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M. Hengerer (Hg.), Abwesenheit beobachten (Michael Pölzl)

Francia-Recensio 2014/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Mark Hengerer (Hg.), Abwesenheit beobachten. Zu Kommunikation auf Distanz in der Frühen Neuzeit, Berlin, Münster (LIT-Verlag) 2013, 188 S., 17 Abb. (Vita curialis. Form und Wandel höfischer Herrschaft, 4), ISBN 978-3-643-90386-0, EUR 19,90.

rezensiert von/compte rendu rédige par

Michael Pölzl, Wien

Der hier zu besprechende Band ist das Resultat einer im Jahr 2007 stattgefundenen Tagung, die das von der historischen Forschung bisher wenig beachtete Thema der »Abwesenheit« in der Frühen Neuzeit zum Thema hatte. Als gemeinsamer Grundtenor wurde »Kommunikation auf Distanz« mithilfe schriftlicher Korrespondenz sowie den darin verwendeten schriftlichen Gruß gewählt. Neun Beiträge gilt es im Einzelnen vorzustellen: Der Herausgeber, Mark Hengerer (München), verweist in seiner Einführung darauf, dass bisher vor allem die Anwesenheit als relevant für soziale Reproduktion und somit als wichtiger Teil höfischer Interaktion gegolten hat, obwohl der Hof trotz abwesender Höflinge weiterhin funktionierte. Aus diesem Grund ist es notwendig diesen Aspekt näher zu betrachten und in die bisherigen Überlegungen miteinzubeziehen. Für eine breitgefächerte Aufarbeitung fordert Hengerer zudem eine Grenzüberschreitung der Disziplinen (S. 9–28). Im anschließenden Beitrag beschäftigt sich Gabriela Signori (Konstanz) mit der Frage nach der korrekten Anrede des Herrschers. Die zeitgenössische Diskussion gipfelt in der Aussage Piccolominis, den Herrscher zu duzen, »weil der geduzte« Herrscher über dem Kreis der Gleichen stehe. Diese Geschichte der Anrede stellt einen wichtigen Aspekt der Repräsentationsgeschichte sowie der damit verbundenen Herrschaftssymbolik dar. (S. 29–40). Philipp Zitzlsperger (Berlin) analysiert das Porträt als Symbol einer möglichen repräsentativen Abwesenheitsüberwindung, wozu Heiligenbilder als Vorbilder und Vergleichsbeispiele in die Untersuchung mitbeinbezogen wurden. Besonders die Frage, welche Komplikationen sich ergeben konnten, wenn ein Herrscher seinem repräsentativen Stellvertreter-Ebenbild begegnete, spiegelt deren Bedeutung wider (S. 41–78). Dem strengen Regelwerk höfischer Kommunikation, die ihren schriftlichen Niederschlag in Briefstellern und Formelbüchern fand, widmet sich Heiko Droste (Södertorn). Das Nichteinhalten dieser Normen konnte schließlich zu einer misslungenen höfischen Interaktion führen, was tunlichst zu vermeiden war. Die Übergabe solcher Schreiben gewann mit der Zeit immer mehr an Bedeutung, weshalb der Autor auf deren Gabenfunktion verweist (S. 79–94). Dass Zeremonialschreiben als Teil des städtischen Zeremoniells verstanden und entsprechend protokolliert wurden, zeigt André Krischer (Münster) auf. Die Reichsstädte nutzten diese Schreiben, um an der höfischen Gesellschaft mit zu partizipieren. Der Autor deutet hierbei die Ablösung von Interaktion durch Medien mit eigener Semantik an (S. 95–110). Britta Käglers (München) Text hat die Korrespondenz der bayerischen Kurfürstin Henriette Adelaide mit ihrer Turiner Verwandtschaft (1652–1676) zum Inhalt. Dabei können nicht »nur« die verschiedenen Entwicklungsphasen der familiären Beziehungen sondern auch die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten der Kurfürstin, die sich aufgrund ihrer Korrespondenz ergaben, nachgezeichnet werden (S. 111–132). Im Fokus Maria Stuibers (Bamberg) Überlegungen stehen die Gruß- und Abschiedsformeln Kardinals Stefano Borgias (1731–1804), der sich vor allem als Mäzen und Sammler einen Namen gemacht hatte. Die Autorin demonstriert die besondere geselligkeitsstiftende Funktion der in der Korrespondenz verwendeten Grußübermittlungen (S. 133–146). Wie die fast ständige Abwesenheit des Olmützer Diözesanbischofs Kardinal Franz von Dietrichstein (1570–1636), einem der Protagonisten der habsburgischen Gegenreformation, am päpstlichen Hof durch seine Agenten in Rom kompensiert werden konnte, untersucht Thomáš Parma (Olmütz). Er verweist zudem auf die Bedeutung der Agenten aufgrund der von ihnen im Namen Dietrichsteins absolvierten Höflichkeitsbesuche bei Funktionsträgern der Kurie, Diplomaten sowie des Adels im Kirchenstaat (S. 147–156). Der letzte Beitrag hat die »Protestantische Vergesellschaftung in der atlantischen Welt des 18. Jahrhunderts« (S. 157) zum Inhalt. Dank des, aus dem Kolonialprojekt »Ebenezer« (Auswanderung Salzburger Protestanten nach Nordamerika im 18. Jahrhundert) überlieferten Briefverkehrs, kann Alexander Pyrges (Washington, DC) weitgestreute Kommunikationswege nachzeichnen. Wesentlich bei der Betrachtung ist der Umstand, dass von den Projektmitarbeitern besondere »Weiterleitungskanäle«, worunter ein Verteilersystem für einen effizienteren Informationsaustausch zu verstehen ist, genutzt wurden (S. 157–182).

