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    M. von Gehren, Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar (Thomas Wozniak)

    Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Miriam von Gehren, Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Zur Baugeschichte im Zeitalter der Aufklärung, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2013, 391 S., ISBN 978-3-412-20960-5, EUR 49,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé

    Thomas Wozniak, Marburg/Lahn

    Am 2. September 2004 – kurz vor einer geplanten Auslagerung des Buchbestandes – löste ein defektes Elektrokabel einen verheerenden Brand in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar aus, dem 50 000 hochkarätige Bände zum Opfer fielen. 62 000 Bände konnten durch Hitze und Löschwasser nur beschädigt geborgen werden. Vor diesem tragischen Hintergrund ist die hier zu besprechende und an der TU Berlin eingereichte Dissertation von Miriam von Gehren, die sich ausführlich mit der Baugeschichte der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek beschäftigt, nur zu begrüßen. Die in fünf große Teile gegliederte Arbeit enthält neben 62 Schwarz-Weiß-Abbildungen auch eine erfreulich große Zahl von 43 Farbtafeln, zudem hilft ein Personenregister (ein Ortsregister fehlt) bei der Benutzung des Bandes.

    Zu Beginn werden die Wechselbeziehungen zwischen Anna Amalias persönlichen Interessen und den zeitgenössischen (Rollen-)Erwartungen an die Frau als Bauherrin hinterfragt. Als wichtigstes Ergebnis der ersten Kapitel lässt sich festhalten, dass Anna Amalia zwar als Musikerin und als Gestalterin von Parks und Gärten hervortrat (S. 37), aber die früher gern behauptete persönliche Initiative zur Bibliotheksförderung nicht nachzuweisen ist (S. 14). In jüngster Zeit ist Anna Amalia durch Berger von einigen Mythen befreit worden und die Ergebnisse dieser Arbeit sind im Kapitel 1 (bspw. S. 42–62) und teilweise im Kapitel 2 zusammengefasst und durch eigene Forschungen ergänzt worden. Dies reicht vom »traditionellen Erziehungsschema von Prinzessinnen« (S. 31) über die Bedeutung und Instrumentalisierung des Dilettantismus (S. 38) bis zum prachtvollen und zeremoniösen Hofleben als Herrschaftsinstrument gegenüber den Untertanen und zur Domestizierung des territorialen Adels (S. 55). Da der »aufgeklärte« Herrscher für Versittlichung und Tugendhaftigkeit durch die Förderung der Bildung sorgte, wurde die fürstliche Bibliothek zum Repräsentationsinstrument der Dynastie. Für Anna Amalia bleibt aber festzuhalten, dass sie den Bibliotheksetat nicht erhöht hat (S. 62f.). Interessant dann die Anmerkungen, dass neben die fürstliche Bibliothek die Privatbibliothek Anna Amalias mit 5000 Bänden trat, die zu den umfangreichsten Bibliotheken deutscher Fürstinnen gezählt werden kann. Aufschlussreich auch die Beobachtungen, dass Anna Amalia viel zeitgenössische Literatur in der Auseinandersetzung um »Gender«-Fragen rezipierte. Nach dem Ausbau ihrer Privatbibliothek war diese jedoch so öffentlich, dass sie sich zusätzlich noch eine »Hausbibliothek« einrichtete. Während die beiden ersten Kapitel auf die Person Anna Amalias und die Entwicklung der Bibliotheksbestände ausgerichtet sind, geht es im dritten und vierten Kapitel um die Baugeschichte der fürstlichen Bibliothek. Die Vorgeschichte des sogenannten »Grünen« oder »Französischen Schlosses« seit seiner Errichtung in den Jahren 1562–1569 bis zum Umbau als Bibliothek in den sechs Jahren bis 1766 wird detailliert dargestellt. Das Schloss war 1618 zur Hälfte abgebrannt und stand nach einer Nutzung als Zeughaus 1732 bis 1748 längere Zeit leer. Für die Bezeichnung »Grünes Schloss« werden mehrere Erklärungen wahrscheinlich gemacht (u. a. Oxidierung des Kupferdachs). Die Explosion der Kosten und die Überschreitung der Bauzeit um fünf Jahre erinnern an moderne Bauvorhaben (S. 109–111). Daran schließt sich die minutiöse Baubeschreibung der fürstlichen Bibliothek zwischen 1760 und 1766 an (S. 111–126), bei der besonders der Schlossbrand von 1774 (S. 125) erwähnenswert scheint, da er bereits in einer früheren Bauphase die Brandgefahr vergegenwärtigte. Der ausführliche Vergleich der Entwürfe der Architekten Straßburger und Schmidt kommt zum Ergebnis, dass Straßburgers Entwurf aufgrund geringerer Kosten bei größerem Platzangebot der Vorzug gegeben wurde (S. 131). Zeitgenossen, wie Johann Wolfgang v. Goethe, Christian Gottlob v. Voigt und Herzog Carl August, griffen wiederholt in die Bauplanung ein, die zunehmend zu einer klassizistischen Gestaltungsweise geführt wurde (S. 137). Bemerkenswert ist dabei, dass insbesondere Goethes Brandschutzmaßnahmen von 1825 im Jahr 2004 eine weitere Ausbreitung des Feuers verhinderten (S. 141). Weitere Feuerschutzpläne wurden 1844 umgesetzt. Obwohl es seit 1844/49 zu keiner Raumerweiterung mehr gekommen war, hat sich der Gesamtbestand zwischen 1875 (170 000) und 1998 (910 000) um das Fünffache gesteigert (S. 146). Nach dem Brand im Jahr 2004 wurde als Orientierungsdatum für die Rekonstruktion der Zeitraum um 1850 gewählt.

