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    H. Duchhardt, M. Espenhorst (Hg.), Utrecht – Rastatt – Baden 1712–1714 (Jörg Ulbert)

    Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Heinz Duchhardt, Martin Espenhorst (Hg.), Utrecht – Rastatt – Baden 1712–1714. Ein europäisches Friedenswerk am Ende des Zeitalters Ludwigs XIV., Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht ) 2013, 422 S., 18 Abb. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz,
    Beiheft 98), ISBN 978-3-525-10125-4, EUR 69,99.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jörg Ulbert, Lorient

    Die Friedensverträge von Utrecht (1712), Rastatt (März 1714) und Baden (September 1714) beendeten den seit 1701 dauernden Spanischen Erbfolgekrieg. Noch vor dem 300jährigen Jubiläum des letzten dieser Vertragswerke erschien die vorliegende Aufsatzsammlung. Der Band geht auf eine Tagung zurück, die im September 2012 in Baden/Aargau stattfand 1 . Sie setzte den Schlusspunkt eines dreijährigen Forschungsprojekts (»Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien im vormodernen Friedensprojekt. Europa 1450–1789« 2 ) des Leibnitz-Instituts für Europäische Geschichte Mainz, des Instituts für Europäische Kulturgeschichte Augsburg und der Staatsgalerie Stuttgart 3 .

    Zwei der auf der Tagung vorgestellten Beiträge wurden nicht zum Druck befördert, ein anderer, nicht zum Vortrag gebrachter, wurde hingegen nachträglich aufgenommen. So umfasst der Band einen französischsprachigen, zwei englischsprachige und 17 deutschsprachige Aufsätze.

    Es ist erklärtes Ziel des Unternehmens, keine »Rekonstruktion der Ereignisse« zu bieten, sich nicht auf die Protagonisten zu konzentrieren und die »materiellen Inhalte der zahlreichen Verträge« beiseite zu lassen. Das Interesse der Initiatoren lag vielmehr auf dem Thema »Übersetzungen und kommunikative Effekte im Friedensprozess« (S. 10).

    Er wurde von den Herausgebern keine formale Unterteilung in Kapitel vorgenommen. Doch lassen sich die meisten Beiträge grob einer von insgesamt drei thematischen Gruppen zuordnen.

    In der ersten werden – ganz entgegen der eingangs angekündigten wissenschaftlichen Ausrichtung – die politischen Interessen einiger der beteiligten oder betroffenen Staaten und diplomatische Detailfragen erörtert. Rolf Stücheli betreibt eine »helvetische Spurensuche« (S. 53) und behandelt die Auswirkungen des Friedens von Baden auf die Eidgenossenschaft (S. 53–69). Andrew C. Thompson erzählt die Friedensverhandlungen in Rastatt und Baden aus der Sicht Englands/Hannover nach (S. 71–89). Matthias Schnettger beschreibt die Rolle der mindermächtigen italienischen Fürsten auf den drei Friedenskongressen (S. 91–114). Lucien Bély (S. 115–128) stellt, klassisch diplomatiegeschichtlich wie Thompson, die Friedensverhandlungen aus französischer Perspektive dar. Auch der am Ende des Bandes befindliche Beitrag von Maria Baramova (S. 357–372) zur Deutung des Friedens von Baden im Osmanischen Reich (der sich jedoch in erster Linie mit dem Dreiecksverhältnis Paris-Wien-Konstantinopel nach 1650 beschäftigt) ist dieser Gruppe zuzuordnen. Ähnliches gilt für jene Aufsätze, die sich im weiteren Sinne mit Diplomatie und Friedensschlüssen im frühen 18. Jahrhundert beschäftigen: So versucht Hillard von Thiessen, die »Dynamiken und Kontinuitäten der Diplomatie« herauszuarbeiten und eine Typologie des zeitgenössischen Diplomaten zu entwerfen (S. 13–34). Christoph Kampmann stellt und beantwortet die Frage nach dem Zäsurcharakter der Friedensschlüsse von Utrecht, Rastatt und Baden für die internationalen Beziehungen im Allgemeinen und die Verständniskategorie »Dynastie« im Besonderen (S. 35–51). Den Nutzen des Friedens für die Untertanen der beteiligten Staaten beschreibt Heinhard Steiger (S. 141–165). Siegrid Westphal untersucht die Art und Weise, wie der Streitpunkt der Rijswijker Religionsklausel von den Badener Verhandlungspartnern bewusst ausgeblendet wurde, um den Friedensschluss zu ermöglichen (S. 167–183).

