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    M. Foket, Science, philosophie et théologie chez Édouard le Roy (Gregor Klapczynski)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Monique Foket, Science, philosophie et théologie chez Édouard le Roy. La controverse autour de »Qu’est-ce qu’un dogme?« (1905–1907). Préface d’Émile Poulat, Turnhout (Brepols) 2013, X–435 p. (Bibliothèque de la Revue d’histoire ecclésiastique, 97), nbr. ill., ISBN 978-2-503-54984-2, EUR 40,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gregor Klapczynski, Münster/Frankfurt a. M.

    Der repressive kirchliche Antimodernismus unter Papst Pius X. (1903–1914) fand erstmals offensiven Ausdruck im Dekret »Lamentabili« vom 3. Juli 1907. Weitere antimodernistische Maßnahmen wie die Enzyklika »Pascendi« vom 8. September 1907 folgten. Die Entstehungsgeschichte von »Lamentabili« und »Pascendi« ist vor nicht langer Zeit aus den römischen Quellen rekonstruiert worden 1 . Katholischer Modernismus, Antimodernismus und ihre Protagonisten erscheinen seitdem in neuem Licht. Hintergründe werden deutlich, Zusammenhänge klarer. So war schon länger bekannt, dass die 65 in »Lamentabili« verworfenen theologischen Sätze zum größten Teil aus den Schriften des französischen Exegeten Alfred Loisy (1857–1940) gewonnen waren. Bereits Loisy selbst hatte seine Gedanken – wenn auch mit Mühe – in den Lehrverurteilungen wieder erkannt. Andere wie der Mathematiker und Philosoph Édouard Le Roy (1870–1954) fühlten sich ebenfalls gemeint. Mit Recht, wie inzwischen feststeht. Wie den dogmenkritischen »Historismus« Loisys, so lehnte die römische Kurie in der Tat auch den dogmenhermeneutischen »Pragmatismus« Le Roys ab. Die auf den letzteren gemünzte, als Nummer 26 in den »neuen Syllabus« eingegangene Proposition lautete: »Die Lehrsätze des Glaubens sind lediglich dem praktischen Sinne nach festzuhalten, das heißt, als verpflichtende Norm des Handelns, nicht aber als Norm des Glaubens. 2 «

    Das römische Geschick Alfred Loisys ist nunmehr umfassend aufgearbeitet 3 . Mit Blick auf Le Roy hat sich gezeigt, dass dieser seine kuriale Berücksichtigung vor allem einem Konsultor des Heiligen Offiziums, dem französischstämmigen Kapuzinerpater Pie de Langogne (1850–1914) zu verdanken hatte 4 . Die Verurteilung Le Roys durch Rom steht damit allem Anschein nach im unmittelbaren Kontext jener in Frankreich um seinen Zeitschriftenbeitrag »Qu’est-ce qu’un dogme« aus dem Jahre 1905 geführten Kontroverse (vgl. S. 360), die Monique Foket in der vorliegenden Studie untersucht.

