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C. Foasso, Atomes sous surveillance (Katrin Jordan)

Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Cyrille Foasso, Atomes sous surveillance. Une histoire de la sûreté nucléaire en France, Bruxelles, Bern, Berlin et al. (Peter Lang) 2012, 542 p. (Histoire de l’énergie/History of Energy, 3), ISBN 978-90-5201-887-4, EUR 55,60.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Katrin Jordan, Berlin/Potsdam

Der Unfall im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi 2011 hat die Risiken der Kernenergie und die Sicherheit kerntechnischer Anlagen erneut ins Zentrum der öffentlichen Diskussion gerückt. Dieser Dynamik verdanken wir wohl außerdem, dass Cyrille Foassos bereits 2003 als Dissertation eingereichte Arbeit zur Geschichte der nuklearen Sicherheit in Frankreich nun auch in gedruckter Form vorliegt. Dabei beweist die Studie, dass es sich lohnt, die Entwicklung der Sicherheitskonzepte im Kernenergiebereich auch abseits der großen Katastrophen zu verfolgen. Auf 500 Seiten liefert der Autor einen Überblick über die Entwicklung der Sicherheit in der zivilen Kernenergienutzung auf technischer, konzeptioneller und organisatorischer Ebene – von ihren Anfängen innerhalb des 1945 gegründeten Commissariat à l’énergie atomique (CEA) bis zur Gründung der Autorité de sûreté nucléaire (ASN) 2006. Im Fokus steht der Bereich der »sûreté nucléaire«, der die technischen Aspekte der Unfallprävention in Kernkraftwerken umfasst.

Die Untersuchung stützt sich auf eine breite Basis an publizierten Quellen, vorrangig einschlägige Fachzeitschriften, Berichte des CEA und des Institut de protection et sûreté nucléaire (IPSN) sowie Berichte internationaler Kongresse. Dankenswerterweise belässt es Foasso nicht bei der Darstellung der technischen Aspekte. Vielmehr verfolgt er den vielversprechenden Ansatz, ebenso die »Entwicklung der Konzeptionen, Motive und Akteure« in den Blick zu nehmen (S. 21) und die »Sichtweise der Ingenieure« wiederzugeben (S. 16). Dafür hat er zusätzlich zwei Dutzend Gespräche mit Zeitzeugen, darunter prominenten Vertretern der Branche, geführt.

Foasso erzählt die Geschichte der nuklearen Sicherheit als Lernprozess, in dem die Experten vermeintliche Gewissheiten immer wieder infrage stellen mussten. Besonders das Eintreten von Störfällen führte zum Überdenken bestehender Sicherheitskonzepte. Der Autor schildert umfassend die Diskussionen über die Eintrittswahrscheinlichkeit und das Schadensausmaß hypothetischer Unfälle. Die Ansichten darüber, welcher Störfall als annehmbar galt und welche Sicherheitsvorkehrungen als angemessen bewertet wurden, wandelten sich über die Jahrzehnte. In den 1950er Jahren gingen die Nuklearexperten in den USA, Großbritannien und Frankreich in ihren Risikobewertungen noch von dem einen, größten möglichen Unfall aus. Ab Ende der 1960er Jahre setzte sich die von dem Briten F. R. Farmer geprägte probabilistische Sicherheitsanalyse durch. Der 1975 veröffentlichte sogenannte »Rasmussen-Report« entwickelte den Ansatz durch die Ereignis- und Fehlerbaumanalyse weiter. Das Risiko eines kerntechnischen Unfalls wurde als niedrig eingestuft. Nur vier Jahre später zeigte der Unfall im Kernkraftwerk »Three Mile Island« in Harrisburg/USA die Schwächen dieser Berechnungen auf. Er bewies, dass auch als sehr unwahrscheinliche geltende Szenarien wie eine (partielle) Kernschmelze sich eben doch bewahrheiten können. Laut Foasso markiert »Three Mile Island« eine »véritable rupture, LA grande rupture dans l’histoire de la sûreté nucléaire, en France comme dans le monde.« (S. 363) Der Unfall prägte nachhaltig die Sicherheitsphilosophie der Verantwortlichen, die noch am Vorabend die Risiken der Kernenergie für beherrschbar hielten. Mit dem Unfall im Kernkraftwerk »Tschernobyl« 1986 wurde auch die Möglichkeit des Eintretens sehr schwerer Unfälle schließlich Expertenkonsens. Der Unfall führte zur Begründung der »culture de sûreté«, der »Sicherheitskultur«, die stärker die Rolle des Menschen und der Organisation im Betrieb der Kernkraftwerke beachtete.