    Utrecht, Rastatt und Baden gelten gemeinhin als bedeutende Friedensverträge der Neuzeit. Zum einen weil sie eine »immerhin zwanzigjährige Friedensperiode in Westeuropa einleiteten« und zum anderen weil sie »zugleich eine Neujustierung der politischen Gewichte und Veränderung der Mächtekonstellationen« zur Folge hatten (S. 91). Auch wenn in Utrecht schon zuvor getroffene Entscheidungen nur »abgenickt« wurden (S. 95), brachte das Vertragswerk doch eine Reihe von Neuheiten. Es stellt die erste explizite Einführung des Gleichgewichtsprinzips in die internationale Politik dar. Gleichzeitig war es das erste seiner Art, das eine multilaterale Erbverzichtserklärung enthielt, dort wo zuvor nur bilaterale Abkommen geschlossen worden waren. Zudem fungierten die Niederlande hier erstmals als Garantiemacht einer solchen Abmachung, was, nach C. Kampmann, einem »revolutionären Schritt« gleichkam (S. 44–46). Während Utrecht also zumindest im Bereich der formalen Vertragspraxis ein Zäsurcharakter innewohnte, so brachte der Kongress von Baden in diesem Bereich wenig grundlegend Neues. Baden war »weder ein diplomatischer Neubeginn [...] noch der von den Protestanten befürchtete Rückfall ins konfessionelle Zeitalter« (S. 67–68). Zukunftsweisend war allenfalls, dass die neutrale Schweiz »als Gastgeberin eines europäischen Friedenskongresses in Anspruch genommen wurde«. Baden stand am Beginn einer langen Tradition helvetischer »Guter Dienste« für die Staatengemeinschaft (S. 69).

    Im Gegensatz zur ersten entspricht die zweite Aufsatzgruppe ganz und gar der im Vorwort angekündigten Zielvorgabe des Bands. Hier können jene Beiträge zusammengefasst werden, die sich mit »medialen Übersetzungen« beschäftigen, d. h. mit Situationen, in denen »das Medium gewechselt wird, also zwischen Sprache, Schrift, Bild usw. changiert wird« (S. 11). Fünf Aufsätze können dieser Kategorie zugeordnet werden: Martin Espenhorsts Arbeit zur Rezeption des Friedens in Staatsrecht und Historiografie im Jahrhundert nach den Friedensschlüssen (S. 275–302), jene Heinz Duchhardts, die sich mit dem Vorwort von Casimir Freschots Studie zur Berichterstattung über den Frieden von Baden in der französischen 1716 erschienen »Histoire du Congres et de la Paix d’Utrecht« beschäftigt (S. 303–312), Bernd Klesmanns Studie zur Berichterstattung über den Frieden von Baden in der französischen Presse und Publizistik (S. 313–334), Werner Teleskos Arbeit zu den visuellen Übersetzungsleistungen in der französischen Friedensikonografie (S. 373–393) und Ljudmila Ivoninas Untersuchung zur Rezeption des Friedens von Utrecht in der englischen Lyrik (S. 395–413).

    Schon während der Friedensverhandlungen in Utrecht entstanden in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden »meinungsbildende Friedenstexte« (S. 287). Nur in Spanien sucht man solche vergebens (S. 301). Kurz nach Abschluss der Verträge bestand das Bedürfnis, deren Inhalt international bekannt zu machen (S. 282), und sie »aus dem Kabinett in die Köpfe der Leser« zu befördern (S. 314). Dies geschah mittels Berichterstattung in der Presse, der Veröffentlichung mehr oder minder tendenziöser Monografien, durch das Medium der Druckgrafik (siehe Beispiele dazu auf den S. 330–334) und in der Dichtkunst.

    In eine dritte Gruppe können alle Beiträge eingeordnet werden, die sich mit sprachlichen Aspekten von Friedensschlüssen auseinandersetzen. Hierzu zählen Guido Brauns Arbeit zur Rolle des Italienischen in der diplomatischen Mehrsprachigkeit im 17. und frühen 18. Jahrhundert (S. 207–234), sowie Andrea Schmidt-Röslers (S. 235–259) und Kay Peter Jankrifts (S. 261–273) statistisch angelegte Aufsätze zur Sprachwahl in europäischen Friedensverträgen.

