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C. Briel, Beschlagnahmt (Emily Löffler)

Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Cornelia Briel, Beschlagnahmt. Erpresst. Erbeutet. NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945, Berlin (Akademie Verlag) 2013, 406 S., 43 Abb., ISBN 978-3-05-004902-1, EUR 69,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Emily Löffler, Tübingen

Nicht erst seit dem Bekanntwerden des sogenannten »Schwabinger Kunstfundes« ist das Thema Provenienzforschung in Deutschland sehr aktuell. Bereits seit 2008 stellt die Arbeitsstelle für Provenienzforschung jährlich Fördermittel zur Forschung nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern in deutschen öffentlichen Einrichtungen bereit. Rund 150 Projekte sind bislang mit diesen Fördermitteln unterstützt worden 1 . Vor allem in den letzten Jahren haben die Ergebnisse dieser Projekte gleichzeitig Publikationen zur Kontexterforschung hervorgebracht, die zur Aufarbeitung der Verstrickung kultureller Institutionen in den Kulturgutraub der Nationalsozialisten beitragen. Mit Cornelia Briels Buch liegt nun ein Beitrag vor, der den Bücherraub der Nationalsozialisten in den Blick nimmt.

Die Studie ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes, das von 2006–2009 an der Staatsbibliothek zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Geschichte durchgeführt wurde. Ziel des Projektes war »die umfassende Aufklärung der institutionellen Strukturen und bibliothekarischen Abläufe unter rechtlichen und finanziellen Aspekten sowie in Hinsicht auf die Handlungsspielräume der beteiligten Akteure und die politische Dimension der Vorgänge« 2 , bezogen auf zwei Institutionen: Die Preußische Staatsbibliothek Berlin sowie die Reichstauschstelle. Mit der Publikation wird gleichzeitig der Anspruch erhoben, ein Handbuch vorzulegen, das als Referenzwerk für künftige Forschungen zum Thema NS-Raubgut in Bibliotheken dienen kann.

Die Reichstauschstelle wurde 1926 unter dem Dach der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegründet. Letztere bestand seit 1920 als länderübergreifende Einrichtung zur Forschungsförderung, worunter auch die Förderung von Bibliotheken fiel. Nach ihrer Gründung war sie vor allem für den Schriftentausch mit dem Ausland zuständig, organisierte aber auch einen systematischen Tausch von Dubletten unter den Bibliotheken innerhalb Deutschlands. 1934 wurde der Bereich Bibliotheksförderung von der Notgemeinschaft abgelöst und an die Preußische Staatsbibliothek angegliedert; die Reichstauschstelle ging jedoch institutionell nicht in der Preußischen Staatsbibliothek auf, sondern galt unabhängig von ihr als Dienststelle des Reiches, die dem Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unterstand. Der institutionellen Trennung zum Trotz wurde die Reichstauschstelle von Zeitgenossen aufgrund ihrer räumlichen und personellen Nähe zur Staatsbibliothek oftmals als Teil von Letzterer wahrgenommen.

Dieser Wahrnehmung setzt Briel eine Gliederung ihrer Studie in zwei Hauptkapitel gegenüber, die zwar die Verflechtung der beiden Institutionen berücksichtigt, gleichzeitig aber ihre institutionelle Trennung betont. Der erste Hauptteil ist der Reichstauschstelle gewidmet und zeichnet ihre Entwicklung seit ihrer Gründung in den 1920ern bis hin in die Zeit kurz nach Kriegsende nach. Der zweite Hauptteil rückt die Institutionengeschichte der Preußischen Staatsbibliothek unter dem NS-Regime in den Mittelpunkt der Analyse und kommt in einem Unterkapitel auf die Kontakte der Staatsbibliothek mit der Reichstauschstelle zurück. Beide Hauptteile sind in eine Vielzahl von Unterkapiteln gegliedert, was dazu führt, dass das Inhaltsverzeichnis des Buchs auf den ersten Blick etwas unübersichtlich wirkt. Dieser Eindruck dürfte nicht zuletzt auch dessen grafischer Gestaltung zuzuschreiben sein, die zwischen den verschiedenen Gliederungsebenen innerhalb der Kapitel optisch kaum unterscheidet. Der Eindruck der Unübersichtlichkeit verfliegt jedoch bei der Lektüre der einzelnen Kapitel rasch, und die jeweilige chronologisch angelegte, primär aber thematischen Schwerpunkten folgende Binnenstruktur der Kapitel erscheint klar und stringent.

