg (Clemens Klünemann)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000001152
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Weltgeschichte
    Militär- und Kriegsgeschichte
    1900 - 1919
    4020517-4 4079163-4
    1914-1918
    Geschichte (4020517-4), Weltkrieg 1914-1918 (4079163-4)
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    B. Cabanes, A. Duménil, Der Erste Weltkrieg (Clemens Klünemann)
    In: Francia-Recensio 2014/1 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-1/ZG/cabanes-dumenil_kluenemann
    Veröffentlicht am: 21.03.2014 10:30
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:29