    Da die fürstliche Bibliothek zu Weimar »einer der ersten freistehenden Bibliotheksneubauten im deutschsprachigen Raum außerhalb eines höfischen Gefüges seit der Antike« (S. 153) gewesen ist, lagen den Architekten kaum zeitnahe Vorbilder oder gar ein Formenkanon vor. Deshalb wird in Kapitel 4 anhand der Beispiele der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel und der kaiserlichen Hofbibliothek Wien auf die Bibliotheksneubauten vom 17. bis 19. Jahrhundert eingegangen. Bibliotheken waren bis dahin vor allem ein Teil im Gefüge der kostbaren Kabinette (Sammlung von Medaillen, Naturalien, Antiquitäten, Mineralien, Versteinerungen) und sollten eine bestmögliche Platzausnutzung und möglichst komfortable Benutzung ermöglichen (S. 159). Die folgenden Kapitel bilden eine kurze Übersicht über die Entwicklung der Bibliotheksgebäude seit der Antike, über die zweischiffigen Pultbibliotheken der Klöster (Göttweig, Melk, Wien, St. Florian, Admont) sowie die Universitäts- und Stadtbibliotheken. Weimar ist dabei mit seiner Ausnutzung des Dachbodens ein frühes Beispiel auf dem Weg vom Funktionswandel einer »Bibliothek als fürstlichem Repräsentationsinstrument zum öffentlichen Gebrauchsinstrument«(S. 225, 241). In den folgenden Kapiteln wird versucht, Bezüge zu zeitgenössischen Architekturtheorien, zum protestantischen Kirchenbau und zum Theaterbau zu finden. Insbesondere die Letztgenannten wirken aber teilweise sehr konstruiert.

    Fazit: Die Bedeutung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek aufgrund ihrer Bestände wie auch ihrer besonderen Geschichte wurde nicht erst mit ihrer Zerstörung überregional wahrgenommen. Die vorliegende Studie zeigt aber, wie ein abseits vom Residenzschloss gelegenes eigens als Bibliothek konzipiertes Gebäude, das zeitgemäße Formen der Repräsentation (Saalbibliothek mit Wandsystem) mit Zweckmäßigkeit (Stellfläche im umgebenen Raum) verband und sich durch die Unterbringung der Bücher im Mansardgeschoss als Vorläuferin einer Magazinbibliothek präsentiert, Mitte des 18. Jahrhunderts noch ein nahezu einzigartiges Vorhaben war. Die übersichtliche Untersuchung führt die bisherigen biografischen, bibliothekarischen und bauhistorischen Erkenntnisse zusammen und gibt einen gut lesbaren Überblick über die architektonische Bibliotheksgeschichte im Kontext der Frühaufklärung.

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    PSJ Metadata
    Thomas Wozniak
    M. von Gehren, Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar (Thomas Wozniak)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Bibliotheksgeschichte, Archivgeschichte, Geschichte der Dokumentation
    18. Jh., 19. Jh.
    1041698933 4006443-8 4278250-8
    1760-1900
    Bibliotheksbau der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek Weimar (1041698933), Bibliotheksbau (4006443-8), Kulturgebäude (4278250-8)
    PDF document gehren_wozniak.doc.pdf — PDF document, 90 KB
    M. von Gehren, Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar (Thomas Wozniak)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/FN/gehren_wozniak
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:30
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:04
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