Parallel zu den Entwicklungen auf technischer und konzeptioneller Ebene verfolgt Foasso chronologisch die Institutionalisierung der nuklearen Sicherheit in Frankreich. In den Anfangsjahren fiel die Unfallprävention noch in das Aufgabengebiet der Mitarbeiter des CEA. Die Atomkommission war in Frankreich bis zum Eintritt des natioanalen Stromversorgungsunternehmens Électricité de France (EDF) 1955 exklusiv für die Forschung und Entwicklung im Kernenergiebereich verantwortlich. Erst als Reaktion auf den Störfall in Windscale/Großbritannien 1957 sowie auf die sicherheitstechnischen Vorgaben der IAEA und Euratom wurde 1960 die erste französische Organisation für nukleare Sicherheit, die Commission de sûreté des installations atomiques (CSIA), gegründet. Es galt auch, eine eigene Kompetenz in Sicherheitsfragen zu entwickeln, um die Chancen des französischen UNGG-Reaktors in der internationalen Konkurrenz zu wahren. Ende der 1960er Jahre wurde die französische Reaktorbaureihe schließlich doch zugunsten des US-amerikanischen Leichtwasserreaktors aufgegeben. Viele Mitarbeiter des CEA, die bisher in der Forschung tätig waren, verloren damit ihren Arbeitsbereich. Einige wechselten in den Sicherheitsbereich, der sich zunehmend professionalisierte und institutionalisierte.

1973 wurde der Service central de sûreté des installations nucléaires (SCSIN) gegründet, der dem Industrieministerium unterstand und über die Zulassung von Kernkraftwerken entschied. Innerhalb des CEA wurde drei Jahre später das Institut de protection et sûreté nucléaire (IPSN) geschaffen, das die Expertise im sicherheitstechnischen Bereich stellte. Die organisatorische Unabhängigkeit der Einrichtungen war jedoch begrenzt. An der Spitze standen Wissenschaftler und Ingenieure, die schon vorher Leitungsaufgaben im CEA und bei EDF innehatten. Sie teilten die rückhaltlos positive Einstellung zur Kernenergie. Als Zuständige für die nukleare Sicherheit verstanden sie daher ihre Aufgabe darin, das unfallfreie Funktionieren der Reaktoren zu gewährleisten und damit zum Fortschritt der französischen Nuklearindustrie beizutragen. Nach Ansicht der Vertreter der Nuklearindustrie konnte nur mit Ingenieuren aus den eigenen Reihen ein auf Sachverstand begründeter Austausch in Kernenergiefragen gewährleistet werden. Politische Einflussnahmen wurden abgewehrt, die Kritik der Kernenergiegegner als unwissenschaftlich abgetan.

Ende der 1980er Jahre erhöhte sich schließlich der politische Druck, auch infolge der verfehlten Informationspolitik nach »Tschernobyl« 1986. Durch sie rückte die enge Verquickung von Forschung, Produktion und Kontrolle im französischen Nuklearsektor ins öffentliche Bewusstsein. Die Forderungen nach transparenteren Strukturen, einer stärkeren externen Kontrolle und besseren Information der Öffentlichkeit mündeten in einer Reihe von Umstrukturierungen. 2006 wurde schließlich die Autorité de sûreté nucléaire, eine autonome Behörde zur Kontrolle der Kernkraftwerke und des Strahlenschutzes, gegründet. Mit der Einrichtung der ASN schließt Foassos Darstellung der nuklearen Sicherheit, die sich wie die Geschichte eines Aufstiegs liest.