Signoris Titel »Den Herrscher duzen …« irritiert im ersten Moment. Ihre Auseinandersetzungen mit der korrekten Anrede und die damit verbundene Symbolkraft von Herrschaft bilden jedoch einen gelungenen Start für die folgenden Ausführungen. Die vom Herausgeber geforderte Interdisziplinarität wurde dank Zitzlspergers kunsthistorischen Überlegungen zur Repräsentation und Realpräsenz gewinnbringend eingehalten. Dem Ansatz, sich anhand schriftlicher Korrespondenz dem Phänomen »Abwesenheit« zu nähern, folgen alle weiteren Beiträge. Bis auf Pyrges Arbeit sind die übrigen im höfischen Umkreis angesiedelt. Die Arbeiten von Droste und Krischer ergänzen sich im Besonderen und verweisen auf die Rolle der Korrespondenz in Bezug auf die Verdichtung von Herrschaft in der Frühen Neuzeit, die durch die Revolution im Postwesen ausgelöst wurde. Hervorzuheben ist Drostes Diskussion zur Dissimulation als stabilisierender Faktor der höfischen Gesellschaft. Beide Autoren verweisen zudem auf die besondere Gabenfunktion höfischer Zeremonialschreiben. Das leider einzige Beispiel weiblicher Korrespondenz ist Kägler zu verdanken, deren Analyse klassischen Ansätzen folgt. Hervorzuheben sind die Überlegungen Parmas zum Netzwerk der Agenten von Kardinal Dietrichstein. Warum Parmas Aufsatz Stuibers Beitrag nachgereiht wurde, obwohl dessen Kardinal zeitlich vor dem anderen zu verorten ist, wird nicht begründet. Räumlich etwas abseits, und vielleicht deshalb als letzter Text abgedruckt, stehen Pyrges theoretische Überlegungen zur Korrespondenz der zahlreichen Mitarbeiter des Ebenezer-Projekts. Mag dieses Thema im Kontext der anderen eventuell »exotisch« erscheinen, erweitert es den Untersuchungshorizont positiv. Der Autor bietet mit seinen Überlegungen zum virtuellen Dialog und der damit verbundenen innertextlichen Inszenierung von Sozialbeziehungen weitere wichtige Denkanstöße. Im Ganzen betrachtet ergeben die Beiträge, die alle für sich ein klares Bild ihres Forschungsgegenstands liefern, eine gelungene Symbiose, um Abwesenheit in der Frühen Neuzeit zu beobachten, womit der Weg für weitere Forschungen geebnet wurde.

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PSJ Metadata
Michael Pölzl
M. Hengerer (Hg.), Abwesenheit beobachten (Michael Pölzl)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000005348
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Sozial- und Kulturgeschichte
Neuzeit bis 1900
4015701-5 4315677-0 4031883-7 4180011-4
1500-1800
Europa (4015701-5), Abwesenheit (4315677-0), Kommunikation (4031883-7), Schriftverkehr (4180011-4)
PDF document hengerer_poelzl.doc.pdf — PDF document, 86 KB
M. Hengerer (Hg.), Abwesenheit beobachten (Michael Pölzl)
In: Francia-Recensio 2014/3 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-3/FN/hengerer_poelzl
Veröffentlicht am: 25.09.2014 14:35
Zugriff vom: 16.10.2019 19:37
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