Im ersten Hauptteil zeigt Briel, dass die Reichstauschstelle sich nach 1934 zunächst auf Möglichkeiten der unentgeltlichen Beschaffung von Literatur konzentrierte, indem sie z. B. auf die Bestände aufgelöster Behördenbibliotheken der ehemaligen preußischen Ministerien zurückgriff. Über Kontakte zum Sicherheitsdienst (SD) der SS, zu Finanzbehörden und dem Auswärtigen Amt versuchte die Reichstauschstelle auch, Zugriff auf beschlagnahmte Bücherbestände zu erhalten; Raubgut scheint jedoch erst gegen Ende der 1930er Jahre verstärkt bei ihr eingegangen zu sein. Einen Bedeutungszuwachs erfuhr die Reichstauschstelle nach Kriegsbeginn durch die Beschaffung kriegswichtiger Schriften; ab 1943 wurde sie außerdem für das Wiederaufbauprogramm der kriegszerstörten deutschen Bibliotheken zuständig und hierfür mit einem Erwerbsetat von fünf Millionen Reichsmark ausgestattet. Briel schätzt, dass etwa die Hälfte der eine Million Bände, die sich bei Kriegsende in ihren Depots befanden, unrechtmäßig erworben war. Sie verweist jedoch auch auf die Lückenhaftigkeit der Aktenlage zur Reichstauschstelle, die es erschwert, den Umfang der Verteilung von NS-Raubgut in der Zeit vor Kriegsbeginn zu ermessen, und betont die Notwendigkeit weiterer Forschungen aus Perspektive der Empfängerbibliotheken.

Im zweiten Hauptteil kommt Briel zu dem Schluss, dass die Preußische Staatsbibliothek viel stärker als bislang angenommen in die »Verwertung« von NS-Raubgut involviert war. Bereits ab 1933 profitierte sie von den Beschlagnahmen sogenannter reichsfeindlicher Bibliotheken und gab beschlagnahmte Bestände auch an andere Bibliotheken weiter. Im Laufe der 1930er Jahre stieg insbesondere die SS, die ihrerseits eine »Gegnerbibliothek« aufzubauen suchte, zur Konkurrentin der Staatsbibliothek um beschlagnahmte Bestände auf. Um sich zu behaupten, suchte die Staatsbibliothek Arrangements mit den parteilichen Instanzen und ließ sich auf Dublettentausch mit der SS ein. Nach Kriegsbeginn erhielt die Staatsbibliothek Raubgut aus den besetzten Gebieten, verfuhr aber je nach Herkunft des Gutes unterschiedlich: Raubgut, das von Organisationen wie dem ERR oder dem Sonderkommando Künsberg stammte, wurde von ihr lediglich eingelagert; im Gegensatz dazu wurden Ankäufe aus den westlichen Gebieten, aber auch Tauschgeschäfte als legitime Erwerbungen betrachtet und in die Bestände eingearbeitet.

Insgesamt verschafft Cornelia Briels Studie dem Leser einen fundierten Überblick über beide von ihr behandelten Institutionen, stellt die jeweiligen rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen der Bücherbeschaffung dar und beurteilt nicht zuletzt auch den Grad der Anpassung des Personals an das NS-Regime und seine Handlungsspielräume. Sie zeigt klar auf, wie der Erwerb und die Verteilung von NS-Raubgut über die Reichstauschstelle und die Staatsbibliothek erfolgten und erschließt damit Ansatzpunkte zur weiteren Erforschung des NS-Bücherraubs. Dabei führt sie z. T. auch Fallstudien zu einzelnen Partei-, Organisations- und Privatbibliotheken an. Die mit etwa 300 Textseiten sowie 100 Seiten Anhang recht kurz gehaltene, aber detailreiche und mit einem differenzierten Personen- und Sachregister erschlossene Studie wird daher ihrem Anspruch als Handbuch und Referenzwerk für weitere Studien vollkommen gerecht.

1 Vgl. dazu Arbeitsstelle für Provenienzforschung, AfP-Projekstatistiken [online ] http://arbeitsstelle-provenienzforschung.de/index.php/projektinformationen/projektstatistiken (letzter Zugriff am 08.10.2014).

2 Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Abteilung Historische Drucke, Projekt Reichstauschstelle [online] http://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/historische-drucke/aufgaben-profil/projekte/projekt-reichstauschstelle/ (letzter Zugriff am 08.10.2014).

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PSJ Metadata
Emily Löffler
C. Briel, Beschlagnahmt (Emily Löffler)
CC-BY 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Bibliotheksgeschichte, Archivgeschichte, Geschichte der Dokumentation, Sozial- und Kulturgeschichte
20. Jh.
4005728-8 4006439-6 4681622-7 4164950-3 4128216-4 7633369-3
1933-1945
Berlin (4005728-8), Bibliothek (4006439-6), Buchbesitz (4681622-7), Konfiskation (4164950-3), Preußische Staatsbibliothek (4128216-4), Reichstauschstelle (7633369-3)
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C. Briel, Beschlagnahmt (Emily Löffler)
In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/briel_loeffler
Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:40
Zugriff vom: 16.10.2019 19:36
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