Die Faktoren, die diesen Aufstieg begünstigten, sind jedoch nicht ohne Kritik zu betrachten. Schließlich begründet sich der Erfolg doch vor allem darin, dass die Verantwortlichkeit für die nukleare Sicherheit in den Jahrzehnten zuvor eben nicht einer externen Behörde übertragen wurde, sondern Sache der Nuklearexperten war. Eine kleine Elite lenkte fast ein halbes Jahrhundert lang hier die Geschicke. Die Diskussionen fanden abgeschirmt von der Öffentlichkeit statt, die administrativen Vorgaben verpflichteten nicht zu einer Offenlegung der technischen Sachverhalte oder gar Rechtfertigung gegenüber den Kritikern. »[L] ’environnement favorable sur les plans politique, juridique et réglementaire du nucléaire français a joué un rôle important dans son succès jusque-là«, schließt Foasso. (S. 503) Die Kontinuität der französischen Kernenergiepolitik, die unabhängig von der Regierung den Ausbau des Atomparks verfolgte, schuf also günstige Rahmenbedingungen – und, so bleibt anzumerken, vor allem wenig Einflussmöglichkeiten für Kritiker.

Foasso legt mit seiner Studie eine detaillierte Geschichte der nuklearen Sicherheit in Frankreich vor und schließt damit eine Forschungslücke. Als fruchtbar erweist sich sein Ansatz, die Sichtweise der Ingenieure einzubeziehen. Die in den Interviews gewonnenen Einblicke in das Selbstverständnis der Sicherheitsverantwortlichen eröffnen spannende Perspektiven auf die Geschichte des französischen Nuklearsektors abseits der bisher vorrangig institutionsgeschichtlichen Studien 1 . So gehört der Exkurs zur »technokratischen Ideologie« (S. 482), die den quasi-objektiven Sachverstand der Ingenieure über die Bedenken der Kernenergiekritiker stellt, zu den besonders lesenswerten Passagen des Buches. Als ergiebig erweist sich auch der Blick auf die internen Kontroversen und das Kompetenzgerangel von CEA und EDF. Häufig war die Konkurrenz untereinander die Triebfeder, die Kontrolle der nuklearen Sicherheit zunehmend autonomen Einrichtungen zu übertragen, und weniger der politische Druck von außen.

Leider konzentriert sich Foasso zu stark auf die Gruppe der leitenden Ingenieure und beleuchtet nicht die Rolle der Gewerkschaften als weitere Akteure. Dabei äußerte die CFDT in den 1970er Jahren deutliche Kritik an der Anlagensicherheit und war für die Öffentlichkeit eine wichtige Informationsquelle. Die französische Anti-AKW-Bewegung, die im Zuge der massiven Bauvorhaben des Plan Messmer ganz direkt Fragen der Anlagensicherheit diskutierte, findet nur am Rande Erwähnung. Die Kritik der Medien oder die Einwände der wenigen nicht in der Nuklearindustrie tätigen Wissenschaftler werden kaum reflektiert. Das ist mehr als bedauerlich, denn schließlich formuliert der Autor eingangs den Anspruch, dem gesellschaftlichen Einfluss auf die Prinzipien, technischen Mittel und Kontrollstrukturen im Sicherheitsbereich nachzugehen. (S. 25) Unter Einbeziehung der genannten Akteure und ihrer Anliegen wäre der Eindruck einer Erfolgsgeschichte der nuklearen Sicherheit in Frankreich, den das Buch vermittelt, durchaus zu korrigieren.

1 Eine prominente Ausnahme bildet nach wie vor Gabrielle Hechts Arbeit zur französischen Nuklearindustrie, die sich auf umfassende Zeitzeugeninterviews stützt: Gabrielle Hecht, The Radiance of France, Cambridge 1998; frz. Übersetzung: Le rayonnement de la France. Energie nucléaire et identité nationale après la Seconde Guerre mondiale, Paris 2004.

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PSJ Metadata
Katrin Jordan
C. Foasso, Atomes sous surveillance (Katrin Jordan)
CC-BY 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Frankreich und Monaco
Technikgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
20. Jh., 21. Jh.
4018145-5 4020517-4 4073359-2 4144208-8
1900-2012
Frankreich (4018145-5), Geschichte (4020517-4), Kernenergiepolitik (4073359-2), Kernreaktorsicherheit (4144208-8)
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C. Foasso, Atomes sous surveillance (Katrin Jordan)
In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/foasso_jordan
Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
Zugriff vom: 16.10.2019 19:25
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