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    M. Müller, K.-H. Spieß, U. Friedrich (Hg.), Kulturtransfer am Fürstenhof (Heinz Noflatscher)

    Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Matthias Müller, Karl-Heinz Spieß, Udo Friedrich (Hg.), Kulturtransfer am Fürstenhof. Höfische Austauschprozesse und ihre Medien im Zeitalter Kaiser Maximilians I., Berlin (Lukas Verlag) 2013, 309 S., 120 Abb. (Schriften zur Residenzkultur, 9), ISBN 978-3-86732-155-6, EUR 36,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Heinz Noflatscher, Innsbruck

    Der vorliegende Band ist aus dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Verbundprojekt » Prozesse des Kulturtransfers an deutschen Fürstenhöfen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit « (2006–2009) und einer Tagung (2008) in Greifswald entstanden. Am Projekt waren kunsthistorische, historische und germanistische Fachvertreter beteiligt. Die Publikation steht in einem engen Forschungskonnex: So befassten sich im Projektzeitraum etwa ein Erlanger und Schweizer Graduiertenkolleg mit der Thematik des Kulturtransfers im Mittelalter bzw. seit der Renaissance; 2007 fand ebenso in Greifswald eine Tagung zum Thema »Kultureller Austausch in der Frühen Neuzeit « statt, wobei gegenüber älteren Forschungen nationale Kulturen als Akteure in den Hintergrund traten. Ein Jahr später diskutierte in Wien ein Symposium gegenseitige Wahrnehmungen von Höfen, auf dem im europäischen Kontext ähnliche Themen wie Information, Konkurrenz, Anpassung, Vorbildhaftigkeit und eben auch Austausch behandelt wurden 1 .

    Unter den neun Beiträgen stammen sechs aus der Kunstgeschichte, zwei aus der Geschichte und ein (umfangreicher) aus der Germanistik, sodass ein deutlicher Schwerpunkt auf den kunsthistorischen Themen liegt. Gleichwohl ist der Ertrag reichhaltig und sind die Beiträge ebenso für die Geschichtswissenschaft von größtem Interesse, nicht nur wegen des gemeinsamen Sujets und da sich Nachbarwissenschaften verstärkt auf historische Kontexte einließen, sondern da man sich auch mehr oder weniger auf ein gemeinsames Forschungsdesign einigen musste. In der Tat orientieren sich fast alle Beiträge in theoretischer Hinsicht an Konzepten zum Kulturtransfer, kulturellen Austausch oder zur kulturellen Mobilität, wie sie Michel Espagne/Michael Werner, Peter Burke bzw. Stephen Greenblatt und in Zentraleuropa Matthias Middell, Wolfgang Schmale, Bernd Kortländer und Helga Mitterbauer entwickelt hatten. Als Untersuchungsraum dienen das Alte Reich, als Zeitraum das späte Mittelalter und das frühere 16. Jahrhundert, mit einem Schwerpunkt auf der Aetas Maximiliana.

    Die Herausgeber thematisieren einleitend die unterschiedlichen Zugänge der beteiligten Disziplinen zur Kulturtransfer-Forschung sowie den Quellenwert von Bildwerken und Fürstenschätzen. Im letzteren Fall seien die Grenzen des Forschungsansatzes schmerzhaft deutlich geworden, indem bestenfalls – oder immerhin – nur einzelne Glieder eines möglichen Transfers aufzeigbar waren, da sich (relativ gesehen) fast keine Objekte mehr erhalten haben. Birgit Franke und Barbara Welzel monieren im ersten Beitrag die bislang nationalstaatliche Kartierung des Goldenen Dachls. Den dort abgebildeten, eben »fremdartigen « (S. 27) Moriskentanz interpretieren sie dynamisch, aus der Perspektive zeitgenössischer und heutiger Reisender sowie als Teil des spätmittelalterlichen Erzählflusses. Der Beitrag ist methodisch alternativ, mit stark narrativen Passagen und anscheinend nach Art des »Scene Setting « (Susan Mann) geschrieben. Ebenso mit dem Hof Maximilians I. befasst sich die folgende umfangreiche Studie Beate Kellners. Der an sich innovative Aufsatz behandelt »Muster genealogischer Herrschaftslegitimierung in den Geschichtskonstruktionen im Umfeld Maximilians « (S. 52), sodass er – im Gesamtkonzept des Bandes – als etwas erratisch erscheint. Ute Kümmel untersucht Kulturtransferprozesse anhand von spätmittelalterlichen Schätzen vor allem deutscher Fürsten und Fürstinnen, unter anderem mittels »unzähliger « Reiseberichte, und zwar hinsichtlich der Themen Heirat, Reisetätigkeit und Beuteschätze. In einer Parallelstudie spürt Carola Fey dem spätmittelalterlichen höfischen Austausch von Sakralgegenständen am Beispiel dreier Wittelsbacher europaweit nach.

