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    M. Găinar, Aux origines de la diplomatie européenne (Guido Thiemeyer)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Maria G ă inar, Aux origines de la diplomatie européenne. Les Neuf et la Coopération politique européenne de 1973 à 1980, Bruxelles Bern Berlin et al. (Peter Lang) 2012, 642 S. (Euroclio. Études et documents, 64), ISBN 978-90-5201-845-4, EUR 61,50.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Guido Thiemeyer, Düsseldorf

    Die Straßburger Dissertation von Maria Găinar füllt eine Forschungslücke. Während nämlich die europäische Integrationsgeschichte die 1970er Jahre zunehmend intensiv in den Blick genommen hat, fehlte bislang eine Studie, die sich auf der Basis von Archivalien mit der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ), der Kooperation der EG-Staaten im außenpolitischen Sektor, befasst. Das ist insofern nachvollziehbar, als dies ein sperriges Gebiet ist, in dem auf sehr disparate Quellen zurückgegriffen werden muss und das zudem thematisch sehr breit gestreut ist. Die Autorin geht das Problem methodisch klug an, indem sie verschiedene, nur teilweise miteinander zusammenhängende Großprobleme der internationalen Politik der 1970er Jahre gleichsam als Fallstudien für die außenpolitische Kooperation der EG-Staaten untersucht.

    Găinar schildert zunächst die Genese der EPZ. Auch hier spielte der Haager Gipfel vom Dezember 1969 eine wichtige Rolle als Impulsgeber, auch wenn noch keine konkreten Beschlüsse gefasst wurden. Aber auf der Basis des so genannten Davignon-Berichts wurde ein politischer Prozess gestartet, der eine enge, institutionell strukturierte Kooperation verschiedener Akteure in der Außenpolitik auf verschiedenen Ebenen vorsah. Wichtigste Antriebskräfte in diesem Prozess waren zum einen die prekäre Rolle der europäischen Staaten angesichts der Dominanz der USA und der UdSSR im Ost-West-Konflikt und zweitens die Tatsache, dass die westeuropäischen Staaten von Konflikten an ihren Grenzen unmittelbar betroffen waren.

    Eine besondere Rolle spielte in diesem Kontext der KSZE-Prozess, in dem die europäischen Staaten als Einheit agierten und der deswegen der erste »große Erfolg der EPZ in der ersten Hälfte der 1970er Jahre« war. (S. 303) Die Basis dieses Erfolges waren präzise abgestimmte, gemeinsame politische Ziele, aber auch, wie die Autorin gut herausarbeitet, der in starkem Maße technische, wenig ideologische Inhalt der Verhandlungen. Zudem wurden die USA durch ihre innenpolitischen Krisen daran gehindert, eine dominante Rolle innerhalb des westlichen Lagers zu übernehmen. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre allerdings änderte sich dies. Jetzt übernahmen die USA wieder die uneingeschränkte Führung des westlichen Lagers im KSZE Prozess. Das lag nicht zuletzt daran, dass sich auch der Ost-West-Konflikt erneut zuspitzte (Afghanistan-Invasion der UdSSR). Damit wird deutlich, wie stark die EPZ abhängig war von den Beziehungen der beiden Supermächte: In den Phasen der »Détente« stieg der außenpolitische Spielraum der Europäer, in den Phasen der Konfrontation nahm er ab.

    Die Grenzen der EPZ wurden auch im Nahost-Konflikt deutlich. In diesem Kontext hatten die Nationalstaaten zunächst sehr verschiedene Erfahrungen und Ziele. Großbritannien und Frankreich als ehemalige Mandatsmächte der Region betrachteten den Konflikt anders als die Bundesrepublik Deutschland, die ein besonderes Verhältnis zu Israel als Teil ihrer Staatsraison betrachtete. Für Staaten wie Dänemark oder Luxemburg spielte der Nahost-Konflikt bis dahin hingegen nur eine untergeordnete Rolle in ihrer Außenpolitik. Unter dem Eindruck des Krieges in Nahost jedoch näherten sich die verschiedenen Ausgangspositionen an. Allerdings stieß auch hier der Wunsch nach einer gemeinsamen Nahost-Politik bald auf die Interessen der USA in der Region, die ihrerseits versuchten über verschiedene Kanäle Einfluss auf die europäische Politik zu gewinnen.

    Die Bedeutung der verschiedenen außenpolitischen Traditionen und die Rolle vor allem Frankreichs und Großbritanniens im 19. Jahrhundert war ein wichtiger Grund, warum die EPZ auch im Kontext der Zypern-Krise ab 1974 in Schwierigkeiten geriet. Zwar spielten die beiden Supermächte in diesem Fall eine untergeordnete Rolle, aber die koloniale Vergangenheit der beiden europäischen Großmächte lähmte in diesem Kontext die außenpolitische Abstimmung im Rahmen der EG.

    Die Grenzen der EPZ wurden auch im Fall Südafrika deutlich. Aus politischen Gründen übten die EG-Staaten nur zurückhaltend Kritik an der Apartheid-Politik Südafrikas und schon bald wiesen Kritiker auf die Widersprüche zwischen der Forderung nach Demokratie und der Einhaltung der Menschenrechte auf der einen und der Südafrika-Politik auf der anderen Seite hin. Tatsächlich war die EG gespalten. Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland orientierten sich an den Prinzipien der Realpolitik, während vor allem Dänemark, die Niederlande und Irland ein hartes Vorgehen gegen die Regierung in Pretoria forderten, um die Menschenrechte durchzusetzen. Die EPZ blieb daher gegenüber den Problemen in Südafrika machtlos.

    Die Arbeit überzeugt vor allem durch die Akribie, mit der Maria Găinar die Quellen ausgewertet und kontextualisiert hat. Allerdings dominiert in ihrer Darstellung fast immer die französische Politik. Das liegt daran, dass die Autorin in erster Linie mit französischem Archivmaterial gearbeitet hat, das folglich auch die wichtigste Quellenbasis der Arbeit geworden ist. Die ebenfalls ausgewerteten Archive der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlamentes blieben demgegenüber zweitrangig. Die Archivauswahl überrascht ein wenig, weil die Autorin in ihrem ersten Kapitel selbst feststellt, dass die EPZ im Kern eine intergouvernementale Struktur hatte und von den nationalen Regierungen dominierte wurde. Die Europäischen Kommission und das Europäische Parlament hätten gerne mehr Einfluss genommen, doch blieb dieser begrenzt. Wichtiger wäre in diesem Kontext gewiss ein Blick in die deutschen und britischen Archive gewesen. Gleichwohl, es handelt sich um eine Pionierstudie über die bislang geschichtswissenschaftlich kaum beachtete EPZ und als solche hat das Buch einen hohen Wert.

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    PSJ Metadata
    Guido Thiemeyer
    M. Găinar, Aux origines de la diplomatie européenne (Guido Thiemeyer)
    CC-BY 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Europa
    Politikgeschichte
    1970 - 1979
    4015701-5 4071013-0 4068298-5
    1973-1980
    Europa (4015701-5), Europäische Integration (4071013-0), Europäische Politische Zusammenarbeit (4068298-5)
    PDF document gainar_thiemeyer.doc.pdf — PDF document, 85 KB
    M. Găinar, Aux origines de la diplomatie européenne (Guido Thiemeyer)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/gainar_thiemeyer
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
    Zugriff vom: 16.10.2019 19:58
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