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    C. Baechler, Clergé catholique et politique en Alsace 1871–1940 (Thies Schulze)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Christian Baechler, Clergé catholique et politique en Alsace 1871–1940, Strasbourg (Presses universitaires de Strasbourg) 2013, 251 p. (Études alsaciennes et rhénanes), ISBN 978-2-86820-505-6, EUR 24,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Thies Schulze, Münster

    Besonders nach Gründung des Deutschen Reichs spielte der politische Katholizismus im Elsass eine wichtige Rolle. In der stark vom Katholizismus geprägten Region gehörten Priester zu den einflussreichsten politischen Akteuren und konnten neben politischen Organisationen und religiösen Netzwerken auch ein eigenes Presse- und Vereinswesen zu politischen wie auch religiösen Zielen nutzen. Noch nach 1919 hat die katholische Regionalpartei UPR, deren Kurs wesentlich von Geistlichen mitbestimmt wurde, einen maßgeblichen Einfluss auf die regionale und lokale Politik ausüben können. Erstaunlicherweise hat die historische Forschung diesem Umstand bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen.

    Einen Versuch, diese Lücke zu schließen, unternimmt Christian Baechlers jüngstes Werk »Clergé catholique et politique en Alsace 1871–1940«. Der Verfasser, der sich in früheren Publikationen bereits mit Aspekten der elsässischen Regionalgeschichte zwischen den Weltkriegen befasst hat, widmet dem elsässischen Klerus ein gut 250 Seiten starkes Buch. Im Wesentlichen besteht der Band aus einer Zusammenstellung von Aufsätzen und Teilen anderer Publikationen, die Baechler in den 1980er Jahren veröffentlicht hat. Neben der dreiseitigen Einleitung und der ebenso langen Zusammenfassung wurden lediglich die Abschnitte über Nicolas Delsor und Eugène Muller neu verfasst; und selbst in ihnen begegnen der Leserschaft mitunter vertraute Textpassagen. Folglich vermag das Buch nur wenig Neues über das Wirken katholischer Geistlicher im Elsass zu präsentieren. Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen – um es vorwegzunehmen – zwar unvollständigen, aber außerordentlich kenntnisreich geschriebenen und gut lesbaren Einblick in einen Gegenstand, der von der historischen Forschung bislang vernachlässigt worden ist.

    Baechler wählt einen biografischen Zugang zu seinem Untersuchungsgegenstand: Die Lebensläufe von vier elsässischen Priestern, Nicolas Delsor, Émile Wetterlé, Xavier Haegy und Eugène Muller, bilden den Kern des Buches. Ein Kapitel über den elsässischen katholischen Klerus und seine politischen Aktivitäten (1871–1939) sowie eines über die Rezeption des Sozialkatholizismus’ unter den Katholiken im Elsass sollen helfen, die verschiedenen Teile des Bandes zusammenzubinden. Der biografische Zugang ist eine Stärke und eine Schwäche zugleich. Zweifellos zeigen die vier Lebensläufe interessante Parallelen, aber auch einige Unterschiede auf. Dass der Kampf der Priesterschaft gegen staatliche Machtansprüche in Preußen-Deutschland begann und die Geistlichen auf die eine oder andere Weise in Konflikte mit der Staatsautorität gerieten, bedeutete keinesfalls, dass sich die Priesterschaft auf eine gemeinsame politische Linie verständigen konnten. Zwar stellt Baechler an mehreren Stellen Ähnlichkeiten in den Priesterbiografien fest – so etwa im Erfahrungshorizont einer Generation, die die Reichsgründung in frühen Jahren miterlebt hat (S. 63). Dennoch liegen Welten zwischen den politischen Ansichten eines Abbé Wetterlé, der im Ersten Weltkrieg nach Innerfrankreich flüchtete und sich nach der Rückgliederung des Elsass in den französischen Staat als französischer Patriot verstand, und eines Abbé Haegy, der Ende der 1920er Jahre zu einem der wichtigsten Wortführer der elsässischen Autonomiebewegung wurde. Überdies zeigt Baechler anhand der vier Biografien überzeugend politische Kontinuitäten auf, die weite Teile des elsässischen Klerus prägten. Die reservierte Haltung gegenüber dem Bismarck-Staat ging nach dem Ersten Weltkrieg nicht selten in ein Misstrauen gegenüber dem französischen Zentralismus über. Es ist naheliegend, dass das Regionalbewusstsein gerade wegen dieser doppelten Abgrenzung besonders gestärkt wurde.

    Der biografische Zugriff erweist sich hingegen in anderer Hinsicht als problematisch: Zwar handelt es sich bei den vier biografischen Skizzen um Personen, die zweifellos wichtige politische Funktionen innehatten und den politischen Katholizismus im Elsass maßgeblich mitbestimmten. Dennoch bleibt die Frage offen, inwiefern die vier Lebensläufe tatsächlich als repräsentativ für eine ganze Priestergeneration angesehen werden können, wie Baechler behauptet (S. 6). Sicherlich waren alle vier Priester in der regionalen Politik außerordentlich einflussreich. Dennoch erfährt man wenig über die Rolle, welche die Priesterschaft gesellschaftlich gespielt hat. Die Frage, inwiefern überhaupt von einer einheitlichen politischen Ausrichtung des elsässischen Klerus die Rede sein kann, wird allenfalls unzureichend beantwortet.

    Die Auseinandersetzung mit den Priester-Biografien führt zu einer starken Gewichtung der Zeit des Kaiserreiches. Dies hängt zu einem Teil mit dem Umstand zusammen, dass Delsor 1927 und Haegy im Jahr 1932 starben und Wetterlé 1924 das Elsass verließ, um die Arbeit als Konsultor an der französischen Vatikanbotschaft anzutreten. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, mehr über das Verhalten der elsässischen Priesterschaft nach Ende des Ersten Weltkriegs zu erfahren. Wenn der Verfasser – sicherlich zu recht – konstatiert, dass die politische Bedeutung des elsässischen Klerus’ unter der Dritten Republik langsam zurückging (S. 28), so kontrastiert dieser Befund mit der tragenden Rolle der katholischen Kirche in den Auseinandersetzungen in den 1920er und 1930er Jahren um die Einführung interkonfessioneller Schulen oder um eine größere regionale Autonomie. Sicherlich bot die Dritte Republik einen Rahmen, der kirchliche Opposition gegen die Regierung nicht allein erschwerte, sondern in einigen Bereichen im Vergleich mit dem deutschen Kaiserreich auch erleichterte.

    Zweifellos kommt das Buch einer Aufsatzsammlung näher als einer Monografie. Daher erscheinen thematische Lücken bis zu einem gewissen Grad verzeihlich. So stehen auch Fragen der neueren Forschung nach transnationalen und transregionalen Zusammenhängen nicht im Vordergrund von Baechlers Veröffentlichung. Nur vereinzelt geht der Verfasser auf Kontakte zwischen den elsässischen Geistlichen und der Lothringer Priesterschaft, den Katholiken aus Saargebiet und Rheinland oder aus »innerfranzösischen« Regionen ein. Auch über den Einfluss der vatikanischen Politik auf die elsässischen Geistlichen, den Baechler mitunter als Erklärung für das Verhalten der Priesterschaft nennt (z. B. S. 20, 232), erfährt die Leserschaft wenig. Es ist indes ein großer Vorzug des Buches, dass es auf exemplarische Weise einen gut fundierten, aufschlussreichen und quellennahen Einblick in die politische Rolle der Priesterschaft im Elsass gewährt. Durch seinen biografischen Zugang bietet es eine beeindruckende Fülle an Informationen über die politischen Prozesse im Elsass.

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    PSJ Metadata
    Thies Schulze
    C. Baechler, Clergé catholique et politique en Alsace 1871–1940 (Thies Schulze)
    CC-BY 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    19. Jh., 20. Jh.
    4014500-1 2009545-4 4031147-8 4076232-4
    1871-1940
    Elsass (4014500-1), Katholische Kirche (2009545-4), Klerus (4031147-8), Politisches Engagement (4076232-4)
    PDF document baechler_schulze.doc.pdf — PDF document, 259 KB
    C. Baechler, Clergé catholique et politique en Alsace 1871–1940 (Thies Schulze)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/baechler_schulze
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:40
    Zugriff vom: 16.10.2019 19:32
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