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    L. Thiery, La répression allemande dans le Nord de la France 1940–1944 (Corinna von List)

    Francia-Recensio 2014/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Laurent Thiery, La répression allemande dans le Nord de la France 1940–1944. Préface d'Étienne Dejonghe et Yves Le Maner, Villeneuve-d’Ascq (Presses universitaires du Septentrion) 2014, 368 p., ISBN 978-2-7574-0450-8, EUR 28,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Corinna von List, Berlin

    Das hier vorliegende Buch basiert auf der Dissertation von Laurent Thiery, die im Jahre 2011 an der Universität Lille entstanden ist. Mit seiner Arbeit schließt er die Forschungslücke zur Geschichte Nordfrankreichs unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Denn die Region Nord-Pas-de-Calais gehörte administrativ zum Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich (MBB) mit Dienstsitz in Brüssel und nicht zum Befehlsbereich des Militärbefehlshabers in Frankreich (MBF), für den bereits entsprechende Untersuchungen vorliegen. Ziel der Arbeit ist es, die deutsche Ordnungs- und Sicherheitspolitik in den Departements Nord und Pas-de-Calais zu analysieren und diese mit der Situation in Belgien und dem Einflussbereich des MBF zu vergleichen. Im Mittelpunkt steht dabei das Repressionspotential des Gerichts der Oberfeldkommandantur 670 in Lille, das mit seinen Außenstellen in Arras und Valenciennes für Nordfrankreich zuständig war.

    Bei seiner Untersuchung stützt er sich wesentlich auf Aktenüberlieferungen der Feldgerichte, die der Forschung erst seit kurzem im Bureau des archives des victimes des conflits contemporains (BAVCC) in Caen, einer Außenstelle des Service historique de la Défense, zugänglich sind. Darüber hinaus wurde Thiery das Privileg zuteil, in Verfahrensakten der französischen Militärjustiz gegen Angehörige der Geheimen Feldpolizei bzw. des SD Einsicht zu nehmen. Soweit es dem kritischen Apparat zu entnehmen ist, enthalten diese Akten jedoch keine Unterlagen deutscher Provenienz. Nicht mit einbezogen wird der Polizei- und Justizapparat des Vichy-Regimes, was bereits Étienne Dejonghe und Yves Le Maner in ihrem Vorwort kritisch anmerken. Somit bleibt leider auch hier die Frage unbeantwortet, inwieweit die deutsche Militärjustiz auf Ermittlungsunterlagen der französischen Polizei zurückgegriffen hat.

    Die Studie umfasst den Zeitraum vom 3. Juni 1940 bis zum 1. September 1944 und schließt somit die Phase der militärischen Kampfhandlungen bewusst aus. Im ersten Teil beschreibt der Autor den Aufbau des deutschen Repressionsapparats in Nordfrankreich und Belgien. In den folgenden drei Abschnitten werden dann chronologisch wichtige deutsche Erlasse und Verordnungen dargestellt und deren Anwendung – etwa bei der Niederwerfung des Bergarbeiterstreiks im Frühsommer 1941. Dieser Streik führte zu einer scharfen Reaktion des deutschen Repressionsapparates und zur Deportation eines Teils der Streikenden. An dieser Stelle nimmt der Verfasser eine sehr differenzierte Betrachtung vor, die sich erfreulich von den in der Vergangenheit oft stark politisch gefärbten Darstellungen zu diesem Thema unterscheidet.