    Stephan Hoppes architekturhistorischer Beitrag zu den Wittelsbacher Residenzen in Landshut und Neuburg gewährt zugleich interessante Einblicke in die Werkstatt, also in »Strategien der kunsthistorischen Kategorienbildung « (S. 139). Der Autor kritisiert überzeugend die einseitig gerichteten Vektoren in Karten zu kulturellen Verbreitungsprozessen, verwendet aber tendenziell ebenso das einseitig orientierte Kaskaden- und Gefällemodell . Ulrich Pfisterer analysiert in akrobatischer Höhe mit Jacopo de’ Barbari Wahrnehmung und Spott eines südeuropäischen Künstlers im Norden. Barbaris Gemälde eines alten Mannes (möglicherweise sogar des alternden Celtis) , der ein Mädchen umarmt, deutet er als ein Werk, das »eigentlich den Kulturtransfer und die Differenz zwischen Italien und dem Norden, speziell dem »deutschen « Gebiet, zum Thema hat « (S. 193). Den Faden »Barbari« führt Beate Böckem in ihrem Beitrag fort. Sie untersucht dessen Laufbahn im Dienst Maximilians I., also seine Lebensstation als Hofkünstler in einer Großstadt, in Nürnberg, und seine Kontakte zu Schedel und Dürer, mikrohistorisch, im größtmöglichen Detail. Mit Lucas Cranach d. Ä. »nützt« Elke Anna Werner einen weiteren Hofkünstler, um Transferprozessen vor allem mittels Analysen von »internationalen Netzwerken « (S. 245), die nach Italien und in die Niederlande reichten, nachzuspüren. Als deren Mittler erscheint der Kurfürst. Der Beitrag von Ruth Hansmann widmet sich dem kulturellen Austausch zwischen den Höfen der ernestinischen Wettiner und der Gonzaga in Mantua im früheren 16. Jahrhundert, im Zuge dessen sich ein »ästhetisches Profil « (S. 283) durch die Entwicklung eines spezifischen Fürstenporträts ausgebildet habe.

    Im Sammelband lässt sich ein Schwerpunkt auf dynastischen Rivalitäten erkennen, indem neben dem kaiserlich-habsburgischen Hof vor allem die Höfe und Residenzen der Wittelsbacher und ernestinischen Wettiner behandelt werden. Es mag jedoch überraschen, dass bei der theoretischen Fundierung der Beiträge, zumal für vormoderne, also vornationale höfische Kulturen, nicht auch der Begriff des »Hybrids« und synkretistisches Verhalten einbezogen wurden. Gerade Höfe des Untersuchungszeitraums waren von pluralen kulturellen Identitäten geprägt. Die Fragestellung »Kulturtransfer an deutschen Fürstenhöfen « bzw. »im Alten Reich « , wiederum steht in einem gewissen Gegensatz zu transnationalen beziehungsweise transterritorialen Perspektiven ebenfalls in der jüngeren Hofforschung; freilich erscheint eine räumliche Fokussierung des Themas als durchaus sinnvoll. Sie impliziert aber eine verdichtete kulturelle Kommunikation dieser Fürsten, was angesichts der politischen Rahmenbedingungen wie der Reichsöffentlichkeit und damit verbundener Konkurrenz auch naheliegt. So wäre mit Blick auf den anders verlaufenden Trend in der Erforschung kultureller Mobilität eine entsprechende Thematisierung vermutlich hilfreich gewesen.

    Weiterführend könnte sein, künftig den Kreis der Träger und Trägerinnen ( agents ) kultureller Übertragung auszuweiten, also neben den Fürsten und Künstlern andere mitreisende oder mitresidierende Hofmitglieder verstärkt einzubeziehen, oder Gäste wie Boten und Gesandte, Jugendliche, zudem Flüchtlinge, um so den Hof als pulsierendes kulturelles Zentrum zu deuten. Leider ist auch dieses Tagungsprogramm im Web anscheinend nicht mehr vorhanden. Wie auch immer, die Desiderate sollen die dichten Forschungsleistungen der versammelten Beiträge keineswegs mindern, zumal das Studium von Kulturtransferprozessen zu den besonders schwierigen Gegenständen spätmittelalterlicher Forschung zählt.

    1 Werner Paravicini, Jörg Wettlaufer (Hg.), Vorbild – Austausch – Konkurrenz. Höfe und Residenzen in der gegenseitigen Wahrnehmung, Ostfildern 2010 (Residenzenforschung, 23).

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    PSJ Metadata
    Heinz Noflatscher
    M. Müller, K.-H. Spieß, U. Friedrich (Hg.), Kulturtransfer am Fürstenhof (Heinz Noflatscher)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Sozial- und Kulturgeschichte
    15. Jh., 16. Jh.
    4011882-4 4122200-3 4160343-6 4165992-2
    1460-1520
    Deutschland (4011882-4), Höfische Kultur (4122200-3), Höfische Kunst (4160343-6), Kulturvermittlung (4165992-2)
    PDF document mueller_noflatscher.doc.pdf — PDF document, 103 KB
    M. Müller, K.-H. Spieß, U. Friedrich (Hg.), Kulturtransfer am Fürstenhof (Heinz Noflatscher)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/FN/mueller-spiess-friedrich_noflatscher
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:35
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:55
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