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J.-F. Courouau, Et non autrement (Thomas Nicklas)


Francia-Recensio 2014/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Jean-François Courouau, Et non autrement. Marginalisation et résistance des langues de France (XVIe XVIIe siècle), Genève (Librairie Droz) 2012, 291 p. (Cahiers d'Humanisme et Renaissance, 108), ISBN 978-2-600-01602-5, EUR 42,00.


rezensiert von/compte rendu rédigé par

Thomas Nicklas, Reims

Jean-François Courouau interessiert sich für das mehrsprachige Frankreich, wie es dem Leser aus den Texten des 16. Jahrhunderts mit seiner bunten Vielgestalt entgegentritt. Mit der Marginalisierung und der »Widerständigkeit« der anderen Sprachen Frankreichs hat sich der Autor bereits in einer parallel geführten Studie ausführlich beschäftigt 1 , mit der die vorliegende Arbeit gewissermaßen ein Diptychon bildet. Dem Verfasser, der an der Universität Toulouse über historische Soziolinguistik sowie französische und okzitanische Literatur arbeitet, geht es nicht zuletzt darum, den »Mythos von Villers-Cotterêts« zu entkräften 2 . Wenn König Franz I. mit seiner im August 1539 im pikardischen Villers-Cotterêts unterzeichneten Ordonanz verfügte, dass rechtsförmige Akte im Königreich nur en langaige maternel françois et non autrement verfasst sein dürften, so richtete sich dies gegen zwei große Ungenannte, nämlich die zur Schriftlichkeit gediehenen Konkurrentinnen der französischen Verwaltungssprache, Latein und Okzitanisch. Allerdings waren die okzitanischen Schreibweisen des Südens und das Latein der Eliten, jedenfalls in Justiz und Verwaltung, schon lange vor der königlichen Verfügung auf dem Rückzug begriffen. Der entscheidende Durchbruch des Französischen gegen die beiden Mitbewerberinnen hat sich bereits in den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts vollzogen. Damit war der Einschnitt von 1539 viel weniger epochal, als dies in früheren Darstellungen vermittelt wurde. Doch verfestigte sich somit eine Praxis, die ab 1629 auch für die geistliche Gerichtsbarkeit galt, deren schriftliche Verfahren fortan nicht mehr im gewohnten Latein ablaufen durften. Ferner wurde der einheitliche Sprachengebrauch auch für die Justizbehörden der im 17. Jahrhundert dem Königreich einverleibten Gebiete verpflichtend. Die ausführlich geschilderte Durchsetzung des Französischen neben dem Okzitanischen im Zuständigkeitsbereich des Parlaments von Pau, im Béarn, ab dem Jahre 1620 war dafür gleichsam der Modellfall.

Wenn es um sprachliche Normierungen ging, so hatte freilich auch die zeitgenössische Poetik und die linguistische Gelehrsamkeit ein Wort mitzureden, von der das zweite Kapitel handelt. Den reichlich wuchernden Garten der Dialekte in Nord- und Südfrankreich betrachtet die Dichtungstheorie im 16. Jahrhundert vor allem als nützliche Ergänzung der Standardsprache, die sich dort nach Bedarf ihre Früchte holt. In dieser Sicht sind die Dialekte ein Wortreservoir, das zur Bereicherung der Normsprache dient, darin erschöpft sich dann aber schon weitgehend ihr Eigenwert. Immerhin trägt die theoretische Reflexion über Sprache dem Vorhandensein der Varianten und Mundarten, gerade auch in der Zone der langue d’oïl , in starkem Maße Rechnung. Der oft als Exponent linguistischer Vielfalt gepriesene Rabelais, der Sprachspieler und Dialektkundige, ist ein ambivalentes Beispiel, da für ihn in der Hierarchie der Sprachen und Dialekte das Standardfranzösische unzweifelhaft an der Spitze steht. Wenn es für die anderen Idiome des Königreichs (Okzitanisch, Bretonisch, Baskisch) im 17. Jahrhundert einen Zufluchtsort gibt, an dem sie ihr Potenzial bis hin zur Schriftlichkeit entfalten können, so ist dies der kirchliche Bereich, um den es im dritten Kapitel geht. Der vierte und letzte Abschnitt behandelt das Fortleben des aus Öffentlichkeit und Verwaltung verdrängten Okzitanischen in der Dichtung.

Nichts wäre jedoch irriger als die oft verbreitete Annahme einer kulturellen Überwältigung des Südens durch den expansiven Norden. Zum einen war Nordfrankreich selbst denkbar weit davon entfernt, in sprachlicher Hinsicht ein einheitliches Gebiet darzustellen, zum anderen waren die am weiteren Aufstieg interessierten Eliten des Südens selbst die treibenden Kräfte bei dem Prozess der sprachlichen Anpassung. Ein weiterer Mythos wird von der Studie auch gleich entkräftet. Die Gegenüberstellung eines uniformierenden und normierenden 17. Jahrhunderts und einer dialektfrohen und sprachentoleranten Renaissance, die sich gerne auf Rabelais bezieht, ist ganz gewiss nicht haltbar, erst recht nicht nach der erhellenden Studie Courouaus.

1 Moun lengatge bèl . Les choix linguistiques minoritaires en France (1490–1660), Genf 2008.

2 Vgl. auch: Paul Cohen, L’imaginaire d’une langue nationale: l’Etat, les langues et l’invention du mythe de l’ordonnance de Villers-Cotterêts à l’époque moderne en France, in: Histoire Epistémologie Langage 25 (2003), S. 19–69 .

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PSJ Metadata
Thomas Nicklas
J.-F. Courouau, Et non autrement (Thomas Nicklas)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000005137
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Sprachgeschichte
16. Jh., 17. Jh.
4018145-5 4001807-6 4113615-9 4038403-2 4056483-6
1500-1700
Frankreich (4018145-5), Amtssprache (4001807-6), Französisch (4113615-9), Mehrsprachigkeit (4038403-2), Sprachnorm (4056483-6)
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J.-F. Courouau, Et non autrement (Thomas Nicklas)
In: Francia-Recensio 2014/3 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-3/FN/courouau_nicklas
Veröffentlicht am: 25.09.2014 14:05
Zugriff vom: 16.10.2019 19:06
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