    Es folgt eine Analyse der Repression des französischen Widerstandes für den Zeitraum Sommer 1941 bis November 1943, wobei die deutsche Geiselpolitik und die Folgen des sogenannten »Nacht- und Nebel-Erlasses« vom 7. Dezember 1941 auf die Tätigkeit der deutschen Feldgerichte in Nordfrankreich im Mittelpunkt stehen. Im vierten und letzten Teil zeichnet Thiery die im Dezember 1943 einsetzende Radikalisierung des deutschen Repressionsapparates nach. Die Gründe dafür verortet er zum einen in der Niederlage von Stalingrad und zum anderen in den zunehmenden Luftangriffen der Alliierten auf die Abschussrampen der V1 und V2 in Frankreich. Zu deren Schutz wurde das LXV. Armeekorps z.b.V. nach Nordfrankreich verlegt. Dessen Gericht wurde zunächst als Sondergericht – und in der Schlussphase der deutschen Besatzung schließlich als Standgericht – Teil des deutschen Repressionsapparates, das auch Verfahren der Oberfeldkommandantur Lille wegen Spionage und Sabotage an sich zog. In diesem Zusammenhang weist Thiery erstmals auf die Rolle der deutschen Abwehr hin. Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass deren Dienststellen nicht auch bereits in den ersten Jahren der Besetzung Nordfrankreichs den deutschen Feldgerichten zugearbeitet haben. Dennoch ist es das Verdienst des Autors, hier erstmals die Spruchpraxis eines Feldgerichtes untersucht zu haben, dass nicht Teil der Militärverwaltungsbehörden war, sondern zur kämpfenden Truppe gehörte.

    Die Arbeit von Thiery macht deutlich, dass es sich bei der Trennung zwischen den Befehlsbereichen des MBB und des MBF keineswegs um eine bloße verwaltungstechnische Unterscheidung handelt. Vielmehr gibt es deutliche Unterschiede im Aufbau des Repressionsapparates. Während im Bereich des MBF im Juni 1942 ein Höherer SS- und Polizeiführer eingesetzt wurde, lag die Sicherungs- und Ordnungspolitik in Nordfrankreich bis kurz vor Ende des Krieges in den Händen der deutschen Militärjustiz und des Militärverwaltungsstabs, dem die Sicherheitspolizei und der SD unterstanden.

    Die vorgenommene chronologische Gliederung trägt jedoch den sehr komplexen Zuständigkeiten der einzelnen Reichs- und Wehrmachtsbehörden nur bedingt Rechnung. Vernachlässigt wird dabei der Einfluss des Reichsjustizministeriums auf die Wehrmachtsrechtsabteilung insbesondere im Hinblick auf den sogenannten »Nacht- und Nebel-Erlass«. Die fast ausschließlich aus Sekundärquellen und in französischer Übersetzung aufgeführten Gesetze, Erlasse und Verordnungen verknüpft mit der Auswertung nur weniger Verfahrensakten machen es dem an der Spruchpraxis interessierten Leser schwer, einen roten Faden zu finden. Sehr wünschenswert wäre es gewesen, die Fundstellen der deutschen Originalquellen anzugeben, um die Interpretationen des Autors nachvollziehbar zu machen. Verweise wie: »Quartier général de l’OKW, 9 octobre 1940« sind dabei wenig hilfreich und machen problematische Rückübersetzungen erforderlich.

    Das umfangreiche Quellenverzeichnis gibt einen guten Überblick zu den in Frankreich und Belgien überlieferten Aktenbeständen. Außerdem verfügt das Buch dankenswerterweise nicht nur über einen Personen-, sondern auch einen Ortsindex, was bei der Publikation französischer Dissertationen nicht immer selbstverständlich ist.

    PSJ Metadata
    Corinna von List
    L. Thiery, La répression allemande dans le Nord de la France 1940–1944 (Corinna von List)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000004686
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Militär- und Kriegsgeschichte
    1940 - 1949
    4011882-4 4110086-4 4005975-3 4257314-2
    1940-1944
    Deutschland (4011882-4), Frankreich Nord (4110086-4), Besatzungspolitik (4005975-3), Unterdrückung (4257314-2)
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    L. Thiery, La répression allemande dans le Nord de la France 1940–1944 (Corinna von List)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/ZG/thiery_list
    Veröffentlicht am: 30.06.2014 17:05
    Zugriff vom: 07.08.2020 14:34
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