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M. Fenske, Demokratie erschreiben (Werner Bührer)

Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Michaela Fenske, Demokratie erschreiben. Bürgerbriefe und Petitionen als Medien politischer Kultur 1950–1974, Frankfurt a. M., New York, NY (Campus Verlag) 2013, 437 S., ISBN 978-3-593-39572-2, EUR 34,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Werner Bührer, München

Die Autorin, zur Zeit Heisenbergstipendiatin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin, versteht ihr Buch als eine »Ethnographie des Schreibens«, fokussiert auf den Brief als »traditionelles Mittel der Kommunikation«: Indem Bürgerinnen und Bürger »ihre alltäglichen Sorgen und Nöte in einer großen Anzahl von Briefen an Politiker […] und politische Institutionen adressierten, eigneten sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg zugleich die junge Demokratie in der Bundesrepublik ebenso an wie sie diese mit ihren Schreiben aktiv mitgestalteten«. Die Demokratie wurde insofern, so Fenskes These, »auch erschrieben«. Deshalb seien »viele Deutsche von der ihnen seitens der Politikwissenschaften in den sechziger Jahren unterstellten Untertanenmentalität ein gutes Stückweit entfernt« gewesen (S. 10). War es also 1969 gar nicht mehr nötig, »mehr Demokratie zu wagen«?

Als Quellen dienten der Autorin »Bürgerbriefe«, die an die vier niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf, Heinrich Hellwege, Georg Diederichs und Alfred Kubel und an den Niedersächsischen Landtag gerichtet waren. Solche Briefe werden im Unterschied zu »Petitionen« nicht statistisch erfasst. Mitarbeiter der Institutionen, die mit der Bürgerpost befasst waren, schätzten das Briefaufkommen für die 1950er und 1960er Jahre auf drei bis fünf, für die 1970er Jahre sogar auf zehn bis fünfzehn Briefe pro Tag. In den Schreiben ging es vor allem um »Alltagssorgen und -nöte«, mitunter aber auch um »gesellschaftliche Missstände«, »Tagespolitik und Weltgeschehen« (S. 17), »Lebenswichtiges« stand neben »scheinbar Banalem« (S. 36 37). Angesichts der schieren Menge der Briefe musste die Autorin verständlicherweise eine Auswahl treffen: entschieden hat sie sich für solche, »deren Thematik besonders häufig vertreten war« (S. 40). Auch wenn die Zuschriften aus der Bevölkerung in der Regel ernst genommen wurden, war den jeweiligen Anliegen nicht zwangsläufig Erfolg beschieden. »Wirkungslos blieben die Briefe deshalb nicht«, so Fenskes Befund, vielmehr stellten sie »als Elemente der politischen Kommunikation zwischen Bevölkerung und Regierung zentrale Medien der politischen Kultur dar« (S. 21 22).

Nach einer ausführlichen Untersuchung der Voraussetzungen und Hemmnisse des Briefeschreibens, der biografischen Merkmale der Schreiber, der formalen und inhaltlichen Gestaltung der Briefe sowie des Problems der »Vielschreiber« und »Querulanten« – eine entsprechende Etikettierung ermöglichte »gemäß der systemischen Logik in Landtag und Staatskanzlei die Nichtbeachtung des ansonsten prinzipiell achtbaren Bürgers und Wählers« (S. 142) – arbeitet Fenske die Kennzeichen der einzelnen Jahrzehnte heraus. Die Briefe der fünfziger Jahre zeigten, »wie Diktatur, Krieg und das Chaos der ersten Nachkriegsjahre viele Menschen zurückgelassen hatten: verletzt, aufgewühlt, erschöpft, enttäuscht, gedemütigt, depressiv, verstümmelt, zerrüttet, abgestumpft, schockiert, verzweifelt und selbstbezogen« (S. 145). Vielen Briefschreibern ging es vor allem um Wohnraum, Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten, um die Klärung finanzieller Ansprüche aus den »Kriegsfolgegesetzen« und um die gerechte Verteilung der Lasten. Auch »Fragen von Schuld und Moral« (S. 186) wurden nicht ausgespart.