    Die Wahl einer Sprache für das Führen von Verhandlungen und die Ausfertigung von Friedensverträgen hatte nicht nur praktische Gründe sondern war immer auch Ausdruck der »politischen Machtverhältnisse und Ranghierarchien« (S. 230). Sprache war »Ausdruck staatlicher Souveränität« und deshalb ein Politikum (S. 236). Die Zeit um die Friedensschlüsse von Utrecht, Rastatt und Baden gilt gemeinhin als »Scheitelphase«, in der Latein und Italienisch als vorherrschende Sprache der Diplomatie an Bedeutung verloren und das Französische als solche ihren Siegeszug antrat (S. 235). Latein wurde nach 1648 nicht mehr wie zuvor als neutrale (S. 268) sondern vermehrt als konfessionelle Sprache wahrgenommen, die mit dem Vatikan gleichgesetzt wurde. Auch das Italienische galt nun als katholisch. Beide Idiome wurden nach dem Westfälischen Frieden von den protestantischen Mächten gemieden (S. 234). Plötzlich von der diplomatischen Bildfläche verschwunden sind sie deshalb jedoch nicht. Die statistische Auswertung von 2000 frühmodernen Verträgen belegt zwar eine Zunahme des Französischen nach 1647, die anderen Sprachen wurden dadurch aber nicht vollständig verdrängt (S. 243–245). Französisch wurde zunächst nur dann benutzt, wenn Frankreich auch in die Verträge einbezogen war. So wurde zwischen 1648 und 1712 kein einziger französischsprachiger Vertrag ohne Beteiligung der französischen Krone abgeschlossen (S. 248). Erst in der Folgezeit begannen Staaten Französisch als Sprache für ihre Verträge zu wählen, ohne dass die Bourbonen sie unterschrieben hätten.

    Drei Aufsätze sind keiner Großgruppe klar zuzuordnen. Dies gilt für die ansonsten sehr interessanten Beiträge von Maximilian Lanzinner (S. 185–206) und Olaf Asbach (S. 335–355, in dem die S. 346 jedoch fehlt). Lanzinner untersucht die Beglaubigungspraktiken der Westfälischen Friedensverträge. Die Frage nach der »Stellung des ›aufgeklärten‹ Europa« (und insbesondere des Abbé Saint-Pierre) zum Osmanischen Reich beschäftigt Olaf Asbach. In beiden Aufsätzen spielen Utrecht, Rastatt und Baden aber allenfalls eine untergeordnete Rolle. Auch Wolfgang E. J. Webers Arbeit über die »normative Freigabe der politischen Informationslenkung« (S. 129–140) steht in keinem klaren Bezug zu den Friedensschlüssen von 1713/1714 oder einer anderen Zielsetzung des Bandes.

    Es erübrigt sich fast, die uneinheitliche Qualität der einzelnen Beiträge zu erwähnen. Wie bei Tagungsbänden unvermeidlich, gibt es auch hier vorzügliche Studien und solche, die einer breiteren Öffentlichkeit durchaus hätten vorenthalten werden können. Es überrascht mittlerweile auch nicht mehr, dass Güte und Arbeitsaufwand der Aufsätze nicht zwangsläufig im symmetrischen Verhältnis zum akademischen Ruf der Autoren stehen.

    So handelt es sich bei dem Sammelband um kein bahnbrechendes Werk, das neue, zukunftsweisende Wege beschreiten oder methodisches Neuland betreten würde. Das Buch vertieft und erweitert jedoch zweifelsohne unsere Kenntnisse frühneuzeitlicher Friedensschlüsse im Allgemeinen und der Kongresse von Utrecht, Rastatt und Baden im Besonderen. Einen Platz in jeder mit der Thematik befassten Bibliografie hat es sich damit allemal gesichert.

    1 Siehe den Tagungsbericht von Monika Frohnapfel auf: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4579 .

    2 Siehe den Internetauftritt des Projekts: http://www.uebersetzungsleistungen.de .

    3 Eine Gesamtübersicht über die aus dem Projekt hervorgegangenen Publikationen ist zu finden unter: http://www.uebersetzungsleistungen.de/forsch_publikationen.html .

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Jörg Ulbert
    H. Duchhardt, M. Espenhorst (Hg.), Utrecht – Rastatt – Baden 1712–1714 (Jörg Ulbert)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Militär- und Kriegsgeschichte, Politikgeschichte, Rechtsgeschichte
    17. Jh., 18. Jh.
    4011882-4 4465516-2 1033993174 4837852-5
    1712-1714
    Deutschland (4011882-4), Baden Aargau / Friede (4465516-2), Friede von Utrecht, 1713 (1033993174), Rastatt / Friede (4837852-5)
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    H. Duchhardt, M. Espenhorst (Hg.), Utrecht – Rastatt – Baden 1712–1714 (Jörg Ulbert)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/FN/duchhardt-espenhorst_ulbert
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:30
    Zugriff vom: 09.07.2020 02:45
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