Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    C. Meyer, M. Patzel-Mattern, G. Jasper Schenk (Hg.), Krisengeschichte(n) (N. Bock)

    Francia-Recensio 2014/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Carla Meyer, Katja Patzel-Mattern, Gerrit Jasper Schenk (Hg.), Krisengeschichte(n). »Krise« als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2013, 432 S., 5 Abb. (Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte – Beihefte, 210), ISBN 978-3-515-09659-1, EUR 65,00.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Nils Bock, Münster

    Der Begriff »Krise« ist auch knapp sieben Jahre nach der globalen Finanz- und Bankenkrise von 2007 noch nicht aus den aktuellen gesellschaftlichen Debatten in Europa verschwunden. Das diskursive Potential des Krisenbegriffs ließ sich erst jüngst im Zusammenhang des remaniement vom 31.03.2014 in der französischen Politik betrachten, indem Frankreichs Präsident Hollande alle nationalen Probleme unter Verwendung des Ausdrucks »crise civique, et même morale« zusammenfasste 1 . Mit den Herausgebern des vorliegenden Bands könnte man sagen, dass Hollande ein bekanntes Narrativ aufgegriffen und die »Diagnose« (S. 12) der gegenwärtigen Situation Frankreichs geliefert hat, für deren Besserung er und das neu gebildete Kabinett die Mittel zu kennen vorgeben, die wiederum durch den Rekurs auf den Krisenbegriff legitimiert werden. Was hier als krisenhaft beschrieben wird, ist nicht allgemeingültig, sondern geschieht in einem spezifischen soziokulturellen Kontext, der sich regional und zeitlich von anderen unterscheidet. Die aktuellste Episode dieses Narrativs, dessen Etymologie bereits in die Antike verweist (S. 14f.), macht auf seine lange Wirkmächtigkeit aufmerksam.

    Das Ziel der Herausgeber geht indes über die Historisierung des Krisenbegriffs oder der -erzählungen hinaus. Aus diesem Grund steht seine Tragfähigkeit als Analysekategorie auf dem Prüfstein unterschiedlicher Disziplinen. Wenngleich sich die folgenden Beiträgen am Artikel Reinharts Kosellecks zum geschichtlichen Grundbegriff der »Krise« abarbeiteten, bieten die transdisziplinären Vermessungen des Krisenbegriffs im ersten Teil des Sammelbands vielfältige Anknüpfungspunkte. Der Historiker Jan Marco Sawilla identifiziert ihn als Abweichung vom »Normalzustand«, der zur Organisation eines Untersuchungszusammenhangs genutzt wird, »der jenseits monokausaler Erklärungen soziale Komplexität zu denken [ist] und einen bestimmten Modus historischen Wandels erfasst« (S. 148). Wandlungen und Krisen sind auch in der Psychologie eng miteinander verbunden: »Krisen gehören als ungebetene Gäste zum Leben wie die besseren Stunden im Dasein von Menschen« (S. 57). Der Beitrag von Jürgen Staub bietet in dieser Hinsicht wertvolle Anknüpfungspunkte, lenkt er doch mit dem Konzept des kritischen Lebensereignisses die Aufmerksamkeit auf die »kreative Kraft«, die zur Bewältigung freigesetzt werden kann und damit den Fokus auf das Movens von Akteuren richtet. Für die Wirtschaftswissenschaften, insbesondere die Betriebswirtschaftslehre, machen Michael Hülsmann und Philip Cordes in ihrem sehr systematischen Beitrag ein Desiderat in einer erschöpfenden konzeptuellen Behandlung des Phänomens der Krise aus. Zur Diagnose stehen zwar mehrere Theorien bereit – was bereits vielfältige Anknüpfungspunkte für andere Disziplinen bietet –, aber im Hinblick auf die Erklärung und darauf aufbauend den Umgang mit und die Prävention gegen Krisen besteht Nachholbedarf. Stärker auf die im zweiten Teil des Bandes im Zentrum stehenden narrativen Strukturen von »Krisengeschichten« fokussiert der bestechende Beitrag des Literaturwissenschaftlers Ansgar Nünning. Auf die in solchen Erzählungen zum Tragen kommenden kulturspezifischen Deutungshorizonte macht die Ethnologin Annette Hornbacher in Hinblick auf Naturkatastrophen aufmerksam. Im Vergleich europäischer und balinesischer Katastrophendiskurse sieht sie den Bruch nicht zwischen »Tradition« und »Moderne«, sondern in der größeren Fähigkeit der flexiblen und komplexitätsintegrierenden Deutung des südostasiatischen Diskurses.

    Der zweite Teil des Sammelbands nähert sich in Einzelstudien den Erzählmustern von »Krisengeschichten« im Dreischritt Begriffe, Deutungen und Behandlung/Reaktion. Der Begriffsbildung widmen sich zwei mittelalterliche und zwei zeitgeschichtliche Beiträge. Gerrit Jasper Schenk tut dies für »Natur«-Katastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen von 1250 bis 1650 und zeigt das Spektrum der zeitgenössischen Worte, Begriffe und Konzepte auf. Ihre Ausdifferenzierung verweist nicht nur auf transkulturelle Einflüsse, sondern auch auf gesamtgesellschaftliche Wandlungsprozesse, die Schenk vor dem Hintergrund der Dichotomie »vormoderne Sattelzeit« – »langes Mittelalter« diskutiert. Am Beispiel der Sallust-Rezeption, insbesondere der Coniuratio Catilinae in der spätmittelalterlichen deutschen Stadtchronistik, geht Carla Meyer einem spezifischen, vergleichsweise festen »Set an Vorannahmen, Verlaufsmustern und Werturteilen« nach, das dem »Krisenberichterstatter« zwar bereitstand (S. 213f.), das aber auch Schwierigkeiten machen und von dem man abweichen konnte. In die Zeitgeschichte und in den Kontext mehrerer Industrieunglücke wird man durch die Beiträge von Katja Patzel-Mattern und Thilo Jungkind versetzt. Patzl-Mattern analysiert die Erzählmuster der Medienberichte zweier Explosionen bei der BASF, die unter Zuhilfenahme von »Narrativen der Nation, des Fortschritts und der Apokalypse« (S. 265f.) das »unsagbare Grauen« auszudrücken suchten. Jungkind betrachtet Störfälle der chemischen Industrie am Beispiel der Bayerwerke zwischen den 1940er und 1970er Jahren, die organisatorisch auf den Umgang mit dem Risiko in seiner Komplexität nicht ausgelegt waren, wodurch sie die Deutungshoheit der Unfälle an die Öffentlichkeit verloren.