    Von neueren Forschungstrends und Forschungsergebnissen wie diesen weiß die seit 2006 emeritierte Professorin für Religionspädagogik und spirituelle Theologie an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität in Neu-Löwen indes nichts. Sie kann – oder besser: sie konnte – davon gar nichts wissen. Die erste Fußnote der »Introduction« verrät dafür den Grund: »A l’exception de corrections de style, de quelques notes complémentaires et d’une petite modification du plan, la thèse est conservée telle qu’elle fut soutenue à l’Université catholique de Louvain-la-Neuve, le 29 juin 1981. Le jury était composé de Messieurs les Professeurs R. Aubert (promoteur), A. Gesché, J. Havet, J. Ponthot (président) et de Monsieur Émile Poulat (CNRS-Paris). Une bibliographie récente et des annexes ont été ajoutées« (S. 3 mit Anm. 1). Offenkundig legt also Foket ihre unter der Anleitung des inzwischen verstorbenen Kirchenhistorikers Roger Aubert (1914–2009) entstandene, 1981 in Louvain-la-Neuve angenommene theologische Dissertationsschrift der Öffentlichkeit in weitgehend unveränderter Fassung vor. Die Arbeit bewegt sich mithin, so wird man sagen müssen, auf einem vor 32 Jahren aktuellen Forschungsstand. Mitunter ist jedoch nicht einmal dies der Fall. Man dürfe, so schreibt Foket, um ein Beispiel zu nennen, die die Modernismuskrise betreffenden Studien von Oskar Schroeder (1889–1974), Pietro Scoppola (1926–2007) und Émile Poulat »nicht länger ignorieren« (S. 4). Aber lediglich die bekannten Arbeiten von Poulat werden dann von Foket (natürlich nur bis zu dem genannten terminus ad quem ) wirklich verwendet. Sowohl im ursprünglichen, im Jahre 1981 stehen gebliebenen Literaturverzeichnis, als auch in einer »Bibliographie complémentaire«, die auf zwei Seiten Literaturergänzungen bis in das Jahr 2008 zusammenträgt, fehlen dagegen die einschlägigen Titel von Schroeder 5 und Scoppola 6 .Mit Blick auf das ergänzende Literaturverzeichnis ist weiter zu fragen: Welchen Wert haben die darin nachgereichten bibliografischen Hinweise, wenn selbst die 1983 von Otto Koenig 7 , 1985 von Guy Mansini 8 und 1993 von Rudolf Michael Schmitz 9 vorgelegten, thematisch unmittelbar einschlägigen Qualifikationsschriften zwar erwähnt, aber nicht im erforderlichen Umfang in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einbezogen werden? Die gesamte wissenschaftliche Arbeit dreier Jahrzehnte bleibt auf diese Weise souverän unbeachtet. Fokets Arbeit erweist sich für die Leserin und den Leser gewissermaßen als eine wissensarchäologische Herausforderung, der sich die Verfasserin selbst nicht gestellt hat. Man könnte fragen: Welch ein eigenartiges Wissenschaftsverständnis spricht sich in einer solch skurrilen Publikationspraxis aus?

    Damit soll keineswegs bestritten werden, dass Foket zu ihrer Zeit eine beachtliche Leistung vollbracht hat, die als solche bis heute Anerkennung verdient. Was sie in drei großen Bögen über »Édouard Le Roy, sa vie et son univers intellectuel« (S. 11–145), dabei besonders über seine Stellung zu Henri Poincaré (1854–1912), Henri Bergson (1859–1941) und Léon Brunschvicg (1869–1944), sodann über seinen berühmten Artikel »Qu’est-ce qu’un dogme« (S. 149–198) sowie zuletzt über die sich daran anschließende Kontroverse (S. 201–369) ausbreitet, ist nach wie vor belehrend und in mancher Hinsicht bis heute nicht überholt. Allerdings dürfte das abschließende Urteil, das Foket über Le Roy fällt, schon damals nicht und noch weniger heute der Weisheit letzter Schluss (gewesen) sein. Die Biografhin endet mit der rhetorischen Frage, ob nicht Le Roy dazu beigetragen habe, das Antlitz der Erde ein wenig zu erneuern (vgl. S. 379). Sie wechselt damit dann wohl doch allzu sehr ins psalmistische Fach über (vgl. Ps 104,30). Noch in seiner Enzyklika »Fides et ratio« aus dem Jahre 1998 bestätigte demgegenüber Papst Johannes Paul II. (1978–2005) unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Proposition 26 von »Lamentabili«, dass der »dogmatische Pragmatismus«, auf den Le Roy in dem Dekret reduziert worden war, aus kirchlicher Sicht noch immer abzulehnen sei 10 .

    Man mag sich dazu stellen wie man will. Mit einer elogischen Wendung dürfte es jedenfalls nicht getan sein, wenn die Bedeutung von Le Roy für Theologie und Kirche von heute aus kirchengeschichtlicher Sicht veranschlagt werden soll. Ein überraschend hartes Wort spricht in dieser Hinsicht ausgerechnet Émile Poulat in einem 2006 für das Buch verfassten Vorwort. Er würdigt zwar, dass Foket »patiemment« und »méticuleusement« gearbeitet habe (S. IX). Aber er schließt mit dem unverhohlenen Wunsch, »que le retard apporté à cette publication soit l’occasion de relancer l’étude d’auteurs, des œuvres et de problèmes que les travaux universitaires sont encore loin d’avoir épuisés« (S. X). Wie immer dem sein mag: In jedem Falle sollte Fokets Publikation als das genommen werden, was sie faktisch ist: die Edition eines Textes, der inzwischen selbst zu einer wissenschaftsgeschichtlichen Quelle geworden ist.



    1 Vgl. Claus Arnold, Kleine Geschichte des Modernismus, Freiburg i. Br. 2007, S. 89–141; ders., »Lamentabili sane exitu« (1907). Das römische Lehramt und die Exegese Alfred Loisys, in: Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte 11 (2004), S. 24–51; ders., Absage an die Moderne? Pius X. und die Entstehung der Enzyklika Pascendi (1907), in: Theologie und Philosophie 80 (2005), S. 201–224.

    2 Heinrich Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen. Verbessert, erweitert, ins Deutsche übertragen und unter Mitarbeit von Helmut Hoping herausgegeben von Peter Hünermann, Freiburg i. Br. u. a. 43 2010, S. 869.

    3 Vgl. Claus Arnold, Giacomo Losito (Hg.), La censure d’Alfred Loisy (1903). Les documents des Congrégations de l’Index et du Saint Office (Fontes Archivi Sancti Officii Romani, 4), Rom 2009.

    4 Vgl. Claus Arnold, Giacomo Losito (Hg.), » Lamentabili sane exitu « (1907). Les documents préparatoires du Saint Office (Fontes Archivi Sancti Officii Romani, 6), Rom 2011, v. a. S. 397–424. Auch die Wege, auf denen Le Roys Buch »Dogme et critique« (1907) auf den »Index der verbotenen Bücher« gelangte, würden sich aufgrund der längst zugänglichen Akten der römischen Indexkongregation leicht nachvollziehen lassen; vgl. Hubert Wolf (Hg.), Römische Bücherverbote. Edition der Bandi von Inquisition und Indexkongregation 1814–1917. Auf der Basis von Vorarbeiten von Herman H. Schwedt bearbeitet von Judith Schepers und Dominik Burkard (Römische Inquisition und Indexkongregation – Grundlagenforschung 1814–1917, 1), Paderborn u. a. 2005, S. 533f.; Hubert Wolf (Hg.), Systematisches Repertorium zur Buchzensur 1814–1917. Indexkongregation, bearb. von Sabine Schratz, Jan Dirk Busemann und Andreas Pietsch (Römische Inquisition und Indexkongregation. Grundlagenforschung II: 1814–1917), Paderborn u. a. 2005, S. 729–731.

    5 Vgl. Oskar Schroeder, Aufbruch und Missverständnis. Zur Geschichte der reformkatholischen Bewegung, Graz u. a. 1969.

    6 Vgl. etwa Pietro Scoppola, Crisi modernista e rinnovamento cattolico in Italia. Petite consultation sur les difficultés concernant Dieu, Bologna 3 1975.

    7 Otto Koenig, Dogma als Praxis und Theorie. Studien zum Begriff des Dogmas in der Religionsphilosophie Maurice Blondels vor und während der modernistischen Krise, 1888–1908, Graz 1983 (Grazer Theologische Studien, 9). Es handelt sich übrigens nicht, wie Foket annimmt, um die Promotions-, sondern um die Habilitationsleistung von Koenig.

    8 Guy Mansini, » What is a dogma? « . The Meaning and Truth of Dogma in Édouard Le Roy and his Scholastic Opponents, Rom 1985 (Series Facultatis Theologiae B 80/Analecta Gregoriana, 239) .

    9 Rudolf Michael Schmitz, Dogma und Praxis. Der Dogmenbegriff des Modernisten Édouard Le Roy kritisch dargestellt, Città del Vaticano 1993 (Studi tomistici, 51).

    10 Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio über das Verhältnis von Glaube und Vernunft, Bonn 1998 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, 135), S. 97.

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    Gregor Klapczynski
    M. Foket, Science, philosophie et théologie chez Édouard le Roy (Gregor Klapczynski)
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    1905-1907
    Frankreich (4018145-5), Le Roy, Édouard (11877963X), Philosophie (4045791-6), Theologie (4059758-1), Wissenschaft (4066562-8)
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    M. Foket, Science, philosophie et théologie chez Édouard le Roy (Gregor Klapczynski)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/foket_klapczynski
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
    Zugriff vom: 17.10.2019 04:42
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