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    J. Jarrett, A. S. McKinley (ed.), Problems and Possibilities of Early Medieval Charters (Theo Kölzer)

    Francia-Recensio 2014/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Jonathan Jarrett, Alan Scott McKinley (ed.), Problems and Possibilities of Early Medieval Charters, Turnhout (Brepols) 2013, X–301 p., 5 fig., 6 graphs, 1 map, 4 tabl. (International Medieval Research, 19), ISBN 978-2-503-54830-2, EUR 80,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Theo Kölzer, Bonn

    Der sehr allgemeine Titel ist das geistige Band für 13 heterogene Beiträge (von insgesamt 36), die auf Vorträge in Leeds (2005–2011) zurückgehen und jüngere Historiker zum Autor haben, die überwiegend in Großbritannien lehren. Bereits dies deutet an, dass die »alte Dame« Diplomatik auch bei Jüngeren noch Interesse findet – ohne dass sie freilich gleich neu erfunden werden müsste. Wie J. Jarrett einleitend bemerkt, sei das Ziel zu zeigen, dass Urkunden – richtig befragt – zahlreiche Einsichten erlaubten über das engere Arbeitsfeld der Diplomatik hinaus. Das ist keineswegs neu, obwohl Jarrett für die jüngere Zeit von einer »revolution« in Bezug auf Urkundenstudien (S. 7) und von »the new breadth oft the discipline« (S. 9) spricht. Denn so ähnlich argumentierten bereits 1908 die Begründer des »Archivs für Urkundenforschung« gegenüber dem Rigorismus Theodor von Sickels, indem sie eine weite Öffnung der Diplomatik und vor allem allgemein-historische Erkenntnisziele für sich reklamierten.

    Martin J. Ryan, »›Charters in Plenty, if Only they Were Good for Anything‹: The Problem of Bookland and Folkland in Pre-Viking England« (S. 19–32) beleuchtet kritisch für die Zeit bis ins frühe 9. Jahrhundert den vieldiskutierten Unterschied von »bookland« (durch Urkunden verbriefter Landbesitz) und »folkland« (sonstiger) und benennt nach wie vor existierende Probleme der Auswertung angelsächischer Urkunden, v. a. die Diskrepanz zwischen Formular und einer komplexeren Rechtswirklichkeit, denn Urkunden waren Teil eines »broader legal discourse«, den die Verfasser als bekannt voraussetzen konnten. Im Streitfall waren Urkunden ein Hilfsmittel neben anderen: »The evidentiary value of a text, its legal standing, was constructed through the process of dispute settlement« (S. 30).

    Allan Scott McKinley, Strategies of Alienating Land to the Church in Eigth-Century Alsace (S. 33–56) betont anhand zweier Gruppen von Schenkungen des 8. Jahrhunderts für das Kloster Weißenburg, dass trotz der Vielzahl stereotyper Schenkungsurkunden nur eine Kontextualisierung näheren Aufschluss im Einzelfall über die zugrundeliegenden »Strategien« des Schenkungsaktes, die Familienstrukturen der Donatoren und ihr Verhältnis zum beschenkten Kloster gewähren könne, in dessen »network of clientage and patronage« (S. 52) man eingebunden sein wollte. Stark betont wird demnach ein planvolles politisch-taktisches Kalkül, während ein potentielles religiöses Movens dahinter völlig verschwindet.

    Eric Niblaeus, Cistercian Charters and the Import of a Political Culture into Medieval Sweden (S. 57–70) stellt heraus, dass das seit Mitte des 12. Jahrhunderts zaghaft in Erscheinung tretende schwedische Urkundenwesen durch die Zisterzienser vermittelt wurde und vornehmlich wenige Zisterzen betraf, aber keine »Modernisierung« der gewachsenen »politischen Kultur« bewirkte.

    Charles West, »Meaning and Context: Moringus the Lay Scribe and Charter Formulation in Late Carolingian Burgundy« (S. 71–87) macht mit dem Laien Moringus bekannt, der im letzten Drittel des 9. Jahrhunderts mehrere kopial überlieferte Schenkungsurkunden schrieb, die allesamt die villa Aiserey (Côte d’Or) betreffen. Stilistisch unterscheiden sich seine Urkunden nicht von denen zeitgenössischer klerikaler Schreiber, aber auffällig ist, dass diese Fertigkeit in einer ländlichen villa beheimatet war, weshalb bzgl. der Zunahme von Beurkundungen in nachkarolingischer Zeit auch mit einem Anteil an Laien-Schreibern zu rechnen sei. West sieht in seinem Befund eine Stütze für Rosamond McKittericks These von einer karolingischen »literate community«.

