Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    F. Schock (Hg.), Polyhistorismus und Buntschriftstellerei (W. E. J. Weber)

    Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Flemming Schock (Hg.), Polyhistorismus und Buntschriftstellerei. Populäre Wissensformen und Wissenskultur in der Frühen Neuzeit, Berlin, Boston (Walter de Gruyter) 2012, VIII–277 S. (Frühe Neuzeit, 169), ISBN 978-3-11-027876-7, EUR 89,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Wolfgang E. J. Weber, Augsburg

    Der reihentypisch solide gestaltete Sammelband befasst sich mit zentralen Aspekten und Erscheinungsformen derjenigen »vermischten Masse« volkssprachlicher Wissensvermittlungs- und Unterhaltungspublizistik Deutschlands, deren Bezeichnung als barocke »Buntschriftstellerei« sich mittlerweile weitgehend durchgesetzt hat (S. 2). Der Herausgeber und offenkundig Initiator der insgesamt zwölf Beiträge neben seiner Einleitung kann dabei an der Untersuchungsperspektive und den Befunden der eigenen Dissertation anknüpfen.

    Die eng mit dem Polyhistorismus verschwisterte Buntschriftstellerei zeichnete sich durch »bunte Unordnung und enzyklopädische Sammelpraxis«, »Reduktion« der Wissenskomplexität und Darstellungsbreite explizit zum Zwecke der Kürzung des Lese- und Rezeptionsaufwandes sowie starker »Medien- und Gattungskonvergenz« aus (S. 3,6,7). Sie entwickelte sich, wie Wilhelm Kühlmann in seinem Beitrag stringent herausarbeitet, aus komplexen literarischen, sozialen und funktional-pragmatischen Ansätzen und Tendenzen heraus und verdichtete sich im 17. Jahrhundert und frühen 18. Jahrhundert zu einem publizistischen Marktsegment, das zeitgenössisch weite Anerkennung fand. Diese Anerkennung durch religiös-konfessionell oder sittlich-zivilisatorisch motivierte Bildungsaktivisten beruhte auch auf der paratextlichen und stilistischen Gestaltung der einschlägigen Werke (Paul Michel), wobei der dialogischen Form besondere Bedeutung zukommt (Stefanie Stockhorst). Ihre Attraktivität verdankte sie auch dem Einbezug von Wunderbüchern bzw. zumindest von Elementen dieser bereits seit dem 16. Jahrhundert blühenden Sondergattung (Rosmarie Zeller). Eine weitere entscheidende Komponente war die Gestaltung als belustigende Unterhaltung oder Ergötzung, wie Udo Roth am Beispiel von Samuel Gerlachs »Eutrapeliae historico-philologico-politicae« (1639–1681) konkretisiert. Techniken der Informationssammlung und Wissensordnung exemplarisch in einschlägigen Publikationen des Johann Praetorius (1630–-1680) nimmt dagegen Gerhild Scholz-Williams in den Blick. Ihr folgt Nicola Roßbach in ihrer besonders eindrucksvollen Fallstudie zum Werk des Architekten, Ingenieurs und agrarökonomischen Buntschriftstellers Georg Andreas Böckler (1617–1687), mit dem die wichtige Nahtstelle zwischen angewandter Mathematik und Buntschriftstellerei Exemplifikation erfährt. Stefan Laube versucht die Praktiken der Wissenserzeugung Veit Ludwig von Seckendorffs zu rekonstruieren, wobei er überzeugend auf die starke lutherische Komponente in dessen Werk abhebt, das man allerdings, wie der Autor selbst einräumt, nicht unbedingt der Buntschriftstellerei und dem Polyhistorismus zuordnen muss. Einleuchtender erscheint diese Zuordnung für die »See-Farth nach der Neuen Welt ohne Schiff und Segel« des Johann Daniel Major von 1670, die Hole Rößler plausibel als Utopie der Bildung ausweist. Dem Gestaltungselement und Merkmal gelehrter »Curiosität« (S. 220) in frühen deutschsprachigen Zeitschriften geht etwas knapp Wiebke Hemmerling nach. Die Geschichtsromane einer Schlüsselfigur der deutschen Buntschriftstellerei, nämlich des Eberhard Werner Happel (1647–1690), analysiert unter dem Aspekt ihrer Gestaltung und Funktion als Wissensfundus Christian Meierhofer. Die abschließende, in der Fragestellung allgemeiner gehaltene Werkuntersuchung, hier der »Asiatische[n] Banise« (1689) des Heinrich Anselm von Zigler (dessen Name im Register fehlt), steuert Karin Vorderstemann bei; ihre Ergebnisse widerlegen die bisherige Einschätzung der heroischen Historienkompilation zumindest teilweise.

    Insgesamt vertieft und erweitert die vorliegende Kollektion den aktuellen wissens- und bildungshistorischen Forschungsstand in verschiedenen, wesentlichen Hinsichten. Darüber hinaus generiert und intensiviert er eine ganze Reihe weiterführender Fragen, so etwa diejenige nach der Tragfähigkeit der Annahme, dass eine (frühe) politisch-ethische Phase des Genres von einer (späteren) realkundlichen abgehoben werden könne (W. Kühlmann, S. 42), sowie gegebenenfalls nach den Ursachen dieses Wandels, aber auch, ob die soziopolitische Funktionalität bestimmter Texte nicht noch profilschärfer gefasst werden könnte.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Wolfgang Weber
    F. Schock (Hg.), Polyhistorismus und Buntschriftstellerei (W. E. J. Weber)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000004423
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte, Literaturwissenschaft, Wissen, Wissenschaft, Methoden, Kultur allg.
    15. Jh., 16. Jh., 17. Jh.
    4011882-4 4014986-9 4125858-7 4205605-6 4190121-6
    1450-1700
    Deutschland (4011882-4), Enzyklopädie (4014986-9), Massenkultur (4125858-7), Wissensorganisation (4205605-6), Wissensvermittlung (4190121-6)
    PDF document schock_weber.doc.pdf — PDF document, 83 KB
    F. Schock (Hg.), Polyhistorismus und Buntschriftstellerei (W. E. J. Weber)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/schock_weber
    Veröffentlicht am: 30.06.2014 12:20
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:07
    abgelegt unter: