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    M. Baumzecer, Ich versprach der Mutter heimzukehren (Dominik Michel)

    Francia-Recensio 2014/419./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Moniek Baumzecer, Ich versprach der Mutter heimzukehren. Mein Leben zwischen Radom und Paris. Mein Leben zwischen Radom und Paris. Hg. von Ulrich Baumann und Uwe Neumärker, Berlin (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) 2013, 101 S., 43 Abb., ISBN 978-3-942240-09-3, EUR 5,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Dominik Michel, Würzburg

    Ist nicht längst alles bekannt und bereits geschrieben worden über die Shoah und die nationalsozialistischen Konzentrationslager? Was können wir noch Neues erfahren? Moniek Baumzecers Buch gibt durchaus Anlass, über einzelne Facetten des Holocaust neu nachzudenken. Anders als seine Familie, die im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) umgekommen ist, wurde der Autor nicht Opfer der systematischen Deportationen in die Vernichtungslager des »Ostens«. Seine Geschichte nötigt den Leser zu einer differenzierteren Betrachtung der nationalsozialistischen Judenverfolgung.

    Durch Ausnahmeregelung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) wurde der 1919 im polnischen Radom geborene Autor im Dezember 1940 aus dem Ghetto Lódź zunächst »in den Westen« verbracht, um beim Reichsautobahnbau zur Zwangsarbeit eingesetzt zu werden. Wegen des Verhältnisses zu einer Deutschen wurde er der »Rassenschande« angeklagt und im November 1942 als jüdischer »Schutzhäftling« ins KZ Mauthausen eingeliefert. Acht Monate später wurde er auf allgemeine Weisung Himmlers 1 von dort ins KZ Auschwitz überstellt. Zu diesem Zeitpunkt gehörte er zu einer Minderheit von jüdischen »Schutzhäftlingen« im KZ-System. Wie Daniel Blatman einmal zu Recht bemerkte, handelt es sich bei den Insassen des Systems der nationalsozialistischen Konzentrationslagern um ein ganz »eigenen Mikrokosmos von Opfern des NS-Terrors«. Dies gerät nur allzu leicht aus dem Bewusstsein, wenn wir uns mit der Geschichte der Shoah beschäftigen, die im kollektiven Gedächtnis in erster Linie mit den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Chelmno, Sobibór, Belżc und Majdanek in Polen verbunden wird. Wie eng im Einzelfall aber die Verzahnung von Vernichtungspolitik und Konzentrationslagersystem war und wie unterschiedlich die Schicksale von Deportierten manchmal verlaufen konnten, legt dieser Lebensbericht dem Leser in eindrücklicher Weise nahe.

    Die französische Fassung »J’avais promis à ma mère de revenir« erschien 2006 bei den Éditions Le Manuscrit und basiert auf mehreren Zeitzeugeninterviews, deren Filmaufnahmen sich im Archiv der »Fondation de l’histoire de l’audiovisuel de la Shoah« in Paris befinden (siehe Vorwort). Die 100 Seiten umfassende deutsche Ausgabe konnte 2013 in deutsch-französischer Kooperation als neunter Band der inzwischen zehn Bände umfassenden Zeitzeugenreihe der »Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas« erscheinen.

    Der Text folgt dem gängigen Muster von Zeitzeugenberichten durch den chronologischen Aufbau der Erzählung. In »dem ihm eigenen« nüchternen und unprätentiösen Stil schildert der Autor seine Lebensgeschichte, beginnend bei der Kindheit in Polen, über den Ausbruch des Kriegs, gefolgt von der Lagerzeit bis hin zur Befreiung und der anschließenden Rückkehr ins zivile Leben. Bereichert werden seine Lebenserinnerungen um einige ergänzende Ausführungen des Herausgebers im Nachwort (S. 66–74). Dabei ist die gebotene Ausgewogenheit bei der Kontextualisierung gelungen. Sie bietet dem Leser eine präzise Einordnung in die breiteren historischen Zusammenhänge, ohne ihn mit fruchtlosen faktengesättigten Exkursen zu überfrachten. Ein stattlicher Anhang mit zahlreichen Fotografien, Bildern und Dokumenten illustriert die Erzählung zum Abschluss nachhaltig.