Die Briefe und Eingaben der sechziger Jahre befassten sich vorrangig mit der erhofften und erwünschten »Partizipation am Wirtschaftswunder«: der »gerechten Verteilung des im ersten Nachkriegsjahrzehnt erwirtschafteten Wohlstands« und der »Durchsetzung sozialer Grundrechte«. Daneben wurden aber auch die »Bedingungen des Zusammenlebens in der Gesellschaft« erörtert, die Frage verbindlicher Werte. Hier geriet sehr häufig »die junge Generation ins Visier der Schreiber«, die »Auseinandersetzung um das Unerzogene, Unreglementierte, Unkontrollierte zieht sich wie ein roter Faden« durch viele Briefe älterer Schreiber (S. 220). Die Bürgerbriefe aus der ersten Hälfte der 1970er Jahre gaben schließlich »Einblicke in eine Gesellschaft, die ihre Entwicklung auf politischem, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet äußerst vielfältig und kontrovers diskutierte« (S. 294), die Briefschreiber wollten »Politik mitgestalten« (S. 295). Auffallend sei, so Fenske, dass die Studenten und Schüler als Hauptträger der lautstarken Proteste Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre das Medium Bürgerbrief nur in geringem Maße nutzten: »Es schrieben vor allem Angehörige der mittleren und älteren Generation« (S. 329).

Was hat nun die Artikulation materieller Bedürfnisse und Erwartungen, die doch sehr oft im Mittelpunkt der untersuchten Briefe standen, mit Demokratie zu tun? Die Autorin bietet eine optimistische Interpretation an: Die Schreiber hätten sich die »Partizipationsaufforderungen« aus der Politik »zu eigenen Bedingungen« angeeignet, sie verhandelten in ihren Briefen mit den Politikern, »was Demokratie konkret bedeutete«: Demokratie sei für sie kein »Selbstzweck« gewesen, kein »abstraktes politisches System, sondern ein Modell, das sich in der Praxis bewähren musste« (S. 361). Indem sie die Briefe aus der Bevölkerung »als Zeichen ihrer aktiven Beteiligung am politischen System« deutet, grenzt sie sich von der These ab, die Deutschen seien in der Nachkriegszeit »noch zutiefst in der ›Untertanenkultur‹ befangen« gewesen« (S. 358). Der in der repräsentativen Demokratie »vom Geschäft der Regierung und Gesetzgebung weitgehend abgekoppelte Bürger« habe sich mit seinen Briefen »wieder in unmittelbaren […] Austausch mit der politischen Macht« gebracht, mehr noch: »Die Schreiber korrigierten das verfassungsmäßig angelegte Misstrauen gegen Formen der Volksherrschaft in Gestalt direkter Mitbestimmung« (S. 398).

Obgleich diese gegen den Strich gebürstete Interpretation einige Fragen aufwirft – insbesondere die, ob die »partizipatorische« Deutung der Briefe nicht doch viel zu optimistisch ist: Michaela Fenskes Buch stellt auf jeden Fall eine Herausforderung dar, gängige Deutungen zu überprüfen. Die in großer Zahl präsentierten Quellen bieten dafür eine hervorragende Grundlage.

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PSJ Metadata
Werner Bührer
M. Fenske, Demokratie erschreiben (Werner Bührer)
CC-BY 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Politikgeschichte
20. Jh.
4011889-7 4137338-8 4046540-8 4043188-5
1950-1974
Deutschland Bundesrepublik (4011889-7), Petition (4137338-8), Politische Kultur (4046540-8), Öffentlichkeitsarbeit (4043188-5)
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M. Fenske, Demokratie erschreiben (Werner Bührer)
In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/fenske_buehrer
Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
Zugriff vom: 16.10.2019 18:46
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