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    S. Creuzberger, D. Hoffmann (Hg.), »Geistige Gefahr« und »Immunisierung der Gesellschaft« (Werner Bührer)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Stefan Creuzberger, Dierk Hoffmann (Hg.), »Geistige Gefahr« und »Immunisierung der Gesellschaft«. Antikommunismus und politische Kultur
    in der frühen Bundesrepublik, München (Oldenbourg) 2014, VI–410 S. (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernr.),
    ISBN 978-3-486-74708-9, EUR 59,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Werner Bührer, München

    Die Geschichtswissenschaft scheint gerade den Antikommunismus als Gegenstand zu entdecken: Erst Anfang November 2014 beschäftigte sich eine Tagung in Jena mit dem »Antikommunismus in seiner Epoche«, und auch der hier zu besprechende Band geht auf eine Tagung zurück, welche die Bundeszentrale für politische Bildung, das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und der Lehrstuhl für Neuere Geschichte I an der Universität Potsdam gemeinsam veranstalteten. Angesichts des Fehlens einer »seriösen wissenschaftlichen Standards« genügenden Darstellung wollen die 20 Autorinnen und Autoren den westdeutschen Antikommunismus in der Adenauer-Ära unter den »verschiedensten Aspekten der Politik-, Ideologie-, Institutionen-, Kultur- und Alltagsgeschichte« erstmals grundlegend untersuchen (S. 6). Diesem Anspruch wird der Band voll und ganz gerecht.

    Die Herausgeber haben die Beiträge unter vier Gesichtspunkten zusammengefasst. Zunächst untersuchen Andreas Wirsching und Bernd Greiner Ursprünge und Rahmenbedingungen des Antikommunismus. Wirsching unterscheidet, um das schillernde Phänomen präziser fassen zu können, für die Jahre 1917 bis 1945 idealtypisch zwischen einem ideologischen, funktionalen und empirischen Antikommunismus, weist allerdings darauf hin, dass sich diese Formen in der Realität vermischten. Außerdem unterstreicht er, dass »der Antikommunismus breiter Kreise« in Deutschland durch die »punktuelle Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus […] historisch kontaminiert« gewesen sei (S. 28). Greiner kommt am amerikanischen Beispiel zu dem ja auch für den Antisemitismus beobachteten Befund, dass es »im Grunde von nachrangiger Bedeutung« sei, ob »Feinde real präsent sind oder letztlich nur imaginiert werden« (S. 29). Den im Kalten Krieg virulenten Antikommunismus deutet er als »sozialpsychologische Spielart der »Permanent Preparedness«: »kompromisslos, unhintergehbar radikal und getragen von zivilgesellschaftlicher Selbstmobilisierung« (S. 35).

    Die Beiträge des zweiten Teils befassen sich mit der Westpolitik der DDR als Versuch der Einflussnahme in der Bundesrepublik. Sie zeigen, dass die Bedrohung aus dem Osten kein reines Produkt einer blühenden Phantasie war. Ob das Ausmaß der Bedrohung allerdings stets realistisch eingeschätzt wurde, wird man mit Fug und Recht bezweifeln dürfen: Eine Geheimkartei, die im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (BMG), zeitweise eines der Zentren des politischen Kampfes und der »psychologischen Kriegführung« gegen den Osten, geführt wurde, umfasste bis Anfang der 1960er Jahre sagenhafte 20 000 Personen und 3000 Institutionen. Dass diese mitunter auf bloßen Verdächtigungen beruhenden Daten überdies kontinuierlich und ohne entsprechenden dienstlichen Auftrag an das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergegeben wurden, erklärt Stefan Creuzberger mit der »antikommunistisch aufgeheizten Grundstimmung und den ans Irrationale grenzenden Bedrohungsvorstellungen«, die »in der Hochphase des Kalten Krieges die politische Kultur in der jungen Bundesrepublik nachhaltig vergifteten« (S. 97).

