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C. de Gemeaux, De Kant à Adam Müller (G. Kronenbitter)

Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Christine de Gemeaux, De Kant à Adam Müller (1790–1815). Éloquence, espace public et médiation. Préface de Jean-Marie Valentin, Paris (PUPS) 2012, 292 p. (Monde germanique, histoires et cultures), ISBN 978-2-84050-831-1, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Günther Kronenbitter, Augsburg


Für Carl Schmitt war Adam Heinrich Müller geradezu der Inbegriff alles dessen, was dem Juristen und Staatswissenschaftler an den politischen Intellektuellen der Romantik missfiel: Rhetorische Brillanz und Unfähigkeit, einen klaren Standpunkt einzunehmen, kennzeichneten Müllers Standort in Schmitts Betrachtungen über die politische Romantik. Die lebhafte Abneigung Schmitts kann wohl nicht losgelöst von seiner Selbststilisierung zum unerbittlich klar analysierenden Denker des Politischen verstanden werden, offen formulierte Skepsis gegenüber der Rhetorik hat aber in der deutschen Geisteswissenschaft Tradition. Distanzierte Kommentare zur Verwendung persuasiver Strategien in philosophischen Texten finden sich beispielsweise beim zweifellos wirkungsmächtigsten deutschen Denker der Aufklärung Immanuel Kant. Ein Gemälde aus der Zeit um 1900, das Kant im Kreis seiner Königsberger Tischgenossen zeigt, schmückt den Einband der Studie von Christine de Gemeaux über Beredsamkeit, öffentlichen Raum und »Vermittlung«, den Leitbegriff in Adam Müllers Werk.

Das Umschlagbild ist gut gewählt, denn es geht Christine de Gemeaux in ihrer Untersuchung nicht zuletzt darum, die Ablehnung rhetorischer Kniffe in Relation zu Kants Praxis und Reflexion gelehrter Geselligkeit zu setzen, die zur Konstitution von Öffentlichkeit unerlässlich schien. Dadurch gewinnt de Gemaux eine Perspektive auf die Entwicklung politischer Beredsamkeit in der deutschen Romantik, die es erlaubt, den Wandel in den Argumentationsweisen von Kant zu den hier von Müller vertretenen Romantikern nicht als absoluten Bruch in den Blick zu nehmen, sondern als komplexen Prozess der Distanzierung und Aneignung – in den Begriffen der Dialektik Müllers also als Vermittlung.

In der Re-Konstruktion und Interpretation des intellektualgeschichtlichen Wandels, der Müllers Ansatz der Vermittlung der Gegensätze denk- und formulierbar macht, greift die Autorin daher zunächst auf Kant zurück, wendet sich dann aber in einem zweiten Schritt popularphilosphischen Ansätzen der Berliner Spätaufklärung zu, insbesondere der Rezeption des Schotten George Campbell bei Daniel Jenisch. Hier arbeitet Christine de Gemeaux heraus, welchen Platz der vielfältig interessierte, aber letztlich in keinem Feld durchschlagend erfolgreiche Jenisch der Diskussionskultur zusprach. Im Zentrum der zweiten Hälfte des Buches steht dann Adam Müller selbst. Unter der Leitfrage nach dem Zusammenhang von Rhetorik, öffentlichem Raum und Vermittlung werden die wesentlichen Stationen und Themen in Müllers Werk und Wirken betrachtet. Seine frühen Schriften kommen dabei ebenso zur Sprache wie seine Rolle im Kontext der politischen Romantik und insbesondere sein Verhältnis zum Katholizismus.

Christine de Gemeaux hat sich mit verschiedenen Aspekten von Müllers Schriften und Leben bereits in früheren Publikationen beschäftigt und kann daher pointiert in die vielen Facetten Müllers einführen. Selbst in Deutschland ist Adam Müller eine wenig bekannte Nebenfigur der Geschichte politischen Denkens, die nach den Arbeiten und Editionen Jakob Baxas nur mehr selten größere Aufmerksamkeit erfahren hat. Der Rezeption Müllers in Frankreich dürften aber schon sprachliche Hürden Grenzen setzen, und so ist es ein Verdienst der Darstellung von Christine de Gemeaux, durch die Übersetzung von Schlüsselpassagen aus Müllers Schriften, den Verfasser der »Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland« zu Wort kommen zu lassen.

Die Untersuchung bezieht den historischen Kontext ein, ist aber grundsätzlich darauf ausgerichtet, intertextuelle Bezüge offenzulegen. Die Autorin gelangt dabei zu Beobachtungen der Entwicklungslinien politischer Reflexion, die zur Diskussion anregen, auch wenn manche Teilinterpretation selbst weniger Bruch mit als Vermittlung von Deutungstraditionen ist. Es gelingt de Christine de Gemeaux aber insgesamt sehr überzeugend, den Bruch als Topos geistesgeschichtlicher Narrative zu perspektivieren und damit einen klaren Akzent in der Auseinandersetzung mit deutscher Spätaufklärung und Romantik zu setzen.

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PSJ Metadata
Günther Kronenbitter
C. de Gemeaux, De Kant à Adam Müller (G. Kronenbitter)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003678
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Literaturwissenschaft, Philosophie
18. Jh., 19. Jh.
4011882-4 4003524-4 4045791-6 4076704-8 4050491-8
1790-1815
Deutschland (4011882-4), Aufklärung (4003524-4), Philosophie (4045791-6), Rhetorik (4076704-8), Romantik (4050491-8)
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C. de Gemeaux, De Kant à Adam Müller (G. Kronenbitter)
In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/gemeaux_kronenbitter
Veröffentlicht am: 25.06.2014 17:20
Zugriff vom: 08.07.2020 05:55
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