    Jonathan Jarrett, »Comparing the Earliest Documentary Culture in Carolingian Catalonia« (S. 89–126) zeigt anhand detaillierter Analyse der überlieferten Urkundentexte, dass der Herrschaftsantritt der Karolinger keine verordnete Uniformität nach sich zog, sondern lokaler Praxis Raum ließ. Einfallstore für Neues war der Bedarf von Bistümern und Klöstern.

    Arkady Hodge, »When Is a Charter Not a Charter? Documents in Non-Conventional Contexts in Early Medieval Europe« (S. 127–149) behandelt Urkunden aus unterschiedlichen Regionen, die der üblichen Merkmale entbehren, weil sie in (heilige) Bücher geschrieben oder kopiert wurden, z. B. »keltische« Urkunden (Armagh Bibel) und Traditionsnotizen (Freisinger Traditionsbuch), aber nur scheinbar regionale Besonderheiten darstellen. Die weitverbreitete Praxis wird aus den römischen Gesta municipalia hergeleitet und setze Kenntnis und Gebrauch »normaler« Urkunden voraus, auch wenn die Überlieferung trüge. Das verbindende Glied zu den Gesta seien kirchliche Archive und deren Kopialbücher, die die Gesta in gewisser Weise und notgedrungen ersetzten.

    Antonio Sennis, »Destroying Documents in the Early Middle Ages« (S. 151–169) beleuchtet anhand vornehmlich italienischer Beispiele Hintergründe und Folgen der bewussten oder unabsichtlichen, legalen und illegalen Zerstörung von Urkunden, die sich bisweilen als symbolhafter Akt in aller Öffentlichkeit vollzog. Anstelle der missverstandenen Maßnahme Ludwigs des Frommen (S. 156f.) wäre auf die Revokationsedikte Rogers II., Heinrichs VI. und Friedrichs II. zu verweisen gewesen. Man vermisst auch einen Hinweis auf die Form der Appennis/Pancarta bzw. auf Herrscherurkunden, die den Besitzstand garantieren, sicuti per eadem instrumenta, si perdita non fuissent, legibus defendi poterant (Regesta Imperii I Nr. 611).

    Charles Insley, »Looking for Charters that Aren’t There: Lost Anglo-Saxon Charters and Archival Footprints« (S. 171–186) sucht als »archival detective« (S. 181) in der spärlichen Überlieferung der Kathedrale von Exeter nach »footprints« verlorener Urkunden – was zum Geschäft eines jeden Editors gehört, wenn er sich Rechenschaft ablegt über Vorurkunden oder Fälschungsvorlagen oder Deperdita nachspürt – und erörtert die Frage nach dem Umfang und Gründen von Urkundenverlusten (vgl. dazu jetzt auch Stefan Sonderegger, in: Archiv für Diplomatik 59 [2013], S. 433–452) bzw. der Erhaltung von Urkunden. Bzgl. letzterer lehnt er gegen Patrick G. Geary (Phantoms of Remembrance, 1994) eine scharfe Trennung zwischen praktischer Verwertbarkeit und Memorialfunktion ab: »the effective administration of one’s patrimony and the correct remembrance of one’s past were the same thing« (S. 183).

    Shigeto Kikuchi, »Representations of Monarchical ›Highness‹ in Carolingian Royal Charters« (S. 187–208) geht den Wurzeln und dem Wandel königlicher/kaiserlicher Selbstbezeichnungen ( altitudo, celsitudo etc.) und ihrer Kontextualisierung nach. Die Wahl war nicht beliebig, sondern »a means of political propaganda in specific political contexts« (S. 189), wobei letztere – von den Problemen der Diktatzuweisung einmal abgesehen – oft nur hypothetisch benannt werden können, etwa die zeitliche Koinzidenz der häufigeren Verwendung von sublimitas und der Königserhebung Karls des Kahlen 848 in Orléans. Unmittelbare Verwertung können Shigeto Kikuchis Beobachtungen im »dicrimen veri ac falsi« finden.

    Morn Capper, »Titles and Troubles: Conceptions of Mercian Royal Authority in Eighth- and Ninth-Century Charters« (S. 209–229) zeigt, dass Erweiterungen des üblichen Titels rex Merciorum auf lokaler Ebene auf den Ausbau seiner Suprematie, besondere Umstände und Unsicherheit bei den urkundenproduzierenden Institutionen reagierten. Diese regionalen Variationen befriedigten die Bedürfnisse der Leser und Benutzer der Urkunden und geben Aufschluss »about how the exercise of royal power and ideology was received by the Mercian community« (S. 225).

    Elina Screen, »Lothar I in Italy, 834–40: Charters and Authority« (S. 231–252) erkennt u. a. anhand der 22 ausgestellten Urkunden – Ergebnisse ihrer Dissertation (Cambridge 1999) resümierend –, dass Lothar I. nach seiner Abschiebung nach Italien (834) und bis zur Wiederversöhnung mit Ludwig dem Frommen (839) seine Herrschaft in Italien eigenständig zu konsolidieren vermochte – mit Phasen der Unsicherheit 834/35, 836/37 und 838/39 – und seine Entourage und Unterstützer versorgte. Lothars Erfolg habe seinen Vater bewogen, ihn erneut in die Nachfolgeplanung einzubeziehen, und erkläre überdies die Unterstützung für ihn im Reich 833/34 und nach 840.

    Alaric Trousdale, »The Charter Evidence for the Reign of King Edmund (939–46)« (S. 253–274) wertet – unter der Voraussetzung einheitlicher Urkundenausstellung – die Zeugenlisten aus in Bezug auf die Entourage des Königs und das wechselnde »standing« der Zeugen, wagt Erklärungen für letzteres und vermag sich so den »different factions active in England in the 930s and 940s« (S. 271) zu nähern.

    Julie A. Hofmann, »Changes in Patronage at Fulda: A Re-Evaluation (S. 275–292) sucht, computergestützt und eine ältere Studie fortführend, nach weiblichen Donatoren im Material des »Codex diplomaticus Fuldensis«. Der Befund ist eindeutig: Nach dem steilen Anstieg der Fälle unter Karl dem Großen, in denen Frauen vornehmlich aus wenigen führenden Familien als Donatoren oder Zeugen auftreten, fallen die Zahlen unter Ludwig dem Frommen und Ludwig dem Deutschen deutlich, und zwar absolut wie auch relativ (Diagramm S. 278). Die Auswertung ist – über das Erkennen von Trends hinaus – mit großen methodischen Schwierigkeiten behaftet und führt kaum einmal zu belastbaren Aussagen, etwa über das personale Beziehungsgefüge zwischen Donatoren und Zeugen oder über die Rolle letzterer. »Despite all this, the real interpretive work must still be done by reading the charters themselves carefully« (S. 289).

    Ein Index (Namen, Sachen) beschließt den Sammelband.

    Jonathan Jarrett betont eingangs zu Recht, dass der methodensichere Umgang mit Urkunden nicht mehr Allgemeingut der Mediävisten ist. Uneingeschränkt zu begrüßen sind daher alle Initiativen, die urkundliches Material mit neuen Fragestellungen konfrontieren, erst recht im länderübergreifenden Vergleich, auch wenn sich nicht immer überzeugende oder befriedigende Antworten finden lassen. Gleichwohl kann all das nicht nur die Diplomatik weiterbringen, sondern v. a. auch der allgemeinen Geschichte zu neuen Einsichten verhelfen. Es wäre freilich zu wünschen, dass sich der Enthusiasmus der Jüngeren auch auf die in der »alten« Diplomatik übliche Kärrnerarbeit kritischer Editionen erstreckte, denn die sind schließlich die Grundlage aller potentiell neuen Fragestellungen. In dieser Hinsicht gibt es europaweit noch viel zu tun!

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    PSJ Metadata
    Theo Kölzer
    J. Jarrett, A. S. McKinley (ed.), Problems and Possibilities of Early Medieval Charters (Theo Kölzer)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000005435
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa
    Historische Hilfswissenschaften
    6. - 12. Jh.
    4015701-5 4062132-7
    500-1000
    Europa (4015701-5), Urkunde (4062132-7)
    PDF document jarrett_koelzer.doc.pdf — PDF document, 109 KB
    J. Jarrett, A. S. McKinley (ed.), Problems and Possibilities of Early Medieval Charters (Theo Kölzer)
    In: Francia-Recensio 2014/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-3/MA/jarrett_koelzer
    Veröffentlicht am: 25.09.2014 13:35
    Zugriff vom: 28.09.2020 12:07
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