    Im dritten Teil werden einzelne Träger des Antikommunismus genauer untersucht, insbesondere das bereits erwähnte BMG, das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für Heimatdienst, aus der später die Bundeszentrale für politische Bildung entstand, die Vertriebenenverbände und die beiden Kirchen, aber auch Bundeskanzler Konrad Adenauer, den Corinna Franz als »führenden Vertreter eines demokratischen Antikommunismus« (S. 159) porträtiert, dessen »Einschätzung der kommunistischen Gefahr« bis zu seinem Tod 1967 »konstant« geblieben sei (S. 158).

    Die Autoren des vierten Teils beschreiben die antikommunistische politische Alltagspraxis, also den Antikommunismus in Aktion. Untersucht werden beispielsweise die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, die Instrumentalisierung des Antikommunismus im Kontext der Wiedergutmachung, der Antikommunismus in Film und Fernsehen und im Verlagswesen. Die Kampfgruppe war eine von »Hunderten von Gruppen«, die im »Kontakt zu US- und bundesdeutschen Stellen« (S. 227) die Sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR mit teilweise durchaus kriminellen Aktivitäten zu destabilisieren versuchten – aber »wahrscheinlich mittelbar stärker zur Stabilisierung der DDR« beitrugen, als sie selbst wahrhaben wollten, wie Bernd Stöver glaubt: Schließlich sei das Ministerium für Staatssicherheit der DDR »nicht nur maßgeblich durch seine eigene Bedrohungsanalyse, sondern eben auch durch die tatsächlichen Angriffe« gewachsen (S. 228). Ein amüsantes Beispiel für den »Antikommunismus für jedermann« behandelt Rainer Gries, der die zunächst von westlicher Seite initiierte »Päckchen-Propaganda« als Beleg des bereits erreichten Wohlstands untersucht und den verblüffenden Befund präsentieren kann, dass die östliche Seite durchaus zu kontern vermochte: »Zur Hochzeit des Päckchenaustausches seit dem Mauerbau kamen auf zwei Westpakete in der Tat anderthalb Ostpakete retour« (S. 346).

    Der Band ist eine wahre Fundgrube für jeden, der sich mit dem Antikommunismus in der frühen Bundesrepublik beschäftigen möchte. Viele Beiträge argumentieren nicht nur auf der Höhe der einschlägigen zeitgeschichtlichen Forschung, sondern präsentieren auch neues Quellenmaterial. Wie nicht anders zu erwarten, bleiben Fragen offen – etwa die nach der Möglichkeit eines »demokratischen Antikommunismus«, wie ihn Adenauer Corinna Franz zufolge praktizierte. Mit einer eventuellen Unvereinbarkeit setzt sich explizit nur Till Kössler am Beispiel der politischen, administrativen und gesellschaftlichen Maßnahmen gegen die KPD und deren Anhänger auseinander. Immerhin habe »keine andere der großen westeuropäischen Demokratien […] den Weg eines Parteienverbots und einer weiten strafrechtlichen Kriminalisierung kommunistischer Betätigung« gewählt (S. 229). Oder anders gefragt: War der Antikommunismus – insbesondere in Deutschland – nicht durch seine nationalsozialistische Instrumentalisierung gewissermaßen für alle Zeiten »historisch kontaminiert«, um Wirschings Formulierung nochmals aufzugreifen? Es spricht für diesen hervorragenden und höchst inspirierenden Band, dass er nicht nur viele überzeugende Antworten liefert, sondern auch einige Fragen stellt.

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    PSJ Metadata
    Werner Bührer
    S. Creuzberger, D. Hoffmann (Hg.), »Geistige Gefahr« und »Immunisierung der Gesellschaft« (Werner Bührer)
    CC-BY 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Politikgeschichte
    20. Jh.
    4011889-7 4002291-2 4046540-8
    1949-1965
    Deutschland Bundesrepublik (4011889-7), Antikommunismus (4002291-2), Politische Kultur (4046540-8)
    PDF document creuzberger_buehrer.doc.pdf — PDF document, 89 KB
    S. Creuzberger, D. Hoffmann (Hg.), »Geistige Gefahr« und »Immunisierung der Gesellschaft« (Werner Bührer)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/creuzberger-hoffmann_buehrer
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
    Zugriff vom: 17.10.2019 06:05
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