    In den ersten Erzählkapiteln porträtiert Baumzecer sich selbst und seine Familie. Dabei gibt er einen interessanten Einblick in die jiddische Kultur seiner Kindertage in Polen. Der besondere Charakter des Buches liegt in der starken Verbundenheit des Autors zu den jüdischen Traditionen, die er dem Leser in vielfältiger Weise nahebringt. Baumzecer , der in jungen Jahren eine umfassende Bildung in einer Talmudschule erhielt – und wenn es nach dem Vater gegangen wäre, eigentlich hätte Rabbi werden sollen – identifiziert sich, obgleich er sich nicht als gläubig bezeichnet, mit dem Judentum in einer Weise, die ihm dazu eingedenk ist, die wenigen glücklichen Erinnerungen zu bewahren, die ihm noch aus dieser Zeit geblieben sind. »Wenn ich die Sabbatkerzen anzünde, so tue ich das aus Erinnerung an das Haus meiner Kindheit« (S. 64). Sich dieser Wurzeln zu erinnern, scheint ihm eine konkrete Form der Schmerzbewältigung und der Trauer um seine Familie zu ermöglichen. Wohl nicht zuletzt deshalb ermuntert er seine Enkel am Ende kämpferisch und liebevoll zugleich, sich ihr Judentum – und damit ihre Identität – zu bewahren (»qu’ils restent juifs«).

    Der Abschnitt über die Lagerzeit (S. 31–52) enthält eine dichte Fülle an schonungslosen und zum Teil selbstquälerischen Beschreibungen über die verbrecherischen Vorgänge im Lageralltag (Liquidationen, Folter, medizinische Versuche etc.). Besonders die Schilderungen über das KZ Mauthausen verdeutlichen über alle Maßen, welchen gezielten, todbringenden Terrormaßnahmen sich vor allem jüdische Häftlinge – nach nationalsozialistischen Kriterien auf der untersten Stufe der Häftlingshierarchie angesiedelt – in den Konzentrationslagern ausgesetzt sahen. »Uns zu vernichten […] war eindeutig das Ziel der Deutschen« (S. 37). In der Tat überlebten nur wenige jüdische Häftlinge das KZ Mauthausen im selben Zeitraum wie der Autor (November 1942–Juli 1943) 2 . Nach der »Tortur« in Mauthausen empfand er seine Situation in Auschwitz zu Anfang »eher komfortabel«, was er mitunter darauf zurückführt, dass er dort nicht mehr zur Minderheit der jüdischen Häftlinge zählte und die »Häftlingsselbstverwaltung« überwiegend von polnischen Widerstandskämpfern aus seiner Heimat dominiert wurde. Sein Weg führte ihn Anfang 1945 im Zuge des sowjetischen Vormarsches ausgerechnet wieder zurück ins KZ Mauthausen. »Ich bin bestimmt der einzige, dem das widerfahren ist« (S. 50). Schlussendlich wurde er am 6. Mai von amerikanischen Truppen im Außenlager Ebensee befreit. Dass der Autor insgesamt betrachtet zu sehr in der deskriptiven Darstellung verharrt und an neuralgischen Punkten kaum die Verhaltensweisen seiner Mitgefangenen wie auch seine eigenen reflektiert, ist – wenn man in diesem Kontext überhaupt davon sprechen möchte – vielleicht der einzige Kritikpunkt an diesem Erzählabschnitt.

    Mit der Befreiung (S. 53ff.) beginnt ein neuer Abschnitt seines Lebens. Baumzecer lernte seine Frau im apulischen Santa Maria di Leuca kennen, wo er sich längere Zeit provisorisch als DP ( Displaced Person ) aufgehalten hatte. Bald darauf heirateten die beiden. Ihre Ausreise im Herbst 1946 von Süditalien nach Paris zur Schwester seiner Frau, wo auch sein Bruder lebte, schildert er abenteuerlich. Die weiteren Stationen in Frankreich, dort Fuß zu fassen und sich eine eigene Existenz als erfolgreicher Schneider aufzubauen bis zum endgültigen Erhalt der französischen Staatsbürgerschaft (1958), beschreibt er als einen langen und entbehrungsreichen Weg. »Wir lebten regelrecht aufeinander« (S. 60). Seit den 1980er Jahren lebt der heute 94-jährige im Ruhestand.

    Wie viele andere Überlebende der Konzentrationslager konnte auch Baumzecer lange Zeit nicht über seine Vergangenheit sprechen. Erst vor wenigen Jahren begann er damit. Im Epilog geht er auf die Gründe seines Schweigens ein. »Ich spürte eine gewisse Missgunst gegenüber uns Überlebenden« (S. 63). Eine Überlebensscham, die vielen ehemaligen KZ-Häftlingen die Rückkehr ins zivile Leben erschwerte. Warum hatten gerade sie überlebt und nicht etwa die anderen? Häufig gingen mit dieser Frage unterschwellig Anschuldigungen einher, auf die er an anderer Stelle aufmerksam macht, wo er über die Gründe des Freitodes der Schwiegermutter seines Bruders spricht. Selbst eine Deportierte, konnte sie den Tod ihres Mannes, der aus einem anderen Konzentrationslager nicht zurückehrte, nie verkraften. Zeitlebens war sie der Meinung, »die Deportierten, also auch die Überlebenden der Konzentrationslager«, hätten »ihren Mann umgebracht« (S. 62).

    Der Autor, heißt es im Vorwort, gebe in seinem Buch Antworten auf die Frage seines Überlebens. Folgt man den Ausführungen, spielten drei Faktoren eine essenzielle Rolle als Bedingungen der Möglichkeit seines Überlebens: die gute Kenntnis der deutsche Sprache, seine robuste Physis als Sportler und unbeschreibliches Glück. »Wenn ich daran denke […] kann ich kaum glauben, wie viel Glück ich gehabt habe« (S. 64). Trotz allem, was ihm in dieser Zeit widerfahren war, bekennt sich der Autor dazu, »den Optimismus und das Vertrauen in den Menschen nie verloren« zu haben. Als Nachgeborener möchte man gern glauben, dass es vor allem diese lebensbejahende Grundeinstellung war, welche ihm in den Lagern in »seine[n] ganz persönliche[n] Momente[n] der Verzweiflung« die Kraft gegeben hat, ihnen standzuhalten.

    Das Buch ist zweifelsohne lesenswert. Als authentische Quelle des Lernens reiht es sich nahtlos in eine Chronik von Spätzeugnissen ein, die angesichts der oft zitierten Metapher vom »Verschwinden der Zeitzeugen« in den letzten beiden Jahrzehnten glücklicherweise noch einmal rechtzeitig an Konjunktur gewonnen hat. Allein schon darin liegt sein besonderer Wert.

    1 Per Rundschreiben verfügte der Chef der Gestapo, Heinrich Müller, am 2. Oktober 1942: »Der RFSSuChefdDtPol [Himmler] hat befohlen, daß sämtliche im Reich gelegenen Konzentrationslager judenfrei zu machen und daß sämtliche Juden in das KL Auschwitz und in das Kriegsgefangenenarbeitslager Lublin [Majdanek] zu überstellen sind.« Diese Anordnung wird mehrfach in der Literatur genannt und zitiert, vgl. u. a. Barbara Schwindt, Das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek. Funktionswandel im Kontext der »Endlösung«, Würzburg 2005, S. 147.

    2 Zur Anzahl jüdischer Häftlinge im Jahr 1943 s. Hans Marsalek, Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen, Wien 2006, S. 195. Demnach befanden sich monatlich selten mehr als ein Dutzend jüdischer Häftlinge im Stammlager. Die dort genannten Zahlen decken sich weitgehend mit den Ergebnissen einer entsprechenden Abfrage der Häftlingsdatenbank der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Mein Dank für diese Information gilt Christian Dürr vom Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen.

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    PSJ Metadata
    Dominik Michel
    M. Baumzecer, Ich versprach der Mutter heimzukehren (Dominik Michel)
    CC-BY 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Europa
    Jüdische Geschichte
    20. Jh., 21. Jh.
    4015701-5 4133254-4 4028814-6
    1900-2009
    Europa (4015701-5), Erlebnisbericht (4133254-4), Judenverfolgung (4028814-6)
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    M. Baumzecer, Ich versprach der Mutter heimzukehren (Dominik Michel)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/baumzecer_michel
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:40
    Zugriff vom: 16.10.2019 19:23
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