    Anhand der Analyse des Interpretationsmodells von Krisen als Aufstieg und Niedergang von Gesellschaften bieten drei Autoren Einblicke in die forschungsgeschichtliche, historiographische und filmische Konstruktion von Krisen. Unter dem bewusst provokativ gewählten Titel »Das Hochmittelalter als Krise?«, konstruiert Christoph Dartmann das Bild einer strukturellen Krise des hochmittelalterlichen, kommunalen Italiens, um davon ausgehend auf die Probleme einer solchen Konstruktion einzugehen. Begegnet man ihnen, kann die »Krise« als Deutungskonzept gesellschaftlicher Wandlungsprozesse in Italien fruchtbar gemacht werden – für andere Kontexte, ließe sich hier anschließen. Urte Weeber untersucht hingegen das in neuzeitlichen Reisebeschreibungen und Traktaten über die Republiken Venedig, die Vereinigten Provinzen der Niederlande und die Schweizer Eidgenossenschaft eingesetzte Motiv des Niedergangs. Letzteres kann als zeitgenössischer politischer Krisendiskurs bezeichnet werden, der auf das interessante Verhältnis von Krise und Reform aufmerksam macht. Noch einen Schritt weiter vermag Cordia Baumann aufgrund des Materials anhand der Analyse der Darstellung der bundesrepublikanischen Terrorismus-Krise der 1970er Jahre im Neuen Deutschen Film gehen. Sie führt den Nachweis, dass Krisen nicht nur zwischen verschiedenen Gesellschaften, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft unterschiedlich gedeutet werden können – Sieg des Staats versus Niedergang des Rechtsstaats.

    Der letzte Abschnitt stellt die Reaktion auf Krisen in den Mittelpunkt und widmet sich Risiko- und Expertendiskursen. Christian Rohr unterstreicht das Interesse an astrologischer Expertise in Spätmittelalter und Neuzeit. Es stellt sich aber die Frage, ob hier Wahrnehmungen und Deutungen von Ereignissen beschrieben werden, über deren Bewältigung nur wenig gesagt wird, wenn es nicht beispielsweise die Ignoranz Friedrichs III. ist. Die »Krisenkommunikation« im Zusammenhang der Subsistenzkrisen in Südwestdeutschland zwischen 1770 und 1846 steht im Zentrum des Beitrags von Zimmermann. Obwohl das institutionelle Potential aktiviert wurde, nahm die politische Bereitschaft zur Intervention vor dem Eindruck der an Einfluss gewinnenden bürgerlichen Öffentlichkeit ab. Gern würde man mehr über die Experten und Macher der Kommunikationsstrategien erfahren. Die Sicht auf den deutschen Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama 1904 1908 ist durch ideologische Gründe geprägt, wie Schaller deutlich macht, die in dem Krieg den Beginn eines »deutschen Sonderweges« hin zum jüdischen Genozid sieht. In diesem Zusammenhang geht Schaller auf die Interpretation eines deutschen Generals ein, dessen sozialdarwinistischer Rassismus zwar bekannt war, der aber vor allem die »chronische Krisenstimmung« ausgenutzt und den Ausbruch und die Eskalation »kolonialer Gewalt« in Südwestafrika bewirkt haben soll.

    Die Herausgeber legen einen Band vor, dessen narratologische Vermessung des Krisenbegriffs weiterführend ist. Vor allem die Beiträge im ersten Teil ermöglichen vielfältige Anknüpfungspunkte in interdisziplinärer Hinsicht. Insgesamt eröffnen sie der Forschung weitere Perspektiven, unter denen insbesondere die Spannungsfelder Krisen und Entscheidungen, Krise und Risiko, Krise und Experten sowie Krise und Gewalt interessant erscheinen.

    1 Rede des Präsidenten der französischen Republik François Hollande vom 31.03.2014: http://www.elysee.fr/declarations/article/allocution-du-president-de-la-republique-3/ (21.05.2014).

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Nils Bock
    C. Meyer, M. Patzel-Mattern, G. Jasper Schenk (Hg.), Krisengeschichte(n) (N. Bock)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003928
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Sozial- und Kulturgeschichte
    Mittelalter
    4015701-5 4194747-2 4033203-2 4033597-5
    500-1500
    Europa (4015701-5), Diskursanalyse (4194747-2), Krise (4033203-2), Kulturwissenschaften (4033597-5)
    PDF document meyer_bock.doc.pdf — PDF document, 107 KB
    C. Meyer, M. Patzel-Mattern, G. Jasper Schenk (Hg.), Krisengeschichte(n) (N. Bock)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/MA/meyer_bock
    Veröffentlicht am: 25.06.2014 12:50
    Zugriff vom: 25.02.2020 02:56
    abgelegt unter: